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In Armonk regiert der Rotstift


25.12.1992 - 

IBM-Kurs kippt: Schwarze Woche für den Mainframer

ARMONK/MÜNCHEN - Die Krise der IBM Corp. nimmt dramatische Ausmaße an. Big Blue muß sechs Milliarden Dollar an Sonderbelastungen im wahrscheinlich operational gewinnlosen vierten Quartal 1992 verkraften. 25 000 Mitarbeiter gehen. Entwicklungsausgaben, Kapitalaufwendungen und Fabriken fallen dem Rotstift zum Opfer- Dabei vertreten die meisten Experten und Analysten die Ansicht, daß die angekündigten Maßnahmen nicht ausreichen, um das Konzernschiff wieder auf Kurs zu bringen.

Die schlechten Nachrichten trieben den Kurs der IBM-Aktie in den Keller. Nach der Ankündigung am 15. Dezember sank der Wert des Papiers um 7,6 Prozent auf einen Kurs von 51,875 Dollar. Verärgerte Anleger forderten aufgrund der schlechten Performance ein neues Management und die Ablösung von Akers. Der ließ allerdings ausrichten, daß er das Vertrauen des Boards genieße und nicht zurücktreten wolle.

Sechs Milliarden Dollar benötigt die IBM, um die zweite Restrukturierungsrunde dieses Jahres zu finanzieren. Die Personalreduktionen sollen vor allem in den Bereichen Fertigung, Entwicklung, Marketing und Service-Units vorgenommen werden. Erstmals in der Geschichte des Unternehmens dürfte der Stellenabbau, von dem in Europa rund 12 000 IBMer betroffen sind, nicht mehr nur durch Anreize zum freiwilligen Ausstieg bewerkstelligt werden. Dazu IBM-Chef Akers: "Wenn sich die Geschäftsbedingungen nicht signifikant verbessern, ist es wahrscheinlich, daß einige Business-Units die Vollbeschäftigungspolitik nicht mehr aufrechterhalten können."

Er erwarte allerdings von der General-Managern, daß sie jeden Versuch unternehmen, die Reduktionen auf freiwilliger Basis zu erreichen.

"Zurückgehende Stückzahlen im Hardwarebereich, verbunden mit rasanten Verbesserungen in Technologie und Produktivität, haben die Kapazitätsanforderungen verringert", kommentierte Akers den Abbau. Erstmals gab die IBM zu, daß zu viele Ressourcen in ihrem zurückgehenden Mainframe-Geschäft stecken.

Das Management geht auch für das nächste Jahr von einem widrigen ökonomischen Umfeld aus und teilte mit, daß die Gewinnerwartungen die Dividendenzahlung in Höhe von 4,84 Dollar pro Aktie ebenfalls fraglich machten. Schuld an der Schwäche der IBM seien insbesondere Umsatzeinbrüche in Europa und in Japan, betonte der IBM-Chairman.

Inzwischen steht aber einem Bericht des "Wall Street Journals" zufolge auch die langfristige Strategie des Konzerns zur Diskussion. Zumindest Chief Financial Officer Frank Metz frage sich, ob der Konzern seine für die Mitte der 90er. Jahre gesteckten Finanzziele erreichen kann.

In Deutschland 1993 rund 2500 Mitarbeiter weniger

Zwar ist noch nicht im einzelnen entschieden, was unternommen wird, für Europa sei allerdings laut "Financial Times" zu nächst mit folgendem zu rechnen: Bei der IBM-Deutschland werden etwa 2500 Mitarbeite gehen müssen, in Frankreich stehen Ende 1993 rund 1500, in Großbritannien 1000 und in Italien 800 Beschäftigte weniger auf der Lohnliste. Keine der nationalen Dependancen habe bisher Werksschließungen geplant.

In Deutschland hänge die Möglichkeit, an der Vollbeschäftigungspolitik festzuhalten, von der weiteren geschäftlichen Entwicklung ab, erklärte der Vorsitzende der Geschäftsführung der IBM-Holding, Hans Olaf Henkel.

Doch die Armonker, die zumindest für das erste Quartal 1993 nicht von einer Verbesserung der Geschäfte ausgehen - Metz erklärte das Abschneiden im Frühjahr zur "offenen Frage" -, wollen nicht nur beim Personal kürzer treten. Insgesamt sollen im nächsten Jahr drei Milliarden Dollar eingespart werden: eine Milliarde bei den Kapitalausgaben, eine weitere im EntwickIungsbereich und eine dritte Milliarde bei den allgemeinen und den Vertriebskosten.

