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12.10.1990 - 

Insider warten auf Shared Expanded Storage und Fixed Block Architecture

IBMs ESA/390-Ankündigung zeigt allenfalls die Spitze des Eisbergs

MÜNCHEN- Die kürzlich vorgestellte /390-Architektur der IBM birgt nach Ansicht einiger Software-Anbieter Möglichkeiten, die mit der verfügbaren Systemsoftware nicht ausgeschöpft werden können. Deshalb, so prophezeien Branchen-Insider, stehen den IBM-Kunden in Kürze weitere Neuerungen ins Haus.

Das IBM-Announcement vom 5. September dieses Jahres für die als "Quantensprung in der Informationstechnik" gepriesene Architektur verlief für viele IBM-Kenner enttäuschend. So blieb der Hersteller den Software-Anbietern wieder einmal die Spezifikationen des AD/Cycle-Informationsmodells schuldig. "Jeder redet über das Repository, aber niemand weiß, wie zum Teufel es strukturiert ist", beschreibt Saverio Merlo, Vice President Marketing der Boole & Babbage Europe, die Stimmung in der Branche.

Andere Produktneuheiten wurden lediglich inoffiziell angekündigt: Dieter Wollschläger, Leiter der Abteilung Anwendungsarchitekturen bei der Stuttgarter IBM Deutschland GmbH, nutzte die Tagung der German Unix Users Group, um eine AIX-Ausführung des Transaktionsmonitors CICS sowie ein DB2-kompatibles relationales Datenbank-Management-System für das IBM-eigene Unix-Derivat in Aussicht zu stellen.

Trotzdem hörte die Branche genau hin, als Mother Blue ihre aktuellen Zukunftsvisionen ausbreitete "Bei dieser neuen Architektur geht es um mehr als nur um eine größere Maschine", erläutert Merlo. "Vielmehr will die IBM ihren Marktanteil im OLTP-Sektor steigern."

Die Escon-Architektur (vergleiche CW Nr. 37 vom 14. September 1990, Seite 2: "ESA/390: Migrationshilfe...") ermögliche

es, die Rechnerleistung von Multiprozessor-Systemen linear zu steigern - ein Problem, das Tandem bereits gelöst habe.

Die Anpassung der Software an das neue Hardwarekonzept stehe allerdings noch aus, bemängelt der aus Italien stammende Manager des europäischen Systemsoftware-Anbieters :"Eigentlich sollte man erwarten, daß es künftig neue Versionen von IMS/DC und CICS geben würde, die diese Architektur nutzen. Diese Ankündigungen blieben jedoch aus."

Auch Jeffrey Buzon, Senior Vice President der BGS Systems mit Sitz in Waltham/Massachusetts, äußert die Ansicht, die Ankündigung vom September sei "noch nicht das vollständige Announcement" gewesen. Wie der Software-Experte von der amerikanischen Ostküste feststellt, gibt der Branchenprimus seine Strategien oft nur scheibchenweise preis: "IBM verfolgt bereits seit einigen Jahren die Politik, keine Produkte anzukündigen, wenn diese andere Produkte obsolet machen könnten, die die Kunden möglicherweise erst vor einer Woche gekauft haben."

Vielmehr mache die IBM bisweilen Ankündigungen, ohne sofort alle Funktionen der neuen Systeme zu nennen. "Dann wartet sie sechs Monate", fährt Buzon fort, "vielleicht auch ein Jahr oder anderthalb, bis die Kunden, die kurz vor der Ankündigung gekauft hatten, Nutzen aus ihren Systemen ziehen konnten."

Dieser These schließt sich Merlo an: "IBM kann es sich nicht leisten, eine knallharte Kehrtwendung in Richtung auf eine neue Architektur zu machen, weil dadurch die Software-Investitionen der Kunden hinfällig würden." Insofern werde der Hersteller voraussichtlich bald weitere Softwareprodukte ankündigen, um diejenigen Funktionen der /390-Architektur zu unterstützen, die heute noch nicht genutzt werden können.

Common Clock scheint keinen Sinn zu ergeben

Jeffrey Buzon wagt bereits Prognosen darüber, um welche Art von Produkten es sich dabei handeln werde. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, von mehreren Rechnern gemeinsam auf den Erweiterungsspeicher zugreifen zu können (Shared Expanded Storage) "Diese Ankündigung würde den Wert der vorhandenen 3090-Systeme mindern", konstatiert der Amerikaner, "deshalb will IBM das heute wohl noch nicht tun."

