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22.11.1985

"Ich glaube, daß die Datenkommunikation im ISDN eine ganz ausschlaggebende Dienste-Säule sein wird"

Mit Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling sprachen Helga Biesel und Claudia Marwede-Dengg

Vor einem Jahr hat die Bundespost ihr ISDN-Rahmenkonzept vorgestellt. Was noch aussteht, sind aber Detailplanungen, die ja sowohl für die Anwender als auch für die Hersteller sehr wichtig sind. Welche Zahlen und Eckwerte stehen bis heute in puncto Ausbaustrategie fest?

Sie haben richtig gesagt, daß es darum geht, die Anwendungen und die dafür erforderlichen Endgeräte als Voraussetzung für eine entsprechende Nutzung der neuen Infrastruktur rechtzeitig verfügbar zu machen. Bei der Bereitstellung der den Endgeräten entwickeln. Dafür ist Ende 1986 das Ingangsetzen der Pilotnetze in Stuttgart und Mannheim vorgesehen, wo die Industrie aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland eingeladen ist, im praktischen Versuchsbetrieb die Entwicklung und Erprobung der Endgeräte vorzunehmen, die notwendig sind, um rechtzeitig ISDN-Anwendungen zur Verfügung zu stellen und um Erkenntnisse für die weitere Standardisierungsarbeit zu gewinnen. Erst dann kann mit dem Ausbau des ISDN-Netzes großflächig begonnen werden. Diese Dinge terminieren wir auf die Jahre '86/'87, und das muß dann umgesetzt werden in die notwendigen Standardisierungen. Das ist eine wichtige Aufgabe im europäischen und weltweiten Maßstab. Ich gehe davon aus, daß wir 1988 mit dem Regelausbau und ab Ende 1988/Anfang 1989 mit dem Regelbetrieb des ISDN beginnen können. Wir denken etwa daran, daß wir bis 1994/95 dann in der Lage sind, entsprechende Teilnehmeranschlüsse in Millionengrößenordnung schalten zu können.

- Kann man das etwas näher in Prozentzahlen beziffern?

Das halte ich absolut für zu früh weil wir zwei Dinge deutlich unterscheiden müssen: einmal den zügigen Ausbau der Grundinfrastruktur - das machen wir mit der Digitalisierung des Netzes -, zum anderen die Bereitstellung des Teilnehmeranschlusses. In erster Linie ist das eine Frage der Nachfrage. Wir werden zwar relativ schnell eine frühe Infrastruktur an sogenannte ISDN-Ortsvermittlungsstellen - bei Fernvermittlungsstellen sowieso - in der ganzen Bundesrepublik schaffen, und wir werden auch Möglichkeiten bieten, daß weiter weg liegende Orte, wenn sich dort Nachfrage entwickelt, an die nächstliegende Ortsvermittlungsstelle angeschaltet werden können. Aber wir können natürlich erst nähere Angaben machen, wenn wir einen Überblick bekommen, wie sich zum Beispiel die Pilotprojekte mit welchen Diensten und mit welchen Geräten entwickeln und wie dieses dann vom Kunden in Wirtschaft, Handel, Gewerbe bis hin zu den freien Berufen und den privaten Haushalten angenommen wird. Totaler Ausbau von Infrastruktur ohne genaues Anpassen an die Nachfrage ist bei solchen Größenordnungen von Investitionen nicht möglich. Daher will ich hier auch keine Zahlen nennen. Ich würde nur sagen, daß wir die Fähigkeit und Kapazität haben, bis Mitte der 90er Jahre in Größenordnungen von schätzungsweise drei Millionen Anschlüssen zu kommen, aber ob es so wird, ist eben auch eine Frage der Nachfrage und damit auch der Amortisation solcher Investitionen. Die Grundinfrastruktur wird gebaut - dazu haben wir uns entschlossen. Natürlich ist die regionale Struktur auch heute schon ansatzweise erkennbar, weil wir in den ersten drei Jahren '86/'87/'88 den Ausbauplan für die digitale Ortsvermittlungstechnik bereits festgelegt haben, und diese Orte werden dann diejenigen sein, die am frühesten umgestellt werden können, weil dort die Voraussetzungen da sind. In unserer Ausbautätigkeit sind wir flexibel. Wenn sich in einem Ort eine ISDN-Quote von 30 Prozent ergibt, dann statten wir die betreffende Ortsvermittlungsstelle mit 30 Prozent ISDN-Anschlüssen aus; ist in einem anderen Ort nur zwei Prozent Nachfrage nach ISDN, dann werden eben dort nur zwei Prozent der Ortsvermittlung ISDN-fähig gemacht. Hier sind wir wirklich flexibel zwischen null und hundert Prozent. Wir können uns also beliebig dem örtlichen Bedarf anpassen - und das ganz schnell, wenn wir die Regeltechnik zur Verfügung haben.

