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Einheitliches Infrastrukturmodell optimiert DV-Einsatz:


12.08.1988 - 

Höhere RZ-Leistung durch gesamtkonzeptionelle Planung

Klaus Behler ist Berater bei der Diebold Deutschland GmbH, Frankfurt.

Mangelnde Effizienz des Rechenzentrums führte in der Vergangenheit oftmals zu einem wahren Computerchaos in den Unternehmen. Unzufriedene Benutzer schafften sich DV-Systeme an, um nicht länger abhängig von dem RZ-Team zu sein. Welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Leistung eines Rechenzentrums zu steigern, beschreibt Klaus Behler.

In vielen Unternehmen und Organisationen steht das klassische Rechenzentrum unter dem Druck einer starken Dezentralisierungstendenz, die häufig nicht von der zentralen DV-Abteilung konzeptionell gewollt ist. Vielmehr ist zu beobachten, daß besonders bei mittelgroßen Unternehmen der Industrie ein ausgeprägtes Streben der Fachabteilungen nach Unabhängigkeit von der zentralen DV als Reaktion auf unbefriedigenden DV-Service die primäre Ursache für das Bemühen um einen eigenen Computer ist.

Informatikeinsatz muß stärker koordiniert werden

In dieser Situation ist eine unternehmensweit wirksame, gestalterische Hand gefordert, die Beharrung im Traditionellen und sporadische Innovation durch eine koordinierte Gestaltung des Einsatzes der Informatik ersetzt. Ausgehend von den Unternehmenszielen und den daraus abzuleitenden Schwerpunkten und Konzepten für die Informatikanwendungen, sind die Komponenten einer technischen Infrastruktur zum Betrieb der vorhandenen und der geplanten Anwendungen zu bestimmen. Dies ist nach heutigem und absehbarem Stand der technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten bei geeigneter, differenzierter Anwendungsstruktur eine funktionsspezifische Zusammenführung vorhandener modifizierter Rechenzentren und dezentraler Bereichs- oder Abteilungsrechner zu einem einheitlichen Infrastrukturmodell.

In diesem Gesamtmodell sind die vielfältigen Varianten von Bereichs- oder Abteilungsrechnern zusammen mit ihren Teilnetzen als arbeitsplatznahe Infrastrukturen bezeichnet. Die zentrale Infrastruktur wird hierbei aus dem klassischen Rechenzentrum heraus entwickelt.

Benutzerservice-Zentrum verhindert PC-Wildwuchs

Die heute bereits in einigen Branchen intensiv betriebene Rechnerkommunikation mit Kunden, Lieferanten (etwa Automobil- und Zulieferindustrie) und anderen Organisationen wird künftig zur Standardanforderung in vielen Unternehmen und muß konzeptionell frühzeitig vorbereitet werden. Die externe Infrastruktur bildet hierfür die technische Betriebsbasis.

Die technische Ausstattung an den Arbeitsplätzen der Mitarbeiter bietet heute vielfältige Möglichkeiten, die leicht zum nicht mehr beherrschbaren Wildwuchs führen können. Die Softwarevielfalt auf PCs und deren Benutzerbetreuung seien hier nur erwähnt. Deshalb ist es notwendig, auch eine Gesamtplanung für die Arbeitsplatzinfrastrukturen als Bestandteil der Informations- und Kommunikationstechnik zu entwickeln.

Darüber hinaus ist absehbar, daß an die Betriebsbereitschaft des Gesamtmodells der Infrastruktur immer schärfere Anforderungen durch neue Anwendungen gestellt werden. "Rund-um-die-Uhr"-Betrieb zumindest auf der Netzebene und in Schlüsselanwendungen ist heute schon für eine Reihe von Unternehmen Tagesgeschäft.

Begriff Rechenzentrum muß neu definiert werden

Die Entwicklung, der Betrieb und die laufende Anpassung an wachsende Lastanforderungen sowie die Sicherstellung der gewünschten Servicequalität dieses Gesamtmodells erfordern organisatorische und personelle Ansätze, die weit über den traditionell gewohnten Rahmen des klassischen Rechenzentrums hinausgehen.

In Anbetracht des skizzierten Gesamtmodells muß der Begriff "Rechenzentrum" neu definiert oder ersetzt werden durch "Betriebseinheit Informationstechnik". Das organisatorische Umfeld dieser Betriebseinheit und die damit verbundenen funktionalen und operativen Schnittstellen sind zu identifizieren und in operable Praxis zu überführen.

