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17.01.1997 - 

Was wurde aus Taligent und Opendoc?

IBM: Java bündelt verschiedenste Techniken

CW: In Ihrer Beschreibung von IBMs Entwicklungsstrategie (siehe Kasten) kommen ehemals zentrale Konzepte wie die Objektarchitektur "Taligent" und die Komponentechnik "Opendoc" nicht vor. Sind sie Schnee von gestern?

LeBlanc: Taligent lebt nach wie vor. Die Forschungseinrichtung mit rund 150 Entwicklern arbeitet weiter auf Hochtouren. Ihre Aufgabe ist Technologie-Entwicklung. Das Marketing wurde allerdings eingestellt.

CW: Was existiert denn noch von Taligent?

LeBlanc: Klassenbibliotheken und Frameworks. Sie wurden bis vor einem Jahr für eine Taligent-Umgebung entwickelt, jetzt sind sie Bestandteil von Visual Age. Ein Beispiel ist C++ for Visual Age. Dort gibt es ein "Compound Document Framework", das auf der Objekt World einen Preis gewonnen hat. Taligent-Frameworks und Taligent-Klassenbibliotheken für Java sind in Arbeit.

Bekannter ist vielleicht das Java Developer Kit von Javasoft. Die dort eingebaute Unterstützung der verschiedenen Landessprachen stammt von einem Taligent-Framework und wird von allen Lizenznehmern wie Novell oder Microsoft verwendet.

CW: Was sind Ihre Ziele mit Java?

LeBlanc: Wir leben in einer heterogenen Welt. IBM will möglichst viele Systeme mit Anwendungen versorgen. Dafür brauchen wir eine angemessene Softwarestrategie. Java ist darin eine Schlüsselkomponente. Deshalb ist es für uns extrem wichtig, daß die Sprache offener Standard bleibt und nicht der Kontrolle eines Herstellers unterliegt.

CW: Sie unterstützen also die Initiativen zur Java-Standardisierung durch die International Standardization Organization (ISO) oder durch die von Sun bevorzugte European Computer Manufacturers Association (ECMA)?

LeBlanc: Wir arbeiten mit Javasoft zusammen. Wenn Sun die Kontrolle einem Konsortium übergeben möchte, helfen wir dem Unternehmen dabei.

CW: Sie unterstützen aber auch eine ganze Reihe anderer Programmiersprachen wie Cobol, Rexx, C, C++, Smalltalk und neuerdings sogar Microsofts Visual Basic. Wird das nicht wieder ein unübersichtlicher Bauchladen?

LeBlanc: Visual Age unterstützt derzeit vier Sprachen: C++, Smalltalk, Basic und seit Anfang dieses Jahres Java. Als Betriebssystem-Plattformen werden Windows, OS/2, OS/400, AIX und MVS untertützt. In einigen Fällen kommt Suns Unix und demnächst auch HP-UX dazu.

CW: Wird es dabei bleiben?

LeBlanc: Nein. Die Palette wird mit der Zeit immer umfangreicher werden.

CW: Wie paßt Opendoc in dieses Bild?

LeBlanc: Auch das ist ein offener Standard. Er dient zur Schaffung von Softwarekomponenten, die über verschiedene Betriebssysteme hinweg portabel sind. Die Anwendungen laufen unter OS/2 und Macintosh und neuerdings auch unter Windows.

CW: Dennoch scheint Opendoc kein großer Erfolg zu sein. So hat selbst die IBM-Company Lotus Development sich von der Komponententechnik distanziert.

LeBlanc: Die Microsoft-Betriebssysteme sind für Lotus die wichtigsten Plattformen. Als Lotus angefangen hat, mit Komponenten zu arbeiten, war Opendoc aber noch nicht verfügbar, schon gar nicht für Windows. Da war es nur vernünftig, auf Microsofts OLE Custom Controls (OCX) zu setzen.

CW: Jetzt gibt es Opendoc aber, und Lotus will sie auch künftig nicht verwenden.

LeBlanc: Das Lotus-Management hat beschlossen, die schon fertige Anwendung nicht auf Opendoc-Basis umzuschreiben. Angesichts der Komponententechnik, die jetzt mit Java kommt, kann ich auch diese Entscheidung nachvollziehen.

CW: Ist Java der Totengräber von Opendoc?

LeBlanc: Darauf gibt es mehrere Antworten. Zum einen haben wir Javasoft bei der Entwicklung der Komponententechnik "Javabeans" geholfen. Hier haben sich einige Designkonzepte von Opendoc etabliert.

CW: Die Javabeans arbeiten mit Opendoc-Technik?

LeBlanc: Nein. Nur einige Designideen wurden übernommen. Das Ziel ist bei Java etwas anders. Da Applets über das Netz geladen werden, müssen sie so klein wie möglich sein.

CW: Opendoc-Objekte sind also für das Internet zu umfangreich...

LeBlanc: Ja.

CW: Also macht die Java-Technik Opendoc doch den Garaus.

LeBlanc: Für beide Techniken gibt es Anwendungsbereiche. Opendoc eignet sich für Client-Umgebungen, in denen interagierende Komponenten gebraucht werden, die besonders robust sind. Java-Applets sind für schlanke Clients, für Browser gedacht. Sie sind sozusagen Lite-Versionen von Komponenten.

CW: Warum sollte der Anwender mehr als eine Technik verwenden?

