Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

14.11.1986

IBM: Eine Fehlentwicklung des freien Marktes

Mit Dr. Franz Scherer, Vorstandsvorsitzender der Honeywell Bull AG, sprach Beate Kneuse

þHerr Dr. Scherer, Sie sind 1976 in die damalige Honeywell Bull GmbH als Leiter des Geschäftsbereiches Finanzen eingetreten. Mit welchen Aufgaben wurden Sie in der Folgezeit beauftragt?

Drei Jahre leitete ich den Geschäftsbereich Finanzen, Anfang 1979 übernahm ich den Geschäftsbereich Vertrieb, dem ich bis 1. Januar 1986 vorstand. Mitte 1982 wurde ich als Vorsitzender in den Vorstand berufen. Den Vertrieb habe ich also von Mitte 1982 an bis einschließlich 1985 als General Manager der Filiale direkt geleitet. Seit Januar kann ich mich nun voll und ganz auf das General Management konzentrieren. Vor allem soll die Präsenz im deutschen Markt entscheidend gesteigert werden. Dazu müssen wir das interne Wachstum in Deutschland beschleunigen, unsere Aktivitäten auf eine breitere Basis stellen, die Wachstumsraten der Vergangenheit weiter steigern und so Marktanteile dazugewinnen, aber auch eine oder mehrere Beteiligungen vornehmen. Dies sind die Aufgaben die sich stellen, um Bull in Deutschland in eine andere Größenordnung zu bringen.

þBull in eine andere Größenordnung bringen - welchen Stellenwert hinsichtlich Produktentwicklung und Marktposition wollen Sie erreichen?

In den vergangenen Jahren hat sich der DV-Markt wesentlich verändert. Viele neue Märkte kamen hinzu, zum Beispiel der Bereich der Bürorechner, der gesamte technischwissenschaftliche Bereich mit seinen dedizierten Rechnern und der Kommunikationssektor. Mit diesen Märkten sind viele Unternehmen, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre - wenn überhaupt - nur eine geringe Rolle gespielt haben, entstanden und gewachsen, zum Beispiel Nixdorf oder Digital Equipment. Diese Unternehmen sind jedoch heute nicht mehr ausschließlich in ihren angestammten Bereichen tätig, sondern drängen zunehmend in andere Märkte hinein, was zum Teil recht interessante Konkurrenzverhältnisse auslöst.

Dies bedeutet für uns, den Unternehmen, die heute in "unsere" kommerzielle DV hineindrängen, entgegenzuwirken, indem wir positiv motiviert zum Beispiel in den Bereichen der Mikroinformatik oder der horizontalen Unternehmenskommunikation, also die computerunterstützte Verbindung von Arbeitsplatzrechnern in den Unternehmen, hineingehen. Vor allem der neue Markt CIM stellt uns vor ganz neue Herausforderungen und bietet gute Chancen. Dort also wollen wir unsere Marktpräsenz stärken.

þCIM ist derzeit in aller Munde. Was bedeutet CIM für Bull, und vor welche Aufgaben sehen Sie sich gestellt?

CIM ist ein integrierendes, computergestütztes Langfristenkonzept für Unternehmen der fertigenden Industrie, ein Anwenderkonzept also. Für den Hersteller heißt das, eine langfristige Strategie beim integrierten DV-Einsatz mit allen mit der Produktion zusammenhängenden Fragen in der Fertigungsindustrie anbieten können. CIM ist aber auch ein Konzept, das sich erst in den kommenden Jahren schrittweise entwickeln wird, denn diese integrierten - oder besser: Unternehmensentscheidungen integrierenden - Systeme gibt es derzeit noch nicht oder nur kaum. So ist zum Beispiel auch die berühmte Halle 54 bei VW noch keine umfassende CIM-Lösung, sondern eine ganz bestimmte Teillösung, eingebettet in ein konventionelles Fertigungsumfeld. Für Bull stellt sich bei der CIM-Entwicklung in erster Linie die Herausforderung des Anwendernutzens. Jahrzehntelang wurden Kosten/Nutzen-Abwägungen bei DV-Entscheidungen vernachlässigt. Im CIM-Bereich treffen jetzt die Hersteller auf eine neue Spezies Entscheidungsträger. Das sind hartgesottene Techniker, die gewohnt sind zu rechnen, die scharf kalkulieren und auf hochtrabend definierte "Modernitätszwänge" nicht so schnell eingehen. Somit liegt der entscheidende Wettbewerbsvorteil hinsichtlich CIM bei dem Hersteller, der einerseits eine vernünftige kapazitätsgesicherte Beratung anbietet, der die Sprache der Produktionsleute spricht und der andererseits in der Lage ist, die Prioritäten und die Probleme des Anwenders zu erkennen, in einen Gesamtzusammenhang zu stellen und Lösungen anzubieten, die sowohl kurzfristig eine Verbesserung bringen als auch langfristig. Die Hersteller sind gefordert, langfristige und offene Integrationsmöglichkeiten aufzuzeigen.