- Die ISDN-Ausbaustrategie ist ein Bereich - nun gibt es ja auch noch herkömmliche Netze, speziell, was Daten- und Textanwendungen anbelangt, wie HfD, Datex-P und Datex-L. Wie sieht denn hierfür die Überleitstrategie ins ISDN aus?

Da müssen wir zunächst einmal den Bedarf, wie er sich in den nächsten Jahren voraussichtlich entwickelt, berücksichtigen. Insofern können wir nicht auf das ISDN warten, sondern müssen diese Sondernetze dem jeweiligen Bedarf anpassen. Da sind wir im übrigen dabei. Zur Zeit läuft zum Beispiel die Ausschreibung für ein neues Paketvermittlungssystem. Wir müssen aber und wir werden die Dinge so weiterentwickeln, daß wir das Datex-P-Netz über den ISDN-Anschluß erreichbar machen, entweder als feste Verbindung oder als Wählverbindung. Beide Möglichkeiten werden wir dann im Zusammenhang mit dem ISDN-Ausbau für den Kunden möglich machen. Dabei wird es voraussichtlich erst einmal den einen Schritt geben, daß beim ISDN einer der beiden 64-KBit/s-Kanäle eine Festverbindung darstellt, sofern gewünscht. In diesem Fall ist natürlich nur noch ein weiterer Kanal frei verfügbar, so daß man dann nicht zwei Dienste parallel fahren kann. Oder der Zugang wird eben im Sinn einer Wählverbindung realisiert. Da werden wir Erfahrungen machen müssen und nach den Pilotprojekten entsprechende Strategien einschlagen. Ich nehme an, daß beides dem Kunden später möglich sein wird und er die Wahlmöglichkeit hat. Das wiederum hängt dann natürlich einmal von der technischen Realisierungsgeschwindigkeit ab, zum anderen von den Tarifen, denn die Wahl des Anwenders wird sich nach seinen eigenen Bedürfnissen richten.

- Nun könnte man ja gerade bei Datex-P, nachdem ein neues Netz ausgeschrieben ist, davon ausgehen, daß die Überleitung dieses Netzes oder die Integration dieses Netzes ins ISDN anders verläuft als zum Beispiel bei Datex-L Normalerweise sind die Spezialnetze ja mindestens auf zehn Jahre angelegt.

Nun, wir sind jetzt im Jahr 1985, und wenn Sie zehn Jahre weiterrechnen, dann würde das auch zu einem Zeitpunkt stattfinden, wo eine flächendeckende ISDN-Netzkonfiguration vorhanden ist, und damit wird ja ein ziemlich reibungsloser Übergang gegeben sein. Außerdem ist festzuhalten, weil Sie speziell auf Datex-P abheben: Für die paketvermittelten Dienste fehlt noch die internationale Standardisierung fürs ISDN, das heißt, das kommt erst noch in der nächsten Standardisierungsphase, die zur Zeit in den internationalen Gremien abläuft. Wenn man dann wieder die Entwicklungszeit etc. dazurechnet, dann ist damit zu rechnen, daß ein voll implementiertes Paketvermittlungssystem im ISDN erst gegen Mitte der 90er Jahre realistisch wird. ISDN als Zubringernetz zu Datex-P ist - wie angedeutet - natürlich früher realisierbar. Grundsätzlich noch eine Bemerkung: Wenn jemand Probleme mit der Geschwindigkeit der Einführung des ISDN hat, dann sind vor allen Dingen das Hirn und die Software gefragt, alles andere wie Geld und Hardware kommt nachher. Bremseffekte sind im Moment nicht das Geld und die Hardware, sondern das Hirn und die Software. Ich möchte das hier noch einmal ganz deutlich sagen, weil es ja sehr gute Ratschläge gibt, wie wir den Ausbau des ISDN beschleunigen können.

