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25.12.1992

Hochwertiges im Kontext kleiner Marktstrukturen

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Eurokratismus. Unter der Tarnkappe der europäischen Vereinigung erhebt der Moloch Bürokratie sein Haupt, um die Vielfalt, Kreativität und Widersprüchlichkeit der Alten Welt zu bedrohen. Nicht nur französischer Rohmilchkäse und deutscher Gerstensaft sind Angriffsziele der Brüsseler EG-Oligarchie. Wenn die Gefahr besteht, daß solch einem traditionsreichen sozialen Gebilde, wie es Europa ist, das Rückgrat gebrochen wird, geht es an die Substanz der politischen und ökomischen Leistungsfähigkeit. Die europäische IT-Branche erwartet sich viel Positives vom

kommenden gemeinsamen Binnenmarkt. Doch beim eingeschlagenen Kurs kann sie recht schnell ihr blaues Wunder erleben. Denn Computertechnik hat mehr mit Rhmilchcamembert zu tun, als man gemeinhin denkt.

Europa hat unserer Erde seinen Stempel aufgedrückt. In Asien genau wie in Afrika, in Amerika nicht minder als in Australien: Die kleine Alte Welt finden wir vom Nord- bis zum Südpol wieder. Europäisch die Sprachen, die Kultur, die Technik, die Gesellschaftsordnungen und die Moden. Europa beglückte die Welt bis zum Beginn unseres Jahrhunderts mit allen seinen zivilisatorischen Errungenschaften - doch spätestens mit dem Ersten Weltkrieg versiegte die jahrtausendealte Gestaltungskraft unseres Kontinents. Europa scheint müde geworden zu sein, satt und träge einerseits, in ideologischen Experimenten zerschlissen andererseits. Zwei Weltkriege und ein kalter Krieg haben viele Kräfte aufgezehrt. Die Lehre vom wissenschaftlichen Kommunismus war der letzte Paukenschlag, mit dem Europa die Welt in Atem hielt. Seither kommt auf fast allen Gebieten Zweitklassiges. Europa geriert sich als Tüftlerzirkel, der die großen Geschäfte anderen überläßt. Und gute Computer, so scheint es, bringt Europa auch nicht mehr zustande.

Romantischer Ansatz auf Ökonomie reduziert

Unabhängig voneinander erfanden ein 1620 der Deutsche Wilhelm Schickard und 1642 der Franzose Blaise Pascal die erste dezimale Rechenmaschine. Der deutsche Unversalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz verbesserte sie entscheidend und führte sie damit in die Gelehrtenwelt ein. Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte Joseph Marie Jacquard, wiederum in Frankreich, die Lochkarte als Programmspeicher-Medium. Zusammen mit dem englischen Mathematiker Charles Babbage schuf zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Tochter des Dichters Lord Byron, Lady Ada Byron, Countress of Lovelace, die Grundlagen der Programmierung von Rechenmaschinen. Die Ehre, den ersten Computer, also den ersten frei programmierbaren, elektromechanisch arbeitenden Rechenautomaten der Welt, konstruiert zu haben, gebührt dem deutschen Bauingenieur Konrad Zuse, der seinen legendären Z3 im Jahre 1941 fertigstellte. Annähernd alle fundamentalen Erfindungen der modernen Informationstechnologie wurden in Europa gemacht. Der Computer ist Europäer von Geburt.

Die breite Identifikation mit der Europa-Idee, die gerade bei der Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden war, hatte wenig mit ökonomischen Erwägungen zu tun. Europa wurde als Heimstatt einer neuen, friedliebenden Generation verstanden, die sich aus den gemeinsamen kulturellen und geschichtlichen Wurzeln nähren sollte. Dieser sicherlich sehr romantische Ansatz einer europäischen Einigung wurde binnen weniger Jahre von der Politik weitgehend auf die wirtschaftlichen Aspekte reduziert.

Der Gedanke war simpel: Je mehr Menschen ökonomisch von Europa profitieren, desto mehr wird ein Zusammenschluß verschiedener Staaten vom Volk akzeptiert werden. Daß sich dabei in Wirtschaftskreisen besonders diejenigen Kräfte für die 1957 gegründete Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG stark machten, die die Möglichkeit hatten, sich europaweit zu etablieren, überrascht nicht. Das böse Wort vom Europa der Konzerne hat schon seine Berechtigung: Ein Automobilkonzern profitiert im Verhältnis mehr von wirtschaftlicher Harmonisierung als ein Schuhmachermeister.

