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15.02.1985

Hochschule und Wirtschaft finden jetzt die gemeinsame Sprache

BERLIN - Dem Wissenstransfer zwischen Universität und Wirtschaft sagen böse Zungen gelegentlich vertauschte Interessen nach, Ein fruchtbarer Dialog an der Technischen Universität Berlin im Bereich der Systemanalyse zeigt das Gegenteil.

Einen aktuellen Überblick über gegenwärtige Transferbeziehungen zwischen Hochschule und Wirtschaft gibt die Dokumentation der wissenschaftlichen Fachtagung "Hochschule und Wirtschaft - Möglichkeiten und Hemmnisse der Zusammenarbeit", die am 14. und 15. Juni 1984 in Berlin vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde.

Namhafte Vertreter der Wirtschaft, Politik und Hochschulen versuchten, die derzeitigen Kooperationsbeziehungen auf ihre Effizienz zu überprüfen, bestehende Probleme aufzuzeigen und Lösungsansätze zu deren Beseitigung zu finden.

Die Transferbeziehungen lassen sich in vier Bereiche klassifizieren, die auch Gegenstand der Vorträge und Diskussionen der Fachtagung waren.

Bei dem Informationstransfer geht es im wesentlichen um Einsicht in Forschungsergebnisse an Universitäten und somit weniger um Informationsdefizite.

Technologietransfer meint die gemeinsame Formulierung, Durchführung und Überprüfung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten zwischen Hochschulen und Partnern in der Wirtschaft.

Mit der Gründung neuer Unternehmen im Umfeld der Hochschule wird einerseits die Verbreitung und Implementierung neuer Technologien gefördert und andererseits werden neue, zukunftssichere Arbeitsplätze geschaffen.

Auf der Basis des technologischen Wandels muß die Hochschule sich auch zu einer Institution der kontinuierlichen, berufsbezogenen, wissenschaftlichen Weiterbildung entwickeln. Maßnahmen dabei sollten auch das Management neuer Techniken umfassen. Der Personaltransfer nimmt eine besondere Bedeutung an. Qualifizierte Mitarbeiter stellen das bedeutendste Kapital eines Unternehmens dar, um den geplanten

Wandel eines Unternehmens in Zusammenhang mit neuen Technologien sowie wachsender Komplexität und Dynamik der Unternehmensumwelt zu vollziehen.

Um diese verschiedenen Maßnahmen des Wissenstransfers möglichst wirkungsvoll zu gestalten, muß eine gemeinsame Sprache zwischen Hochschule und Wirtschaft gefunden werden. Gleichwohl müssen wegen unterschiedlicher Zielsetzungen der beiden Partner bestimmte Grenzen beachtet und gewahrt bleiben: Es muß sichergestellt sein, daß "die Hochschulen keine vorgelagerten Industrielabors sind, und Betriebe keine nachgeschalteten Produktionsstätten universitärer Forschungsinstitute", so Professor Binding, Vizepräsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz.

Eine Möglichkeit, die Hemmnisse und Barrieren zu überwinden und zu einer gemeinsamen Sprache zu finden, soll im folgenden an einer Kooperation von Wirtschaft und Hochschule in der studentischen Ausbildung als Grundstock für die anderen Maßnahmen des Wissenstransfers dargestellt werden.

Im Frühjahr 1981 wurde die Idee zu einem Vorhaben geboren, in Berliner Unternehmen Praxisprojekte in der Systemanalyse-Ausbildung als Ergänzung zur theoretischen Stoffvermittlung durchzuführen. Mit Hilfe der Industriekreditbank AG - Deutsche Industriebank wurden Mitglieder des Industrieausschusses der IHK Berlin im Sommer 1981 angesprochen, sich an dieser Kooperation

zwischen Berliner Unternehmen und dem Fachgebiet Systemanalyse und EDV der TU Berlin zu beteiligen. Verschiedene Firmen bekundeten daraufhin ihr Interesse, so daß im Wintersemester 1981/82 diese Praxisprojekte erstmals in drei Unternehmen durchgeführt wurden.

Jeweils im Sommersemester werden den Studenten in der Lehrveranstaltung Systemanalyse I und ergänzenden Seminaren die notwendigen Grundlagen zur Durchführung der Projekte vermittelt. Nach vorbereitenden Gesprächen mit den jeweiligen Unternehmen zur Präzisierung des Projektziels und Abstimmung der Vorgehensweise etc. wird das Projektteam gebildet. Es besteht aus Projektleiter, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Fachgebiets Systemanalyse und EDV sowie aus acht Mitarbeitern, Studenten der Informatik und Wirtschaftswissenschaften, die entsprechend der Projektanforderungen zusammengestellt werden.

