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06.07.2001 - 

Telearbeit scheitert oft an Vorgesetzten

Home Office noch auf der Kriechspur

Anders als bei unseren europäischen Nachbarn hat sich Telearbeit hierzulande noch nicht durchgesetzt. Bedenkenträger sind nicht die Mitarbeiter, sondern die Manager der mittleren Führungsebene. Von Karsten Gareis und Norbert Kordey*

Auf Seiten der Beschäftigten überwiegt nach wie vor das Interesse an Telearbeit. Doch die Unternehmen, vor allem das mittlere Management, haben Barrieren aufgebaut, die in der Praxis die Einführung der Telearbeit verhindern. Die herkömmlichen Führungsmethoden müssen überdacht werden. Im Folgenden werden sieben Thesen zur aktuellen Entwicklung von Telearbeit aufgestellt.

1. Telearbeit hat bereits eine erhebliche Verbreitung erlangt.Mitte 1999 gab es mehr als sechs Millionen reguläre Telearbeiter in der EU, davon knapp drei Millionen, deren Telearbeitsplatz sich in ihren Wohnräumen befindet und die hierdurch Pendelfahrten einsparen. Außerdem wurden 1,4 Millionen selbständige Telearbeiter in SOHOs (Small Offices, Home Offices) sowie 2,3 Millionen mobile Telearbeiter gezählt. Zusätzlich sind drei Millionen supplementäre Telearbeiter zu erwähnen, die weniger als einen kompletten Arbeitstag pro Woche zu Hause verbringen. Gegenüber 1994 ist die Zahl der Teleworker in Deutschland um jährlich 34 Prozent gestiegen - ein ganz beträchtliches Wachstum.

Die Durchdringung der Bevölkerung mit Telearbeit ist in Deutschland vergleichsweise bescheiden und beträgt sechs Prozent der Erwerbstätigen. In Skandinavien sowie den Niederlanden sind fast beziehungsweise mehr als 15 Prozent aller Beschäftigten Telearbeiter. Im Jahr 2005 soll in Deutschland der Anteil der Telearbeiter an allen Beschäftigten 13 Prozent betragen.

2. Telearbeit stellt noch eine zusätzliche Form der Arbeit dar. Sie ergänzt die Tätigkeit im zentralen Büro.Als reguläres Arbeitsmodell wird Telearbeit nur in den wenigsten Unternehmen angeboten, im Regelfall basiert sie auf informelle Absprachen zwischen Mitarbeiter und Vorgesetzten. Hieran dürfte sich in den kommenden Jahren einiges ändern, da es in den Unternehmenszentralen mittlerweile zum guten Ton gehört, seinen Mitarbeitern Telearbeit anzubieten, und dies auch immer öfter formalisiert geschieht. Eine wichtigere Einschränkung besteht jedoch darin, dass die heutigen Telearbeiter überwiegend nur alternierend, und zwar meist nur einen Arbeitstag pro Woche, zu Hause tätig sind. Die große Mehrheit der Telearbeiter ersetzt also nicht einen Arbeitsort durch einen anderen sondern nutzt die Ressource Raum flexibler.

3. Die Rolle der zentralen Büros wird sich fundamental ändern. Sie entwickeln sich zu Kommunikationsräumen.Immer mehr Unternehmen gehen dazu über, zentrale Büros zu Kommunikationsräumen umzugestalten. Das Büro wird damit von seiner traditionellen Aufgabe befreit, eine große Zahl von Arbeitskräften in einem Raum zusammenzubringen und schnellstmöglichen Zugriff auf Arbeitsmaterialien in Form von Papierakten zu geben. Es kann sich nun auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren, die es am besten bewerkstelligt: Kommunikationsprozesse zu unterstützen durch die Bereitstellung von "Arbeitslandschaften", in denen Face-to-Face-Interaktion und unmittelbare, ganzheitliche Kommunikation stattfinden. Zu den Firmen, die bereits solche Touch-Down-Offices mit Desk-Sharing eingeführt und damit die Zahl der Beschäftigten von der Zahl der Arbeitsplätze abgekoppelt haben, gehören Andersen Consulting, Cisco, Compaq, DEC, dvg, KPMG oder Siemens.

4. Telearbeit wird zum Bestandteil fast jedes Arbeitsverhältnisses.Während es schon immer Beschäftigte gab, die zu einem großen Teil mobil tätig waren (wie der Vertriebsaußendienst) beziehungsweise zu Hause arbeiteten (wie Journalisten), wird Telearbeit nun sukzessive zu einem Bestandteil des Arbeitsalltags fast aller Beschäftigten. Immer mehr Mitarbeiter sind rund um die Uhr mit der Betriebsstätte vernetzt - unabhängig davon, an welchem Ort sie sich befinden.