LeBlanc: Der Anwender wird nichts davon merken. Opendoc und Java werden integriert. Zudem ergänzen sich beide Techniken. Mit Hilfe der Javabeans lassen sich beispielsweise die in den Cyberdog-Browser, einen Opendoc-Container, geladenen Daten und Anwendungen in die Client-Umgebung einbinden.

CW: Heißt das, daß Java-Applets vor allem auf Netzwerk-Computern (NCs) benützt werden und Opendoc auf sogenannten fetten Clients?

LeBlanc: Das ist der Fokus. Es gibt zwar einen klar abgegrenzten Markt für den NC, der für alle Anwender interessant ist, die unkomplizierte Verfahren für Netz- und System-Management suchen. Beim klassischen PC ist das anders. Hier vermischen sich die Märkte, weil es immer mehr Java-Anwendungen dafür geben wird und die PCs zudem immer öfter ins Web eingebunden sind.

CW: Das klingt nun doch wieder nach einer sukzessiven Verdrängung von Techniken wie Opendoc durch Java - zumindest auf dem PC. Widersprechen Sie damit nicht Ihrer vorigen Aussage, wonach die beiden Systeme sich ergänzen?

LeBlanc: Es gibt Funktionen, die man auf einem reinen NC-Client nicht braucht. Dazu gehört ein lokales Speicherverfahren für persistente Daten. Das ist dann die Aufgabe des Betriebssystems oder im Falle von Opendoc der "Bento"-Technik von Apple.

Für solche Aufgaben sind die Javabeans nicht gemacht. Sie dienen im wesentlichen einfach dafür, Anwendungen aus dem Netz zu laden und in einem Container stabil ablaufen zu lassen.

Aber Sie haben recht. Auf lange Sicht gesehen werden Opendoc und Java wahrscheinlich verschmelzen.

CW: Aber wird der Container, in der Regel der Browser, nicht, wie von Microsoft geplant, zur generellen Benutzerumgebung der Zukunft, in der dann alle Anwendungen ablaufen?

LeBlanc: Nein. Das Attraktive am Internet ist nicht der Browser, sondern die Informationen, die man sich über das Netz laden kann. Microsoft macht nicht den "Internet Explorer" zur Benutzeroberfläche, sondern gibt Windows lediglich das Aussehen des Browsers. Das Betriebssystem bleibt davon im wesentlichen unberührt.

CW: Dennoch ist die Microsoft-Technik Ihr Hauptkonkurrent . . .

LeBlanc: Ja. Aber bislang hat das Unternehmen nicht viel mehr getan, als OCX in Active X umzubenennen, was nichts daran geändert hat, daß die damit erstellten Komponenten zu groß sind, um sie über das Netz zu laden. Um dieses Problem zu vermeiden, haben wir Opendoc nicht in den Javabeans aufgehen lassen. Die Chance der Javabeans liegt in ihrer schlanken Konzeption.

CW: Themenwechsel: Was ist aus IBMs Plan geworden, einen gemeinsamen Betriebssystem-Kern für alle Plattformen zu schaffen?

LeBlanc: Die Technologie ist da, aber es gab eine Unternehmensentscheidung, dieses Projekt vorläufig nicht weiterzuverfolgen.

IBMs Entwicklungsgrundsätze

Heute steht im Zentrum von IBMs Entwicklungskonzepten die Interpreter-Sprache Java. Das war vor nicht langer Zeit ganz anders: Taligent sollte Objekte erst für ein Betriebssystem, dann für beliebige Anwendungen und schließlich nur noch für eine Entwicklungsumgebung liefern. Am Desktop galt Opendoc als die Technik der Wahl. Zwischendurch hörte man davon, daß Visual Age die strategische Entwicklungsumgebung der IBM sei.

Keines dieser Konzepte wurde laut IBM vollständig aufgegeben. Robert LeBlanc, zuständig für die Objektinfrastruktur des Konzerns, beschreibt dessen derzeit geltende Strategien folgendermaßen:

Die Basis der Objektstrategie sind offene Standards, wie sie etwa die Object Management Group (OMG) setzt. Zu den Produkten der IBM gehören ein Object Request Broker, Objektservices und das System Object Model (SOM), das Entwicklern ermöglichen soll, robuste Objektanwendungen für verteilte Umgebungen zu schreiben. Außerdem lasse sich damit eine Infrastruktur für die Kommunikation zwischen Client und Server schaffen. Hinzu kommen Möglichkeiten, auf dieser grundlegenden Ebene Sprachen wie Java, C++, Cobol und Smalltalk einzubinden. Wenn die Kommunikation über das Internet laufen muß, funktioniert das auf Basis des Internet Inter-ORB Protocol (IIOP), das ebenfalls von der OMG stammt.

Als Entwicklungsumgebung hat IBM für diese Sprachen, aber auch für Microsofts Visual Basic ein Toolset mit der Bezeichnung Visual Age geschaffen. Hinzu kommen Zugriffsmöglichkeiten auf Datenbanken wie IMS, DB2 und relationale Datenbanken anderer Hersteller. Außerdem muß der Mainframe-Anbieter auch Transaktionssysteme wie CICS und Encina unterstützen. All diese Techniken und Produkte sollen in einen Server integriert werden, so daß Anwendungen, die darauf aufsetzen, die gesamte Infrastuktur nützen können.