- Nun ist Ihr Ratschlag speziell gefragt bei den bisherigen Anwendern von Daten- und Textverarbeitung im Hinblick auf die Strategie, die diese Anwender in Richtung auf das ISDN fahren sollen. Diese Gruppe ist ja vom Gebührenaufkommen her eine Minderheit, sie ist aber gleichfalls eine Minderheit mit sehr viel Know-how, sie ist sehr innovativ und sie wird sicherlich dazu beitragen, attraktive Anwendungen für das ISDN zu entwickeln. Wie soll diese Gruppe ihre Interessen vertreten?

Erstmal sind wir im Grunde genommen für innovative Gruppen außerordentlich dankbar. Ich setze - gerade was die Datenkommunikation betrifft - sehr auf diese Gruppe, vor allem bei der zukünftigen Entwicklung der Dienste und der Endgeräte. Wir haben bei den Hearings zum Thema ISDN festgestellt, daß vor allem von dieser Seite her sich doch sehr viel mehr in den nächsten Jahrzehnten abspielen wird, als wir ursprünglich angenommen hatten. Wir hatten vielleicht vorher zu stark auf entsprechende breitbandige Notwendigkeiten in Bildübertragung und ähnliches gesetzt. Ich glaube, daß die Datenkommunikation gerade im ISDN-Bereich eine ganz ausschlaggebende Dienste-Säule sein wird, um das Netz tragfähig zu machen, selbst wenn es sich jetzt im Moment noch um eine relativ kleine Gruppe handelt. Die Möglichkeiten dieser Gruppe, sich durchzusetzen, sehe ich als nicht so besonders kompliziert weil wir ja einmal jetzt noch die Sondernetze haben - und die Sondernetze ja ganz zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse der Anwender. Sie sind jedenfalls mehr auf die Bedürfnisse der Anwender zugeschnitten als auf die Bedürfnisse der Deutschen Bundespost. Wenn wir als zweites an die Einführung des ISDN denken, wird deutlich, daß die Leistungsfähigkeit des Netzes, die Vielfalt der Anwendungen und die darauf aufzubauende Tarifpolitik eine hohe Flexibilität der Dienste garantieren, die gerade ein neues Signum von ISDN gegenüber dem heutigen Zustand ist. Da wird derjenige, der hinsichtlich der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der Netzinfrastruktur mit besonders guten und innovativen Vorschlägen kommt, sich in Übereinstimmung finden mit der Technologie und seinem Eigeninteresse. Das heißt, hier liegen keine Gegensätze vor, weil die Technologie hier neue Dimensionen geschaffen hat. Um diese neue Dimension innovativ auszuschöpfen, setze ich besonders stark auf die innovative Gruppe der Datenkommunikation. In dem hier angesprochenen Bereich kommt aber neben der Ausschöpfung des Innovationspotentials der Standardisierung einzelner Dienste und der Kompatibilität der Endgeräte eine besondere Bedeutung zu. Hinsichtlich Kompatibilität und Standardisierung gibt es beim Datenkommunikationsbereich sogar einen gewissen Nachholbedarf. Wenn man an Kommunikation denkt und Kompatibilität sicherstellen will, ist für bestimmte Dienste und Anwendungen auch in diesem Bereich eine am Markt und den Kundenbedürfnissen ausgerichtete Standardisierung zwingend erforderlich. Das schmeckt sicherlich manchem in diesem Bereich nicht, ist aber notwendig, wenn wir daran denken, daß neue Dienste auch in diesem Bereich in ähnlicher Weise funktionieren sollen wie heute das Telefon. Das hat nur Sinn, wenn wirklich Kompatibilität garantiert wird. Das bedeutet nicht, daß alle Anwendungen der Datenkommunikation von standardisiert sein müssen. Hier wird das ISDN auch weiterhin Transportfunktionen in Form transparenter 64-KBit/s-Kanäle bereitstellen. Aber für Anwendungen, die nicht für geschlossene Benutzergruppen vorgesehen sind, sondern aufgrund der Akzeptanz und der Kundenbedürfnisse zu Massenanwendungen entwickelt werden können, müssen die notwendigen Dienste-Standards erarbeitet werden. Diese Dienste wird die Deutsche Bundespost als öffentliche Kommunikationsdienste anbieten. Hier sind nun alle Beteiligten aufgerufen, sich zu disziplinieren und jetzt in die Standardisierung von 64-KBit/s-Daten- und Textdiensten zu gehen; vor allem für die Textdienste 64-KBit/s-Teletex, -Telefax und -Textfax müssen die erforderlichen Standards kurzfristig erarbeitet werden. Da müssen viele kooperativ zusammenarbeiten, denn die Non-Voice-Szene ist durch eine große Interessenvielfalt gekennzeichnet. Da haben wir eine Vielzahl von Herstellern, die sich auf einen gemeinsamen Standard zusammenraufen müssen. Das heißt, wenn diese sehr innovative Gruppe wirklich etwas für das ISDN tun will, dann sollte sie sich in den entsprechenden Arbeitskreisen bis Ende nächsten Jahres um die notwendigen Standards bemühen.