Dies bedeutet nicht, dass die Bindung der beruflichen Tätigkeit an einen bestimmten Ort irrelevant wird. Eher das Gegenteil ist der Fall: Telearbeit erlaubt es Unternehmen, einzelne Tätigkeiten an den Standorten erbringen zu lassen, an denen die höchste Produktivität erzielt wird. Beschäftigte, die einer Anzahl verschiedener Aktivitäten nachgehen, können sich für jede das jeweils bestmögliche Arbeitsumfeld suchen. So sind konzentrationsbedürftige Tätigkeiten, die längere Phasen des ungestörten Arbeitens erfordern, in der Regel produktiver am häuslichen Telearbeitsplatz zu erbringen, während kommunikationsintensive Aufgaben in der unmittelbaren Interaktion mit den Arbeitspartnern besser gelingen.

5. Mobile Telearbeit kommt auch ohne mobile Technologie aus. Der Zugang zum Internet wird ubiquitär.Die Integration von Anwendungssystemen über die Plattform WWW führt dazu, dass auf immer mehr betriebliche Daten von jedem beliebigen Rechner aus zugegriffen werden kann, solange eine Anbindung an das Internet besteht. So wird es überflüssig, Anwendungen und Dateien auf einer Festplatte plus zugehörigem Notebook mit sich zu führen, denn diese können jederzeit und praktisch von jedem Ort über das Internet "abgerufen werden. Gleichzeitig wächst die Dichte der Public Access Points in hoher Geschwindigkeit, ob in Form von Internet-Cafes oder von Internet-Zugängen in Hotel, Kaufhaus, Flughafen und Reisezug. Der Internet-Zugang wird so ubiquitär wie das Telefon.

6. Die kostenlose Bereitstellung eines Home-PCs durch den Arbeitgeber wird der häuslichen Telearbeit erheblichen Auftrieb geben.Eine Reihe von Großunternehmen, darunter Ford und Bertelsmann, haben im vergangenen Jahr verkündet, dass sie ihren Mitarbeitern in deren Wohnräumen kostenlos PC und Internet-Anschluss zur Verfügung stellen wollen. Nach anfänglichen Unklarheiten über die steuerliche Behandlung ist hierzu Ende 2000 eine günstige Regelung zwischen Bundesregierung und Wirtschaft gefunden worden. Erfahrungen aus dem Ausland, insbesondere aus Dänemark, lassen vermuten, dass die steuerliche Freistellung von Computergeschenken durch den Arbeitgeber einen erheblichen Einfluss auf die Verbreitung von Telearbeit in Deutschland haben wird.

Unternehmen schaffen schon heute die technischen Voraussetzungen, um prinzipiell jedem Mitarbeiter Zugriff von außerhalb auf die internen Computernetze zu geben. Die variablen Kosten für die Aufnahme von Telearbeit werden daher in Zukunft deutlich sinken. Supplementäre Telearbeit, die außerhalb der üblichen Arbeitszeiten zur Vor- oder Nachbereitung des Arbeitstages stattfindet, wird sich im gleichen Maße ausdehnen. Der Übergang von der freiwilligen Arbeit zu Hause zu angeordneten Überstunden am heimischen PC dürfte dabei schnell verschwimmen. Die Grenzen zwischen regulärer Arbeit, Telearbeit und Freizeit lösen sich auf. Nicht zuletzt verliert auch der Begriff "Telearbeit" durch diese Entwicklungen an Bedeutung. Er wird schließlich ganz verschwinden, sobald die ortsunabhängige Arbeitsweise den Normalfall darstellt.

7. Bedenken des mittleren Managements verhindern weiter den Durchbruch von Telearbeit.Während die technischen und regulatorischen Bedingungen für die Einführung von Telearbeit kontinuierlich besser werden, dauert der Umstellungsprozess auf der operativen Ebene sehr viel länger. Noch immer steht die ergebnisorientierte Führungspraxis eher auf dem Papier, als dass sie gelebt wird. Viele Führungskräfte klammern sich - gerade angesichts der nachlassenden Möglichkeiten einer direkten Arbeitskontrolle - an die noch verbleibenden Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter durch direkte Beobachtung im Zaum zu halten. Das Instrument Zielvereinbarung gestaltet sich in der Realität oft schwieriger, als die Managerseminare vermuten lassen.

Zugleich zeigt sich in vielen Firmen, die Telearbeit einführen, ein gravierender Mangel an Kapazitäten im Bereich der Führungskräftefortbildung. Unsere Erfahrungen aus Betrieben, in denen wir die Einführung von Telearbeit begleitet haben, zeigen, dass das mittlere Management durchaus in der Lage ist, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Es darf dabei jedoch nicht allein gelassen werden. Eine intensive Betreuung ist notwendig. Noch ist effizientes Tele-Management alles andere als selbstverständlich in Deutschlands Unternehmen. Noch wird improvisiert und experimentiert, um über die Runden zu kommen. Der Bewusstseinswandel hat erst begonnen.

*Karsten Gareis und Norbert Kordey sind wissenschaftliche Mitarbeiter der Empirica Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung mbH in Bonn.