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22.12.2005

Hörbücher: Weiterbildung nebenher

ist freier Journalist in Bonn.
Wer heute lernen will, aber für ein Buch oder einen Kurs keine Zeit hat, kann zum Hörbuch greifen. Allerdings eignen sich nicht alle Themen für das "Lesen mit den Ohren".

Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund", sagt die Stimme aus dem Autoradio, untermalt von quiekenden Geräuschen aus dem Stall. Der Sprecher fährt fort: "Bekommen Sie Ihr Leben in den Griff. Hören Sie mit der Aufschieberei auf. Arbeiten Sie effektiver." Im CD-Spieler läuft ein Lernprogramm, draußen vor der Windschutzscheibe ziehen Lastwagen und Pkws vorbei.

Weg von den Tonträgern

Die ersten Hörbücher kamen noch als Kompaktkassette daher. Doch dieses Format gilt in der Branche inzwischen als Auslaufmodell, der Schweizer Rusch-Verlag etwa bietet viele Titel auf Kassette zum Ausverkaufspreis an. Gängige Formate sind CD und MP3. Das Hauptgeschäft läuft derzeit noch über die CD, weil hier mit den Buchhändlern und Versendern ein etablierter und massentauglicher Absatzkanal besteht. Die silbernen Scheiben haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Bei längeren Büchern, die nicht gekürzt werden, sind schon mal fünf, zehn oder noch mehr CDs nötig. Das wird unbequem, weil die Tonträger schnell mehr Platz wegnehmen können als die gedruckte Ausgabe.

Deshalb ist das körperlose Format auf dem Vormarsch. Hier werden MP3-Dateien über spezialisierte Anbieter zum Download angeboten. Neben Audible.de und Diadopo.de haben sich auch Claudio.de, Hoerbuch.de, Libri.de und weitere Portale etabliert. Die Zahl der als Audioformat verfügbaren Titel steigt rapide, Audible etwa hat seit der Gründung im Dezember 2004 sein Angebot auf 10 000 Hördateien ausgebaut, davon 1250 in deutscher Sprache. Der Kauf ist denkbar einfach: Die Datei des Audiobuchs "Das Harvard Konzept" etwa lässt sich in zehn Minuten auf den Rechner laden, bezahlt werden die dafür fälligen 20,95 Euro online mit Kreditkarte. Anschließend können die Daten auf dem Rechner abgespielt werden - oder auf dem MP3-Spieler für unterwegs.

Als Datei lassen sich die Hörbücher auch in Unternehmen leichter verbreiten. Diadopo trägt dem Rechnung, indem Firmenkonten eingerichtet werden. Hier zahlen Betriebe elektronische Guthaben ein, aus denen die Mitarbeiter dann ihre Hörbücher bestellen können. Lizenzen für Mehrfachnutzer, analog den Mehrplatzlizenzen für PC-Software, gibt es bei Diadopo noch nicht. Bei Audible ist man skeptisch, ob solche Angebote Zukunft haben. "Wir wollen den Wert des Hörbuchs hoch halten", sagt Geschäftsführer Meyer. Preiszugeständnisse solle es deshalb nicht geben.

Die Zukunft des Hörformats ist bereits eingeleitet: "Ein Umweg über den Rechner wird künftig nicht mehr nötig sein", prognostiziert Meyer den nächsten Technologiesprung. Kunden können sich dann die Hörbücher direkt auf ihre mobilen Empfangsgeräte schicken lassen, etwa ihren PDA oder das Smartphone.

Hier lesen Sie …

• warum immer mehr Menschen zu Hörbüchern greifen;

• für welche Themen sich die Hörbücher am ehesten eignen und wo sie sich nicht durchsetzen werden;

• ob klassische Bildungsanbieter um ihr Publikum fürchten müssen.