Aber vielleicht sehen ja einige Softwerker zwischen Athen und Oslo ihre Chance. Weltweit hat sich noch nicht einmal das A4-Format für Schreibpapier als Standard etabliert, und es wird in unzähligen verschiedenen Schriften geschrieben. Aber eine einzige - amerikanische - Benutzeroberfläche schickt sich an, die PCs rund um den Globus zu vereinheitlichen. Wenn es nur um die Gestaltung selbst ginge, wäre sicherlich auch einem heimischen Produkt Erfolg beschieden, falls nicht inzwischen die US-Software den Markt weitgehend beherrschen würde. Denn über 70 Prozent aller PC-Software in Europa stammen aus den USA, Tendenz steigend.

Doch auch die vierzig Jahre von der Montanunion zum gemeinsamen Binnenmarkt haben keine befriedigende Antwort auf die Frage gegeben, wer denn eigentlich Europa ist. Welche Menschen hauchen einem Kontinent die Seele ein, geben ihm Identität? Wie empfindet unser Kontinent seine gemeinsame Kultur, Geschichte und Gegenwart? Die IT-Branche hat es schwer, mit solchen Problemstellungen etwas anzufangen. Jung, unbekümmert und etwas verwildert schielt sie oft lieber nach den ähnlich gearteten USA - und fürchtet ein wenig den Kontinent Europa, der sich an passender oder unpassender Stelle auf zweieinhalbtausend Jahre alte griechische Philosophen beruft. Andy von Bechtolsheim, du hast es besser!

Hat er es wirklich besser? Sein Leben wirft ein Schlaglicht auf die Schwächen Europas. Ein junger, hochbegabter Mann studiert hier eine der zukunftsträchtigsten Wissenschaften unserer Zeit und muß dann in die USA auswandern, weil die konservative, ängstliche und vielleicht auch ein wenig dünkelhafte Industrie ihm in seiner Heimat nicht die Möglichkeit gab, seinen Fleiß und sein Wissen profitabel zu vermerkten. Beinahe klischeehaft mutet das an und läßt leicht vergessen, daß von den Tausenden, die auch heute noch jedes Jahr unser Land in Richtung USA verlassen, die wenigsten einen solch kometenhaften Aufstieg erleben. Denn dort ist die Auslese nicht minder hart als bei uns, nur heißt es dort meist: hop oder top - die große Chance oder gar keine. Think big, überlaßt das Tüddeln den Europäern!

Auf diese Weise wurde der Computer Amerikaner. Die Informations-Technologie stellt eine der entscheidenden Quellen des Reichtums der USA dar. Obwohl die EG allein 23 Prozent der Weltindustrieproduktion bestreitet (USA 21 Prozent), betrug 1990 das Brutto-Inlandsprodukt in der Zwölfergemeinschaft pro Kopf nur 11 350 Dollar gegenüber 21 450 Dollar in den USA. Viele Andys schaffen dort Werte, die das Bild der desolaten Gesamtwirtschaft durchaus freundlich färben.

Einige in der IT-Branche hoffen mit Blick auf den kommenden Jahreswechsel, daß wir Europäer uns jetzt unser eigenes Amerika schaffen: groß und Überschaubar, effizient und von schlichter Struktur, produktiv und warenhungrig, mir alles und den anderen nichts. Europa ein Markt, so heißt es doch ganz unumwunden. Und der wahre, reine Markt bietet dem Tüchtigen alle Möglichkeiten. Doch die Größe eines Marktes wird auch leicht sein Schicksal. Größe macht starr und verwundbar. Weh' dem, der 360 Millionen Menschen mit Kaffee versorgt: Schon morgen können sie Teetrinker werden. Ändern sich gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Parameter eines Marktes, dann hängt von ihrer Größe und Struktur die Reaktionsfähigkeit der Akteure ab. Eine Binsenweisheit: Je größer ein Unternehmen und je eingefahrener seine Politik, desto schwerer kann es sich auf neue Verhältnisse einstellen. Das Schicksal der Dinosaurier droht.

