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22.08.1986 - 

Japan: Kluft zwischen Institut for New Generation Computer Technology (ICOT) und Industrie

ICOT bekommt Konkurrenz im eigenen Land

Seit einigen Jahren arbeiten japanische Wissenschaftler und Ingenieure intensiv an der Entwicklung einer neuen, "künstlich intelligenten" Generation von Computern. Doch während sich inzwischen immer deutlicher zeigt, daß so manches Ziel doch schwerer erreichbar ist als anfangs erhofft, wird das Thema "Künstliche Intelligenz" (Kl) jetzt zusehends zu einem Arbeitsschwerpunkt der Industrie. Und das sollte hierzulande eigentlich aufhorchen lassen.

Was erst kürzlich über einen interessanten, neuen "KI"-Chip der Firma Hitachi zu berichten (vergleiche CW Nr. 29 vom 18. Juli 1986), so ist nun - beispielhaft - ein Prolog-Spezialrechner vorzustellen den das konkurrierende Unternehmen Mitsubishi Electric auf den Markt bringt. "Prolog" ist die Programmiersprache, die innerhalb der KI-Bemühungen des japanischen ICOT (Institute for New Generation Computer Technology) eine wichtige Rolle spielt.

PSI-Rechner betritt die kommerzielle Bühne

Dieses ICOT-Projekt zur Entwicklung einer ganz neuen Rechner-Generation hat nun als ersten kommerziell verwertbaren Abkömmling den "PSI"-Rechner von Mitsubishi Electric in die Welt gesetzt - die "Personal Sequential Inference Machine". Der neue Computer gleicht weitgehend den bisher schon für die ICOT-Forschung gebauten

PSI-Experimentalgeräten, sieht man von einem Zusatz ab: Zu ihm gehört nämlich noch ein anwenderorientiertes Softwarewerkzeug namens "External", das der raschen Entwicklung von Expertensystemen dienen soll. Mit ihm wurde beispielsweise die Schaffung eines Expertensystems angepackt, mit dessen Hilfe Mitsubishi den Betriebszustand von kreisenden Satelliten abklären kann; unnötig etwa zu sagen, daß der Gigant Mitsubishi auch selber Satelliten baut.

Wie stark Mitsubishi und sicher auch andere Firmen aus dem Kreis der sechs industriellen Partner des ICOT-Programms inzwischen in das Gebiet KI einsteigen, zeigt schon allein die Zahl von 100 auf KI spezialisierten Mitarbeitern, die allein dieses Unternehmen zählt; von ihnen arbeitet aber nur jeder zweite an gemeinsamen ICOT-Projekten, die andere Hälfte aber an firmeneigenen Vorhaben.

Die mit ICOT-Projekten befaßten Mitsubishi-Mannen arbeiten derzeit an einer parallelen Schlußfolgerungsmaschine, indem sie, zur Simulation einer solchen, zunächst sechs PSIs miteinander koppeln und sich auch um effiziente neue Programmierverfahren kümmern. Gleichzeitig verbessert die andere Hälfte der Mitsubishi-KI-Hundertschaft die derzeitige PSI, indem sie sich um mehr Leistung und um eine kompaktere Bauform bemüht.

Mitsubishi und seine PSI-KI-Aktivitäten sind nur ein Beispiel für den Schwung, den die KI-Szenerie in Japan inzwischen gewinnt. Denn auch an anderen, markanten Daten kann man ablesen, daß KI an Japans Universitäten und in Kreisen der japanischen Industrie zunehmend zu einem ersten Thema wird.

So hat Japans bekanntes Handels- und Industrieministerium MITI erst im Mai ein Zentrum für KI installiert, das der Verarbeitung neuen, vom ICOT erarbeiteten KI-Wissens an die Industrie dienen soll. Und schon wenige Wochen später soll, so berichtet die internationale Presse, das Echo die Erwartungen der MITI-Manager deutlich übertroffen haben: Weit mehr als hundert Unternehmen haben sich beim neuen MITI-Zentrum bereits als KI-Interessenten eintragen lassen.

Kl-Vereinigung fungiert als Forum

Einen Monat vor dieser MITI-Schöpfung hat schon eine andere KI-Organisation das Licht der Welt erblickt: die japanische Vereinigung für Künstliche Intelligenz. Zu ihr gehören inzwischen mehr als fünf Dutzend Unternehmen, die vorwiegend aus dem Bereich der Software-Industrie stammen. Sie finden hier ein Forum vor, in dem sie gemeinsam Probleme besprechen und eventuell bestimmte Handlungsweisen abstimmen können. Außerdem soll diese Organisation KI-Schulungskurse anbieten und so dem notorischen Programmierermangel des Landes entgegenwirken.

