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06.03.1987

I + K - Appetit auf eine neue Kulturtechnik?

Herbert Burkert, Arbeitsgruppe für Wirkungsund Programmstudien Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung Sankt Augustin.

Anläßlich der Zehnjahresfeier eines norwegischen Forschungsinstituts hatte sich der Institutsleiter einen Scherz mit den anwesenden Festgästen erlaubt: Er hatte ein Terminal aufgestellt, den Gästen angekündigt, dieses sei an einen neuartigen Hochleistungsrechner in den USA angeschlossen, der es ermögliche, Antworten auf natürlichsprachliche Fragen aus dem Bereich der Allgemeinbildung zu geben. In Wirklichkeit war des Terminal mit einem anderen in einem Nebenzimmer verbunden, im dem Studenten mit Konversationslexika versehen auf die Fragen der Gäste warteten. Um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, wurden des öfteren System- und Übertragungsmeldungen ("Satellite connection interrupted. Please, wait.") oder plausible Nachfragen (Auf die Frage: "Wer ist der größte norwegische Dichter?" etwa: "Definieren Sie 'größte' ''!) eingeblendet. Die Täuschung gelang.

Was mich hier an dieser (wahren) Geschichte interessiert, ist weniger der Glaube der Fachleute an die Leistungsfähigkeit des Systems (dies wäre einer gesonderte Betrachtung wert), sondern die Selbstverständlichkeit, mit der hier Informations- und Kommunikationstechnik als Instrument zur Erschließlung von Wissen wahrgenommen und benutzt wurde. Informationsund Kommunikationstechnik als Kulturtechnik?

Was bedeutet der Begriff ''Kulturtechnik'' überhaupt in einer Zeit, in der man den Begriff ''Kultur'' zumeist als Kompositum mit ''Klingelbeutel'' zu gebrechen scheint? Wenn damit gemeint ist, daß wir unsere materielle und geistige Lebenswelt mit Hilfe dieser Technik erschließen und gestalten, dann ist diese Aussage banal, denn Kulturelle Tätigkeit ist nun einmal Informationsverarbeitung.

Aber der Begriff Kulturtechnik suggeriert mehr: Kultur bedeutet eben auch anspruchsvolles geistiges Schaffen, verfeinerter Geschmack,- er assoziiert Kunst, sinnvoll erfüllte Freizeit.

Die Verbindung von Informations- und Kommunikationstechnik mit Kultur zielt auf eine Vorstellung von "kultivierter Technik" und gerät schnell in die Nähe von Zigarettenwerbung, die einen Markennamen mit einem Lebensstil zu verbinden sucht (wenn nicht gar düster angedeutet werden sollte, daß ein Verzicht auf die Technik das Ende der Kultur zur Folge hätte).

Ich meine aber, wir sollten den Begriff "Kulturtechnik" beim "Wort" nehmen. Aber das hätte Konsequenzen. Zumindest drei: erstens eine Öffnung weiterer kultureller Bereiche, vor allem unserer "Alltagskultur", für die Erfahrung mit dieser Technik (und eine entsprechende Förderung). Zweitens muß die Auseinandersetzung mit Informations- und Kommunikationstechnik als kulturelles Phänomen ernstgenommen werden, und drittens sollten wir uns daran erinnern, daß Informations- und Kommunikationstechnik eben Technik und nicht schon Kultur sind.

Weite Bereiche unseres kulturellen Lebens sind nach wie vor allein schon von der Möglichkeit der Erfahrung mit Informations- und Kommunikationstechnik ausgeschlossen. Wo bleibt zum Beispiel die Förderung der "kulturtechnischen" Ausstattung von Bibliotheken, geisteswissenschaftlichen Fakultäten, Museen und Sammlungen? Und wem das zu abgehoben erscheint: Wie steht es mit der Ausstattung von Volkshochschulen und Volksbüchereien? Dies wären Orte nicht bloß für den "Zugang", sondern vor allem mit dem "Umgang" mit Informations- und Kommunikationstechnik und mit Inhalten. Und wie steht es mit dem einzelnen "Kulturträger"? Da wirken erste Erfahrungen mit weniger "kultivierten" Anwendungen der Informations- und Konununikationstechnik, Erfahrungen in der Arbeitswelt, Erfahrungen mit Geldautomaten und Nahverkehrsfahrscheinerstellungsmaschinen. Die Kultur der Informations- und Kommunikationstechnik tritt uns immer noch als vor allem nach innen gerichtete "Kultur" großer Organisationen gegenüber. Nimmt man als einzelner oder kleine Gruppe die Verheißungen ernst, stößt man sehr schnell auf Grenzen: ein unübersichtlicher Markt, Produkte mit kaum zu durchschauenden Leistungsmerkmalen ("kompatibel"), eine Ausstattungspolitik, die einen an den Autokauf erinnert (die Preise auch). Gerade wer für sich in Anspruch nimmt, zumindest kulturell produktiv zu sein, fragt sich schnell, warum nicht unerhebliche Infrastrukturvorleistungen von der Volkswirtschaft für eine "Kulturtechnik" nicht auch stärker im kulturellen Bereich erbracht werden. Das gilt nicht zuletzt auch für die Kommunikationskosten. Auch scheinbar unproduktive Teile können zur ungeahnten Entfaltung gesellschaftlicher Produktivität beitragen. Die französische Strategie bei der Einführung des "minitel" scheint mir hier ein gutes Beispiel zu geben.

