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09.08.1991 - 

Der Gastkommentar

IBM/Apple: Ein freudiges Ereignis?

Frank-Michael Fischer

Informationstechnologie - Publikationen & Beratung

Viele Sorgen umwölken die Stirn des DV-Entscheiders: Wurden offenen Systeme wegen der offenen Flanken so genannt? Was ist denn nun wirklich mit OS/2 los, und was hat IBM damit zu tun? Workstation oder PC, Intel oder Motorola, spinnen die Amerikaner, wenn sie derart ins Mac-Feld ziehen, daß Apple zu den meistverkauften PC-Herstellern aufgerückt ist? Wieso gibt es überhaupt noch PC-Software, die nicht auf MS-Windows beruht?

Die Situation ließ sich eigentlich nur noch dadurch ertragen, daß einem feste Annahmen die Orientierung erleichterten, zum

Beispiel: IBM zieht die Daten an, Apple die Augen. Oder: Unix ist gut für die Kasse, proprietär für die Sicherheit. Oder wie wär´s mit: RISC ist gut für´s Wissenschaftliche, CICS für´s Kommerzielle? Und da kommen IBM und Apple und schleifen diese Stützpunkte allgemeinen DV-Verstandes durch eine schlichte Absichtserklärung. Was steckt dahinter?

Die Apple-IBM-Allianz möchte taktische mit strategischen Zielen verknüpfen. Kurzfristig will IBM aus der OS/2-Misere heraus, die aus dem platzverweiswürdigen Versuch resultiert, dem Markt ein weiteres, herstellerspezifisches (Extended Edition!) Betriebssystem aufzudrängen, ohne damit ein einziges Problem zu lösen, das nicht schon mit existierenden Produkten, wie sogar AIX, zu lösen wäre. Auch wäre es der IBM ganz recht, endgültig den Ruf einer Schmiede für Benutzerschnittstellen loszuwerden, die viel teurer kommen, als sie aussehen (327X). Apple hingegen macht sich schon länger Sorgen um seine Satisfaktionsfähigkeit am Hofe der DV-Gewaltigen. Mit dem IBM-Empfehlungsbrief wird es nun leichter gehen. Auch war die Netzwerkfähigkeit des Macintosh, sogar in der

SNA-Umgebung, ein eher wohlgehütetes Geheimnis, das nun zwangsläufig offengelegt werden muß, will sich Apple in der unternehmensweiten Informationsverarbeitung positionieren. Das langfristige Ziel dieses Bündnisses jedoch verbirgt sich hinter den vielen "offenen" Attributen der gemeinsamen Absichtserklärung beider Häuser. Offen ist hier durchaus mehrfach gemeint.

Kampf wird den offenen (Unix-)Anbietern in ihrer Domäne angesagt. Offenheit soll sich damit nicht mehr als Alternative, sondern als Prinzip stellen. AIX wird den Mac aufgesetzt bekommen, also mit einem Schlag attraktive Anwendungen erhalten. Wem es bei dem Gedanken schaudert, das scheinbar offene AIX-Unix mit der Mac-Umgebung produktiver, aber auch geschlossener zu machen, dem sei Trost gespendet. Ist es doch in der Unix-Welt heute schon gängige Praxis, die Offenheit durch Anwendungen oder sogar Basissoftware (Oracle, Informix, Uniplex ...) wieder aufzuheben. Denn nirgends steht geschrieben, daß solche Software auf anderen Unix-Systemen gleich gut oder überhaupt läuft.

Es ist ziemlich offen, wie die Apple- (oder ABM?-) Basisprodukte aussehen werden. Wenn man die Kulturgeschichte beider Firmen richtig deutet, scheint gewiß, daß unter dem IBM-Einfluß IBM-Produktnamen wieder einmal kompatibler bleiben werden als die Produkte selbst. Der Autor gesteht, durch Marketing-Übungen führender Hersteller zum Einsatz der Steigerungsform von "kompatibel" verführt worden zu sein. Im Gegensatz dazu dürfte sich Apple keine allzugroßen Architekturbrüche

leisten, wenn sein heutiger bis auf das Mark loyaler Kundenstamm nicht abspringen soll.

Microsoft soll sich nun in zwei bis drei Jahren dem offenen Wettbewerb mit der IBM stellen, den diese dann endlich mit Produkten bestreiten wird. Microsoft wird es aber auch ganz offen mit Apple als Anbieter überragender PC-Softwareplattformen zu tun bekommen. Allerdings kann Microsoft diesem Ansturm gelassen entgegensehen, da die neue Plattform sicherlich auch künftige Microsoft-Produkte gut tragen wird. Vielleicht aber wird eine Windows-Kompatibilitätsbox in den neuen Softwaresystemen auftauchen, mit der sich heutige Grundsatzentscheidungen hoffentlich relativieren.

Ob Apple in weiterer Zukunft überhaupt noch Hardware verkaufen wird, ist ebenso offen, wie die Frage, ob es IBM dann immer noch schaffen wird, Basissoftware teuer zu verkaufen, die dem Anwender - für sich genommen - keinerlei Funktionalität bietet. Auch OS/2 EE war in guter MVS-Manier als bloßer Träger funktionaler Software geplant, weit entfernt von direktem Anwendernutzen, den man heute bereits in MS-Windows und erst recht im Apple-Grundsystem findet. Die eigentliche Funktionalität hätte von Officevision kommen sollen, das aber wieder seinen eigenen Preis hat.

Und Motorola bekommt RS/6000-Power, damit Intels Marktanteile nicht über den Himmel hinauswachsen und die Chip-Lieferanten realistische Preise verlangen, die in der PC-Welt vielleicht wieder etwas mehr Marge ermöglichen. Außerdem die

den eigenen Eintritt in den freien Chip-Markt, denn nirgends steht geschrieben, daß die IBM den RS/6000-Chip in der Zukunft nur noch für den Eigenbedarf fertigen darf.

Die Haarspaltereien bei der Begriffstrennung zwischen Workstation und PC dürften sich mit der Grundsatzentscheidung für die RS/6000-Basis auch erübrigt haben, was einen neuen Preiswind für - oder besser gegen - die traditionellen Workstation-Anbieter wie Sun HP und auch DEC aufkommen lassen wird.

Die Apple-IBM-Verbindung resultiert damit aus dem Druck, den die offenen (Unix) und halb-offenen (MS-DOS) Herstellersektoren im Markt erzeugt haben. Für die Zukunft sollte aber zu denken geben, daß letztlich der Erfolg von MS-Windows, einem zweifelsfrei proprietären Produkt, das Bündnis so gegensätzlicher Unternehmen ausgelöst hat. Hier zeigt sich die überwältigende Kraft des Marktes, dem schließlich Offenheit nie Ziel war, sondern nur Zweck, um Kosten kontrollieren zu können. Insgesamt wird der neue Zusammenschluß den Wettbewerb durch flexiblere und leistungsfähigere Produkte zu besseren Preisen beleben, wobei nicht einmal gesagt ist, daß diese von IBM oder Apple geliefert werden müssen - ein freudiges Ereignis für den, der die Balance zwischen heutigen leistungsfähigen Produkten und langfristig effektiven Strategien herzustellen weiß.

Ein "Thema der Woche" wird sich in der nächsten Ausgabe der CW mit der Kooperation lBM/Apple befassen.