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20.08.1999 - 

Im PC-Geschäft wurden Milliarden verpulvert

IBMs Bilanzen verdecken Strukturprobleme

MÜNCHEN (CW) - Nach ihrer existentiellen Krise zu Beginn der 90er Jahre hat sich die IBM in den vergangenen Geschäftsjahren eindrucksvoll zurückgemeldet. Louis Gerstner, Chairman und Chief Executive Officer (CEO), freut sich vor allem über das gutgehende Software- und Servicegeschäft. Im Hardware-Business jedoch dümpelt das Unternehmen immer noch vor sich hin.

Die Zahlen des zweiten Quartals 1999 übertrafen alle Erwartungen: IBM erzielte einen Nettoprofit von 2,39 Milliarden Dollar oder 91 Cent je Aktie. Das entspricht einer Steigerung von 65 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Finanzanalysten an der Wallstreet hatten mit durchschnittlich 88 Cent je Aktie gerechnet. Der Umsatz belief sich auf 21,9 Milliarden Dollar - ein Plus von rund 16 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 1998.

Beim Ertrag profitierte IBM zwar von Sondereinnahmen in Höhe von 700 Millionen Dol- lar, die unter anderem aus dem Verkauf der Global-Network-Division an AT&T resultierten. Doch auch ohne dieses Zubrot lag der Konzern über den bereits hohen Prognosen der US-Ana- lysten.

Mit 11,1 Milliarden Dollar entfiel knapp mehr als die Hälfte des Umsatzes auf das florierende Geschäft mit Software und Services, das im Vergleich zum Vorjahresquartal um 9,1 beziehungsweise 14,6 Prozent wuchs. IBM fuhr hier einen Gewinn von rund 1,8 Milliarden Dollar vor Steuern ein. Deutlich schwächer fiel die Bilanz im Hardware-Umfeld aus, wo mit Servern, PCs, Speichertechnik und Mikroelektronik zwar knapp 9,4 Milliarden Dollar umgesetzt (plus 21 Prozent), aber weniger als 500 Millionen Dollar erlöst wurden.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich, daß Big Blue hier die seit Jahren schwelenden Brandherde noch immer nicht gelöscht hat. Nennenswertes Wachstum erzielte der Konzern aus Armonk nahezu ausschließlich in der PC-Division Personal Systems, wo die Verkäufe um rund 50 Prozent auf ein Volumen von zirka 3,88 Milliarden Dollar stiegen. Gerade in diesem Wachstumsgeschäft steckt der Konzern jedoch tief in den roten Zahlen. Ein Defizit von 153 Millionen Dollar vor Steuern war im vergangenen Quartal zu verkraften - zwar ein besseres Ergebnis als im vergleichbaren Vorjahresviertel (minus 436 Millionen Dollar), für viele Beobachter dennoch eine Enttäuschung.

Daß im vergangenen Quartal noch immer kein Profit heraussprang, überraschte niemanden. Allerdings hatten die meisten Analysten mit einem Defizit von lediglich 70 bis 80 Millionen Dollar gerechnet. Die Voraussetzungen wären gut gewesen: Zum PC-Business von IBM gehört auch der Geschäftsbereich der Netfinity-Server - eine Perle im Hardware-Angebot des Unternehmens. Hier legte Big Blue um stolze 72 Prozent zu. Die Nachfrage nach Notebooks der "Thinkpad"-Linie war gar so stark, daß Lieferprobleme aufkamen. Insgesamt erwirtschaftete IBM nicht einmal die Hälfte der Einnahmen von knapp vier Milliarden Dollar im reinen Desktop-Geschäft; dennoch war das Fiasko groß genug, um den gesamten Personal-Systems-Bereich erneut ins Minus zu ziehen.

Unternehmenslenker Gerstner zeigte sich trotzdem von dem Ergebnis der PC-Division angetan. Gegenüber Wallstreet-Analysten äußerte er, man müsse den "gesamten Umsatzstrom" betrachten, wenn man eine PC-Bilanz ziehen wolle. Dazu zählten auch der Servicesektor sowie Finanzierungseinnahmen. Wer die Rechnung so aufstelle, werde unter dem Strich schwarze Zahlen vorfinden. Die PC-Produktion stehe als solche nicht zur Disposition, und auch an der Herstellung von Consumer-PCs wolle IBM festhalten, weil ein Rückzug zu Akzeptanzverlusten im Profimarkt führen könne.

Ärgerlicher als die wiederholte Schlappe im PC-Business dürften für den IBM-Sanierer die sich Jahr für Jahr wiederholenden Rückschläge im Server-Segment sein - in dem Markt also, der dem Konzern zu seiner einst so einmaligen Stellung im Computermarkt verholfen hat. Seit 1990 gelang es einem Bericht des Nachrichtendienstes "Computergram" zufolge lediglich einmal, nämlich 1995, in der Jahresbilanz einen gestiegenen Umsatz mit Servern nachzuweisen.

