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16.02.2001 - 

Neue Enthüllungen stützen Kläger

IBM der Zusammenarbeit mit Nazis beschuldigt

MÜNCHEN (CW) - Zeitgleich mit der Veröffentlichung eines Buches über die Geschäfte von IBM mit Nazi-Deutschland haben fünf Holocaust-Opfer aus Belgien in New York Klage gegen den IT-Konzern eingelegt. Der Vorwurf: Durch die Lieferung seiner Lochkartenrechner hat IBM die Nationalsozialisten unter anderem bei der Verfolgung und Ermordung von Juden und anderen Minderheiten unterstützt.

Zumindest Historiker wissen es bereits seit Jahrzehnten: IBM hat das nationalsozialistische Deutsche Reich über ihre Tochtergesellschaft Dehomag in erheblichem Umfang mit Hollerith-Rechenmaschinen und Lochkarten beliefert. Aufgrund der großen Nachfrage war Deutschland in den 30er Jahren trotz des internationalen Boykotts der zweitgrößte Absatzmarkt IBMs.

Ein von der Bertelsmann-Tochter Random House herausgegebenes Buch mit dem Titel "IBM and the Holocaust: The Strategic Alliance between Nazi Germany and America''s Most Powerful Corporation" bringt nun neue Details ans Licht. Laut Autor Edwin Black, der bei seiner Arbeit von rund 100 Rechercheuren unterstützt wurde, haben es Hollerith-Rechenmaschinen und -Lochkarten der IBM-Tochter Dehomag den Bürokraten des Dritten Reichs ermöglicht, Krieg und Konzentrationslager in perfider Genauigkeit zu verwalten.

Die Vorgänger der heutigen Computer basieren auf demselben Prinzip wie die bei der US-Präsidentenwahl in Florida eingesetzten Systeme und fanden unter anderem bei den Volkszählungen 1933 und 1939 Verwendung. Dadurch waren Nazi-Statisiker in der Lage, Querverweise zwischen Namen, Adressen, Stammbäumen und Bankkonten zu erstellen. Diese Daten wurden Black zufolge für die systematische Verschleppung und Ermordung von Juden und anderen Minderheiten eingesetzt. Der Autor macht deutlich, dass der Völkermord zwar auch ohne IBMs Rechenmaschinen stattgefunden hätte, Nazi-Bürokraten diese jedoch systematisch zum Aufbau "effizienter" Strukturen verwendet hätten.

Gravierendstes Beispiel ist der Einsatz von Hollerith-Rechnern für die Verwaltung von Auschwitz und zwölf weiteren Konzentrationslagern. Mittels Lochkarten wurden die Insassen nach Gruppen wie "Homosexuelle", "Juden" und "Zigeuner" kategorisiert und zur Zwangsarbeit eingeteilt.

Auch der Firmengründer und damalige IBM-Chef Thomas Watson steht in der Kritik. 1937 hatte er das "Verdienstkreuz vom Deutschen Adler" angenommen, mit dem die Nazis ausländische Bürger für besondere Verdienste um das Deutsche Reich auszeichneten. Zuvor war er von Adolf Hitler in der Staatskanzlei empfangen worden. Im Juni 1940 gab Watson die Medaille mit der Begründung an Hitler zurück, er könne die Politik seiner Regierung nicht länger unterstützen. Aufzeichnungen belegen, dass IBM in der Folge zunehmend die Kontrolle über die Dehomag an Deutschland-Chef und NSDAP-Mitglied Willy Heidinger verlor, von dem Watson das Unternehmen 1922 zu 84 Prozent übernommen hatte. Ob IBM oder ihren europäischen Vertretungen die Verwendung ihrer Technik bekannt war, ist unklar. Laut Black ist es möglich, dass sie "das Schlimmste gar nicht wissen wollten". Am Handel mit Deutschland, so der Vorwurf, hat IBM jedoch bis Kriegsende verdient, da der Konzern auch nach Kriegseintritt der Amerikaner über seine Schweizer Niederlassung mit den Nazis Geschäfte machte.

Die für juristische Angelegenheiten zuständige Konzernsprecherin Carol Makovich wollte keine offizielle Stellungnahme zu dem Buch abgeben, bevor es IBM-Vertreter nicht selbst gelesen hätten. Abgesehen vom Imageschaden drohen IBM auch finanzielle Konsequenzen: Vor einem Gericht im New Yorker Stadtteil Brooklyn wurde im Namen von fünf belgischen Holocaust-Opfern eine entsprechende Klage gegen das Unternehmen eingereicht. An gleicher Stelle war vor rund drei Jahren die Einigung zwischen Holocaust-Überlebenden und Schweizer Banken ausgehandelt worden.

Die Anwälte, darunter auch der am Aufbau des deutschen Entschädigungsfonds beteiligte Michael Hausfeld, nutzen die Öffentlichkeitsarbeit als Strategie: In früheren Verfahren, die alle mit Vergleichen endeten, haben sie bereits sieben Milliarden Dollar erstritten. Im Verfahren gegen IBM ist bislang noch keine Schadenssumme als Streitwert für einen möglichen Prozess festgelegt worden.

Abkommen könnte IBM vor Sammelklagen schützenIn Deutschland gehört IBM zu den inzwischen rund 5750 Unternehmen, die sich an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beteiligt haben. Über die Höhe des geleisteten Beitrags ist nichts bekannt. Durch die Klage könnte sich jedoch die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter weiter verzögern, da laut dem entsprechenden deutsch-amerikanischen Abkommen auch die ausländischen Mütter deutscher Tochterfirmen vor Sammelklagen von NS-Opfern geschützt werden sollen. Das ist auch die Meinung von Stuart Eizenstat, der als Chefunterhändler der US-Regierung am Zustandekommen des Vertrags maßgeblich beteiligt war.