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07.05.1999 - 

Das Domain-Name-System steht vor einem Strukturwandel

Icann beendet Monopol bei Vergabe von Web-Adressen

MÜNCHEN (CW) - Das Monopol der US-Firma Network Solutions (NSI) ist geknackt. Fünf Wettbewerber dürfen ab sofort ebenfalls Web-Adressen mit den Endungen ".com", ".org" und ".net" registrieren. Viele Fragen zur Zukunft des Domain-Name-Systems (DNS) bleiben dennoch offen.

America Online (AOL), das Council of Registrars (Core), France Télécom Oléane, Melbourne IT und Register.com heißen die Gewinner des Auswahlverfahrens, das die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann) Mitte März dieses Jahres gestartet hatte. Sie dürfen in einer ersten Testphase bis zum 24. Juni 1999 für ihre Kunden die beliebtesten Adreßendungen im Internet registrieren. Anschließend sollen weitere 29 Mitbewerber zugelassen werden, darunter AT&T, Netnames und Verio. Bis zum September 2000 wird Icann dann schrittweise die Verantwortung für die Management-Koordination des Domain-Name-Systems, das Root-Server-System, die Zuweisung von IP-Adreßraum sowie die Festsetzung von Protokollparametern übernehmen. Der Root-Server ist der Schlüssel zum gesamten Internet-Adreßraum - hier werden die "Generic Top-Level Domains" (GTLDs) wie ".com" oder ".org" eingetragen und verwaltet.

Bislang war Network Solutions im Auftrag des US-Wirtschafts-ministeriums die einzige Instanz für die Vergabe der wichtigsten Top-Level-Domains. Die amerikanische Regierung hatte schon vor längerem mitgeteilt, sich aus der Kontrolle der Internet-Wurzelinstanz zurückziehen zu wollen. Die für Ende März letzten Jahres geplante Übergabe in andere Hände verlief jedoch alles andere als reibungslos. Das Council of Registrars (Core), eine Vereinigung von 88 Firmen aus 23 Ländern, ließ alsbald starke Ambitionen zur Verlagerung zumindest eines Teils der Domain-Kontrolle nach Europa an seinen Sitz in Genf erkennen. Als Core dann noch neue Top-Level-Domains einführen wollte, platzte Washington der Kragen. Die Amerikaner blockierten das ganze Vorhaben bis zur Gründung von Icann Ende letzten Jahres.

Von da an ging alles sehr schnell. Zwar ist das neue Gremium mit Präsidiumsmitgliedern aus mehreren Ländern besetzt, federführend bleiben jedoch die Amerikaner. Neue Domain-Endungen wird es vorerst wohl nicht geben, und auch die zentrale Adreßdatenbank verbleibt mindestens bis zum September 2000 im Besitz von NSI und damit auf amerikanischem Boden. Der Ex-Monopolist darf nach einem vorläufigen Abkommen mit dem US-Wirtschaftsministerium von seinen neuen Mitbewerbern neun Dollar pro Registrierung verlangen. Dazu kommen noch einmalige Lizenzkosten von 10000 Dollar für die Spezialsoftware zur Anbindung an die Datenbank sowie eine jährliche Gebühr von 5000 Dollar an Icann.

Beobachter halten die neun Dollar für sehr großzügig und bezweifeln, daß sich neue Firmen gegen die Übermacht von NSI durchsetzen können werden. Das Unternehmen halte nach wie vor die Fäden in der Hand. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß die NSI-Aktien nach Bekanntgabe der Konkurrenten nicht etwa in den Keller rutschten, sondern im Gegenteil um 50 Prozent zulegten.

Dennoch beurteilt Sabine Dolderer, Geschäftsführerin der Denic eG in Frankfurt am Main, die Entwicklung als Schritt in die richtige Richtung. Denic ist als Genossenschaft für den Betrieb des Primary-Name-Servers für die Top-Level-Domain ".de" zuständig. Es sei als Signal zu verstehen, daß wesentliche Kernbereiche der Internet-Gemeinde künftig von einem Selbstverwaltungsgremium unter internationaler Beteiligung geregelt würden. NSI könne sich nicht länger als Eigentümer der wichtigsten Top-Level-Domains gebärden - auch wenn de facto die Trennung zwischen Registrierungsinstanz (Registry) und Registrierungsgesellschaft noch nicht vollzogen sei, so Dolderer. Außerdem bleibe noch abzuwarten, ob die US-Administration wirklich bereit sein wird, das Heft vollends aus der Hand zu geben. Wettbewerb bei der Vergabe bereits vorhandener Domain-Endungen sei nur die eine Sache. Viel entscheidender wird laut Dolderer sein, ob Icann zukünftig eigenverantwortlich auch über die Schaffung neuer GTLDs entscheiden dürfe und wer im Zweifelsfall bei Streitigkeiten innerhalb des DNS das letzte Wort habe. Das Council of Registrars jedenfalls tritt für eine weitere Lockerung der Bedingungen ein und will sich im Forum der World Intellectual Property Organisation (Wipo) als eigene Registrierungsinstanz etablieren.

