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22.01.1982 - 

Auf Anwendungsgipfel neue Strategie des Marktführers verkündet:

IBM lockt Softwerker auf seine Produktpalette

WHITE PLAINS (CW) - Angesichts des immer bedrohlicher werdenden Engpasses bei der Anwendungssoftware nimmt die Unruhe im Lager der Hardware- und Softwarehersteller zu. Sie sind gezwungen, sich etwas Neues einfallen zu lassen, neue Wege zu beschreiten. IBM hat kürzlich hundert Repräsentanten führender Softwarehersteller zu einer "Application Software Development Conference" eingeladen.

Die Ende Oktober in White Plains abgehaltene Konferenz dauerte zweieinhalb Tage und war von der zwingenden Notwendigkeit motiviert, mehr und bessere Produktivitätshilfen und Endbenutzerlösungen zu erarbeiten, um den gegenwärtigen Anwendungsstau anzugehen. Der Zwang umfassende Softwarelösungen zu schaffen, erhält zusätzlich Gewicht durch das ständige Erscheinen modifizierter Hardware und neuer Kundenkreise.

Statistische Daten erhellen die Lage. Um die Mitte der 80er Jahre sollen die Umsätze bei Softwareprodukten acht Milliarden Dollar betragen. Außerdem weisen viele der großen DV-Installationen eine über 30prozentige Zunahme der Anwendungen auf, die auf Implementierung warten. Das bedeutet einen Rückstand von vielleicht 20 Systemen je Installation, zu deren Implementierung mit dem heute verfügbaren Personal vier Jahre erforderlich sein dürften.

In einer Studie der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde aber auch auf einen noch verdeckten Rückstand hingewiesen. Dieser "virtuelle" Rückstand sei dem Umfang nach mit dem nachgewiesenen Bedarf vergleichbar. Das Fehlen einer verläßlichen Schätzung des Gesamtbedarfs dürfte auf die Einschüchterung zurückzuführen sein, der die Anwender ausgesetzt sind, wenn man - wie es oft der Fall ist - bereits über ihre nachgewiesenen vorrangigen Bedürfnisse einfach hinweggeht

Man kann natürlich schließen, daß es einen umfangreichen, noch keinesfalls erschlossenen Hardwaremarkt geben würde, wenn nur die richtige Software da wäre. Und diese Vorstellung ist es denn auch, die keinen Geringeren als die IBM veranlaßt, eine Konvergenz der Interessen zwischen dem eigenen Unternehmen und den vielen unabhängigen Softwareherstellern herbeizuführen.

Vorstoß in zwei Richtungen

Worauf läuft nun der Vorschlag der IBM zur Verbesserung der Situation hinaus? Der Vorstoß erfolgt in zwei Richtungen: als erstes, Schaffung der besten Voraussetzungen für ein Anwendungsentwicklungsmilieu und, zweitens, Bereitstellung von Anreizen für die Lieferanten von Anwendungssoftware zur Unterstützung der Hardware-Angebotspalette von IBM. Die Strategie der IBM zur Schaffung eines aussichtsreicheren Anwendungsentwicklungsmilieus umfaßt die folgenden Punkte:

- Lieferbarkeit von Anwendungsgeneratoren, mit denen die Produktivität bei der Entwicklung und Wartung von Anwendungssoftware gefördert wird.

- Vereinfachung und Standardisierung des Betriebsmilieus zugunsten einer "Applikationsmaschine", statt Vertrieb eines Rechners mit einem entwicklungsfähigen und wandelbaren Betriebssystem.

- Förderung gewöhnlicher und portabler Programmiersprachen.

- Entwicklung von Anwendungsschnittstellen zur Überschreitung von Hardware-Demarkationslinien.

Cobol und Basic als Wegbereiter

Außerordentlich bemerkenswert im Hinblick auf eine neue IBM Strategie sind die letzten drei Punkte. Im Zusammenhang mit der sich zur Zeit in den Vereinigten Staaten vollziehenden Umorganisation der Fertigungseinheiten dürfte es nun möglich sein, die Standardisierung bestimmter Entwicklungshilfsmittel und -schnittstellen zu erreichen, zumindest innerhalb ähnlicher oder verwandter Systeme. Die erwähnte Konferenz befaßte sich vor allem mit kleineren Systemen zu einem Preis von 350 000 Dollar an abwärts. In der IBM Produktpalette enthalten sind die Systeme 23, 34 und 38, das Datensystem 5280, Minicomputer der Serie/1, die unteren 4300er Maschinen, die 8100-Familie und der neue Personal Computer.

Der Trend in Richtung auf eine Vereinfachung und Standardisierung des oben erwähnten Betriebsmilieus ist eine bemerkenswerte Abkehr vom bisherigen Prinzip der IBM, dem ständig sich ändernde Betriebssysteme von hoher Komplexität zugrunde lagen.