Für seine These kann Buzon eine Reihe von Indizien ins Feld führen: Unter anderem würden künftig alle IBM-Rechner mit demselben "Pulsschlag" (Common Clock) arbeiten, was derzeit keinem konkreten Zweck zu dienen scheine, aber für einen gemeinsamen Erweiterungsspeicher unabdingbar sei. Außerdem reiche der gemeinsame Zugriff auf die Direct Access Storage Devices (DASD) einfach nicht aus, um die /390-Architektur auszunutzen.

Darüber hinaus könnten mit Hilfe des gemeinsamen Erweiterungsspeichers, so Buzon, viele der DASD-Probleme gelöst werden, mit denen sich etwa jeder fünfte MVS-Anwender herumzuschlagen hätte. Was den Zeitpunkt des erwarteten IBM-Announcements angeht, will der Branchenkenner aus Massachusetts sich noch nicht festlegen:" Ich erwarte, daß das irgendwann im Laufe der nächsten beiden Jahre angekündigt wird."

Derzeitiges Record-Format schmälert den Durchsatz

Saverio Merlo teilt auch in diesem Punkt die Einschätzung des BGS-Managers: "Da gibt es überhaupt keine Frage; der gemeinsame Erweiterungsspeicher wird kommen. Wenn sich ein Sysplex wie eine einzelne Maschine verhalten soll, dann muß IBM eine solche Funktion zur Verfügung stellen."

In einem zweiten Punkt ist sich Buzon eigenen Aussagen zufolge ebenso sicher: In absehbarer Zeit werde IBM auch eine Änderung beim Disk-Recording bekanntgeben. Das derzeit genutzte Count Key Data Format sei allzu komplex, worunter die Performance leide. Deshalb sei es sinnvoll, zur Fixed Block Architekture zurückzukehren.

Auch hier keinerlei Widerspruch von seiten des Mitbewerbers: "Wir sehen diesen Wechsel schon seit einiger Zeit voraus", bekräftigt Merlo. Seiner Ansicht nach bewege sich die Plattentechnologie in Richtung auf einen Parallelbetrieb vieler kleiner, preiswerter Einheiten " ähnlich denen, die in einem PC arbeiten".

IBM braucht nur noch das Licht anzuknipsen

Wiederum belegt Buzon seine Vermutung mit Langzeit-Betrachtungen der IBM-Strategie: Zum Beispiel diene die neue Instruktion mit der Bezeichnung "locate record", die derzeit auf allen neuen 3390-Speichereinheiten installiert werde, im Hinblick auf die derzeitige Plattentechnik keinem sinnvollen Zweck. "Das ist der Grundstein für die Ausnutzung einer neuen Architektur", schlußfolgert Buzon, "es ist genau das, was man für eine Fixed Block Architecture braucht. Und alles, was IBM jetzt noch tun muß, ist, das Licht anzuknipsen. "

Wenn der Softwarespezialist richtig liegt, wird Big Blue damit allerdings noch eine Weile warten. "Das würde die Kunden verstören, die sich eben erst ein Modell 3880 J oder K gekauft haben", lautet Buzons Begründung.

Der Wechsel zwischen den beiden Aufzeichnungstechniken erfordere es nämlich, alle Kanalprogramme sowie die Input/Output-Funktionen neu zu strukturieren und bis zu einem gewissen Grad umzuschreiben.

Aufgrund ähnlicher Überlegungen sieht Merlo einen engen Zusammenhang zwischen dem Umstieg auf die Fixed Block Architecture und der Akzeptanz des System Managed Storage. "Die IBM könnte die Fixed Block Architecture genausogut heute schon ankündigen", pflichtet der Italiener dem Amerikaner bei, "aber die Einführung einer vollkommen anderen Aufzeichnungstechnik könnte die Anwender ernsthaft beunruhigen."

Der systemverwaltete Speicher hingegen schirme den Anwender quasi von den technischen Veränderungen ab. Allerdings hätten bislang nur sehr wenige Kunden eine volle SMS-Implementierung; und auch die müßten zu einem großen Teil mit Datensätzen arbeiten, die sich nicht vom SMS verwalten ließen, weil sie nicht dorthin migriert werden könnten. Merlo: "Solange SMS ein Mauerblümchen-Dasein führt, wird IBM Schwierigkeiten haben, die Technik für Plattenaufzeichnungen radikal zu ändern."