Dieses Projektteam führt das definierte Vorhaben jeweils im Wintersemester in den beteiligten Unternehmen durch. In zwei Präsentationen werden die Ergebnisse der Ist-Analyse - etwa in der Mitte des Semesters - und der Soll-Konzeption - Ende des Semesters - vor Führungskräften und beteiligten Mitarbeitern der Unternehmen vorgestellt. Interessierte Studenten arbeiten in ihren Studien- und Diplomarbeiten an der Realisierung der Lösungsvorschläge in den nächsten Semestern mit, sofern eine Fortsetzung von den Unternehmen gewünscht wird.

Das Ziel der praxisorientierten Ausbildung im Fachgebiet "Systemanalyse und EDV besteht darin, die besonders in der Lehrveranstaltung Systemanalyse und den ergänzenden Seminaren vermittelten Kenntnisse in der Praxis anzuwenden. Weiterhin soll den Studenten Einblick in die "rauhe" Wirklichkeit eines Betriebes bei der realen Durchführung einer Systemanalyse vermittelt werden.

Kooperationspartner bei Projekten im Wintersemester 1981/82 waren zur Ist-Analyse der Arbeitsabläufe des Fertigungsbereiches eines Maschinenbauunternehmens (Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, Materialdisposition) Hasse & Wrede, Berlin, zur Ist-Aufnahme der Datenerfassungsproblematik und vergleichende Entwicklung von Alternativlösungen die Bewag, Berlin, und des weiteren zur Entwicklung eines Informationssystems im Fuhrpark eines Unternehmens zur Einsatz- und Wartungssteuerung sowie Investitionsplanung ebenfalls die Bewag, Berlin.

Zur Ist-Analyse der Materialdisposition eines Chemieunternehmens und dem Entwurf eines Soll-Konzeptes für eine rechnergestützte Lösung ist die Dr. B. Lange GmbH, Berlin, zu nennen.

Im laufenden Wintersemester 1984/85 werden acht Projekte in sieben Berliner Unternehmen durchgeführt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, die Stimmen einiger der betroffenen Unternehmen zu hören: "... Dieser fruchtbare Prozeß des Erfahrungsaustausches zwischen Theorie und Praxis wurde besonders in den zahlreichen Interviews der Phase II des Projektes intensiviert und dokumentierte sich in eindrucksvoller Weise in dem umfangreichen Abschlußbericht der Projektgruppe, dessen Präsentation vor dem zuständigen Vorstandsmitglied auf hohe Anerkennung stieß.

Darstellung und Analyse des Ist-Zustandes empfehlen sich in Verbindung mit der umfassenden Erhebung und kritischen Wertung der Soll-Anforderungen als ein tragfähiges Fundament für eine erfolgreiche Neustrukturierung der Rechnerunterstützung des Personalbereichs der Schering AG. Diese Aussage wird untermauert durch die rege Diskussion der Denkanstöße und Empfehlungen der Projektgruppe sowie deren Berücksichtigung bei langfristigen Entscheidungen in unserem Hause.

Aufgrund der außerordentlich zufriedenstellenden Ergebnisse erscheint uns die Fortführung einer derartigen Zusammenarbeit im Rahmen der praxisorientierten Ausbildung nicht zuletzt auch im Interesse der Studenten, als uneingeschränkt wünschenswert"..., Schering AG, Berlin.

"... Die erstellten Projektberichte haben sich als wichtige Informationsquellen für das Unternehmen erwiesen. Die in ihnen niedergelegten Erkenntnisse und Empfehlungen waren bei der Neugestaltung der Materialdisposition von großem Nutzen. Auch bei der Einführung der DV-Unterstützung für die Arbeitsvorbereitung werden sie eine sehr spürbare Hilfe sein.

Vor Beginn der Projekte waren wir zwar skeptisch, ob praktisch verwertbare Ergebnisse erzielt werden könnten, starteten aber doch mit einer optimistischen Einstellung.

Außerordentlich wichtig für den Erfolg war zweifellos die aufklärende Arbeit der Firma über die Ziele und die Aufforderung an die Mitarbeiter, den Studenten die notwendigen Informationen sachlich, aber rückhaltlos zu geben. Das große Engagement der Studenten und ihre offene und vorurteilsfreie Haltung bei den Interviews zur Ist-Aufnahme führte zu einem sehr vertrauensvollen Klima, in dem ein fruchtbarer Dialog zwischen den Partnern zustande kam.

Sehr positiv hervorzuheben ist auch der Beitrag der wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Projektführung und beim Finden neuer Lösungsansätze.

Durch die außerordentlich positiven Erfahrungen aller Beteiligten sind wir überzeugt, daß diese Art der praxisorientierten Ausbildung unbedingt fortgeführt werden sollte. Für die Studenten ist die Konfiguration -mit der Praxis eine unersetzliche Erfahrung und eine hervorragende Vorbereitung auf ihr späteres Berufsleben"..., Dr. Bruno Lange GmbH.

