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06.03.1998 - 

Scheer geht mit Kollegen hart ins Gericht

"Hochschulen meinen, sie kämen mit Amateuren aus"

CW: Was bringt es, wenn Hochschulen wie ein Wirtschaftsunternehmen organisiert sind?

Scheer: Mit einem Wort: Effizienz. Nennen Sie mir einen Grund, weshalb eine große Hochschule kein professionelles Management benötigen sollte: Es gibt keinen. Hochschulen mit über 20000 Studenten, mehreren tausend Mitarbeitern und einem Etat von einigen hundert Millionen Mark sind Wirtschaftsunternehmen. Eine schwerfällige Organisation können sie sich nicht länger leisten. Jede Mark, die in langwierige Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen fließt, fehlt in Lehre und Forschung. Und daß hier vieles im argen liegt, ist ja bekannt.

CW: Wenn das so einleuchtend ist, weshalb sind Veränderungen so schwierig durchzusetzen?

Scheer: Unter anderem, weil marktorientiertes und unternehmerisches Denken bei Hochschullehrern wenig ausgeprägt ist. Außerdem fürchten zu viele Kräfte - Behörden, Politik, Gremien - um ihren Einfluß. Die Hochschulen hängen am Gängelband verschiedener Interessengruppen, sie haben zu wenig Entscheidungsfreiheit und Haushaltskompetenz. Es ist doch absurd, daß ein Kanzler die Genehmigung des Finanzministeriums benötigt, wenn er eine neue Buchhaltungssoftware anschaffen will.

CW: Brauchen die Hochschulen einen Geschäftsführer anstelle eines Präsidenten und eines Rektors?

Scheer: Wenn Sie damit eine ausgebildete, erfahrene Führungskraft für die laufenden Verwaltungsgeschäfte meinen: ja. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, in einem Großunternehmen die leitenden Personen reihum wählen zu lassen. Nur die Universitäten meinen, daß sie mit Amateuren auskommen können. Oberste Maxime für einen Geschäftsführer in der Wirtschaft ist die Steigerung des Gewinns. Nach diesem Prinzip funktioniert Marktwirtschaft. Im Wettbewerb der Hochschulen werden allerdings andere Ziele eine Rolle spielen.

CW: Um welche Ziele geht es?

Scheer: Die Hochschulen sind enorm unter Druck geraten, weil sie in der Lehre wie auch in der Forschung am Markt vorbeisteuern. Nehmen Sie die Ausbildung: Der akademische Lehrbetrieb orientiert sich noch immer am hehren Ziel des Erkenntnisgewinns und vernachlässigt die Berufsvorbereitung. In die Forschung wurden in den vergangenen Jahren mehrere Milliarden Mark an Fördermitteln investiert, während gleichzeitig ein Weltmarkt nach dem anderen verlorenging. Die Wissenschaft dient doch keinem Selbstzweck, sondern muß auch an ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen gemessen werden.

CW: Vor Weihnachten streikten die Studenten. Hatten Sie Verständnis für deren Wut?

Scheer: Natürlich. Wenn sich nichts ändert, werden die heutigen Studierenden zu einer doppelt betrogenen Generation: Zuerst erhalten sie eine schlechte Ausbildung, und später müssen sie Taxi fahren, weil es zuwenig qualifizierte Arbeitsplätze gibt. Und während sich die Studenten um ihre Zukunft sorgen, werden in Wissenschaftlerkreisen das Privileg, Lehre und Forschung frei bestimmen zu können, und das ständische Beamtenrecht verteidigt. Perspektivlosigkeit auf der einen, Besitzstandswahrung auf der anderen Seite - das muß zu einem Generationenkonflikt führen.

CW: Studenten, Professoren und Politiker waren sich aber doch einig, daß die Hochschulen mehr Geld benötigen.

Scheer: Geld hat man nie genug. Aber solange die Mittel mit der Gießkanne über Hochschulen und Institute verteilt werden und Leistung keine Rolle spielt, wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Mehr Geld zementiert die verkrusteten Strukturen.

CW: Dann haben die Studenten also die falschen Forderungen erhoben?

Scheer: Sie haben die Zielgruppe nicht getroffen. Wir leben nun mal in einer Zeit knapper Ressourcen. In Bonn sind die Töpfe leer und werden sich so schnell auch nicht wieder füllen. Die Studenten müssen sich an die Hochschulen wenden, daß diese die Mittel wirkungsvoller einsetzen.

CW: Wie können die Hochschulen zu besseren Leistungen gebracht werden?

Scheer: Den deutschen Hochschulen fehlt vor allem eines: Wettbewerb. Nehmen wir die Lehre: Was passiert denn, wenn ein Lehrstuhl jahrelang nicht besetzt ist? Oder ein Fach jedes Semester weniger Studienbewerber hat? Oder noch schlimmer, wenn die Absolventen falsch ausgebildet werden und deshalb keinen Arbeitsplatz bekommen? Nichts. Schlechte Leistungen haben keinerlei Auswirkung, nicht für die Hochschule und auch nicht für den einzelnen Wissenschaftler.

