Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

08.11.2005

Ich brauch Geld! Ich geh ins Internet!

Die Norisbank kann etwas besser als die meisten anderen deutschen Banken: Sie verkauft Kredite an Privatkunden. Vollautomatisch und das über verschiedenste Vertriebswege wie etwa das Internet.

Die Norisbank war im Jahr 2004 mit einem Neugeschäft von 1,4 Milliarden Euro bei einer Steigerungsrate von 63 Prozent wachstumsstärkstes Institut im deutschen Konsumenten-Kreditgeschäft. Möglich wurde dieser Erfolg durch das Browser-basierende Kreditverkaufssystem "Easycredit" (EC). Beim Kreditverkauf setzen die Norisbank-Filialen ebenso wie rund 850 Volks- und Raiffeisenbanken in ihren Niederlassungen die Lösung der Nürnberger ein. Beide nutzen EC ferner bei ihren Internet-Auftritten. Mit EC will die Norisbank zum Marktführer im Konsumentenkreditgeschäft werden.

Projektsteckbrief: Norisbank

• Beginn: 17. Januar 2003;

• Pilot fertig: 19. Dezember 2003;

• TÜV-zertifiziert: 2004;

• bundesweiter Rollout: Februar 2004;

• angeschlossen sind heute 847 Volks- und Raiffeisenbanken;

• 30 000 Endanwender in rund 12000 Vertriebsstellen, Bankfilialen (zuzüglich Internet-Kreditanfrager) nutzen das System;

• insgesamt wurden bislang 1,5 Millionen Kreditanfragen über Easycredit verarbeitet.

• Komponentenbasierende J2EE-konforme Softwareentwicklung;

• Entwicklung wiederverwendbarer Softwarekomponenten mithilfe beispielsweise des Codegenerators "Xdoclet" oder quelloffener Java-Tools wie "Struts", "Log4J" oder "OJB";

• Einsatz von JBoss/Tomcat".

Norisbank

Mitarbeiter: 1126

Bilanzsumme: 3,9 Milliarden Euro;

Konzentration auf das Ratenkreditgeschäft mit der Eigenmarke Easycredit;

Vertriebswege: 99 Norisbank-filialen bundesweit; Internet; rund 850 Volks- und Raiffeisenbanken als Vertriebspartner.

Easycredit kommt nicht nur in den Norisbank-Filialen, den etwa 12000 Geschäftsstellen der genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken und im Internet zum Einsatz, sondern auch in den ersten reinen Markengeschäften für Bankprodukte, den Easycredit-Shops mit Easycredit-Terminals. Mit EC werden klassische Ratenkredite im Rahmen von 1000 bis 75000 Euro abgewickelt. Die Bankanwendung muss dabei den gesamten Kreditverkaufsprozess und alle Eventualitäten solch eines Prozederes informationstechnisch abbilden.

Technische Speerspitze

Die Norisbank hat schon früher technologische Führerschaft für sich beansprucht. Als eine der ersten Finanzinstitute führte sie SB-Banking ein. Sie rühmt sich zudem, die erste Btx-Bank (1979) Deutschlands gewesen zu sein. In einer früheren Ausprägung von Easycredit bot die Norisbank bereits ab 2000 als erste Bank eine Online-Kreditzusage an. Die Vorläuferversion war seinerzeit noch nach den betriebswirtschaftlichen Vorgaben aus den Fachbereichen der Norisbank von dem Partner HVB Systems entwickelt worden.

Anfang 2003 fiel die Entscheidung, Easycredit völlig neu zu konzipieren und auf eine komplett andere technische Grundlage zu stellen. Die fränkischen Banker wollten zum einen eine vertriebsorientierte, flexible Anwendung entwickeln und dabei sicherstellen, dass diese auch den Anforderungen eines Massengeschäfts gerecht wird.

Easycredit sollte den erwarteten Kundenzuwachs bewältigen können. Außerdem sollte mit dem neuen System die Kernkompetenz - die Kreditvermittlung an Privatkunden - weiter gestärkt werden. Willy Duester, Bereichsleiter IT der Norisbank, fügt hinzu, dass "alle anderen bankspezifischen Funktionalitäten, die keinen Wettbewerbsvorteil am Markt erzielen, zur weiterer Reduktion der Fertigungstiefe outgesourct werden sollten."

Die Entscheidung war insofern richtig, als das fränkische Finanzinstitut im Herbst desselben Jahres von der DZ Bank übernommen wurde. Diese nimmt im Finanzverbund der Genossenschaftsbanken - insgesamt rund 1400 Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland - eine Art Zentralbankfunktion ein. Die rund 30 Millionen Kunden der Genossenschaftsbanken stellen dabei ein großes Kundenreservoir für Easycredit dar.

Die Bedeutung des Easycredit-Projekts

Um die Bedeutung des Easycredit-Projekts für die Norisbank zu erfassen, muss man dessen Geschäftsmodell verstehen. Duester erklärt: "Hierbei handelt es sich um ein ,vermitteltes’ Geschäft." Obwohl die eigentlichen Kreditnehmer Kunden der Partnerbanken bleiben, fließen die Kreditsummen in die Bilanz der Norisbank ein. Deshalb liegen sowohl die Kreditentscheidung als auch die Risikosteuerung in Nürnberg. Die Partner wiederum erhalten für die Geschäftsvermittlung Provisionen. Die Boni werden auch bei Abschlüssen über das Internet fällig.