Divisionen sollen noch unabhängiger werden

Die Kürzungen im Entwicklungssektor betreffen den Worten des IBM-Cheftechnologen Jack Kuehler zufolge vor allem den Mainframe-Bereich. Sie würden die Konkurrenzfähigkeit nicht beeinträchtigen, fügte er hinzu. Die Umsätze in diesem Sektor gingen 1992 um rund zehn Prozent zurück. Die Profitabilität des Geschäftszweiges, der seit jeher die Cash-cow der IBM war, hat ebenfalls stark nachgelassen. Allerdings weisen nach Aussagen von Akers die Software- und Servicegeschäfte "exzellentes Wachstum" auf, weswegen man Kapitalaufwendungen und menschliche Ressourcen dorthin umdirigieren wolle. Als weitere Wachstumsfelder haben die IBM-Strategen Client-Server-Computing, Netzwerke und Multimedia ausgemacht. Auch diese Geschäftszweige sollen künftig bei Investitionen bevorzugt werden.

Außerdem dürften die Unternehmen Adstar, Pennant Systems und die IBM Personal Computer Co. noch mehr Autonomie bekommen. "Wir arbeiten daran, diese Units zu autarken Einheiten zu machen. Dabei erwarten wir, daß sie ihre Timeto-market-Zeitspanne verkürzen, ihre Effektivität und ihre Finanzen verbessern", teilte Akers mit. Die Ausgabe eigener Aktien sei durchaus denkbar. Insgesamt sollen die Business-Units mehr Kontrolle erhalten. Sie dürfen Stellen streichen, Kapazitäten reduzieren oder sogar eine eigene Vertriebsorganisation aufbauen, wenn sich das als notwendig erweise.

Die zweite Restrukturierungsrunde treibt die Sonderbelastungen der IBM in diesem Jahr auf 10,4 Milliarden Dollar. Analysten zufolge wird sich deshalb der Jahresverlust der Armonker, die im vierten Quartal ein operational nur ausgeglichenes Ergebnis erwarten, auf 4,75 Milliarden Dollar belaufen. Der englische Branchendienst "Computergram" berichtete von einem Rückgang des Jahresumsatzes von acht bis neun Prozent. Das würde die Einnahmen der Armonker unter die 60-Milliarden-Dollar-Marke drücken.

Nach Meinung vieler Experten und Analysten reichen die angekündigten Maßnahmen nicht aus, um das Konzernschiff wieder auf Kurs zu bringen. Sie widersprechen Akers, der erklärt hatte: "Die angekündigten Maßnahmen demonstrieren, daß die IBM weiterhin aggressiv an die Lösung der Probleme herangeht, die mit dem schwierigen Umwandlungsprozeß zusammenhängen, der in der Computerindustrie stattfindet."

James Cassell, Analyst der Gartner-Group, erklärte laut "vwd" unisono mit dem ehemaligen IBM-Consultant Eugen Bryan, Big Blue beschäftige auch nach dem jetzt angekündigten Personalabbau immer noch 25 000 Mitarbeiter zuviel. Cassell fügte hinzu, die Großrechnerpreise der IBM reflektierten zu mehr als 50 Prozent Personalkosten, besonders die Aufwendungen für Verwaltung und das enorme Vertriebsnetz seien zu hoch. Bryan empfiehlt den Armonkern denn auch, die Hälfte ihrer Vertriebsmannschaft vor die Tür zu setzen. Er hält Entlassungen von bis zu 50 000 Mitarbeitern für denkbar. "Die 90er Jahre könnten für die IBM das werden, was für General Motors die 80er waren", warnte er.

Branchen-Insider, Mitbewerber und IBM-Kenner in Deutschland folgen den Einschätzungen der amerikanischen Experten weitgehend. "Die IBM wird nicht rechtzeitig die Kurve kriegen, um ihren angestammten Kunden den Weg aus der Mainframe-Landschaft heraus zu weisen", meint der deutsche Gartner-Group-Analyst Helmuth Gümbel. Der Anwender brauche aber dringend neue Applikationen und Architekturen, die seinem veränderten Business-Modell entsprächen. "Das ist natürlich schlimm für ein Unternehmen, das gerade den Mainframe als Cash-cow benutzt."

Die Zerschlagung in "Baby Blues" reicht nicht

Die Zerschlagung des Konzerns in sogenannte Baby Blues hält Gümbel für das Eingeständnis, mit konventioneller Umstrukturierung und Sanierung nicht genug erreichen zu können. "Das Schlachtschiff IBM hat einen zu große" Wendekreis. Deshalb hat man es mit dem Schneidbrenner in kleinere Einheiten zerteilt und denkt, das wären Schnellboote. Dabei ist noch nicht sicher, ob sie überhaupt schwimmen und ob die Kapitäne dieser Boote den richtigen Kurs finden oder halten können. Einige werden es schaffen, und andere gehen unter."