- Das bedeutet, daß in dieser Gruppe natürlich aber auch sehr viel investiert werden muß, also eigene Vorleistungen erbracht werden müssen im Hinblick auf die Software, die teilweise ungeschrieben ist.

Standards setzen heißt zunächst einmal noch nicht investieren. Beim Implementieren neuer Standards ist es immer schwierig, alte Dinge zu berücksichtigen, nur - beim ISDN sind wir in der glücklichen Lage, daß wir weitgehend in Neuland vorstoßen, wo es keine Besitzstände gibt. Das erleichtert die Sache Gott sei Dank. Sie haben den Kreis der potentiellen ISDN-Kunden aus der Datenszene sehr eingeschränkt. Der Clou des ISDN ist ja gerade die Mischkommunikation, bestehend aus Sprache und Text oder Daten, so daß eigentlich der potentielle Kundenkreis für ISDN nicht nur die Datenanschlüsse sind. Wir haben zur Zeit etwa 25 000 Anschlüsse in den Datex-Netzen und zirka 70 000 Datenanschlüsse im Telefonnetz, zusammen also rund 100 000 Anschlüsse. Der potentielle Kundenkreis für ISDN sind aber auch die zwei Millionen Anschlüsse an Nebenstellenanlagen, denn die Inhaber dieser Anlagen werden die ISDN-Kunden der ersten Jahre sein. In der Nebenstellenanlage ist die Basiskommunikation immer die Sprache, und im ISDN wird neben der herkömmlichen Text- und Datenkommunikation ein wesentlicher Kommunikationsanreiz aus den normalen Sprachkommunikationsanlagen entstehen. Zur Interessenvertretung ist zu sagen: Keine Gruppe in Deutschland hat eine so schlagkräftige Interessenvertretung wie die Daten- und Textkundschaft. Der kleine Mann, die 23 Millionen Fernsprechteilnehmer wie Sie und ich, hat keinerlei Organisation. Was die Vorleistungen anbetrifft, befinden wir uns in sehr guter Gesellschaft, die Bundespost selbst ist in diesem Punkt unübertroffen.