Immerhin wuchs IBMs Server-Umsatz im zweiten Quartal 1999 wieder um drei Prozent bei einem insgesamt positiven Ergebnis. Dabei fiel jedoch der Ertrag vor Steuern um 6,4 Prozent geringer aus als im Berichtszeitraum 1998. Trotzdem fuhr IBM hier einen erklecklichen Gewinn von 526 Millionen Dollar ein - der Mainframe erweist dem Konzern dabei als Cash-cow weiterhin gute Dienste.

Gerstner verwies anläßlich der Bilanzpräsentation explizit auf den Erfolg mit Großrechnern der System/390-Reihe. Dabei war jedoch weniger von Stückzahlen als pauschal von abgesetzter "Computing-Power" und von verkauften MIPS die Rede; offenbar verdient IBM vor allem an der Ablösung bestehender Systeme, macht aber wenig Geschäft mit Neukunden.

Positiv wirkte sich der Verkauf erster G6-Modelle aus. Investment-Broker von Merrill Lynch berichten, daß der S/390-Markt im zweiten Quartal um rund zwölf Prozent zugelegt habe - im laufenden dritten Quartal werde der Mainframe-Umsatz aber wohl wieder nachgeben. Das liege unter anderem an den guten Vergleichszahlen des Vorjahrs: Damals hatten die neu eingeführten G5-Modelle überdurchschnittlichen Absatz gefunden.

Der Hersteller nimmt in seiner Quartalsrückschau wie immer keine Stellung zu den Ergebnissen einzelner Server-Sparten, doch im vergangenen Jahr berichteten die Analysten von Merrill Lynch, der Mainframe-Umsatz sei trotz deutlich gestiegener MIPS-Verkäufe und ordentlicher Gewinne um rund zehn Prozent gefallen. Ob das Geschäft in diesem Jahr erneut rückläufig sein wird, ist offen - Ertrag dürfte es IBM aber in jedem Fall einbringen.

Härtere Zeiten macht das Unternehmen indes mit seinen mittleren Computersystemen der Reihen RS/6000 und AS/400 durch. Immerhin zeigte die jüngste Bilanz, daß es zumindest bei den Unix-Servern Marke RS/6000 langsam wieder aufwärts geht, wenngleich IBM dort noch lange nicht am Ziel ist. Das Unternehmnen konnte nach Analystenschätzungen um rund acht Prozent zulegen - Vergleichsmaßstab ist jedoch das zweite Quartal 1998, in dem der Konzern ein äußerst schwaches RS/6000-Geschäft beklagte.

Die Zukunft der Unix-Linie, die im vergangenen Jahr deutlich hinter leistungsstärkere Modelle von Hewlett-Packard (V-Klasse) und Sun Microsystems (Enter- prise 6500 und 10 000) zurückgefallen war, hängt stark an der neuen Reihe "S80", die im Oktober dieses Jahres herauskommen soll. Es handelt sich dabei um eine SMP-Maschine (SMP = Symmetrisches Multiprocessing) mit 24 Power-PC-Prozessoren der neuen 64-Bit-Pulsar-Serie.

Ihrer frühzeitigen Ankündigung dieser Rechner hatte Big Blue im abgelaufenen Quartal den relativen Erfolg der weniger leistungsstarken Modelle "S70" und "S7 Advanced" zu verdanken: IBM versprach den Kunden günstige Upgrade-Konditionen so- wie die Möglichkeit, die Aufrüstung durch einen einfachen Austausch der Zentraleinheit zu realisieren.

Auf den S80-Prozessor macht das Unternehmen unter anderem deswegen neugierig, weil es angeblich möglich sein wird, die Rechenkapazität jedes Chips nahezu vollständig auszunutzen. Normalerweise geht die Prozessorleistung in SMP-Rechnern aufgrund interner Engpässe deutlich herunter. IBM habe das Problem durch Verbesserungen des Betriebssystems AIX, Release 4.3.3, sowie eine breitbandigere Bus-Struktur gelöst.

Während es mit der RS/6000 aufwärts geht, dürfte den Strategen des weltweit größten IT-Anbieters die AS/400-Produktlinie Kopfzerbrechen bereiten. Gehörte dieser Geschäftszweig einstmals zu den wachstumsträchtigsten und profitabelsten Sparten des Unternehmens, so blieb Big Blue im zweiten Quartal wie in den Berichtszeiträumen zuvor hinter den gesteckten Zielen zurück.

Ist die AS/400 jetzt wirklich am Ende?

Nachrufe auf die proprietäre Midrange-Maschine hat es schon viele gegeben, doch bisher war es IBM stets gelungen, alle Zweifel zu zerstreuen. So wurde die AS/400 mehrfach modernisiert. Sie enthält heute eine Java Virtual Machine, einen Embedded Java Interpreter sowie einen PC-Server, mit dem AS/400-Anwender nicht nur OS/400-, sondern auch Windows-NT-Applikationen fahren können.