Dieses Damoklesschwert schwebte beispielsweise rund zwanzig Jahre über der US-Automobilindustrie. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges erzeugten die nordamerikanischen Autohersteller immer größere, schwerere, komfortablere und damit spritfressendere Fahrzeuge. Und dies höchst erfolgreich, die Wägen waren im In- und Ausland heiß begehrt. Nichts schien darauf hinzudeuten, daß sich jemals etwas daran ändern sollte. Bis eines Tages die OPEC... Das Resultat ist bekannt. Die Ersten werden die Letzten sein - wenn sich die Verhältnisse um hundertachtzig Grad drehen. Größe und Erfolg in amerikanischen Maßstäben tragen immer den Keim des Untergangs in sich. Denn die Welt ist nicht nur Markt, wie gerade wir Europäer wissen sollten. Die Welt ist Politik, Ökologie, Kultur, Krieg und Frieden, Lust und Leid. Die Welt verändert sich täglich, und wer überleben will, muß sich mit ihr verändern. Und dazu muß er sie erst einmal begreifen, in all ihren Schichten, Verästelungen und Facetten.

Heinz Nixdorf war bestimmt kein Intellektueller, aber er bemühte sich, die Welt zu verstehen, in der er tätig war. Nixdorf erkannte, daß Computer zwar als Universalwerkzeug gelten mögen, aber dennoch speziell auf ihr Aufgabengebiet zugeschnitten sein müssen. Sein Unternehmen bot für jeden etwas, nahm Rücksicht auf die Besonderheiten der verschiedenen Branchen. Nixdorf-Rechner waren weder die besten ihrer Art noch die günstigsten. Aber sie respektierten die Individualität ihrer Benutzer und deren Probleme.

Daß auch dieses europäische Vorzeigeunternehmen schimpfliches Ende ereilt hat, spricht nicht gegen oben skizzierte Gesetzmäßigkeiten, sondern bestätigt sie geradezu: Auch Nixdorf Computer brach unter der eigenen Größe zusammen, und zwar dann, als der untrügliche Riecher seines Gründers nicht mehr helfen konnte. Nur der sichere Instinkt eines einzelnen hielt das einmal groß gewordene Unternehmen über Wasser. Die "Kollektive Weisheit" des späteren Managements - für solch ein Unternehmen eigentlich üblich - war bereits in Gewohnheiten und Konventionen erstarrt.

Europa ist nicht wehrlos

Europa ist primär meine Straße, mein Viertel, meine Stadt. Beim Schlachtruf "Think Big" geraten diese überschaubaren Strukturen unter die Räder. Gelobt sei der kleine Gemüsehändler an der Ecke, der Schreinermeister mit seinen beiden Gesellen und auch das zünftige Gasthaus mit dem versoffenen Wirt. Wer ruft da "Nostalgie, Nostalgie"? Der Text geht auch anders: Gepriesen sei die kleine Softwareschmiede mit den langhaarigen Freaks, das Ingenieurbüro für meine Systemlösungen, der mittelständische Bildschirm-Anbieter mit den besonders strahlungsarmen Monitoren. Die sind da, wenn ich sie brauche, die kennen mich bald mit Namen, und die wissen, daß sie ihr Bestes geben müssen, sonst sehen sie mich nie wieder. Die müssen mir bleiben, trotz gemeinsamen Markts und künftiger Gigantenspielwiese Europa. Wer konfiguriert mir denn sonst die Rechner, die nicht für mich gebaut wurden, sondern für "den Markt".

Schon seit etlichen Jahren werden unterschiedlichste Microchips in Japan an der Rohstoffbörse gehandelt. Für bestimmte Halbleiter bürgern sich Kilopreise ein. Rohstoffe kauft man in Ländern, die sie billig zur Verfügung stellen.

Machen wir Europäer nicht den gleichen Fehler wie weiland die DDR: Verheben wir uns nicht an der Produktion von kleinen, billigen Chips. Japan kann es sich nicht erlauben, sie uns zu verweigern. Außerdem: So wehrlos ist Europa nicht.

Ein großer Markt sollte allenfalls der Herstellung und dem Vertrieb einfacher, standardisierter Grundbausteine für die Warenproduktion dienen. Die Endprodukte - und die Dienstleistungen sowieso - wünsche ich mir im vereinten Europa erst recht nahe am Kunden konzipiert und angeboten. Standardsoftware? Ich bin kein Standard-User, und eigentlich entspricht doch niemand diesem Herstellerideal. Warum werden denn die Branchenriesen, an denen natürlich keiner vorbeikommt, so gerne geschmäht? Nicht weil deren Produkte grundsätzlich schlecht sind. Sondern weil sich die Anwender beziehungsweise ganz generell die Kunden von der egalisierenden Produktpalette in ihren Wünschen und Bedürfnissen selten umfassend angesprochen finden.