Wenn wir künftig das "Rechenzentrum" als Synonym für die Betriebseinheit verwenden, dann sollten wir darunter die Gesamtheit der organisatorischen und technischen Einheiten (unter gemeinsamer Leitung) verstehen, die mit der Planung und Durchführung des DV-Betriebes beauftragt sind. Das so verstandene "Rechenzentrum" ist damit in der Regel nicht auf einen einzigen, geografischen Standort beschränkt. Es umfaßt letztlich alle Infrastrukturebenen vom Arbeitsplatzsystem über die Kommunikationsnetze zu den Hintergrundsystemen. Die funktionalen und organisatorischen Schnittstellen dieses "Rechenzentrums" zu seiner Umwelt, lassen sich anhand eines einfachen logischen Ordnungsmodells des Informatikgeschehens in den Unternehmen identifizieren und weiter auflösen. Das Gesamtgeschehen spielt sich in drei logischen Funktionsebenen ab:

- DV-Anwender von der Unternehmensleitung über alle Ebenen des Managements bis zum Sachbearbeiter am Arbeitsplatzsystem mit der Verantwortung für die Nutzung von DV-Anwendungen.

- Entwicklung von DV-Anwendungen von der Strategie und Planung über Organisation, Systemanalyse, Programmierung und Test bis zur Generierung und Abfrage mit hochentwickelten Software-Tools.

- Betrieb von DV-Anwendungen mit Planung und Bereitstellung der Betriebsmittel sowie Planung und Durchführung der Betriebsabwicklung für die vom Funktionsbereich Entwicklung eingeführten DV-Anwendungen.

Service-Qualität des RZs steht künftig an oberster Stelle

Der so beschriebene Funktionsbereich "Betrieb von DV-Anwendungen" steht in engen Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten zu den beiden Bereichen Anwender und Entwicklung. Diese Beziehungen sind um so vielfältiger und komplexer, je größer sich die Topologie des Infrastrukturmodells im konkreten Fall eines Unternehmens darstellt. Eine nach den Maßstäben der Benutzer zufriedenstellende Servicequalität der Betriebseinheit "Rechenzentrum" muß das Hauptziel dieses Funktionsbereiches sein. Dies ist jedoch nur mit einer klaren organisatorischen Ausprägung des "Rechenzentrums" mit entsprechendem Auftrag und den hierzu notwendigen Kompetenzen und Mitteln sicherzustellen. Zu diesen Kompetenzen gehören beispielsweise die Entscheidung über notwendige Hardware- und Software-Beschaffungen zum richtigen Zeitpunkt sowie die personelle Ausstattung. Dies erfordert nach aller Erfahrung, daß ab einer bestimmten Mindestkomplexität der

DV-Betriebseinrichtungen die Gruppe Systemprogrammierung/Systemtechnik Bestandteil des "Rechenzentrums" sein muß.

Unabdingbar für eine kontinuierliche, konzeptionelle Entwicklung des "Rechenzentrums" und die Sicherstellung einer gesamtheitlichen Effizienz des Betriebsbereiches sind die Verantwortung und Führung dieses Bereichs unter einer Leitung.

Die Führung eines solchen Bereichs "Rechenzentrum" ist jedoch nur zielorientiert möglich, wenn die Führungsziele explizit formuliert werden und damit als Auftrag der DV-Benutzer permanent verfolgt werden können. Während für den Bereich "Entwicklung von DV-Anwendungen" primär das Kriterium größtmöglicher Effektivität (tut man das Richtige?) zum Erreichen von Unternehmenszielen maßgeblich sein muß, kann die oberste Leitlinie für das "Rechenzentrum" nur größtmögliche Effizienz (tut man es richtig?) heißen.

Konkrete Zielsetzungen sollen RZ-Effektivität steigern

Mangelnde Effizienz im klassischen oder typischen Rechenzentrum heutiger Prägung hat in der Vergangenheit häufig dazu geführt, daß unzufriedene Benutzer sich selbständig mit DV-Systemen versorgt haben. Dies hat in vielen Fällen zu ungesteuertem Wildwuchs in der DV-Landschaft eines Unternehmens geführt. Dem kann nur entgegengesteuert werden, wenn benutzerorientierte, detaillierte Zielsetzungen festgelegt werden, die quantifizierbar und meßbar sind, und die in aller Regel erreicht werden. Diese Detailziele lassen sich alle unter folgenden drei Primärzielen für das "Rechenzentrum" zusammenfassen:

1. Fehlerfreiheit: (Möglichst) fehlerfreier, Betrieb, der von der Anwendungsentwicklung erstellten Anwendungsprogramme.

2. Zeitliche Bedingungen: Bereitstellung der Verarbeitungsergebnisse im Rahmen der mit den Anwendern vereinbarten zeitlichen Bedingungen im Batch- und Dialogbetrieb.

3. Kostenminimierung: Minimierung der Gesamtkosten für den Benutzer für den vereinbarten beziehungsweise erbrachten Leistungsumfang bei kostendeckender Kalkulation des Rechenzentrums.

Die Reihenfolge dieser Primärziele entspricht auch deren Priorität.