Bislang konnte NSI beinahe nach Gutdünken verfahren. Immer wieder schaltete das Unternehmen Domains auch bedeutender Unternehmen kurzerhand ab, wenn beispielsweise unterstellt wurde, sie hätten ihre Beiträge nicht rechtzeitig bezahlt. Der letzte spektakuläre Fall betraf das Marktforschungsunternehmen Aberdeen Group, dessen Web- Site von NSI vom Netz genommen wurde. Aberdeen schlug mit einem öffentlichen Report über die Geschäftsmethoden von NSI zurück (siehe www.aberdeen.com). Aufgrund seiner marktbeherrschenden Stellung, der riesigen Kundendatenbank und der jetzt vereinbarten Vergütungsregelung bleibt NSI wohl noch auf Jahre hinaus die dominante Instanz im Internet-Adreßgeschäft - wenigstens für die Domains ".com", ".org" und ".net". Denic-Managerin Dolderer hielte es für fatal, wenn NSI auch bei möglichen neuen GTLDs als Registry zum Zuge käme.

Die Icann-Interimsvorsitzende Esther Dyson warnte die jetzt ernannten Registrierungsgesellschaften jedenfalls, sie hätten einen steinigen Weg mit vielen Unwägbarkeiten vor sich. Dyson empfiehlt ihnen Phantasie bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells, da ihrer Meinung nach Mehrwertdienste über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden würden (siehe Kasten "Erfolgsfaktor Mehrwertdienste"). Wie viele ihrer Mitstreiter kann Dyson dennoch nicht ihre Genugtuung über die Entwicklung verhehlen. Sie kommentierte die Ernennung der fünf Test-Registrare mit einer Abwandlung des berühmten Ausspruchs von US-Astronaut Neil Armstrong anläßlich der ersten Mondlandung: "Ein kleiner Schritt für drei Adreßendungen - ein großer Schritt für die Domain-Welt."

Kritiker der Liberalisierung befürchten demgegenüber, daß vor allen Dingen kleinere ISPs künftig die von ihnen registrierten Domains nicht an ihre Auftraggeber weitergeben, sondern als Druckmittel gegen wechselwillige Kunden verwenden könnten. Oder: Wer entscheidet bei zwei Bewerbern, wer die beantragte Domain erhält (bislang NSI nach amerikanischem Recht)? In der Tat sind entscheidende Fragen zur Konfliktbewältigung ungeklärt. Viele Erwartungen richten sich jetzt auf das nächste Icann-Gipfeltreffen Ende Mai in Berlin. Dort sollen die Beratungs- und Verwaltungsgremien der Organisation end- gültig konstituiert werden und ihre Arbeit an der Zukunft des Domain-Name-Systems aufnehmen.

Erfolgsfaktor Mehrwertdienste

Die Icann-Vorsitzende Esther Dyson empfiehlt den neuen Mitspielern bei der Adreßregistrierung, das Kerngeschäft um Zusatzdienste zu erweitern. Nur so könnten sie die dominante Position von Network Solutions Inc. (NSI) angreifen. Der Ex-Monopolist hat allerdings die Zeichen der Zeit erkannt und baut derzeit ein Verzeichnis seiner bislang vier Millionen registrierten Adressen auf. NSI-Kunden können sich dann unter anderem über den Sicherheitsstandard von Web-Sites möglicher Partner oder Konkurrenten informieren. Realisiert werden die "Gelben Seiten" in Zusammenarbeit mit dem Datenbankanbieter Info USA, der Internet-Sicherheitsfirma Verisign und GTE. Demgegenüber lassen die fünf NSI-Konkurrenten keine klaren Konzepte erkennen. AOL beispielsweise setzt etwas verschwommen darauf, nun sämtliche Internet-Dienste aus einer Hand bieten zu können.