Die Norisbank-IT und die Fachbereiche des Unternehmens trugen die komplette Verantwortung für die Easycredit-Entwicklung und deren Features, und zwar sowohl in puncto Gesamtfunktionalität und Sicherheit als auch bezüglich der höchstmöglichen Verfügbarkeit für die Kunden. Mit anderen Worten: Mit Easycredit warfen die Norisbank-IT und die Fachbereiche ihre gesamte Kompetenz in die Waagschale. Hätte die Neuentwicklung von Easycredit und der damit einhergehende Aufbau der "Credit-Fabrik" als vollautomatische, erweiterbare und offene Plattform für den gesamten Lebenszyklus eines Kreditkontos nicht funktioniert, hätte dies auch Konsequenzen für die Arbeitsplätze der Norisbank gehabt.

Zwei Prinzipien: Alles neu und Open Source

"Eine ganz wesentliche Entscheidung war, dass wir uns bei Easycredit nicht auf die vorhandene, historisch gewachsene Anwendung stützen, sondern alles völlig neu entwickeln wollten - und das strikt auf Basis von Open-Source-Produkten", sagt Duester. Ziel war es, eine Anwendungsarchitektur zu schaffen, die alle potenziellen Partner mit ihren jeweils unterschiedlichen Systemen und Plattformen nutzen können sollten.

Mit dem Einsatz von Open-Source-Software und der konsequenten Einhaltung von definierten Schnittstellen und Standards in der Programmierung von Frontends und der Middleware konnten beispielsweise auch Banken die browserbasierte Easycredit-Anwendung nutzen, die etwa noch OS/2 als Betriebssystem mit rund sechs Jahre alten Browser-Versionen im Einsatz hatten.

Ein weiterer Vorteil der Open-Source-Strategie ist laut Duester, dass für Easycredit schnell neue Anwendungsmodule entwickelt und angeflanscht werden können. "Solch eine schnelle Reaktion auf neue Anforderungen ist insbesondere im Mengengeschäft von großer Bedeutung", sagt Duester.

Die neue Version von Easycredit sollte gegenüber der alten Anwendung vieles besser können. Die Fachanforderungen gingen diesbezüglich sehr weit. Dazu gehörten Optionen wie die flexible Hinterlegung von betriebswirtschaftlichen Pauschalen (beispielsweise Haushaltspauschalen und Verpfändungsfreigrenzen) oder etwa Scorecard-Implementierungen, die je nach den Vorgaben eines Fachbereichs modifiziert werden können.

Um die Funktionsweise von Easycredit aufzuzeigen, mag das Beispiel der EC-Teillösung "Kreditentscheidungssystem" dienen: Hierbei entwickelt die Norisbank aus den persönlichen Daten eines potenziellen Kreditnehmers, also dessen Haushaltsrechnung, seiner Verschuldung und aus den Auskünfte-Informationen (Schufa, Infoscore/ Informa etc.) einen so genannten Verkaufsscore. Daneben wird auch ein Verhaltensscoring des Kunden ermittelt, das sich unter anderem am bekannten Zahlungsverhalten des Kunden bemisst. Mit Hilfe des Verkaufs- und Verhaltensscores berechnet Easycredit das Kredit- und Ausfallrisiko und gruppiert den potenziellen Kreditnehmer in eine Bonitätsklasse ein.

Unter vielen anderen Aspekten mussten etwa auch Ausschlusskriterien für einen Kreditverkauf in Easycredit, ferner ein vollautomatisch gesteuerter Entscheidungsfindungsalgorithmus eingearbeitet werden, bis zu welchem Limit ein Kredit bewilligt wird. "Wir waren die Ersten am Markt, die in Easycredit ein am Kunden orientiertes vollautomatisches Risiko-Management eingebaut haben", sagt Duester.

Organisationsstruktur für das Easycredit-Projekt:

Am Anfang, also am 17. Januar 2003, existierte für Easycredit ein 300 Seiten langes Fach- beziehungsweise Grobkonzept. Dieses wurde in sieben Teilprojekte aufgesplittet, die parallel entwickelt wurden. Um die Projektverläufe jederzeit im Griff und messbare Meilensteine im Projektverlauf zu haben, führten die Norisbank-IT-Experten Storyboards. So wusste jedes Projektmitglied immer, an welchem Entwicklungspunkt jedes Teilprojekt gerade angelangt war.

Verschiedene Einzelmodule und Teillösungen entwickelte die Norisbank mit externen Kräften. Sie ließ bei Ausschreibungen in so genannten Beauty-Contest-Phasen immer zwei Firmen gegeneinander konkurrieren. Die traten bei der Norisbank an, um ihre Module zu entwickeln. Wer die beste Lösung realisierte, bekam den Auftrag. "Das mag hart klingen", sagt Duester, "aber tatsächlich haben uns unterlegene Firmen teilweise sogar noch Mitarbeiter unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die wollten einfach bei dem Projekt dabei sein." Ein weiterer Vorteil dieser Vorgehensweise war die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit.

Easycredit wurde 2004 vom TÜV zertifiziert. Nach diversen betriebswirtschaftlichen Neuerungen öffneten ab Juli 2005 auch erste EC-Shops mit Easycredit-Check-Terminals ihre Pforten.

"Heute gibt ihnen Easycredit eine Kreditverkaufsentscheidung innerhalb von 20 Minuten bei gesteigerter betriebswirtschaftlicher Funktionalität. Die Altanwendung benötigte im Schnitt noch 33 Minuten", sagt Duester.