Das leitet über zum zweiten Punkt: Die französische Politik hat bei der eventuellen Rolle des Telefons in der gesellschaftlichen Kommunikation angesetzt (und nicht bei der Verbindung von Fernsehen und Telefon). Zu Recht, wie sich zu zeigen scheint. Die französische Postverwaltung ist nach meiner Kenntnis auch die einzige, die umfangreiche Studien zur kulturellen Funktion des Telefons gefördert hat. Die kulturelle Dimension der Technik aufzugreifen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, bleibt bei uns auf kleine Zirkel beschränkt, die sich in Kunstvereinen etwa mit Kreativität und Maschinenmenschen beschäftigen, oder sie verschwindet in den Schubladen der Op-Techniker (die gibt es) und technisch informierte Philosophen (die gibt es auch) melden sich zu Wort (wenn auch mit gelegentlichen, bei solchen Grenzüberschreitungen nicht zu vermeidenden Kompetenzverlusten). Informations- und Kommunikationswissenschaft als zumindest entfernte, jedenfalls aber verarmte Verwandte der Informatik finden wieder (auch öffentlich gefördertes) Interesse. Die Technik wird immer häufiger Instrument und Gegenstand von bildender Kunst, Literatur und Musik. Auch die Auseinandersetzung um eine Ethik der technikgestützten Informationsverarbeitung erscheint mir weniger als Zeichen der Abwehr denn als Anerkennung der ''Frag-Würdigkeit" von Technik. Wenn schon diese Technik einen Zuwachs an disponibler Zeit mit sich bringt, warum sie nicht zum (auch gelegentlich gelassenen) Nachdenken über diese Technik nutzen?

Denn, und damit sind wir beim dritten: Informations- und Kommunikationstechnik mag zwar neue Wege der kulturellen Produktion ermöglichen sie mag auch Gegenstand, kultureller Aktivitäten sein, sie produziert aber keine Kultur von selbst, ebensowenig, wie das bloße Vorhandensein von Messer und Gabel Eßkultur zu produzieren vermag. Um im Bild zu bleiben: Appetit machen kann sie allerdings schon, die Informations- und Kommunikationstechnik.

Wenn auch Zeichen noch keine Information und Kommunikation nicht immer Verständigung und Wissen auch nicht immer für jeden, der es hat, Macht bedeuten; der Hunger nach Sinn und Inhalt wächst. In der sogenannten Massenkommunikation, die es in Reinkultur immer weniger gibt, ist das schon spürbar geworden. Beim Rundfunk mag man ihn noch mit Musikfarbenprogrammen zu überdenken und beim Fernsehen mit Serien zu stillen versuchen, aber der durch Informations- und Kommunikationstechnik erzeugte Hunger wird für einen Bereich der Kultur (hoffentlich) Folgen haben, den wir bisher noch nicht erwähnt haben: für die politische Kultur. Die Informationsgesellschaft ist nur schwer vorstellbar ohne eine informierte und teilnehmende Gesellschaft. Informationszugangsgesetze (hierzu zählt auch der arg gebettelte Datenschutz mit seinen Transparenzfunktionen) sind erste Schritte, noch weitgehend unerschlossene Informationsressourcen der Gesellschaft zu öffnen (Kornkammern eines Volkes hat schon Heinrich Heine - in einem Beitrag über Kultur darf ein Zitat nicht fehlen - sie genannt). Freilich, um ein letztes Mal das Bild zu bemühen: Das Besteck liegt bereit. Hunger haben wir auch. Kochen und essen müssen wir schon selber.