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28.09.2001 - 

Lediglich der Abwärtstrend ist intakt

IDC: Die Krise der IT-Branche weitet sich aus

MONACO (ajf) - Im Gegensatz zu früheren Veranstaltungen war das diesjährige europäische IT-Forum der International Data Corp. (IDC) von der gedrückten Stimmung in der Branche geprägt. Die Unsicherheit wurde durch den Compaq-HP-Merger und die Terrorangriffe in den USA noch verstärkt. Prognosen, wann es wieder aufwärts geht, wagt ohnehin kaum jemand mehr.

Kein Vertrauen auf Seiten der Kunden, strikte Sparmaßnahmen der Anwender, eine Flaute im PC-Bereich und regelmäßig Firmenpleiten - das Geschäft mit der Informationstechnologie ist mühselig geworden, der Motor der modernen Wirtschaft stottert. Spätestens seit den Anschlägen in den USA ist nur noch ein Punkt sicher: Der lang herbeigeredete Aufschwung kommt definitiv nicht mehr in diesem Jahr, sämtliche in diese Richtung zielenden optimistischen Planungen und Analysen sind auf einen Schlag hinfällig geworden.

Gibt es Licht am Ende des Tunnels?Dies traf auch für das europäische IT-Forum von IDC zu, auf dem die Analysten eigentlich ein positives Zeichen setzen wollten. "Gibt es Licht am Ende des Tunnels?" hieß das Motto der Veranstaltung, doch statt eines Hoffnungsschimmers zeichnete sich ab, dass von einer Wende zum Guten erst einmal keine Rede sein kann: "Mit dem Abschwung wird die Branche noch eine Weile leben müssen", befürchtet auch Intershop-Chef Stephan Schambach.

Derweil bemühten sich die versammelten Wirtschafts- und IT-Experten vergangene Woche in Monaco, die deprimierenden Kurvenverläufe der Aktienindizes und IT-Budgets in leicht verständliche Buchstabensymbole zu übersetzen. Waren die meisten Beobachter ursprünglich von einem V-förmigen Verlauf der Konjunktur ausgegangen, wird nun immer häufiger ein "U" zitiert. Dabei weiß jedoch niemand, wie lang die horizontale Talsohle überhaupt ausfallen wird. Der Ökonom Lester Thurow, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), geht sogar davon aus, dass sich die Konjunktur noch mitten in der Phase des Abschwungs befindet: "Die harte Landung ist nicht abgeschlossen", warnte er.

Eine neue Buchstabenoption als Prognoseansatz brachte Compaq-CEO Michael Capellas ins Spiel. Für ihn steht fest, dass vor der Branche ein steiniger Weg liegt. Statt eines raschen und lang anhaltenden Aufschwungs nach dem Crash rechnet er damit, dass es künftig zu stetigen zyklischen Auf- und Abbewegungen der IT-Ausgaben und damit auch der Börsenbarometer kommt. "Die Nachfragespitzen bleiben uns noch eine Weile erhalten", meinte Capellas. Statt U und V also ein W? Nichts Genaues weiß man nicht, aber für den designierten HP-President besteht "kein Zweifel, dass die IT-Industrie gerade eine harte Zeit durchmacht".

Erschwerend komme hinzu, dass der Innovationsprozess in einigen Segmenten ins Stocken geraten ist. Damit kritisierte Capellas den deprimierenden Verlauf des PC-Geschäfts, der durch den texanischen Billigkonkurrenten Dell angeheizt wurde. Die gegenwärtig herrschende Preisschlacht sei "brutal" und werde noch eine Weile andauern. Jedoch müsse die Stagnation in der Forschung und Entwicklung nicht unbedingt ganz schlecht sein, so der Compaq-Chef. Sie führe lediglich dazu, dass sich die Nachfrage von PCs hin zu kompletten Lösungspaketen verschiebe - die er künftig natürlich selbst im Rahmen des neuen HP-Konzerns anbieten will.