- Herr Minister, Ihre Aussagen oder die Aussagen der Bundespost zur ISDN-Hauptanschlußgebühr legen den Schluß nahe, daß man sich stark am Gebührenmodell des Telefonnetzes orientieren wird oder orientieren muß. Sollte die Post nicht die seltene Chance nutzen, beim ISDN auch einmal in Sachen Gebührenmodell innovativ zu sein?

Ich glaube, daß wir uns durchaus hier nicht sklavisch am alten Modell orientieren, sondern daß wir die neuen technischen Möglichkeiten von nutzen müssen. Bisher hat jedoch noch keine Verwaltung der Welt irgendwelche ISDN-Gebührenvorstellungen vorgelegt. Wir sind die erste Verwaltung, die gesagt hat, wir werden die ISDN-Tarife an den Fernsprechtarifen orientieren. Die zweite Aussage lautet: Die Gebühren werden Dienste-unabhängig sein. Selbst das hat noch keine Verwaltung gesagt. Sie sehen aus dieser Vorankündigung also, daß wir uns hier weit im Vorfeld bewegen. Die Detailtarife in Mark und Pfennig sind jedoch heute noch nicht verfügbar.

- Vielleicht können Sie aber doch gewisse Trends aufzeigen. Ein Trend ist ja wohl zum Beispiel bei der Grundgebühr die doppelte Telefonanschlußgebühr.

Das haben wir ja bereits gesagt.

- Das zweite sind die Verkehrsgebühren. Wenn man die ein bißchen unter die Lupe nimmt, dann zeigt sich im Telefonbereich, daß die Gebührenzonen sich kontinuierlich verringert haben. Wäre es hier denkbar, daß es im ISDN nur noch eine Tarifzone bundesweit gibt oder vielleicht maximal zwei Zonen? Oder sind die Überlegungen der Bundespost in dieser Richtung noch nicht abgeschlossen?

Die Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen. Auf der anderen Seite kann ich nicht sehen, daß wir im Laufe der Zeit immer weniger Tarifzonen haben, wenn ich daran denke, was wir für Nahbereiche in der letzten Zeit im Grunde erst ausgebaut haben; hier ist sogar eine größere Differenzierung entstanden. Allerdings ist richtig, daß wir früher zehn und mehr Fernsprechzonen im Weitverkehr hatten, und die sind jetzt auf drei Fernzonen abgebaut. Bei den Auslandstarifen haben wir gerade im vergangenen Jahr große Schritte gemacht, zum Beispiel, daß die Inlandstarife nicht mehr nur auf die Nachbarländer angewandt werden, sondern daß wir sie ausgedehnt haben auf die gesamte EG. Zudem haben wir ja große Tarifanpassungen nach Übersee vorgenommen. Wir sind der europäische Musterknabe. Ich brauche Sie ja nur auf die Ergebnisse der Stiftung Warentest zu verweisen. Die haben gezeigt, daß wir, gerade was die Tarife anbelangt, wirklich im Vorderfeld, ich möchte sagen, in manchen Bereichen sogar an der Spitze im für den Verbraucher günstigen Sinn stehen, wenn wir zum Beispiel an die Anschlußgebühr denken. Das ist alles in den letzten zwei, drei Jahren passiert. Ich möchte hier also durchaus sagen, daß die Politik richtig war. Im übrigen ist auch interessant, daß zum Beispiel seit der Einführung der Gebührenreduzierungen nach den Vereinigten Staaten das Gesprächsvolumen im Schnitt um zirka 30 Prozent zugenommen hat. Wenn auch in diesem Steigerungsbetrag der allgemeine Verkehrszuwachs und mögliche Verkehrsverlagerungen mitenthalten sind, zeigt das Ergebnis doch die Abhängigkeit von Tarif und Volumen sehr deutlich.

- Zurück zum ISDN, das ist ja per definitionem ein Dienste-integrierendes Netz. Nun gibt es immer noch Stimmen, die sich dafür aussprechen, daß man unterschiedliche Verkehrsgebühren für unterschiedliche Dienste im ISDN erheben soll. Die Aussage der Bundespost war hierzu klar und hieß Dienste-unabhängige Gebühren. Bleibt sie dabei?