Ungeachtet dieser Maßnahmen scheint die Maschine nun doch definitiv ihren Zenit überschritten zu haben. In dem Maße, wie junge Informatikabsolventen, die Unix beziehungsweise Linux oder Windows NT beherrschen, in die Unternehmen drängen, gerät die AS/400 aufs Abstellgleis.

Ebenfalls negativ wirkt sich dabei aus, daß die unabhängige Software-Industrie sich ganz auf Windows NT und Unix zu konzentrieren beginnt, dem AS/400-Markt also allmählich den Rücken kehrt. Längst überlegen auch in Deutschland reine AS/400-Häuser wie Soft M oder Brain International, wie sie aus der proprietären AS/400-Sackgasse herauskommen können.

Die Midrange-Plattform litt im abgelaufenen Quartal auch darunter, daß der Markt für betriebswirtschaftliche Standardsoftware angesichts der Jahr-2000-Problematik weltweit rückläufig ist. Die AS/400 zählt zu den Maschinen, die klassischerweise in diesem Bereich eingesetzt werden. Vor allem der Umsatz mit den margenträchtigen High-end-Maschinen geriet deshalb unter Druck. Diesen Ausfall konnte Big Blue mit den besser verkäuflichen Einstiegsmodellen "150 Entry" und "170 Invader" nicht auffangen.

Neben Servern und PCs bilden Mikroelektronik und Speichertechnologien das dritte Standbein der IBM im Hardwaregeschäft. Zwar legte Big Blue beim Umsatz um rund zehn Prozent auf gut drei Milliarden Dollar zu, doch blieb lediglich ein Gewinn von 130 Millionen Dollar vor Steuern übrig - im zweiten Quartal des Vorjahrs waren es noch 281 Milliarden Dollar gewesen. IBM kündigte wohl auch deshalb an, sich aus dem schwierig gewordenen Geschäft mit Speicherbausteinen zurückzuziehen.

Anstelle von DRAM-Chips soll nun der schnell wachsende Markt für hochintegrierte Prozessoren ("Systems on a Chip") adressiert werden, von dem sich Big Blue weitaus höhere Margen verspricht. Binnen der kommenden 18 Monate wird sich die im französischen Essonnes beheimatete Chipfabrik in einer Kooperation mit der Siemens-Tochter Infineon Technologies voll auf das neue Marktsegment konzentrieren.

Seine 50prozentige Beteiligung am DRAM-Joint-venture Dominion Semiconductor will Big Blue zum 31. Dezember 2000 an den Partner Toshiba abgeben. Dagegen sollen die Anstrengungen bei der Entwicklung CMOS-basierter Logikbausteine verstärkt werden: Ein diesbezügliches Joint-venture mit Cirrus Logic namens Micrus will IBM künftig allein betreiben.

Abgesehen von den Prozessorinitiativen, strebt Big Blue generell eine internationale Führungsposition als Lieferant von Rechnerbausteinen an. Darauf deutet insbesondere ein Lieferabkommen mit Dell Computer hin, in dessen Rahmen die Armonker über sieben Jahre Festplattenlaufwerke, Netzadapter, Monitore und andere Elektronikkomponenten im Wert von insgesamt 16 Milliarden Dollar liefern sollen.

IBM sieht goldene Zukunft im OEM-Geschäft

Dem Deal vorausgegangen war im vergangenen Jahr die Gründung einer unternehmensweiten Technologiegruppe, deren Auftrag lautete, das gesamte Angebot an Netzhardware, Speichertechnologie, Druckern und Mikroelektronik zu sondieren, um es im Rahmen von OEM-Partnerschaften vermarkten zu können. Verkäufe als Original Equipment Manufacturer hatten der IBM bereits 1998 rund acht Prozent des Gesamtumsatzes von 81,7 Milliarden Dollar in die Kassen gespült - und das Geschäft mit Großabnehmern wächst unverhältnismäßig schnell. Auch mit dem taiwanischen PC-Hersteller Acer unterhält Big Blue ein milliardenschweres Abkommen, in dessen Rahmen die Inselchinesen unter anderem Festplatten sowie Techniken für die Display-Produktion beziehen.

Unangenehm aus Sicht von IBM ist die Frage, warum im Laufe der letzten Dekade trotz direkten Zugriffs auf hochwertige Basistechnologien aus eigener Produktion im PC-Geschäft mehrere Milliarden Dollar verlorengingen. Offenbar beherrscht das Unternehmen weder den Assemblierungs- noch den Logistikprozeß ähnlich gut wie die Wettbewerber Compaq oder Dell. Wohl auch aufgrund dieser Tatsache reißen die Diskussionen nicht ab, ob und wann sich IBM aus dem PC-Geschäft zurückziehen wird.