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05.07.1991 - 

Big Blue vertreibt Groupware Notes von Lotus

IBMs Kooperationsfreudigkeit versetzt Microsoft neue Schlage

NEW YORK (jm/zek) - Die Stimmung in der New Yorker IBM-Niederlassung war, ausgelassen, als

hätte man gerade gemeinsam das Superbowl-Finale für sich entschieden.

Immer wieder Shake-hands zwischen Mitarbeitern der beiden neuen Partner; Jim Manzi, CEO der

Lotus Development Corp. und Jim Cannavino, VicePresident und Chef für Big Blues PCs und

Workstations, gratulierten sich gegenseitig zum gelungenen Coup, unterhielten sich ausgesprochen

herzlich über ihre Freizeitbeschäftigungen und gingen dann zum Dienstlichen über: "Wir kündigen heute

gemeinsam eine der wichtigsten Kooperationen in der DV-Branche an", eröffnete Cannavino, und

marktschreierisch fügte er hinzu "Lotus hat die beste Groupware - nämlich Notes -, wir dafür das beste

Betriebssystem - OS/2 - und zusammen sind wir unschlagbar."

In dürren Fakten bedeutet dies: Ab sofort wird IBM mit seinen Legionen von Vertriebsleuten die

im April 1991 erstmals für den europäischen Raum vorgestellte, in den USA schon seit Ende 1989 benutzte

Groupware Notes und das E-Mail-Paket CC Mail in Verbindung mit Officevision vertreiben und den

Support leisten.

Gemeinsam arbeiten beide Unternehmen ferner an Schnittstellen, um für und über Notes Big

Blues Hardwareplattformen vom PC über seine Midrange-Rechner bis zu den Mainframes

datendurchgängig zu machen. Heute schon könne man nach Aussagen von Manzi über ein Gateway von

Notes auf IBMs Officevision-Vorläufer Profs zugreifen. Bei diesem Gateway handelt es sich um ein

Produkt, das die Firma Softswitch für Lotus entwickelt hat.

Cannavino versprach, daß in Zukunft durch die Integration beziehungsweise Aufsetzung von

Notes auf OS/2 Daten auf sämtlichen Hardwareplattformen der IBM austauschbar sein würden. Ray Ozzie,

Vordenker bei Lotus für Software-Entwicklungen und verantwortlich schon für das integrierte

Softwarepaket "Symphony", machte gegenüber der COMPUTERWOCHE allerdings gewisse

Einschränkungen. Auf die Frage, ob in naher Zukunft damit zu rechnen sei, daß der Datenfluß vom

Notebook auf den Mainframe durch Notes bald Realität werde, rückte er übertriebene Erwartungen

zurecht: "Gehen wird das sicherlich einmal. Aber man sollte Geduld haben. Wir und Partner wie Sandpoint

arbeiten an diesen Dingen. Aber das dauert noch."

Ozzie bestätigte, daß man bei Lotus Lösungen entwickle, die es dem E-Mail-Produkt CC Mail

erlauben, nicht nur über ein Gateway mit Notes zu kommunizieren. Vielmehr werde CC Mail in Zukunft

direkt das Message-System von Notes unterstützen. Wann das sein wird, konnte Ozzie jedoch nicht sagen.

Kein Problem sei es, die sogenannte "Workplace"-Shell von Officevision durch zukünftige Notes-Versionen

zu unterstützen.

Cannavino bestritt, daß IBMs Entscheidung, das Office-Automation-Produkt (OA) Notes zu

vertreiben, in irgendeiner Weise den vergangene Woche zwischen Wang und Big Blue abgeschlossenen

Deal berühre. Wang gehört zu den Unternehmen wie DEC, AT & T und IBM selbst, die eine OA-Software

vertreiben. Auch Befürchtungen, Big Blues zukünftige Notes-Support-Mannschaft könne überfordert sein,

ließ der PC- und Workstations-Chef bei IBM nicht gelten: "Wir trainieren unsere Leute auf Notes und CC

Mail, die sind in 60 bis 90 Tagen fit, und ab dem vierten Quartal kann's dann losgehen."

