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27.09.1991 - 

Ursprung ist der gleiche Gehirnkasten wie die erste Atombombe

Hypertext: die schnelle Suche im elektronischen Zettelkasten

Vannevar Bush war wissenschaftlicher Berater und Forschungschef von US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Unter seiner Ägide lief das Projekt "Manhattan" zur Entwicklung der ersten Atombombe. 1945, als der Krieg vorbei war, hatte Bush den Kopf wieder frei für friedliche Dinge. Und so entstand seine Vision von "Memex", einer umfassenden Bibliothek, welche die gesamte Wissenschafts-Literatur enthält: Texte, Illustrationen, Fotos und sogar persönliche Notizen von Forschern.

Bush stellte sich unter Memex weit mehr vor als einfach eine riesige Sammlung von Daten: Memex sollte auch ein Suchsystem enthalten, das jede gewünschte Information rasch und bequem zugänglich machen würde - ähnlich wie ein Lexikon: Wer ein Stichwort nachschlug, sollte dort neben einer detaillierten Beschreibung auch Querverweise zu verwandten Stichworten finden.

Memex wurde zwar nie realisiert, aber die Idee stand 20 Jahre später Pate bei einem neuen Computer-Konzept, das am Stanford Research Center entwickelt wurde. Dort suchte ein Forscher namens Douglas Engelbart nach Möglichkeiten, wie Computer die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen besser unterstützen könnten.

Menschen denken selten linear, sondern vielmehr sprunghaft. Assoziationen prägen unser Denken - zum Glück, sonst kämen wir wohl nie zum Ziel. Engelbart versuchte dieses Konzept auf den Computer zu übertragen. Das Resultat waren elektronische Dokumente, in denen der Benutzer zwischen verwandten, aber nicht physisch zusammenhängenden Textstücken hin- und herblättern konnte - eine Art Mini-Memex also für ein begrenztes Gebiet.

Die Maus als Eingabemedium

Der Amerikaner Ted Nelson, der sich zur gleichen Zeit damit abmühte, via Computer Zugriff auf sämtliche Schätze der Weltliteratur zu ermöglichen, prägte dafür den Begriff "Hypertext" - wohl um anzudeuten, daß man in solchen "Über-Texten" rasch und intuitiv mit Gedankensprüngen Informationen abrufen kann.

Engelbarts intensive Beschäftigung mit der Hypertext-Idee war auch für die übrige Computerwelt überaus fruchtbar: Um die Verknüpfungen zwischen den Informationseinheiten auf dem Bildschirm bequemer ansteuern zu können, erfand der Forscher die Maus als Eingabemedium. Auch die heute weitverbreitete Fenstertechnik war ursprünglich eine Idee von Engelbart, genauso wie die integrierte elektronische Post.

Zurück zu Hypertext: Was es im Vergleich zu herkömmlichen Medien bieten kann, zeigt folgendes Beispiel: Wer sich für Albert Einstein interessiert, kann in eine wissenschaftliche Buchhandlung oder Bibliothek gehen und sich eine Einstein-Biographie besorgen. Dort findet der Leser in mehr oder weniger chronologischer Reihenfolge; die Fakten aufgelistet: daß Albert Einstein am 14. März 1879 in Ulm zur Welt kam, in Zürich an der ETH Physik studierte, später im Patenamt Bern arbeitete und 1933 in die USA auswanderte, wo er am 18. April 1955, in Princeton, starb. Auch die Jahreszahlen 1905 und 1916 spielen in jeder Einstein-Biographie eine wichtige Rolle: Da publizierte der Forscher die beiden Theorien, die ihn weltberühmt machten: die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie.

Hypertext bietet all diese Informationen auch. Und noch einiges dazu: Stellen Sie sich vor, Sie läsen auf dem Bildschirm, daß Einstein in Bern auf dem Patentamt arbeitete "Wie schade um das große Talent", denken Sie vielleicht. "Immerhin", schießt es Ihnen durch den Kopf, "Bern ist eine schöne Stadt. Da könnte ich eigentlich auch wieder mal hin." Ohne viel zu überlegen, fahren Sie mit dem Mauspfeil auf das Wort "Bern" und klicken es an. Da erscheint in einem separaten Bildschirmfenster ein Stadtplan von Bern, in einem andern können Sie interessante Fakten über die Bundeshauptstadt nachlesen. Zum Beispiel folgendes: "Der Name 'Bern' geht auf das deutsche Wort 'Bär' zurück. Ein Bär war nämlich das erste Tier, das der Stadtgründer Berchtold der Fünfte von Zähringen 1191 erlegte."

Vielleicht animiert Sie das, etwas über den Bär als Spezies zu erfahren? Dann klicken Sie einfach dieses Stichwort an, und Hypertext wird ihnen nicht nur biologische Informationen über die bei uns nur noch in Zoos im Berner Bärengraben lebenden Säugetiere liefern, sondern auch noch digitale Bilder von Braunbären, Grizzlies und Eisbären auf den Bildschirm zaubern.

Die Sprünge von Albert Einstein über die schweizerische Stadt in die Tierwelt mögen hier mehr spielerischen Charakter als praktischen Wert haben. Sie sind ja auch nicht zwingend. Immerhin zeigen sie die vielfältigen Möglichkeiten von Hypertext.

Wer bei Einstein bleiben (oder nach dem Exkurs zu den Eisbären zu ihm zurückkehren) möchte, kann zum Beispiel das Stichwort "Nobelpreis" anwählen. So erfährt man dann, daß Einstein die begehrte Auszeichnung 1922 erhielt, und zwar nicht etwa für die Relativitätstheorie, sondern für seine Untersuchungen zum photoelektrischen Effekt. Jenen, die bei diesem Thema gerade gefehlt haben in der Physikstunde, bietet Hypertext auf erneuten Tastendruck die Gelegenheit, die Wissenslücke zu füllen.