þIm Zusammenhang mit CIM wird - wie in der Bürokommunikation - immer wieder das Standardisierungsproblem angesprochen. Inwieweit unterstützt Bull die sogenannten MAP-Standardisierungsbemühungen für CIM?

Bull unterstützt MAP auf der ganzen Linie. Der Konzern ist über Honeywell im amerikanischen MAP-Kreis vertreten und auch in Europa aktiv. Die deutsche Filiale gehört dem entsprechenden VMDA-Arbeitskreis an. MAP ist im Grunde genommen das Äquivalent zu OSI, vielleicht sogar eine Teilmenge von OSI im Bereich der Fertigungssteuerung, Fertigungskontrolle. Es ist ein hervorragendes Konzept, das sicherlich noch eine Reihe von Mutationen durchlaufen wird, das aber einfach realitätsbestimmend werden muß. In Analogie zu OSI: Auch OSI müssen wir haben - zur Sicherung der Wahlfreiheit, zur Sicherung des Wettbewerbs, der fair ist und der damit Herstellerchancen und Anwendernutzen garantiert. Zu OSI wird es sicherlich weiter die Alternative SNA geben, aber selbst IBM wird OSI als Alternative in ihrem eigenen Produktangebot entwickeln, pflegen, verstärken. Ebenso wichtig wird MAP sein. Im Augenblick gibt es keine alternativen Schnittstellenkonzepte für die fertigende Industrie, die einen ähnlich hohen Stellenwert hätten wie SNA im Bereich der kommerziellen Rechnerkommunikation. Doch will ich nicht ausschließen, daß es noch alternative Konzepte geben wird. Für Bull ist MAP die Konzeption, die sich anbietet, auch weil sie am weitesten fortgeschritten ist. Allerdings ist es heute noch sehr teuer MAP zu realisieren.

þSie sprachen zuvor von Flexibilität, von offenen Systemen. Sind dies die Ideen, die hinter dem im Herbst 1985 in Frankreich erstmals vorgestellten BlueGreen-Konzept von Bull stehen?

BlueGreen soll Integration in mindestens drei Dimensionen gewährleisten. Die erste Dimension, vielleicht vordergründig die ureigenste DV-Dimension, ist die Netzintegration, also die Kommunikation von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz - und das nicht sternförmig! Die zweite Integrationsachse sind die Informationsbestände. Die einzelnen Benutzer sollen nicht nur miteinander kommunizieren können, sondern auch am Arbeitsplatz auf zwar nach Zugangskriterien gestaffelte, aber inhaltlich homogene Informationsbestände zugreifen können.

Die dritte Integrationsdimension schließlich sind die gemeinsamen Lösungen. Sie umfassen Standardlösungen zum Beispiel auf Basis von MS-DOS wie auch Lösungen mit stärkerem Kommunikationscharakter, die etwa Management, das heißt auch die Abstimmung der Terminkalender interaktiver Gruppen betreffen. Dazu kommt die elektronische Post, Ablage und Wiederholvorlage etc. Das sind mindestens drei Dimensionen, die essentiell sind für jeden Anspruch der integrierten Bürokommunikation. BlueGreen ist jedoch nicht nur integrierte und integrierende Bürokommunikation auf Basis von intelligenten Arbeitsplatzrechnern. Mit unserer DOAS-Software bieten wir Realisierungsmöglichkeiten, die sehr stark dezentral ausgerichtet sind. Auch Mikrolösungen sind Bestandteil von BlueGreen, ebenso Zentralrechner-residente Lösungen mit "intelligenten" Bildschirmstationen. BlueGreen ist also ein umfassendes Konzept für offene Bürokommunikation, die alle Bull-Produkte von dem Universalrechnerbereich (DPS-Serie) über Bürokommunikationssysteme (Questar-Serie) bis hin zu Mikrocomputersystemen (Micral-Serie) und Netzwerke vereint. Es ist aber auch ein Konzept, das noch einige weißen Flecke aufweist. Diese jedoch haben wir klar umrissen und werden sie zu gegebener Zeit ausfüllen.

þHerr Dr. Scherer, Sie erwähnten vorhin IBM. Welche Chancen haben europäische DV-Hersteller angesichts dieser Marktmacht?

Es steht außer Zweifel, daß diese Branche ein Problem IBM hat. Aber auch IBM hat Probleme. So ist die Marktentwicklung zum Teil an diesem Unternehmen vorbeigelaufen. Die Diebold-Statistik der Installationswerte für Standardrechner (ohne Mikros, Mini-, Kontroll- und Bürorechner) zeigt für die Jahre 1980 bis 1986, daß sich der Marktanteil von IBM um vier bis sechs Prozent verringert hat. Demgegenüber ist der Marktanteil von Bull kaum meßbar zurückgegangen.