Manzi, den Cannavino als seinen "guten Freund" titulierte, schien möglichen Fragen vorzubeugen,

als er Notes und CC Mail betont nur als Teile der zukünftigen OA-Strategie von Big Blue deklarierte.

Damit versuchte er anscheinend, Kritik an IBMs Officevision-Produkt vorzubeugen und Überlegungen

abzuwiegeln, Notes solle nun die Kastanien für Big Blue aus dem Feuer holen.

Wichtig war nicht nur sein Versprechen, an den grundsätzlichen Notes-Plänen werde sich durch

die Kooperation mit der IBM nichts ändern, eine Macintosh-Version von Notes sei somit weiter oberstes

Entwicklungsziel und auch die Vertriebsstrukturen für Notes über VARs wolle man beibehalten.

Aufmerksamkeit sollte auch seine Bemerkung erregen, Notes werde als Teil von OS/2, Version

2.0 und späteren Versionen, vertrieben. Gegenüber der COMPUTERWOCHE stritt Manzi eine zukünftige

Konzentration auf OS/2-Produkte rundweg ab: "Windows-3.0-Applikationen werden weiterhin unsere

höchste Aufmerksamkeit haben. Wir haben mit diesem Deal lediglich wichtige Technologie an die IBM

weitergegeben, mehr nicht." Ursprünglich war Notes als reines Windows-3.0- und Mac-Produkt

angekündigt worden (vergleiche CW Nr. 12 vom 22. März 1991, Seite 33 DV-Organisation...). Bei der

Notes-Vorstellung im März 1991 war von OS/2 kein Wort zu hören.

Die jetzige Betonung von OS/2 paßt deshalb auch gut in das Konzept der IBM: Sie will ihr

Multitasking-Betriebssystem seit Wochen durch großangelegte PR-Aktionen gegen Microsofts

Marktrenner Windows 3.0 wieder ins Zentrum des Anwenderinteresses bringen, auf der PC-Expo warb

man für die Version 2.0 mit dem (verunglückten?) Slogan "Besser als DOS, besser als Windows und besser

als OS/2" als dem Betriebssystem schlechthin.

Klar scheint, daß Big Blue nun endgültig das Visier heruntergeklappt hat und gegen Ex-

Mitstreiter Microsoft blank. zieht: Man hat auch Kooperationsverträge mit Borland abgeschlossen, wonach

sich der PC. Software-Entwickler verpflichtet, unter anderem seine Objectvision-Software jetzt auch für

OS/2 zu entwickeln. Objectvision, mit dem sogar Computerlaien Anwendungen programmieren können

sollen, war im Februar für Windows 3.0 präsentiert worden. Interessant an der IBM-Borland-Connection

ist, daß Borland-Boß Philippe Kahn bislang für OS/2 nur Spott übrig hatte und es als Totgeburt titulierte.

Die neue Liebe scheint deshalb auch ein weiteres Indiz dafür, daß IBM nun alle Anstrengungen unter.

nimmt, die wegen ihrer Arroganz und Großmachtambitionen zunehmend unbeliebten Microsoft-Leute am

Markt zu isolieren.

Vor allem aber haben sich die Gerüchte um eine weitgehende Kooperation zwischen IBM,

Motorola und Apple verdichtet. Danach würde Big Blue dem langjährigen Konkurrenten Motorola mit der

Lizenzierung der RISC-Technologie des in IBMs RISC/6000-Workstations verwendeten Power-Prozessors

helfen, die eher schleppenden Absätze bei Prozessoren aufzumöbeln. Motorola wäre berechtigt, IBMs

RISC-CPU zu bauen und neben anderen Workstation. Herstellern unter anderem auch an Apple zu

vertreiben.

