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07.03.1986 - 

Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Frankfurt

Human-lnvestitionen fundieren informationstechnische Bildung

Wenn die Schule die Aufgabe hat, auf das Leben vorzubereiten - auf das Berufsleben, das Alltagsleben, das Privatleben -, dann stellt sich die Frage nach dem "Computer im Unterricht" zunächst so: Welche Rolle spielt der Einsatz von Computern im Beruf, in der Gesellschaft, im Freizeitbereich ?

Dabei kann es in einem demokratischen Land nicht darum gehen, die vorherrschende Entwicklung und Ausbreitung der neuen Techniken unhinterfragt zu akzeptieren. Schüler müssen lernen und erkennen können, wer mit welchen Interessen, nach welchen Regeln, unter welchen Bedingungen, mit welchen Zielen etc. den Einsatz und die Nutzung von Computern bestimmen kann. Gibt es Alternativen zu dieser Form des Einsatzes, kann der vorhandene Gestaltungsspielraum auch anders, humaner genutzt werden?

Bei all diesen Fragen geht es also nicht in erster Linie um technische Bedienungsfähigkeiten oder reines Informatikwissen, sondern um Systemkenntnisse und um soziale, ökonomische und politische Zusammenhänge. Es wäre eine lllusion (und sprachliche Verschleierung), in der Schule Computer "beherrschen" zu lernen. Die herrschenden ökonomischen und politischen Interessen bei der Entwicklung, bei der Vermarktung, bei der Nutzung der neuen Techniken und der mit ihnen verbundenen vernetzten neuer Medien sind nicht durch Schulwissen zu verändern. Es muß deshalb im Unterricht darum gehen, grundlegende Kenntnisse über System, Gestaltungsspielräume und Konsequenzen zu vermitteln. Hinzukommen muß die Fähigkeit durch Mitbestimmung und politisches Engagement, Gefahren für den einzelnen und die Gesellschaft abzuwehren, aber auch Chancen zu nutzen.

Dies wird nur möglich sein wenn auch ethische und moralische Fragen beim Thema "Neue Techniken und Medien" einbezogen werden; die Auseinandersetzung um Werte darf nicht ausgeklammert werden.

Steht der Mensch im Mittelpunkt des ökonomischen und politischen Schaffens oder sind es vielmehr vermeintliche technokratische Sachzwänge sowie verschleierte Machtinteressen? Diese Frage nach dem Computer im Unterricht ist also nicht eine Frage, ob Lehrer technikfeindlich oder freundlich sind, sondern eine Frage nach der Bedeutung des Computers für unser menschliches Leben in einer demokratischen Gesellschaft.

Die Gewerkschaften lehnen daher einen reinen Informatikunterricht ab und fordern statt dessen eine umfassende informations- und kommunikationstechnische Bildung. Diese soll folgende vier grundsätzliche Aufgaben anstreben:

- Sie muß den interessegeleiteten Prozeß durchschaubar machen und verdeutlichen, wie das politisch-ökonomische System mit dem technischen System zusammenhängt, nach welchen Regeln es funktioniert und welche Konsequenzen beziehungsweise Wirkungen es für "Herrschende" und "Abhängige " hat.

- Se muß diesen Prozeß und das System ab von Menschen - historisch und gegenwärtig - gestaltet und zukünftig veränderbar erkennbar machen. Historische und interkulturelle Vergleiche zeigen, daß es keinen Sachzwang (etwa Wettbewerbsfähigkeit) in der ökonomischen und politischen Entwicklung gibt, sondern daß Alternativen durch Reformen von Menschen in ihrem Interesse gestaltbar und durchsetzbar sind.

- Zu dieser Einsicht gehört die Fähigkeit, Verantwortung und Bereitschaft zur Gestaltung der eigenen und gesellschaftlichen Wirklichkeit, gehört die unmittelbare Erfahrung des Lebens und das Erlebnis, selbständig und gemeinsam mit anderen etwas zu beeinflussen, gestalten und verändern zu können. Dazu gehört auch Kreativität, Mut und Verantwortung, für sich selbst und andere zu denken, zu fühlen und zu handeln. Dies muß in der Schule erlernbar sein.

- Schließlich gehört dazu als zentrale menschliche und politische Fähigkeit das solidarische Verhalten. Bei aller notwendigen Stärkung der Individualität und des Selbstbewußtseins ist die Einsicht und das Erlebnis, daß viele Schwache und Abhängige gemeinsam solidarisch stark sein und Einfluß ausüben können, angesichts der Verbreitung neuer Techniken und Medien und der politischen und ökonomischen Machtkonzentration einerseits und des verbreiteten Ohnmachts- und Passivitätsverhalten Jugendlicher und Erwachsener andererseits heute notwendiger dem je.

Humane Investitionen sind in den Schulen notwendiger als technische Investitionen.

Der Computer darf in der Schule nicht tabuisiert werden. Die Inhalte einer informations- und kommunikationstechnischen Grundbildung sollten schwerpunktmäßig in den Fächern Arbeitslehre/Politechnik sowie Gesellschaftslehre/Politik behandelt werden. Die Einrichtung des Faches Arbeitslehre als Pflichtfach aller Schüler in aller Schulformen der Sekundarstufe I und ihre Fortführung in der Sekundarstufe II sind daher nachdrücklich gefordert, wie auch die Durchführung von Betriebspraktika und Betriebsbesichtigungen als Teil die

Grundbildung.

Weitere Inhalte dieser informations- und kommunikationstechnischen Grundbildung sollen in die bereits bestehenden Fächer und Lernbereiche integriert werden, um einer Isolation entgegezuwirken, die durch die Anbindung an ein Leitfach (etwa Mathematik) oder durch die Einführung eines Faches Informatik entstehen würde.

Der Computer in der Schule soll Gerät im Rahmen der Grundbildung lediglich die Aufgabe haben, Funktion, Einsatzmöglichkeiten und Anwendungsbereiche beispielhaft darzustellen. Er dient also als Demonstrations- und Simulationsinstrument, nicht ab(...) der Vermittlung von Programierkenntnissen. Es muß sichergestellt sein, daß eine erneute Benachteiligung der Mädchen dabei vermieden wird. Den Computer als Mittel für einen "Drill-and-practice" Unterricht, also einen computerunterstützen, programmierten Unterricht, lehnt die GEW nachdrücklich ab. Dazu liegen mehr als ausreichend negative Erfahrungen vor.

Die Kultusminister und -senatoren sind aufgefordert für eine solche information- und kommunikationstechnische Bildung ein umfassendes pädagogisches Konzept - einschließlich eines Lehrerfortbildungsprogramms - zu entwickeln und durchzuführen. Dazu gehören auch Kriterien für die Zulassung pädagogisch geeigneter Hard- und Software. Solange solche pädagogisch und didaktisch begründeten Konzepte nicht vorliegen und ausreichend qualifizierte Lehrkräfte fehlen, rät die GEW von der Anschaffung weiterer Computer in den Schulen ab. Die bisher gezeigte Übereile hat dem Ziel einer vernünftigen Technikbildung nur geschadet