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15.04.1988 - 

Supercomputing-Programm wirft erhebliche Realisierungsprobleme auf:

IBM muß zwischen TCP/IP und OSI entscheiden

MÜNCHEN/STUTTGART - Mit ihrer im November letzten Jahres angekündigten Supercomputing-Initiative für Europa tut sich die IBM schwer: Offen sind derzeit nicht nur der Teilnehmerkreis und die Projekte, sondern auch - da das Vorhaben ohne Vernetzung wenig Sinn macht - die Netzinfrastruktur und die zugrundeliegenden Standards.

Michael Armstrong, Big Blues Statthalter in der Europazentrale in Paris, konnte sich der Schlagzeilen sicher sein, als er im November letzten Jahres ein 40 Millionen Dollar schweres Programm für die europäische Supercomputing-Forschung ankündigte. Innerhalb der nächsten zwei Jahre, so hieß es, wollte IBM ein Vorhaben unterstützen, wie es ähnlich bereits in den USA angelaufen war: Die National Science Foundation (NSF) hatte einen großangelegten Supercomputing-Verbund initiiert, der 13 Universitäten und Forschungseinrichtungen umfaßt und der Hochgeschwindigkeits-Datenverarbeitung sowie -Vernetzung neue Impulse geben soll. Zu den Auftragnehmern gehören unter anderem auch IBM und MCI.

Das europäische Pendant dazu wollte IBM in eigener Regie betreiben und auf diese Weise gleich mehrfach profitieren. Offiziell hieß es bei der Ankündigung, das Projekt diene dazu, die europäische Supercomputing-Forschung gegenüber den USA nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Die Profilierung als Förderer der europäischen Wissenschaft ist freilich nur ein angenehmer Nebeneffekt; im Vordergrund steht vielmehr, sich über den Universitäts- und Forschungsbereich schnell Know-how zu verschaffen, um gegen die etablierte Konkurrenz von Control Data und Cray verlorenen Boden gut zu machen - und dies hauptsächlich mit Blickrichtung auf die kommerziellen Anwender.

Die Ausbeute des Kooperationsvorhabens ist bis heute allerdings gering, obwohl der Marktführer dem Vernehmen nach mit einem 50prozentigen Rabatt auf die Vektoreinrichtung der 3090-Reihe winkt. Mit

Ausnahme des französischen Centre National Universitaire Sud de Calcul (CNUSC) in Montpellier, einem der IBM seit langem eng verbundenen Institut, gibt es noch keinen Partner.

Darüber hinaus steht eigentlich noch nichts fest, wie Wolf Mantke als Sprecher der IBM Deutschland einräumt: "Das ist eine der Ankündigungen, bei der man sagt, man hat eine Absicht, und man gibt diese Absicht bekannt, damit nicht im vorhinein Spekulationen weltweit um die Erde laufen. Deswegen haben wir und unsere Kollegen in den USA den Weg gewählt, bekanntzugeben, daß man so eine Absicht hat, ohne daß schon konkrete Projekte laufen." Man rechne damit, daß die ersten Verträge jedoch bis Mitte des Jahres unter Dach und Fach sind, und dann auch die entsprechenden Forschungsarbeiten starten können.

Eines der Kernthemen des Programms ist die Vernetzung von Hochgeschwindigkeitsrechnern und hier liegen auch einige der Probleme, denen sich der Marktführer bei der Realisierung gegenübersieht. Ursprünglich war nämlich geplant, die fünf Hauptpartner des Projekts sowie mindestens 25 weitere Teilnehmer über das in den letzten vier Jahren von IBM gesponserte European Academic Research Network, kurz Earn, miteinander zu vernetzen, und so beide Initiativen miteinander zu verbinden. Earn - so die Auflage der europäischen Postverwaltungen für den weiteren Betrieb - soll von diesem Jahr an als privates Paketvermittlungsnetz auf X.25-Basis laufen und Zug um Zug bis 1989 von den IBM-eigenen Protokollen auf OSI migriert werden.

Die OSI-Standards haben derzeit freilich einen Nachteil: Sie sind im Unterschied zu den in den USA für das NSF-Netz verwendeten TCP/IP-Protokollen nicht auf den Hochgeschwindigkeitsbereich ausgelegt beziehungsweise es fehlen die entsprechenden Normen für diesen Bereich. Damit steht die Earn-Migration, die neben anderen Aktivitäten dokumentieren soll, daß IBM es mit seinem Bekenntnis zur Open Systems Interconnection ernst meint, der Hochgeschwindigkeitsvernetzung via Earn diametral entgegen.

Im Januar dieses Jahres hatte IBM bereits im Forschungslabor Rüschlikon bei Zürich einen Versuchsballon in Richtung TCP/IP gestartet und vorgeschlagen, den Earn-Betrieb künftig an der Arpanet-II-Protokoll-Linie zu orientieren. Kommentar eines der geladenen Teilnehmer: "Das verstößt eigentlich gegen die geschäftlichen Interessen von IBM und ist nur zu verstehen, wenn IBM glaubt, daß man da vorübergehend eine Störwirkung in Richtung OSI erzielen kann."

Die Meinungen über das weitere Vorgehen in Sachen Supercomputing und Vernetzung sind freilich auch innerhalb der IBM geteilt, wobei auch die Tatsache eine Rolle spielt, daß sich auf diesem Sektor in den USA und in Europa unterschiedliche Standards herauskristallisieren. Technisch sei es kein Problem, sofort mit dem Programm zu starten, so ist etwa aus dem Heidelberger Netzwerkzentrum des Marktführers zu hören, wenn man sich an dem NSF-Modell orientieren würde und dieses eins zu eins in Europa übernehme. Allerdings sei das dann nicht mehr unbedingt eine eigenständige europäische Initiative der IBM - und zudem geriete der Marktführer wiederum in Konflikt mit ähnlich gearteten Vorhaben auf EG-Ebene wie beispielsweise Cosine.