Ein Schlag gegen mehrere Konkurrenten

Apple wiederum würde nach den recht konkreten Gerüchten möglicherweise selbst RISC-

Workstations mit der IBM-Technologie fertigen. Big Blue und Apple sollen nach den Informationen

darüber hinaus gemeinsam Softwareprodukte entwickeln, die durch Einziehung einer Software-Ebene

zwischen Betriebssystem und Applikationen die Integration zukünftiger Anwendungen in die Workstation-

Hardware sowohl von IBM als auch Apple ermöglichen.

Die Zusammenführung dieser gemeinsamen Anstrengungen zur Entwicklung eines an

objektorientierten Charakteristika ausgerichteten Layers - bei Apple das sogenannte "Pink" Projekt, bei

IBM eine Gemeinschaftsarbeit mit der Metaphor Computer Systems Inc. in dem joint-Venture Patriot

Partners - und die Lizenzierung von IBMs RISC-Technologie treffen gleich mehrere Konkurrenten:

Microsoft als Lieferant von Windows 3.0, das und der für kommendes Jahr erwarteten OS/2-Version 3.0

sowie von SCO Unix (20 Prozent Beteiligungs an SCO) hat ein starkes Interesse daran, daß sich die ACE-

Initiative (Advanced Computing Environment) am Markt durchsetzt.

Dann würden die RISC-Rechner von Herstellern wie Compaq, SNI, DEC, Olivetti und anderen,

deren RISC-Workstations mit Mips-Technologie aus. gestattet sein werden, alle unter der Unix-Umgebung

SCO-Desktop oder OS/2e Version 3.0. laufen.

Vorausgesetzt, die Gruppierung IBM-Apple-Motorola wird Wirklichkeit, könnten nicht nur RISC-

Workstation-Marktführer Sun und HP mit ihren wie bei der IBM auf einer proprietären Technologie

nämlich PA-RISC, beruhenden Serie-700-Workstation in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern eben

auch Microsoft und alle ACE-Mitglieder.

Deutlich konnte man auch bei Manzi feststellen, daß er die neue Kooperation und seinen

Mitstreiter umhätscheln wollte. Er betonte immer wieder: "Die Allianz zwischen Lotus und IBM wird lange

andauern." Und er unterstrich - ganz im Sinne des mittlerweile allgemeinen Tenors in der DV-Industrie -,

daß die Partnerschaft Offenheit bedeute: "Sie bringt Produkte und Plattformen zusammen."

Notes versus DECs OA-Produkte

In der Tat bietet Notes, das als großangelegtes Pilotprojekt unter anderem bei der Debis

Systemhaus GmbH im Einsatz ist (vergleiche auch CW Nr. 15 vom 12. April 1991, Seite 27, "Debis

entwickelt.."), interessante Leistungsmerkmale, die es gegenüber OA-Produkten von DEC ("All-in-One")

oder AT&T ("Symphony") als harte Konkurrenz auftreten lassen. Nicht nur alle wesentlichen DOS-

Anwendungen können in Notes integriert und Daten zwischen den einzelnen Applikationen ausgetauscht

werden.

Die Lotus-Groupware ist darüber hinaus fähig, als EIS-Anwendung herzuhalten und eine

umfassende und geografisch nicht begrenzte unternehmensweite Kommunikation zu verwirklichen.

Außerdem stellt Notes auch die Grundlage beziehungsweise das Werkzeug für die Entwicklung von

Applikationen sowohl von Anwendern selbst als auch durch Software-Dienstleistungsunternehmen zur

Verfügung.

Mit der Akquisition von E. Mail-Entwickler CC Mail im April 1991 konnte sich Lotus darüber

hinaus das zumindest in den USA führende E-Mail-Produkt mit gleichem Namen einverleiben.

Big Blue gibt "Network Courier" auf

Ein weiteres Indiz für das tief greifende Zerwürfnis zwischen der IBM und Microsoft ist in diesem

Zusammenhang übrigens auch, daß Big Blue nicht mehr die bislang gemeinsam mit Microsoft vertriebene E

Mail-Software "Network Courier" verkauft.

Dadurch, daß mit dem IBM-Lotus-Deal Notes und CC Mail als Layer über OS/2 und unter

Officevision integriert werden, würde dies auch nicht mehr viel Sinn machen.