Während die zuletzt knapp skizzierte Organisation "auf japanisch" die Bezeichnung "Artificial Intelligence Association of Japan" trägt, gibt es als dritte und allerneueste Schöpfung nun auch noch eine zweite Gesellschaft, die für Nichtjapaner als ".Artificial Intelligence Society of Japan" auftritt. Diese letztere versteht sich als akademische Vereinigung und ihr Organisator, Setsuo Ohsuga von der Universität Tokyo, hofft, schon bald 3000 Mitarbeiter zählen zu können.

Rivale des MITI wird zunehmend aktiv

An dieser Gesellschaft ist nicht nur interessant, daß sie auch das wachsende Interesse der Japaner an KI dokumentiert, sondern auch, daß hinter ihr ein "Rivale" des MITI steckt; nämlich das japanische Erziehungs-, Kultur- und Wissenschaftsministerium. Jenes hat nämlich, von der westlichen Öffentlichkeit nur wenig beachtet, schon 1984 ein Projekt ins Leben gerufen, das noch bis zum kommenden Frühjahr laufen und unter anderem der "intelligenten Verarbeitung mehrdimensionalen Wissens" dienen soll.

Man muß klar sehen, daß dieses wissenschaftlich orientierte Vorhaben völlig separat von den Projekten des MITI und dessen ICOT eingerichtet wurde, obwohl seine einzelnen Arbeitsfelder jenen der ICOT-Truppe recht ähnlich sind: Bildverarbeitung, Wissensbasen,

KI-Systemarchitekturen und Schlußfolgerungsverfahren. Doch anders als im streng business-orientierten Bereich des MITI sieht man in der Ecke Kultur und Bildung die Dinge in einem größeren Rahmen; denn, so meint Ohsuga, das MITI-Konzept der "Künstlichen Intelligenz" sollte endlich verbreitert werden und man sollte über den engen, maschinenorientierten Horizont, den die MITI-Mannen sich selber gesteckt haben, hinauszublicken beginnen.

Dies sind bemerkenswerte, aber auch ein bißchen kühne Absichten. Kühn vor allem im Licht der Probleme, die ICOT allein schon auf seinem begrenzten Felde vorfindet und die

vor allem mit der immer noch beachtlichen Lücke zu tun haben, die zwischen MITI und ICOT einerseits und der Industrie mit ihren ganz trivialen Alltagsproblemen andererseits klafft. Sie zu überbrücken kann auch das erwähnte KI-Zentrum des MITI allenfalls beitragen; einen vollen Brückenschlag indes wird es nicht leisten können.

Die erwähnte Kluft zwischen ICOT und der Industrie geht nicht an letzter Stelle auf die bekannte MITI-Entscheidung zurück, zur Programmierung der neu zu entwickelnden KI-Rechner die KI-Sprache Prolog einzusetzen. Diese Sprache aber ist in Kreisen der Industrie kaum bekannt, denn dort arbeitet alle Welt mit wohlvertrauten Sprachen wie Fortran und dergleichen. Und ICOT steht nun vor dem schweren Problem, die zögernde Herde allmählich an die Prologtränke zu führen.

Bei diesem Prozeß könnte vielleicht auch Mitsubishis PSI helfen: eine Maschine, die bewußt zur Einbindung in einen umfangreicheren Komplex herkömmlicher Rechner bestimmt ist und dort dann die - noch etwas exotisch anmutende - Funktion einer dedizierten

KI-Maschine übernehmen soll. Und zwar in Anwendungsbereichen, in denen die PSI keineswegs bloß für die Entwicklung moderner KI-Software benutzt werden soll, sondern auch direkt zum produktiven Einsatz solch neuartiger Programme. Dabei läßt sich beispielsweise an KI-Software zur Steuerung von Stahlwerken denken, oder auch an Programme zur Optimierung der Stromerzeugung in Spitzenlastzeiten: Speziell ihre Abarbeitung soll jeweils die PSI übernehmen, die dabei dann direkt in das übrige Netz der industriellen, prozeßsteuernden Rechner eingebunden würde.

Mitsubishi hofft auf Absatzerfolg

Zum Schluß sind noch einige Zahlen bemerkenswert, die das wachsende Interesse der Japaner an KI beleuchten. Heute zählt man in jenem Land nur etwa 250 Rechner, die ausschließlich für KI-Aufgaben, wie etwa die Entwicklung neuartiger Software, eingesetzt werden. Doch schon zum Ende des Jahres könnten es viermal so viel sein, erwarten Beobachter der Entwicklung. Und Mitsubishi hofft denn auch, allein von der PSI binnen drei Jahren an die 5000 Stück verkaufen zu können.