"... Wir können Ihnen nicht verhehlen, daß unsere Bereitschaft, Ihnen beziehungsweise Ihren Studenten im Wenckebach-Krankenhaus die Gelegenheit zur praktischen Anwendung ihrer an der Universität erworbenen theoretischen Kenntnisse zu geben, die anfangs nicht frei war von der Sorge, daß unsere Motivation für die Durchführung des Projektes von unseren Mitarbeitern mißverstanden werden könnte, mit der Folge einer erheblichen Störung des Betriebsklimas in diesem, in letzter Zeit besonders durch die "Privatisierungsdiskussion" sensibilisierten Personalbereich.

Daß sich diese Befürchtungen nicht erfüllten, ist vor allem dem sehr engagierten Auftreten Ihres Mitarbeiters zu verdanken, der es verstand, in den von uns gemeinsam geführten Vorsprechungen mit dem Stationspersonal und dem Personalrat die dort bestehenden, teilweise recht massiven Vorbehalte abzubauen und das Anliegen der Universität sowie die Projektziele überzeugend zu vermitteln.

Die Kooperation zwischen unserem Personal und den Studenten wird übereinstimmend von den Stationen sehr positiv beurteilt. Hierbei ist besonders hervorzuheben, daß es den Studenten gelang, die für die Studie notwendigen Gespräche, Beobachtungen und Zeitmessungen durch ihren guten persönlichen Kontakt zu dem untersuchten Personenkreis so durchzuführen, daß keine Konfliktsituationen entstanden.

Die uns in dem Abschlußgespräch am 24. 3.1983 vorgestellten und in dem Projektbericht niedergelegten Untersuchungsergebnisse lassen aus unserer Sicht für den relativ kurzen Untersuchungszeitraum überraschend tiefgehende Einblicke in die unterschiedlichen Ablaufstrukturen der untersuchten Stationen bedingenden personen- und organisationsabhängigen Einflußfaktoren erkennen. Sie stellen auch unter Berücksichtigung der von Ihnen ausdrücklich angemeldeten Vorbehalte hinsichtlich der Aussagefähigkeit dieser "Kurz"- Analyse wertvolle Ansatzpunkte für weitergehende organisatorische Überlegungen unsererseits dar.

Wir freuen uns, Ihren Studenten trotz aller anfänglichen Bedenken die Gelegenheit haben geben können hier im Wenckebach-Krankenhaus ihre theoretischen Kenntnisse in der Praxis anzuwenden und dürfen Ihnen aufgrund der durchweg positiven Erfahrungen unsere grundsätzliche Bereitschaft zu einer weiteren Zusammenarbeit versichern"..., Wenckebach-Krankenhaus, Berlin.

Zur Selbstverständlichkeit ist die Tatsache geworden, daß Teilaspekte der Projekte in Studien- und Diplomarbeiten fortgeführt werden.

In einem Projekt ergab sich bereits ein erfolgreicher Personaltransfer. Ein weiteres Systemanalyse-Projekt legte den Grundstein für ein umfangreiches Forschungs- und Entwicklungsprojekt über einen Zeitraum von drei Jahren.

Generell kann gesagt werden, daß diese Kooperationsform sich über einen mehrjährigen Zeitraum als sehr erfolgreich gezeigt hat und sich einem wachsenden Interesse aus der Wirtschaft gegenübersieht.

Die Eigendynamik dieser Zusammenarbeit im weiteren Sinne dokumentiert sich bereits in konkreten Personal- und Technologietransfers in mehreren Bereichen. Diese Kooperationsform ist allerdings ein Beispiel, und daher sind auch gemachte Erfahrungen so zu bewerten. Aber weder hat sich das Fachgebiet als verlängerte Werkbank der Unternehmen erwiesen, noch wurde die Wissenschaftsfreiheit durch eine der vorzeitigen Kommerzialisierung verpflichtete Forschung und Entwicklung in Frage gestellt.

Literaturhinweis

Hochschule und Wirtschaft - Möglichkeiten und Hemmnisse der Zusammenarbeit: Dokumentation einer wissenschaftlichen Fachtagung/Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Die Veranstalter waren das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und die Technische Universität Berlin. Mit der Planung, Organisation und Tagungsdokumentation wurde die Technologie-Transfer-Stelle (TU-transfer) der Technischen Universität Berlin beauftragt. Der vorliegende Bericht wurde von Jürgen Allesch und Dagmer Preiß-Allesch erstellt). - Bad Honnef: Bock, 1984. (Studien zur Bildung und Wissenschaft; 7) ISBN 3-87066-589-0)

*Professor Dr. Hermann Krallman ist Dozent an der Technischen Universität Berlin, Fachbereich Informatik, Institut für Quantitative Methoden, Fachgebiet Systemanalyse und EDV.