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27.01.2014 - 

Experton kommentiert

IBM und Lenovo - Risiken und offene Fragen

Andreas Zilch ist als Vorstandsmitglied der Experton Group verantwortlich für den Bereich Consulting und Advisory Services. Sein Schwerpunkt liegt auf Anwender- und Anbieterberatung zu den Themen IT-Architektur und -Infrastruktur, Green IT, Cloud Computing, Client of the Future und allgemein in IT-Beschaffungs- und -Verhandlungsstrategien.
Holm Landrock ist Senior Advisor Experton Group.
Aus Sicht der Experton-Analysten ist IBMs Trennung vom x86-Server-Geschäft zwar strategisch richtig, aber auch riskant.
Ob Geschäftskunden volumenträchtige Service- und Wartungsverträge aus China akzeptiert werden, muss sich erst zeigen.
Ob Geschäftskunden volumenträchtige Service- und Wartungsverträge aus China akzeptiert werden, muss sich erst zeigen.
Foto: Realisature 123D/Shutterstock.com

Etwas überraschend, nach dem starken Produkt-Announcement zur x-series in der letzten Woche, aber insgesamt erwartet, hat IBM den Verkauf der x86-Sparte an Lenovo angekündigt.

Warum gerade jetzt? Der Zeitpunkt steht sicher im Zusammenhang mit den aktuellen, als enttäuschend bewerteten Quartalszahlen, insbesondere des Hardware-Bereiches, von IBM. IBM hatte den Verkauf sicher schon länger vorbereitet und kommuniziert ihn jetzt, um die Finanzanalysten und damit die Börse freundlich zu stimmen.

Insgesamt passt das Disvestment sehr gut in die IBM-.Strategie - Investitionen werden insbesondere im Software-Bereich sehr kontinuierlich und erfolgreich mittels zahlreicher Akquisitionen vorgenommen. Dabei schlägt IBM auch in Bereichen zwischen Hardware und Software zu, wie es am Beispiel Softlayer kürzlich eindrucksvoll bewiesen wurde. Vom margenschwachen, zu Commodity gewordenen Hardware Bereichen trennt sich IBM ebenso konsequent (Printer zu Lexmark, Desktops / Notebooks zu Lenovo). Beide Beispiele gelten als Erfolgsgeschichten, die neuen Besitzer konnten sich jeweils sehr gut in ihren Marktsegmenten etablieren. Insbesondere Lenovo konnte die Erwartungen zu Innovationen, Qualität und Branding deutlich übertreffen.

IBM setzt mit diesem Schritt seine Strategie der Umwandlung des Konzerns in ein Dienstleistungsunternehmen fort, liefert aber auch widersprüchliche Signale, denn erst am 16. Januar 2014 wurde eine neue x86-Systemarchitektur von IBM angekündigt.

Die Verlagerung der x86-Architekturen und -Technologien zu Lenovo als Hersteller klingt zunächst verlockend, handelt es sich doch immer mehr um ein Geschäft auf der Basis von standardisierten Komponenten.

Zum anderen zerteilt IBM hier sein Portfolio für Geschäftskunden. IBM muss also umgehend Pakete entwickeln, mit denen die künftigen "Lenovo-Server" als Appliances im Portfolio auftauchen. Natürlich bei vergleichbaren Preisen für die Hardware. Die kostenintensive Weiterentwicklung von Architekturen soll jedoch, der Ankündigung zufolge, bei IBM bleiben.

Das Server Business ist aber aus Sicht der Experton Group nicht unbedingt mit den vorgenannten Beispielen vergleichbar - da deutlich komplexer und auch wertschöpfender. Cisco hat in den letzten Jahren bewiesen, dass man auch als Newcomer in diesem Segment erfolgreich sein kann und sicher auch Geld verdienen kann. Warum trennt sich also IBM von einem Bereich, der immer noch für die Kunden und Partner sehr wichtig ist und in dem IBM auch partiell technologisch führend war und ist?

Eine nicht unerhebliche Rolle spielen x86-basierende Systeme inzwischen im Supercomputing. Wird durch den Verkauf der x86-Produkte IBMs an Lenovo ein neuer Hersteller in der Supercomputing-Landschaft auftauchen? Dementsprechend würde auch IBMs Bedeutung im Supercomputing sinken - voraussichtlich auf den Anteil, den IBM heute mit Power-basierenden Systemen in der Top-500-Liste bzw. auch in der Green-500-Liste hält.