Immer mehr Berufstätige nutzen so ihre Zeit. Sie stehen im Stau - und lassen sich vorlesen. Die CD mit Musik von Vivaldi oder Vaya con Dios bleibt zu Hause, stattdessen laufen Hörbücher mit Inhalten, die im Beruf weiterbringen. "In Deutschland werden heute für 130 Millionen Euro Hörbücher verkauft", beschreibt Arik Meyer von Audible.de, einem der führenden Hörbuchportale im Internet, den Boom. Während der Markt der gedruckten Werke stagniert, wächst das Geschäft mit den Büchern fürs Ohr um 20 bis 40 Prozent im Jahr, wie die Branche schätzt. 17 neue Titel hat allein der Verlag Campus aus Frankfurt am Main im letzten Herbst herausgebracht. Audible zählt derzeit monatlich 100 000 Hörbuchkäufer, deutlich mehr als erwartet.

Hörbuch von SAP

Die Zuneigung der Nutzer ist kein Wunder - füllen doch die Audio-Medien einen der letzten weißen Flecken im täglichen Zeitplan. Beispiel Autofahren: "Früher habe ich nicht so gerne längere Reisen auf der Straße unternommen", sagt Gert Rippl, der über viele Jahre Geschäftsführer von Conrad Electronic war, dem Großversender aus Hirschau. Heute sieht er das anders: Unternehmensberater Rippl ist Dauerkonsument von Hörbüchern geworden. Oft freue er sich schon auf die nächste Autofahrt, die mal wieder ein paar Stunden Zuhörzeit am Stück bietet.

Auch wer sich heute über IT-Themen informieren will, muss nicht mehr zu dickleibigen Fachbüchern greifen. Beispielsweise haben SAP und Itelligence gemeinsam im Sommer 2004 ihr erstes Hörbuch vorgelegt, Thema: Customer-Relationship-Management (CRM). Das Hörbuch erklärt, wie mittels verbesserter Abläufe und Software die Beziehungen zu den Kunden aufgewertet werden können. "Wir wollen CRM-Wissen hörbar machen", erklärt Torsten Scholz von Itelligence das Ziel der Aktion. Die CD enthält zwölf Beiträge, zu Wort kommen IT-Experten, Professoren, Unternehmensberater und Journalisten.

Das neue Medium wurde den Kunden per Werbebrief zum kostenlosen Bezug angeboten. 4000 Interessierte bestellten sich das CRM-Hörbuch innerhalb von wenigen Wochen (Bestellportal: www.hoerbuch-mittelstand.de). "Wir haben sehr positive Rückmeldungen von unseren Kunden bekommen", berichtet Scholz. Inzwischen gibt es drei Hörbücher, die die Partner Itelligence und SAP gemeinsam vermarkten. Der Walldorfer Softwareriese bietet darüber hinaus fünf weitere Hörbücher in Eigenregie an, die sich mit IT-Themen etwa an die Auto-, Pharma- und Prozessindustrie wenden.

Auch der kommerzielle Markt entwickelt sich weiter. So hat das im Oktober 2005 eröffnete Hörbuchportal Diadopo.de einen IT-Schwerpunkt eingerichtet. Zu Preisen zwischen fünf und zehn Euro können hier Hördateien von einer halben Stunde Spieldauer im MP3-Format heruntergeladen werden. Noch ist die Auswahl der Titel begrenzt, die drei verfügbaren Werke behandeln die Themen digitale Medienproduktion, Kriegführung per Computer und virtuelle Realität. Ein weiterer Titel soll das 20-jährige Jubiläum des Windows-Betriebssystems nachbereiten.

Gefragte Ratgeber

"Hören statt lesen", gilt freilich nicht mehr nur für Bücher, sondern auch für Zeitschriften. Bei Diadopo sind Texte aus der computerwoche als MP3-Dateien zu bekommen. Die je fünf Minuten langen Hörstücke bieten Produkt- oder Wirtschaftsinformationen im Wochenrückblick. Auch andere Periodika arbeiten inzwischen am neuen Format, das ohne Druckerpresse auskommt. So sind bei Audible.de die Wochenzeitung "Die Zeit" und das Wirtschftsmaga-zin "Brand eins" als MP3-Hördateien zu beziehen.

