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24.08.1990 - 

Trennung von kommerzieller und technischer Anwendung ist überholt

IBM-Manager übt zaghafte Kritik an zweigeteilter CASE-Strategie

WHITE PLAINS/MÜNCHEN (IDG/qua) - Die von der IBM praktizierte Trennung zwischen "kommerzieller" und "technischer" Anwendungsentwicklung beruht auf nichts anderem als "Tradition". Dergestalt äußerte sich Jack Clemons, IBM-Manager für technische CASE-Lösungen, gegenüber der IDG-Schwesterpublikation Computerworld.

Hinter vorgehaltener Hand hatten Mitarbeiter des DV-Konzerns bereits Kritik an der als künstlich empfundenen Trennung der beiden Anwendungsentwicklungs-Bereiche geübt. (Siehe CW Nr. 27 vom 6. Juli 1990, Seite 6: "CASE aus IBM-Sicht"...) Erstmals meldete jetzt ein Mitglied des IBM-Managements öffentlich Zweifel am Sinn dieser Strategie an.

"Weder in der Architektur von AD/Cycle noch in der von AIX gibt es irgend etwas, das den Anwender daran hindern könnte, jede gewünschte Art von Anwendung in jeder der beiden Umgebungen zu entwickeln", konstatiert Clemons. Was die beiden Entwicklungsplattformen trenne, sei lediglich die "Überlieferung": Traditionell orientierten sich die IS-Abteilungen am Mainframe, die Kunden aus dem technischen Bereich hingegen an den Rechnern der Workstation-Klasse und am Betriebssystem Unix.

Diese Traditionslinien, so der IBM-Manager, vermischen sich allmählich. Laut Clemons reagiert der Hersteller auf die veränderte Sachlage, indem er "den Kunden erlaubt, Applikationen im IS-Bereich oder technische Anwendungen auf beiden Plattformen zu entwickeln."

Die von Clemons beschriebene Strategie bedeutet eine 180-Grad-Wendung gegenüber dem, was die IBM noch im Juni dieses Jahres bei der offiziellen Inbetriebnahme ihres Technical CASE Competency Center in La Gaude bei Nizza propagierte: Bislang lautete die Botschaft, AD/Cycle solle die Entwicklung "kommerzieller" Anwendungen unterstützen, während AIX dazu diene, technische Applikationen zu erstellen. Offiziell hat sich an dieser Lesart auch noch nichts geändert. Dazu Rüdiger Spies, Mitarbeiter des AIX Kompetenz-Zentrums in München: "Wäre diese Strategie aufgehoben, so hätte es ein Announcement gegeben. Als ehemaliger Entwickler würde ich das allerdings für sinnvoll halten."

Das Top-Management des blauen Riesen hat diese Strategie offensichtlich denn auch schon zu Grabe getragen. Wie Insider berichten, wurde das im Zusammenhang mit der AIX-Umgebung geprägte Schlagwort "Technical CASE" IBM-intern bereits durch das neutrale "AIX CASE" ersetzt. Demnächst werde auch der Name des südfranzösischen Entwicklungszentrums diesem Sinneswandel Rechnung tragen.

Als Begründung für diese strategische Kehrtwendung führt Clemons eine verstärkte Marktorientierung der IBM an.

"Noch gibt es keine Kunden, die innerhalb von AD/Cycle oder unter AIX groß angelegte Entwicklungen in Arbeit haben," erläutert der CASE-Spezialist. "Also werden wir die Systeme installieren, Brücken zwischen den beiden Umgebungen bauen und es dann dem Markt überlassen, wohin er uns führt."

Über die Details der Interoperabilität zwischen dem MVS-basierten AD/Cycle und dem Unix-Derivat AIX bewahrt IBM bislang Stillschweigen. Auch Clemons läßt offen, ob der Hersteller ein eigenes AIX-Repository entwickeln oder aber den AIX-Entwicklern den Zugriff auf eine am Mainframe betriebene Meta-Datenbank ermöglichen wird. Vorstellen kann sich der IBM-Manager eigenen Aussagen zufolge auch eine Kombination von beiden Techniken.

Besser AIX als nix!

Was ist nur los mit Mother Blue? Zuerst holt sie ihr ungeliebtes Kind AIX aus dem Keller und spendiert ihm nicht nur ein nagelneues Kleid, sondern auch ein hübsches RISC-System zum Spielen. Und jetzt will sie ihrem Aschenputtel sogar erlauben, sich mit "richtiger" Anwendungsentwicklung aufzuputzen! Vielleicht sind einige Schuhe für die stolze Schwester MVS einfach zu klein, für das Hätschelkind OS/2 hingegen zu groß.

Außerdem hegt der Prinz oder vielmehr der gerade mündig gewordene König Kunde nun einmal eine Vorliebe für Unix und seine Derivate. Das gilt keineswegs nur für die technischen Branchen; das gilt vor allem für den öffentlichen Bereich, aber zunehmend auch für die ganz normalen "kommerziellen" Anwender und nicht zuletzt für die MVS-User par excellence, nämlich Banken und Versicherungen.

Schließlich gibt es nun wirklich keinen vernünftigen Grund, Anwendungssoftware unter MVS zu entwickeln. OS/2 hingegen hat sich bei den Software-Architekten bislang einfach nicht durchgesetzt. Die IBM wäre also töricht, wollte sie den größten Teil ihrer Kunden davon abhalten, AIX für die Anwendungsentwicklung einzusetzen. Der Prinz könnte womöglich feststellen, daß andere Mütter auch schöne Töchter haben.