Aber, lassen Sie es mich deutlich sagen: IBM ist in den vergangenen Jahren ein völlig anderer Mitbewerber geworden. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß IBM es nicht einfach hinnehmen kann, Marktanteile zu verlieren, nicht hinnehmen kann, daß wesentliche Märkte an dem Unternehmen vorbeilaufen. Dies läßt sich daran erkennen, wie aggressiv IBM in viele neue Märkte hineingeht.

Sich gegen einen Mitbewerber zu behaupten, in dessen Händen soviel Markt- und Finanzmacht, aber auch emotionale Macht über nur marginal DV-Kundige konzentriert ist, ist sehr schwierig. Doch es gibt Beispiele Nixdorf, DEC, Wang, die es vor Jahren noch nicht gegeben hat, die aber inzwischen ernst zu nehmende, im Wachstum erfolgreichere Unternehmen als IBM sind. Auch Bull ist in diesen Kreis aufzunehmen. Seit 1982 konnte die Gruppe Bull weitaus größere Wachstumsraten erzielen als IBM. Wir haben in diesem Zeitraum eine finanzielle Konsolidierung geschafft, die in erster Linie von Innen - über ein verbessertes Management der im Unternehmen eingesetzten Mittel, über eine höhere Selbstfinanzierung , kam. Es ist also durchaus möglich, neben der IBM erfolgreich zu operieren.

Die IBM ist ohne Zweifel der Inbegriff eines erfolgreich geführten Unternehmens, ist in vielen Ländern der größte Steuerzahler und ein maßgeblicher Arbeitgeber. Doch mit IBM ist etwas entstanden, das man als "Fehlentwicklung des freien Wettbewerbs" bezeichnen sollte. Das müssen auch die Politiker und die öffentlichen Auftraggeber sehen. Es geht darum, die Entscheidungsfreiheit für Anwender zu garantieren - und dies um so mehr, da die Informations- und Kommunikationsindustrie die Automobilbranche in den neunziger Jahren überrundet haben und somit die größte und wichtigste Industrie sein wird.

Wir dürfen uns in dieser Schlüsselindustrie kein Monopol heranzüchten. Heute plädiert die IBM vordergründig gegen die "wettbewerbshemmenden" nationalen Postmonopole. Es wird ein Ausspruch aus der IBM-Zentrale in den USA kolportiert: Absicht der IBM sei, die "World Communication Institution" schlechthin zu werden. Dies kann und darf nicht Ziel sein.

þSind aber die Mitbewerber an dieser Entwicklung nicht selbst schuld? Reagieren sie nicht viel zu oft, anstatt zu agieren?

Diese Frage ist auf mehreren Ebenen zu beantworten. Zunächst ist in den letzten Jahren das Phänomen der "Anbieter IBM-kompatibler Rechner" entstanden. Diese Anbieter fahren zwangsläufig im Kielwasser der IBM. Bietet Big Blue das System 30xy an, ziehen die IBM-Kompatiblen nach. Von daher zwingt sich der Eindruck auf, IBM agiert, die Mitbewerber reagieren. Dies trifft jedoch nicht auf die Anbieter alternativer Rechner und Betriebssysteme zu IBM zu. In diesem Kreis ist der Ankündigungsrhythmus durch Eigengesetzlichkeiten bestimmt. Wir haben die Möglichkeit, freier zu entwickeln und anzukündigen. Auch der Marktzwang ist für uns nicht so unmittelbar wie für die IBM-Kompatiblen. So hat Bull zum Beispiel den Großrechner DPS 90 zu einem Zeitpunkt angekündigt und zu liefern begonnen, als IBM oberhalb 50 Mips noch nichts anzubieten hatte. Solche Situationen wird es auch in Zukunft immer wieder geben.

þEin Blick in die Zukunft: Die neue französische Regierung Jacques Chirac plant die Reprivatisierung von nationalisierten Unternehmen. Auch Bull soll davon betroffen sein. Welche Auswirkungen hätte eine solche Maßnahme für den Konzern?

Bull ist nie per Gesetz nationalisiert worden und kann auch nicht per Gesetz reprivatisiert werden. Die Aktienmehrheit, die der französische Staat hält, ist ihm durch eine Reihe kommerzieller Transaktionen zugefallen, beziehungsweise weil Bull-Aktien im Portefeuille von nationalisierten Banken oder Unternehmen waren. Deshalb steht es der französischen Regierung frei, unsere Aktien unabhängig vom Parlament an private Investoren zu veräußern. Eine inoffizielle Aussage der Regierung ist, daß sie an Bull für absehbare Zeit mit mindestens 51 Prozent beteiligt bleiben wird. Was aber für den Konzern von weitaus größerer Bedeutung ist: Jacques Stern und Francis Lorentz wurden in ihren Ämtern explizit bestätigt. Damit erkennt die Regierung an, daß die Leitung von Bull in kompetenten Händen ist.