CW: Wie soll der Wettbewerb aussehen?

Scheer: Entscheidend ist, daß den Hochschulen bewußt wird, daß sie Kunden haben. Kunden, die wegbleiben, wenn sie mit den Leistungen unzufrieden sind. Es geht darum, daß Studenten den Status als zahlende Kunden erhalten.

CW: Das bedeutet die Einführung von Studiengebühren.

Scheer: Richtig. Studiengebühren - natürlich unter sozialer Absicherung - sind meines Erachtens ein geeignetes Mittel, um an den Hochschulen Wettbewerb einzuführen. Wenn Studenten wählen können, welcher Hochschule sie ihr Geld geben, gewinnt die Qualität der Lehre plötzlich an Gewicht. Die Unis werden mit Leistung und Service um die Studenten werben müssen wie Wirtschaftsunternehmen um ihre Kunden.

CW: Würden die Studiengebühren von Uni zu Uni unterschiedlich hoch sein?

Scheer: Sonst stellen sie ja keinen Anreiz dar. Wer die besten Leistungen erzielt, kann die höchsten Preise verlangen. Und wo die Nachfrage groß ist, entwickelt sich das Angebot gut. Daraus würde sich ein echtes Hochschul-Ranking ergeben. In den USA werden die Hitlisten für die Hochschulen seit langem stark durch den Marktwert der Absolventen bestimmt.

CW: Birgt das nicht die Gefahr, daß es zwischen den Unis ein großes Gefälle gibt?

Scheer: Manche Hochschulen müssen sogar geschlossen werden, weil sie schlecht sind. Aber was soll daran schlimm sein? Ich sehe keinen Grund, weshalb man länger zuschauen soll, wie Universitäten verrotten. Ich kenne Lehrstühle, die weiterbestehen, obwohl sie jedes Semester nur noch vier, fünf Studieneinsteiger haben, während das Geld an anderen Stellen dringend benötigt wird.

CW: Einige Ihrer Kollegen sehen Studiengebühren ähnlich wie einen strengeren Numerus Clausus eher als Mittel, um den Run auf die Hochschulen zu stoppen.

Scheer: Das ist doch Quatsch. Studiengebühren sollen niemanden abschrecken. Deshalb wird man durch Stipendien und Finanzierungsmodelle dafür sorgen, daß der Zugang für alle sozialen Gruppen offen bleibt. Es geht um den Status der Studenten und die Qualität von Forschung und Lehre.

CW: Haben große Unis an attraktiven Standorten nicht bessere Chancen bei den Studenten?

Scheer: Auch kleine Hochschulen können sich profilieren, indem sie sich auf ihre Stärken konzentrieren. Die Leistungen in Kernkompetenzen werden wichtiger sein als ein breites Angebot. Die Hochschulen werden sich stärker damit auseinandersetzen müssen, daß durch multimediale Lernmethoden völlig neue Anbieter auf den Markt kommen.

CW: Wen meinen Sie damit?

Scheer: Zum einen die ausländischen Hochschulen. Amerikanische Unis vermarkten heute schon ihr Wissensangebot weltweit über das Internet. Zum anderen könnten sich Medien-, Beratungs- und Software-Unternehmen zu Wissens-Brokern entwickeln und vor allem auf dem Gebiet der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu ernsthaften Konkurrenten werden.

CW: Haben die Hochschulen diese Entwicklung erkannt?

Scheer: Einzelne Institute: ja. Insgesamt bin ich eher pessimistisch, ob wir auf den Zug der multimedialen Lernangebote rechtzeitig aufspringen. Derzeit fließen viele Finanzmittel in den Aufbau der Infrastruktur. Doch wie so oft überlassen wir die Entwicklung von Anwendungen anderen, die dann unsere Netze für die Vermarktung ihrer lukrativen Angebote nutzen. Die amerikanischen Universitäten sind uns da wieder voraus. So bietet etwa die University of Maryland einen Dreimonatskurs bereits für eine Gebühr von 580 Dollar online an.

CW: Mit der Vermarktung von Forschungsergebnissen haben Sie ja Erfahrung. Aus Ihrem Institut ist mit der ids Prof. Scheer GmbH ein Unternehmen mit über 600 Arbeitsplätzen hervorgegangen.

Scheer: Nicht nur. Absolventen des Instituts haben weitere 14 Spin-offs gegründet. Zusammen mit einem anderen Unternehmen, das ebenfalls aus der Hochschule heraus entstanden ist, können Firmen theoretisch alle Saarbrücker Absolventen in Betriebswirtschaftslehre und Informatik einstellen.

*Gabi Visintin ist freie Journalistin in Stuttgart.