Volvo, eines der prominentesten europäischen Unternehmen, das eine kundennahe, individuelle und flexible Fertigung bereits vor Jahren einführte, ist zur Schließung seiner Werke in Uddevalla und Trollhättan gezwungen. Immer weniger Kunden sind bereit, die zwar sprichwörtlich guten, aber auch recht teuren Wagen zu kaufen.

Europa darf kein Luxus werden, Kundennähe kann nicht ökonomische Grundgesetze aushebeln. Aber seitens der Anwender muß durchaus ein Bewußtseinswandel stattfinden. Der Sinn für das (pardon!) Wahre und Echte könnte ruhig bei den Millionen europäischen Konsumenten geschärft werden. Denn zur Zeit dominiert das Imitat.

Der kopierte Benz aus Japan, der nachempfundene Alessi-Kessel, fast echtes Bauhaus-Design aus dem Mitnahme-Markt oder die abgekupferte Mode von Billigheimer & Co. Das Imitat regiert unsere Warenwelt, weil fast jeder alles haben will und sich dann natürlich nicht immer das Original leisten kann. Davon profitiert zum Beispiel Japan in hohem Maße. Japanische Eigenschöpfungen sind dagegen für uns Europäer traditionslos. Was verbinde ich mit einem japanischen Sportwagen? Allenfalls zähflüssigen Verkehr auf der Tokioter Stadtautobahn. Mit wieviel Emotionen, Assoziationen und Traditionen hingegen ist ein britischer oder italienischer Flitzer behaftet! Diese Identität, der kulturelle Aspekt der europäischen Warenwelt, hat seinen Preis. Werden wir bereit sein, ihn zu zahlen?

Die Welt der Informationstechnologie kämpft mit dem Manko, quasi noch keinerlei Traditionen gebildet zu haben. Europa kann allerdings an die Ursprünge der IT wieder anknüpfen. Partnerschaft mit den USA und mit Japan ist hier angesagt, kein Krieg. Europa, sei es als EG wie auch als Kontinent, muß sich mit der Bürde seiner Vergangenheit der Zukunft stellen. Hochwertige Produkte im Kontext kleiner Marktstrukturen werden bei uns langfristig die besten Chancen haben. Die globale Chipproduktion ist ohnehin vernetzt genug, es ist töricht, unter der Flagge der Autarkie die Festung Europa zu erklären. Auch die USA werden weiterhin ihre Rolle in der Computerbranche spielen: Als Entwickler und Vermarkter großserienfähiger Produkte.

Es kommt darauf an, ganz entschieden europäisches Bewußtsein wieder zu stärken, auszubügeln, was die Politik in den vergangenen Jahren verdorben hat. Das ganze Mittelalter hindurch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein herrschte das Selbstverständnis von dem einen Abendland, das seine Wurzeln bis ins Römische Reich zurückverfolgte. In der geistigen Welt war es unerheblich, ob man in Sizilien oder in Schweden weilte: Man erkannte sich im anderen wieder. Dieses Ruhen in der Kraft eigener Identität war der entscheidende Motor für die politischen, wirtschaftlichen und auch technischen Erfolge. Wenn Europa wieder zu dieser Kraft findet, sich gegenüber der restlichen Welt treu bleibt und dennoch mit seiner eigenen Differenziertheit und Widersprüchlichkeit leben kann, braucht es auf keiner Ebene den internationalen Vergleich zu scheuen.

Lokale, nationale und regionale Besonderheiten

Der Kreis schließt sich. Zur Identität der großen Völkerfamilie Europa gehört nicht nur das Bewußtsein von der Universalität des Abendlandes, sondern auch die abertausenden lokalen, regionalen und nationalen Besonderheiten. Wenn man die wegrationalisiert, werden die Menschen rebellisch, denn hier greift eine Bürokratie in ihr Selbstverständnis ein. Wie können wir hämisch den Untergang der Hyperbürokratie in der Sowjetunion zur Kenntnis nehmen, wenn uns das Brüsseler Gegenstück schon kräftig die Luft wegnimmt? Das drohende Verbot des französischen Rohmilchcamemberts entfachte einen verhältnismäßig kräftigen Sturm in der Öffentlichkeit. Den Franzosen war klar, daß die Maßnahme ein kleiner Schritt in die falsche Richtung wäre. Nämlich in Richtung... ja, was nun? Amerikanisierung? Sowjetisierung? Zumindest weg von der Vielfalt, die Europa die Kraft gegeben hat, die Weltgeschichte zu dominieren, viele wichtige geistige Strömungen hervorzubringen - und den Computer zu erfinden.