Die Sprachen, die draußen im Feld die Wegbereiter der Kleinsysteme zu sein scheinen, sind Cobol und Basic. Beiden kommt in der Standardisierung auf den Implementierungsmedien eine bedeutende Rolle zu. Die Aufwärtsbewegung von Extended Basic von den Personal Computern aus zu größeren Systemen ist ein Beweis für den Einfluß, der von der Welt der Mikrocomputer auf die Software ausgeübt wird.

Eine zweite wichtige Überlegung bei der Wahl der Sprache ist das Query-and-file-System. Der nichthierarchischen Vorgehensweise im Zusammenhang mit relationalen Systemen wurde ein klarer Vorrang zuteil. Abfragesysteme vom SQL-Typ werden demnach mit Sicherheit im Rahmen der gesamten Softwarestrategie der IBM für deren Kleinsystemangebot intensiv gefördert.

Die allgemeinen Schnittstellennormen werden in starkem Maß durch die Evolution eines "Dialog-Managers" bestimmt. Dieses Softwareelement versucht ganz allgemein Konventionen über Bildschirmformate und -entwürfe, das Menümanagement und den Betrieb der "Help"-Funktion zu erzielen. Die Benutzer sollten erkennen, wie eine Anwendung im Dialog unabhängig von der verfügbaren Hardware gefahren werden kann. Deshalb sollten die Aufzeichnungen auf dem Bildschirm, die Cursorsteuerung, Zeilen für die Bedienerführung und Schlüssel bei Fehlern aus dem Unterprogramm (error returns) bei Systemen, gleich welcher Herkunft, ungefähr gleich erscheinen. Die Programmfunktionstasten sollten, wo immer das möglich ist, kompatibel und einheitlich angeordnet sein. Insgesamt sollten diese Ziele "noch mehr Lösungen und erhöhte Anwenderfreundlichkeit, für noch mehr Online-Anwender" ergeben.

Durch die Intersystem-Kommunikation über Standard-Schnittstellen wird die Erfassung von Daten durch ein System und ihre Verarbeitung durch einen anderen Rechner möglich oder eine Verarbeitungsfunktion in einem Rechner arbeitet mit Daten, die von einem zweiten Prozessor geliefert werden.

Im Lichte dieser Ziele ist auch die Ankündigung eines neuen PRPQ-Produkts zu sehen, des IBM 4300/SSX. Es handelt sich um ein Programmpaket, das auf DOS/VSE und zugehörigen Programmen basiert und sich besonders zur Realisierung von Konzepten eignet, die im Rahmen der verteilten Datenverarbeitung den losen und festen Verbund von Rechnern vorsehen. Das Programmpaket wird primär im Objektcode geliefert, eine Systemplanung entfällt weitgehend und daher ist weder eine Systemgenerierung noch JCL erforderlich. Schließlich ist die Codierung erprobt und im wesentlichen fehlerfrei. Mitarbeiter für Systemverwaltung und Systembedienung werden nicht gebraucht.

Ein signifikantes und überzeugendes Argument zugunsten dieses Systems als Arbeitspferd zur Anwendungsentwicklung ist die Aussicht auf eine beachtliche Reduzierung der begleitenden Dokumentation von 19 000 Seiten beim vollen DOS/VSE-System auf nur noch 2000 Seiten bei SSX/VSE.

Das System 4300/SSX ist eine Maschine, auf der die IBM sofort ihre Anwendungssoftwarestrategie einleiten kann. Sie ist auch im Sinne der neuen Zielsetzung für unabhängige Softwarehäuser attraktiv, indem diese ihre Betriebsmittel zur Programmentwicklung für IBM Hardware einsetzen können. Zur Steigerung des Interesses und des erwarteten Engagements der unabhängigen Softwarehersteller gab die IBM eine Reihe von Anreizen bekannt, von denen erwähnt seien:

- Einrichtung offizieller IBM-Kontaktstellen für Softwarehersteller zur Information über Hardware- und Softwarepläne der IBM.

- Veröffentlichung von Katalogen über die auf IBM-Rechnern laufende Anwendungssoftware unabhängiger Hersteller nach Branchen oder Funktion geordnet.

- Kostenlose Bereitstellung von Rechnern in IBM-Installationen zur Vorführung von Software eines unabhängigen Herstellers für einen potentiellen Kunden von IBM-Hardware.

- Vertriebsvereinbarungen mit IBM für die Software unabhängiger Hersteller.

- Möglichkeit von Vereinbarungen für den Vertrieb über den Einzelhandel und Distributoren.

Der explosionsartig zunehmende Endbenutzerbedarf und die noch nie dagewesene Nachfrage nach Anwedungslösungen machen die in Aussicht stehende Zusammenarbeit zwischen dem Giganten IBM und tausenden von Software-Autoren zu einen neuartigen Phänomen im Marktgeschehen.

Entnommen der COMPUTERWORLD vom 14. Dezember 1981; Autor ist Werner L. Frank, Executive Vicepresident der Informatics Inc., Woodland Hill, Kalifornien.