DV-Anwendungen müssen sauber übergeben werden

Die Fehlerfreiheit des RZ-Betriebes wird in aller Regel beeinträchtigt durch Fehler in den Anwendungsprogrammen. Das Erreichen eines weitestgehend fehlerfreien Ablaufes erfordert damit selbstverständlich auch die Einhaltung zu entwickelnder Qualitätsstandards für die Anwendungsentwicklung und eine saubere Übergabeprozedur von DV-Anwendungen in die Verantwortung des RZ. Alle Fehler und Fehlerquellen, die im RZ-Betrieb festgestellt werden, müssen dokumentiert und verfolgt werden. Meßbare Größen sind zum Beispiel die Anzahl von fehlerhaft abgebrochenen Jobs in Prozent der von der Arbeitsvorbereitung gesteuerten Batch-Produktion, Anzahl ungeplanter Systemstarts (IPL), Anzahl von Hardware- und Systemsoftware-Fehlern.

Die zeitlichen Bedingungen lassen sich eindeutig spezifizieren und quantifizieren. Beispiele sind:

- Antwortzeiten im Dialog-Betrieb in der CPU, im Netz, an den Bildschirmen,

- Soll-Betriebszeit für Dialoganwendungen,

- Verfügbarkeit von Anwendungen in Prozent der Soll-Betriebszeit pro Monat,

- Maximale Recovery-Zeiten für spezifizierte Anwendungen im Fehlerfall,

- Maximale Ausfallzeiten der Betriebsleistungen auch im Katastrophenfall (Back-up-Lösungen),

- Datum und Uhrzeit, beziehungsweise Turn-around-Zeiten für die Auslieferung eines Batch-Outputs an den Benutzer.

Kapazitätsplanungen sind oft nur unzureichend gelöst

Mit derartigen Vereinbarungen läßt sich der jeweilige Zielerreichungsgrad anhand von Soll-/Ist-Vergleichen objektiv feststellen und bei einer Zielverfehlung durch geeignete Gegenmaßnahmen der gewünschte Kurs wiederherstellen.

Die Zeitbedingungen können aber nur eingehalten werden, wenn eine maßgeschneiderte Überwachung der Auslastung der installierten Betriebskapazitäten stattfindet und eine auf den Leistungsbedarf abgestimmte Kapazitätsplanung für Erweiterungen und Neuinstallationen erfolgt. Dieses Problem ist in vielen Organisationen oft nur unzureichend gelöst.

Kurze Recovery-Zeiten nach Fehlern im Betriebsablauf sind wiederum nur möglich, wenn entsprechendes Fehlerbehebungs-Know-how im Rechenzentrum verfügbar und eine definierte Organisation dieser Prozesse eingeführt ist.

Die Realisierung, der hier skizzierten Konzeption für die Betriebseinheit "Rechenzentrum" ist nicht allein durch isolierte Aktivitäten des derzeitigen RZ erreichbar.

Konzept des Rechenzentrums muß sich am Bedarf orientieren

Voraussetzung für die Realisierung ist die Entwicklung einer Informatikstrategie, die auf höchster Ebene in der Unternehmensleitung getragen wird. Hierzu ist zwingend vom Benutzerbedarf auszugehen, der zunächst eine Darstellung der funktionalen Anforderungen nach Informatikunterstützung ohne Vorentscheidungen für eine technische Betriebsbasis erfordert. Es sei daran erinnert, daß unter Benutzer alle Ebenen, beginnend mit der Geschäftsleitung zu verstehen sind. Der nächste Schritt ist die Konzeption von DV-Anwendungssystemen mit einem entsprechenden Datenspeicherungskonzept. Hier entscheidet sich in der Regel auch in Abhängigkeit von verfügbaren Standard-Angeboten des Marktes für timal erfüllen zu können. Hierbei wird die Überführung des Ist-Standes in einen gewünschten Soll-Zustand fast immer durch die faktischen Gegebenheiten und die notwendige Forderung nach Investitionsschutz in wesentlichen Komponenten mit vorbestimmt. Erst die letzte Stufe der Informatikstrategie ist das technische Konzept der Betriebseinrichtungen und deren Dimensionierung hinsichtlich Hardware, Software, Organisation und Personal.

Ab hier beginnt die weitere Detaillierung und Ausprägung der Informatikstrategie zu einem Betriebskonzept für den gesamten Funktionsbereich "Betrieb".

Qualifikation durchdringt alle Bereiche des Betriebs

Der Aufbau des personellen Know-hows für die Betriebsmannschaft vom Chef bis zum Operator ist ein langfristiger Prozeß mit hohen Anforderungen, der überwiegend durch "learning by doing", weniger durch Einkauf "fertiger" Leute gelingt. Unvorbereitetes Springen ins kalte Wasser ist dabei weniger tauglich, als aufgabenspezifisches Training und temporäres Unterstützen durch externe Kräfte.

Generell muß betont werden, daß die Qualifikationsanforderungen an das Betriebspersonal, einschließlich Systemtechnik, in Zukunft wesentlich steigen werden. Die Realisierbarkeit der weittragenden Konzepte verlangt Ausdauer und Zielstrebigkeit, Augenmaß und jeweils Beschränkung auf das Machbare.

Aber ohne Fernziele sind die realen Schritte der Gegenwart ohne Leitgedanken.