Das geht unserer Meinung nach technisch gar nicht anders, denn beim ISDN, wenn es attraktiv sein soll, muß man innerhalb der Verbindung wechseln können von Dienst zu Dienst, man muß von Sprache auf Text übergehen können, von Text auf Bild und auf Fax und zurück. Wenn man innerhalb einer Verbindung auch noch im Tarif springt, dann würde das unbezahlbar teuer werden in der Tariferfassungstechnik, so daß wir uns aus ganz pragmatischen Gründen dazu durchgerungen haben, zu sagen: Wir müssen die ISDN-Verbindung Dienste-unabhängig machen. Wenn sie steht, ist es ein Tarif. Das ist eine ganz pragmatische Überlegung. Wenn wir die Dienste unterschiedlich tarifieren würden, vielleicht, um einen Dienst in irgendeiner Weise mit einem Maßanzug zu versehen, dann würde dieses ja natürlich für alle Dienste gelten müssen, dann würde genau der Effekt eintreten, daß die Möglichkeiten der Technologie wegen der Gebührenstruktur nicht genutzt würden. Das kann nicht Ziel unserer Politik sein und würde die Integrationsbemühungen unterlaufen.

- Für das ISDN sind hohe Investitionen notwendig. Denkt die Bundespost in diesem Zusammenhang an die Zulassung von Value Added Services beziehungsweise privater Netzträgerschaft ?

Nein, private Netzträgerschaft im Bereich des ISDN wird es nicht geben.

Sinn macht das ISDN ja nur als nicht ausschließlich nationale Lösung, also mindestens im Verbund mit den europäischen Nachbarn. Allerdings ist hier das Konfliktpotential groß. Was tut die Bundespost, um diese Konflikte hier möglichst gering zu halten, zum Beispiel im Rahmen der EG?

Wenn wir erst einmal die europäische Szene sehen, entsteht durchaus ein ganz heilsamer Druck seitens der EG-Kommission, die Dinge voranzubringen. Wir sind dezidiert der Auffassung, daß das Voranbringen dieser Dinge in den dafür zuständigen Gremien erfolgen muß, weil wir sonst Parallelentwicklungen und Doppelt-und-dreifach-Diskussionen bekommen, die nachher nur in eher anarchischen als in konstruktiven Lösungen enden, weil dann jede Gruppe erneut die Diskussion eröffnet und die Integration der Auffassungen fast unlösbar wird. Aus diesem Grunde begrüße ich die Absichten der EG-Kommission als Druckmittel für manche Fernmeldeverwaltungen, die in diesem Bereich nicht das größte Tempo an den Tag legen, sehr. Ich glaube auch, daß wir innerhalb der europäischen Verwaltungen mehr das Problem haben, daß das, was in der Cept beschlossen wird, dann tatsächlich auch bei der konkreten Umsetzung der Dienste angewendet wird.

- Siehe das Negativbeispiel Bildschirmtext.

