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Finnen verkaufen Computersparte an Fujitsu-Tochter


07.06.1991 - 

ICLs Marktposition in Nordeuropa durch Nokia-Ubernahme gestärkt

MÜNCHEN (see) - Einen eigenständigen DV-Hersteller weniger wird es ab dem 30. September 1991 in Europa geben, vorausgesetzt, die finnischen Wirtschaftsbehörden und die EG-Kommission stimmen der Übernahme von Nokia Data, Helsinki, durch die finanziell von Fujitsu beherrschte britische ICL Plc. zu. Der EG-Kommission liegt nach Auskunft einer Sprecherin von Vizepräsident Leon Brittan allerdings noch kein Genehmigungsantrag vor.

Vergangene Woche stellte sich heraus, in welcher Form der finnische Nokia-Konzern sich der Defizite seiner Computersparte entledigen will: Für 50 Millionen Pfund in bar plus stimmrechtslose Vorzugsaktien im Wert von weiteren 180 Millionen Pfund wird Nokia Data Ende September an die zu 80 Prozent im Besitz von Fujitsu befindliche ICL übergehen.

Außerdem wird ICL 100 Millionen Pfund an Nokia-Data-Schulden übernehmen, meldet der britische Branchendienst "Computergram International", so daß der finnische DV-Marktführer den Japanern und Briten insgesamt 330 Millionen Pfund wert wäre. ICL bestätigte die Übernahme eines Schuldenbestandes, wollte sich jedoch zur

angegebenen Höhe nicht äußern.

Ein Vorstandsmitglied des Nokia-Konzerns - es handelt sich um den Vorsitzenden Kalle Isokallio - wird einen Sitz im ICL-Aufsichtsrat erhalten, teilten die Unternehmen mit. Wenn ICL wie geplant in zwei bis fünf Jahren einen Teil seines Aktienbestandes an der Londoner Börse einführen wird, soll die Hälfte von Nokias ICL-Vorzügen zurückgekauft und die verbleibende Hälfte in Stammaktien umgewandelt werden.

Nokia hätte dann einen fünfprozentigen Anteil an der britisch-japanischen Company, der Barpreis der Data-Division würde sich um einen vom Aktienkurs abhängigen Betrag erhöhen.

Wie die Vertragspartner hervorheben, bringt der Deal das fünftgrößte europäische DV-Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von zirka vier Milliarden Dollar und 24000 Mitarbeitern hervor. Dessen Zukunftsperspektive stellt sich laut ICL-Chef Peter Bonfield wie folgt dar: Die Zusammenarbeit in den lokalen Märkten werde ICL-Nokia auf Platz drei in England, Finnland, Schweden, Dänemark und - in Verbindung mit Fujitsu - in Spanien bringen; Bonfield zufolge stärkt der Zusammenschluß auch die "Marktposition von ICL in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden".

"Figur der Japaner auf dem europäischen Schachbrett"

Der Nokia-Konzern will sich nach der Ausgliederung seines Computergeschäftes auf die übrigen Elektronik-Aktivitäten wie Mobilfunk, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik konzentrieren und hofft, demnächst in diesen Technikbereichen durch die Minderheitsbeteiligung an ICL und Isokallios Sitz im Aufsichtsrat von Neuerungen der Informationstechnologie profitieren zu können.

Bisher beschäftigte Nokia (Konzernumsatz 1990: sechs Milliarden Dollar) in seiner Data-Division 6400 Mitarbeiter und mußte zuletzt bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar Verluste hinnehmen. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Nokia Data nach Isokallios Darstellung wieder einen Profit. ICL (21 000 Mitarbeiter, letzter Jahresumsatz: 1,6 Milliarden Pfund) verweist auf eine seit neun Jahren nicht unterbrochene Folge positiver Ergebnisse (siehe Seite 10).

Die ICL Deutschland GmbH, Nürnberg, begrüßt nach den Worten ihres Sprechers Rüdiger Stubenrecht die Vereinbarung mit Nokia, besonders wegen der "komplementären Produktpaletten" der beiden Anbieter. Man habe in Deutschland bereits früher mit Nokia Data zusammengearbeitet, zum Beispiel bei der Ausrüstung des Deutschen Bundestages mit IT-Equipment im sogenannten "Parlacom"-Projekt.

Seit der zweitgrößte DV-Konzern der Welt, die japanische Fujitsu, 80 Prozent des ICL-Kapitals übernommen hat, gibt es in der DV-Branche die Tendenz, die Briten als trojanisches Pferd des Tokioter Weltkonzerns zu betrachten - für Bonfield ein nicht akzeptables Label. Auch die Übernahme von Nokia, bekräftigte der ICL-Chef gegenüber dem "Wall Street Journal", sei organisatorisch wie finanziell eine rein britische Angelegenheit; sie gehe ohne Beteiligung Fujitsus vonstatten.

Beobachter widersprechen den Unabhängigkeitsbeteuerungen ICLs; sie sehen auch Nokia weniger als attraktiven Partner von ICL mit gleichen Rechten - die Finnen sprechen nicht von einer Übernahme, sondern einem Zusammenschluß -, sondern eher als "Figur der Japaner auf dem europäischen DV-Schachbrett", so Frank Sempert, Geschäftsführer der deutschen Gartner-Group-Niederlassung, Starnberg bei München. Europa sei der einzige Markt, in dem die "Karten noch nicht endgültig gemischt", die Anteile also noch nicht verteilt seien, so der Marktforscher.

Der Binnenmarkt und die Ost-Nachfrage machen nach Semperts Ansicht die europäische Wirtschaftsregion attraktiv für Investoren. Die Japaner müßten, wollten sie in Europa erfolgreich sein, in das Systemgeschäft hinein, und das setze die Übernahme einer vorhandenen Infrastruktur voraus. Weitere Übernahmen europäischer DV-Unternehmen durch japanische Noch-Konkurrenten seien daher vorhersehbar. Bis zur Jahrhundertwende, glaubt der Gartner-Chef, werde der DV-Markt in Europa japanisch dominiert sein.

Auch bei ICL selbst macht man sich trotz Bonfields Beharren auf britischer Eigenständigkeit Souveränität keine Illusionen über die künftig zu verfolgende Überlebensstrategie europäischer DV-Akteure: Teilnahme am japanischen Spiel. George Hall, bei den Briten verantwortlich für Behördenkontakte, diagnostiziert unter europäischen DV-Managern gleichwohl noch immer eine Art "Wildwest-Komplex": Wie die Siedler in der Frühzeit der USA versuchten einige, eine Wagenburg gegen die Indianer - hier: Japaner - zu bauen und sich von dort zu verteidigen.

Dieser Ansatz, mit Vertretern der fernöstlichen Wirtschaftsmacht umzugehen, ist zum Scheitern verurteilt, glaubt man dem ICL-Mann, denn "die Indianer sind bereits in den Kreis der Wagen eingedrungen."