Vielleicht antizipiert IBM mit diesem Schritt auch ein aggressives Cloud-Szenario: Wenn Cloud Computing voll, dann wird das x86-Geschäft ein Nischengeschäft, für kleinere Unternehmen, oder aufgrund der Migration zu DC-Mega-Factories und neuem Chipdesign zu einem auslaufenden Geschäft.

IBM ist noch immer ein anerkannter Technologie-Anbieter, und die x-Series bildet z.B. eine Basis für die erfolgreichen und wichtigen PureSystems. IBM muss hier sehr schnell und transparent erklären, wo eigentlich die Schnittstelle zwischen "Commodity" und "Value-Add / High Value" im Server-Umfeld für Kunden zu sehen ist. Gerade bei den "Converging Systems" wird von allen führenden Herstellern die Integration und Optimierung des "eigenen" Stacks proklamiert. Dies sieht IBM auf einmal (komplett) anders? Dies ist zumindest sehr erklärungsbedürftig.

Auch wird es sehr spannend sein, wie IBM in Zukunft ihre DataCenter-Infrastruktur-Produkte insgesamt positioniert. Werden z-series und p-series jetzt aggressiv gegen x86-Server positioniert? Wohl kaum, da chancenlos - aber die sehr gute Integrationsstory aller drei Plattformen ist jetzt erst einmal obsolet. Positiv ist die schon lange etablierte sehr gute Zusammenarbeit mit Lenovo zu bewerten - die Situation bei einem Verkauf an Wettbewerber wäre wesentlich komplizierter.

IBM muss jetzt aber sehr schnell die Strategie erklären - wird Lenovo der einzige bzw. primäre Partner für x86-Server, verfolgt man eine Dual-Vendor-Strategie oder ist man "komplett offen"? Jede nicht eindeutige Aussage zu dieser strategischen Ausrichtung ist negativ für Kunden, Partner und eigene Mitarbeiter. Weiterhin ist dann auch hier die Technologie-Schnittstelle und der USP von IBM Lösungen zu klären und zu erklären.
Fakt ist jedoch, dass die Trennung vom puren "blechbasierten" Servergeschäft nur konsequent im Rahmen der seit Jahren eingeschlagenen Gesamtstrategie von IBM erscheint. Die Konzentration der Geschäftsstrategie folgte dabei dem Ziel der Margen- bzw. Profitmaximierung, die vom Hardware- über das Software- bis hin zu Service-Geschäft steigt. Etwas gefährlich ist die Strategie hingegen unter dem Gesichtspunkt der Kundenwirkung, denn künftig wird IBM nicht mehr als integrierter Fullservice-Dienstleister auftreten können, der nicht selten das "Blechgeschäft" in Kombination mit der Middleware als Türöffner für lukrativere Geschäfte nutzen konnte. Alles hat demnach seinen Preis, so auch die proklamierte Offenheit, die zu Lasten des kundenseitig geschätzten "alles aus einer Hand"-Prinzips geht.

Druck auf Wettbewerber steigt

Insgesamt bringt die Aktion viel Druck auf den x86- und DC-Infrastruktur-Markt. Lenovo meint es wohl ernst und wird zum wesentlichen Spieler in diesem Umfeld, die Chinesen insgesamt (auch Huawei) zu "global Playern" im IT-Markt.

Der Lenovo-Erfolg im Bereich der PCs und Laptops muss sich nicht wiederholen, denn hier geht es um eine Spaltung im Bereich der Enterprise-Kunden. Zeigen muss sich auch, ob von den Geschäftskunden volumenträchtige Service- und Wartungsverträge aus China akzeptiert werden.

Dass solche Verkäufe vom Markt missverständlich rezipiert werden und mit einem erheblichen Image-Verlust verknüpft sein können, zeigt die jüngste Geschichte. Die Ankündigung Léo Apothekers, Teile des Hardware-Geschäfts von HP auszugliedern, brachte dem IBM-Rivalen ernste Schwierigkeiten. HP muss vor dem Hintergrund der zurückliegenden Zickzack-Strategie seine Gesamtposition überdenken - IBM strategisch zu folgen, wäre mittlerweile kaum noch möglich - aber wie ist die neue Position?

Cisco und Dell bekommen mit Lenovo einen neuen starken Wettbewerber, aber auch ein Zeitfenster von ein bis zwei Jahren, um eigene USPs weiter zu entwickeln. Im Fall Cisco ist das nach aktueller Verkündung ganz klar die Abkehr von der Offenheit der Software Defined Networks (SDN). Was ist die Position / Positionierung von Fujitsu in diesem jetzt sehr dynamischen Umfeld - aktuell sind hier keinerlei wirklich strategische Aktivitäten zu erkennen. (rb)

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