Sie sagen es. Hier muß ein anderes Reglement erfolgen, und ich würde sagen, wenn die EG-Kommission sich dafür einsetzt, daß Beschlüsse der Cept auch tatsächlich durchgeführt werden und es einen Argumentations- und Begründungszwang geben wird für einzelne Fernmeldeverwaltungen, warum sie davon abweichen, so wäre das zum Beispiel ein wichtiger Schritt zu einer guten europäischen Lösung. Darüber hinausgehend lassen Sie mich sagen, daß wir uns eigentlich sehr freuen können, daß durch die Situation in den Vereinigten Staaten der Bewußtseinsstand, wie wichtig neue Standards werden, wie notwendig es ist, internationale Kompatibilität herzustellen, dadurch besonders wächst, daß die USA sich jetzt auch im Innenbereich zunehmend vor ähnliche Aufgaben gestellt sehen. Das, was früher im Rahmen eines großen Unternehmens wie AT&T als Firmenstandard eingeführt werden konnte und die Kompatibilität nationsweit hergestellt hat, wird nunmehr zu einem Problem von verschiedenen Netzträgern. Ich habe die amerikanischen Freunde, sowohl was die Firmen angeht als auch, was die Fernmeldebehörden FCC angeht, sehr nachdrücklich darauf hingewiesen, daß es jetzt sozusagen existentiell darauf ankommt, daß die Lösungen, die in den Vereinigten Staaten zur Überwindung des Problems der Kompatibilität von Netzträger zu Netzträger erforderlich werden, mit einer internationalen Ausrichtung erfolgen müssen und nicht zu einer Nabelschau nationaler Wünsche werden dürfen. Ich glaube auch, daß im Grunde genommen jetzt eine große Chance besteht, daß . man generell sagt, wir brauchen Kompatibilität und damit Standards, um unsere eigenen Probleme zu lösen, und daß man dies jetzt aber gleichzeitig im internationalen Bereich sieht. Hier können wir sagen, daß wir in den letzten Monaten doch sehr erfreuliche Signale aus den USA bekommen haben: erstens, daß man sich grundsätzlich dem ISDN-Gedanken nicht nur von der Theorie her, sondern auch von der Praxis her nähert. Wir können weiter feststellen, daß Pilotprojekte, wie wir sie in Stuttgart und Mannheim durchführen, von Gesellschaften in den Vereinigten Staaten in gleicher Weise durchgeführt werden. Wir haben angeboten, hier einen engen Erfahrungsaustausch vorzunehmen. Es wird in diesem Zusammenhang dann natürlich auch die Frage der Value Added Services anzusprechen sein, wobei ich bisher noch von keiner Seite der USA eine schlüssige Antwort bekommen habe, was wirklich Value Added Services in einer ISDN-Welt sind. Dieses Problem muß erst einmal beantwortet werden. Wir sind da sehr gerne zu Hilfestellungen bereit, glauben aber nur, daß diese Philosophie noch auf die jetzige Netzstruktur paßt, in einer ISDN-Welt jedoch völlig neu definiert werden muß - und daran werden wir uns gemeinsam beteiligen. Ich glaube auch, daß die FCC durch ihre letzten Erlasse vom Juli dieses Jahres bereits Schritte und Neudefinitionen auf diesem Gebiet gegangen ist, weil sie selber sieht, daß diese einfache Unterscheidung in "basic" und "value added" bei der Weiterentwicklung unserer Netzstrukturen in Richtung ISDN nicht mehr trägt.

- Das heißt im Grunde genommen, daß man sich zunächst einmal mit den USA auf eine gemeinsame ISDN-Strategie einigen muß, um dann auf dieser Grundlage weiter diskutieren zu können über das Thema "Value Added Services" ?

Ich glaube nicht, daß man jetzt die Strategie dazu zur Voraussetzung machen muß. Wir können ja heute schon sehr genau feststellen, was ISDN sein wird, ganz gleich, wie jetzt die Einzelstandardisierungen aussehen. Was wir durchführen müssen, ist vielmehr die Definition, was ein Massendienst ist, der durchstandardisiert sein muß, und was vielleicht eine Anwendung für eine geschlossene Benutzergruppe ist, die nicht so weit durchstandardisiert werden muß wie bei einem Massendienst, um Kompatibilität für jeden Endverbraucher herzustellen. Das sind Fragen, die erörtert werden müssen, die definiert werden müssen und wo technische Parameter, sicherlich auch Marktparameter, miteingeschlossen werden müssen. Ich glaube, daß diese Fragen alle nicht mehr nur technisch zu lösen sind, sondern auch von der Antwort des Marktes zu sehen sind, zum Beispiel der Übergang von einem für einen kleinen Benutzerkreis konzipierten Dienst zu einem Massendienst, oder umgekehrt von einem Massendienst, der sich plötzlich nur als Dienst für einen sehr kleinen Benutzerkreis herausstellt. Diese Fragen müssen geklärt werden, und dafür müssen Parameter festgelegt werden.