Den breitesten Markt für berufliche Anwender bilden die Ratgeberbücher. Ein Beispiel ist das neue Werk von Jack Welch. Der Buchautor und frühere Chef von General Electric schrieb "Winning. Das ist Management". Wem die 400 Seiten Text zu mühsam sind, der kann sich stattdessen 200 Minuten vorlesen lassen. Die drei CDs sind für 19,90 Euro zu haben.

Egal ob ein Berufstätiger heute mehr über die Erfolgsgeheimnisse von Aldi wissen will, nach den sieben Wegen zur Effektivität sucht oder Büro und Arbeitsleben mit der Simplify-Methode entrümpeln möchte - das Angebot für die Management-Praxis ist reichlich. Allein der auf Hörbücher spezialisierte Verlag Rusch hat über 100 Titel im Angebot. Neben Campus sind auch die Wirtschaftsverlage Econ, Gabal und Redline in diesem Geschäft aktiv.

Die meisten Verlage bieten ihren Kunden schlanke Angebote. Bei Audible.de etwa gibt es Dutzende Ratgeberhäppchen mit jeweils acht Minuten Spieldauer für einen Euro. Auch ganze Bücher werden eingedampft. "Wir verdichten den Buchtext auf die wichtigsten Aspekte, überarbeiten die Dramaturgie und lassen das Werk von professionellen Sprechern lesen", beschreibt Rainer Linnemann, bei Campus verantwortlich für Hörbücher, das Vorgehen. Heraus kommen pro gekürzten Buchtitel eine, zwei oder drei CDs. Die meisten dieser Hörbücher kosten zwischen zehn und 20 Euro - sind also oft günstiger als das vergleichbare Buch.

Leerzeit wird zur Lernzeit

Den Erfolg des Lernens von der CD erklärt sich Alex Rusch, Hörbuchverleger in der Schweiz, so: "Wir machen Leerzeit zu Lehrzeit." Die neuen Medien würden nicht nur im Auto genutzt, sondern in allen Situationen, in denen das Ohr noch nichts zu tun hat. Beim Bügeln, im Fitness-Studio, im Zug und in der U-Bahn lässt sich das Audiobuch konsumieren. "Eine halbe Stunde am Tag hat jeder - und sei es morgens nach dem Aufstehen und im Bad", rechnet Rusch vor. So könne man auf 180 Stunden Lernen pro Jahr kommen.

Die Berufstätigen erreichen die Hörbücher mit einfachen Inhalten. "Sofort erkennbares Nutzenversprechen", beschreiben Verleger, wie sie neue Titel auswählen. Ratgeberbücher mit Titeln wie "Mehr Zeit für das Wesentliche" oder "Reden ohne Angst" kommen bei den Kunden gut an. Auch die Hörbuchversionen von bekannten Bestsellern laufen gut.

Diese Inhalte zeigen freilich auch die Grenzen des Hörbuchs. In den meisten Fällen wird das Medium nebenbei genutzt, während der Hörer noch etwas anderes tut. Deshalb haben die leicht verdaulichen Inhalte so große Erfolge * und aus demselben Grund wird das Hörbuch kaum zu den komplexen Themen vordringen. "Schwierige Sachverhalte sind auf diese Weise nur schwer zu vermitteln", beschreibt Itelligence-Medienexperte Scholz. Bilder und Grafiken sollen weg, überdies sei ein gewisser Unterhaltungswert auch bei Fachthemen Standard, damit der Zuhörer dabeibleibt.

Deshalb müssen Universitäten, Seminaranbieter und Trainer nicht um ihr Geschäft bangen. Nicht alle Inhalte, die bislang in Kursen und Vorlesungen gelehrt werden, lassen sich in das Klassenzimmer auf der Autobahn übertragen.

Erklärungsbedürftige Themen brauchen nach wie vor die persönlich anwesende Lehrkraft - und das gedruckte Buch. Wer Rechnungslegung oder für einen MCSE-Test lernen will, greift nach wie vor zu den klassischen Medien. (hk)