Allerdings hält der Analyst diese "industrie-darwinistische" Methode nicht für ausreichend, um dem Kunden klarzumachen, wohin die Reise geht. "Das drückt sich auch darin aus, daß es in der Vergangenheit für den IT-Manager ein Überlebensgarant war, wenn er bei der IBM kaufte. Heute sind wir an dem Punkt angelangt, wo gerade dieses Verhalten ein Garant für den Mißerfolg werden könnte." Gümbel glaubt, daß die IBM in drei Jahren noch schlechter dasteht als heute und erst in fünf Jahren eine Besserung eintritt.

Zweifel an der konsequenten Umsetzung

Bernd Tillack, Marketing-Leiter Amdahl Deutschland, hält "den Versuch, die Handlungsfähigkeit durch die Divisionalisierung wieder zu erwerben" für richtig. Er ist sich sicher, daß auch die IBM künftig für bestimmte Anwendungen preiswertere RISC-basierte Mainframes bauen wird, bei denen die Kosten pro MIPS im Workstation-Bereich liegen.

Auch Fritz Müller, Geschäftsführer von Diebold Deutschland, wertet den angekündigten Weg positiv, erklärt aber: "Aufgrund der heute herrschenden Kultur, die innerhalb der IBM auch noch eine ganze Zeit lang existieren wird, habe ich Zweifel, ob die Schritte konsequent genug vollzogen werden." Er geht davon aus, daß von der Schwäche der IBM die offenen Systeme profitieren. Müller sieht aber kein Unternehmen, "das die Segmente übernehmen kann, die die IBM nicht mehr bedient".

Diebold-Mann Alexander Steuernagel beurteilt die Neuorientierung der IBM in Richtung Servicegeschäft ebenfalls kritisch: "Das stellt für die IBM dann eine Chance dar, wenn es ihr gelingt, andere aus diesem Bereich zu verdrängen." Schließlich müsse man klar sehen, daß ohne Wachstum in den Märkten der Anwenderunternehmen auch deren DV-Budgets nicht mehr wachsen.

Erik Hargesheimer, Gründer der Management Service GmbH, tut sich mit der Einschätzung von IBMs Chancen im Dienstleistungsgeschäft schwer: "Das ist sicher ein Markt. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Anwender Dienstleistungen im Sinne einer Generalunternehmerschaft von der IBM wünscht. Denn sie ist nicht neutral." In heterogenen Umgebungen habe die IBM Probleme. Hargesheimer geht von zwei bis drei IBM-Divisionen aus, die schon bald erfolgreich agieren könnten. "Ich denke da vor allem an die RISC-Maschinen und an die Bereiche Software und Services. Bei den anderen ist die Reorganisation noch nicht beendet."

Auf die IT-Branche als ganzes werde die Krise der IBM keine großen Auswirkungen haben, meinen beide Diebold-Vertreter.

"Wenn die IBM früher gehustet hat, dann bekamen die anderen Player Grippe. Aber die Zeiten sind vorbei", glaubt Steuernagel. Hargesheimer ist da anderer Ansicht: "Der Riese wankt und bringt die gesamte Branche, die sich bisher unter dem Schirm der IBM gesammelt hat, ins Wackeln." Die IBM-Anwender haben nach seiner Meinung am wenigsten zu lachen. "Die stecken in der Klemme. Sie haben Hunderte von Mannjahren in Software investiert, die ohne den gleichen Aufwand nicht auf andere Systeme übertragbar ist. Sie sind gezwungen, weiter in dieser Welt zu leben".

Ulrich Dickamp von UDM hält ein Wiedererstarken der IBM durchaus für möglich. Allerdings reiche es nicht aus, Leute zu entlassen: "Es kommt wesentlich darauf an, daß die Inhalte neu definiert werden. Wenn die IBM es schafft, an die aktuellen Brennpunkte zurückzukehren, dann hat sie immer noch die besten Chancen zu überleben - in welcher gesellschaftlichen Struktur auch immer." Die Ausgliederung von Divisionen reiche nicht aus. "Das hat mit einer Konzeption, einer Message für den Markt nichts zu tun." Wenn die IBM nicht aus ihrer Hardwarebezogenheit herauskomme und auch andere Plattformen mit in Konzeptionen einbinde, werde es "schwierig", postuliert Dickkamp.

Rolf Levenhagen, Geschäftsführer von Systems Center, Frankfurt, prognostiziert der IBM noch eine "Menge Verluste im nächsten Jahr". Das, was bisher geschehen sei, "ist doch erst der Anfang", glaubt er. Für ihn liegt das Hauptproblem im Selbstverständnis der Armonker. "Die IBM-Mitarbeiter waren fest davon überzeugt, die besten zu sein. Sie glaubten, ein vernünftiger Kunde könne gar nicht anders, als sich für die blauen Produkte zu entscheiden." Angesichts eines Marktes, der "komplett neu aufgemischt" werde, bedürfe diese Selbsteinschätzung dringend einer Revision. (Siehe auch Seite 46)