All diese Informationen kann man sich natürlich auch ohne Computer verschaffen. Wer in der Einstein-Biographie auf Bern stößt und dazu näheres wissen möchte, wird die entsprechenden Quellen sicher finden - zum Beispiel in einem Lexikon. Tatsächlich sind normale Lexika ebenfalls Hypertext-Systeme, mit dem Unterschied, daß man sie manuell bedienen muß. Auch Karteikarten mit Querverweisen gehören in diese Kategorie.

Was jedoch das computergestützte Hypertext-Konzept gegenüber manuellen Systemen auszeichnet, ist einerseits die Sicherheit, das Gesuchte auf simplen Tastendruck zu finden (falls es im System überhaupt vorhanden ist). Egal, wie weit die Fundstellen thematisch auseinanderliegen: Hypertext holt und präsentiert sie auf ein und demselben Medium. Wer sich auf herkömmliche Weise informieren will, muß die Daten hingegen meist aus den mehreren Kanälen zusammensuchen, wobei er selber wissen muß, wo überall er nachschauen könnte.

Der Vorteil der Elektronik tritt zum anderen vor allem dann zutage, wenn man die gefundenen Daten weiterverarbeiten möchte. Auf dem Computer liegt alles in digitaler Form vor - nicht nur Text und Bilder, sondern bei modernen Systemen auch Ton. In dieser weiterentwickelten Form ist es daher zutreffender, anstatt von Hypertext von "Hypermedia" zu sprechen.

Ein Hypermedium würde also Einstein nicht nur in Wort und Bild präsentieren, sondern auch mit Tondokumenten, die man ebenso einfach abrufen könnte wie alle andern Informationen über den berühmten Physiker.

Allmächtig und ohne Pferdefuß ist gleichwohl auch das Hypermedia-Konzept keineswegs. Ganz ohne Bücher geht auch weiterhin die Chose nicht, und: Bevor man den Rechner konsultieren kann, muß dieser natürlich all die vielen Daten erst mal intus haben. Das braucht besonders bei Ton- und Bilddokumenten sehr viel Speicherplatz. Damit allein ist es nicht getan: All die Verknüpfungen, mit denen der Benutzer assoziativ im System herumstöbern kann, müssen dem Computer ebenfalls eingegeben werden. Hinter jeder einigermaßen anspruchsvollen Hypermedia-Anwendung steckt also ein immenser Aufwand.

Pioniere wie Bush, Engelbart und Nelson sahen in Hypertext vor allem ein Medium für die Speicherung von Literatur. Bald wurden auch andere Anwendungen entdeckt. In der Forschung zum Beispiel könnte Hypertext bei Projekten, die auf viele Wissenschaftler verteilt sind, die kooperative Denkarbeit fördern. Heute geht die Entwicklung in verschiedene Richtungen. Universitäten setzen Hypertext für Bibliothekskataloge ein. Teilweise experimentieren sie auch schon im Unterricht damit.

Wissenschaftliche und kommerzielle Anwendungen

Als kommerzielle Anwendungen wären beispielsweise Online-Handbücher zu nennen und Programme, die dem Computeranwender bei der Organisation seiner Daten helfen. Wer einen solchen "Personal Information Manager" auf seinem PC hat, findet auch in einem unübersichtlichen Datenwust die gewünschten Informationen wieder. Ob die Sache wirklich in allen (Produkt-)Fällen so einfach ist, wie die Hersteller-Werbung verspricht, ist allerdings fraglich.

Heute kann praktisch jeder PC-Besitzer auch selber Hypertext-Anwendungen schreiben. Entsprechende Software-Werkzeuge kann man sich problemlos beschaffen. Bei Macintosh-Computern wird ein solches Instrument unter der Bezeichnung "Hyper-Card" sogar standardmäßig mitgeliefert.

Hypertext-Merkmale bietet auch die Workstation "Next", die Steve Jobs nach seinem Abgang bei Apple Computer entwickelte. Dieser Arbeitsplatz-Rechner hat (neben dem Oxford Dictionary of Quotations, dem Webster's Collegiate Thesaurus und den gesammelten Werken von William Shakespeare) auch den Webster's Ninth Collegiate Dictionary gespeichert - ein komplettes Lexikon in digitaler Form.

Apple und Next haben Hypertext serienmäßig

Ausgehend von einem Dokument, auf dem der Titel "This is a cow" steht, hat der Benutzer das Wort cow angeklickt. Der Computer blendet ihm dann zwei Bildschirm-Fenster ein. Im Fenster rechts erscheint die Skizze einer Kuh samt physionomischen Erläuterungen.

"Diese Illustration kommt mir sehr gelegen", denkt der Benutzer und kopiert sie in sein Dokument. Dann liest er im linken Fenster nach, was Webster's unter dem Stichwort "Kuh" gespeichert hat. Dabei fällt ihm der Begriff "moose" (Elch) auf. Interessiert er sich - warum auch immer - dafür, klickt er den Begriff an, worauf ihm das Lexikon Wissenswertes über den Elch auf den Bildschirm liefert. Eine Geschichte mit beliebig vielen Fortsetzungen also. - Die heutigen Hypermedia-Produkte sind erst der Anfang einer Entwicklung, die wohl noch einige Überraschungen bieten wird. Eines kann man aber schon heute sagen: Hypermedia-Systeme werden Büchern, Filmen und Videos vielleicht Konkurrenz machen, sie aber sicher nie ganz verdrängen.