Damit leitete Capellas elegant zum zweiten beherrschenden Thema des IT-Forums über, nämlich dem geplanten Zusammenschluss von HP und Compaq. Sowohl der Topmanager als auch HPs CEO Carleton Fiorina nutzten via Satellit als Keynote-Sprecher weidlich die Gelegenheit, die angeblichen Vorzüge der Fusion herauszukehren und eine goldene Zukunft für den neuen Konzern gegen den Branchentrend zu skizzieren. Die Motive des Zusammenschlusses seien nicht, wie von der Presse fälschlich kolportiert worden sei, eine Konsolidierung des PC-Geschäfts und Kosteneinsparungen. Vielmehr biete die Fusion laut Fiorina "wunderbare Möglichkeiten", das eigene Standing im Enterprise-Computing nachhaltig zu verbessern.

Marktübergreifende Standards

Nach Angaben der HP-Chefin soll dies in erster Linie durch offene, marktübergreifende Standards und Architekturen geschehen. Sie führten zu einer größeren Auswahl an Produkten, schafften mehr Wettbewerb und versetzen die Kunden in eine einflussreichere Position - "wo die Kontrolle schließlich hingehört", so die Konzernchefin. "The new HP" werde ein stärkerer Lieferant und ein besserer Partner sein: "Der Zusammenschluss ist nicht defensiv ausgelegt, wir wollen führen und nicht folgen." Konkrete Anhaltspunkte, wie diese Absichten zu verwirklichen seien, blieb Fiorina jedoch schuldig.

Die Stoßrichtung des neuen Konzerns wurde allerdings unmissverständlich vorgegeben: Das Ziel heißt Big Blue. Doch musste Fiorina trotz des Mergers auch gewisse Defizite einräumen: "Im Bereich Services sind wir noch nicht so weit wie IBM." HP habe hier viel Arbeit vor sich und werde sowohl organisch als auch durch gezielte Übernahmen von kleineren Dienstleistern speziell in vertikalen Märkten wachsen. Trotzdem sei der Konzern bereits jetzt ein starker Partner, sowohl für Softwareanbieter wie Microsoft und SAP als auch für die großen Vertreter im Beratermarkt à la Accenture, Pricewaterhouse-Coopers oder Cap Gemini. Was sämtliche Companies verbinden soll: "Wir haben alle einen gemeinsamen Gegner", so Fiorina.

HPs Konkurrenz ist gelassen

Zu den Konkurrenten des Unternehmens zählt sich traditionell immer noch Sun Microsystems, das nach Angaben seines Europa-Chefs Robert Youngjohns dem Merger durchaus positive Seiten abzugewinnen vermag. So werde es wegen rechtlicher Fragen noch mindestens sechs Monate dauern, bis die konkrete Integration der beiden Konzerne angegangen werden kann. Die zwischenzeitliche Unsicherheit über die Zukunft der Produktlinien biete Sun laut Youngjohns kurzfristige Chancen, um wechselwillige HP- und Compaq-Kunden ins eigene Boot zu ziehen.

Youngjohns verwies gegenüber der CW jedoch darauf, dass Sun nicht beabsichtige, gemäß dem gegenwärtigen Trend zur Dienstleistung künftig ebenfalls als Service-Provider, Outsourcer oder Systemintegrator aufzutreten. Vielmehr wolle das Unternehmen die neue Situation nutzen, um stärkere Allianzen mit IT-Dienstleistern wie Accenture, CSC oder EDS zu schmieden und vertikale Schwerpunkte zu setzen: "Momentan sehen wir keine Notwendigkeit zu einer Übernahme oder einem Merger", so Youngjohns Beurteilung des Servicesegments. Eine Fusion würde nur dazu führen, sich in dem Umfeld neue Wettbewerber zu schaffen.

Ein steigender Konkurrenzdruck ist jedoch das Letzte, was sich die einschlägigen Anbieter wünschen, denn der Druck auf den Markt ist mit den Terroranschlägen in New York und Washington weiter gewachsen. So hat IDC kurzerhand seine Prognosen für die Entwicklung der IT-Ausgaben in den nächsten Jahre reduziert. Der ehemalige "Worst Case" ist nun der wahrscheinliche Fall, meinte Chef-Researcher John Gantz (siehe CW 38/01, Seite 1). Statt eines weltweiten Wachstums von zwölf Prozent im Jahr 2000 steigen die IT-Ausgaben 2002 im schlechtesten Fall nur um 6,5 Prozent an. Hauptgrund für die revidierte Prognose sei das Vertrauen der Kunden, das spätestens seit dem 11. September drastisch gesunken ist.

Aktienkurse sind irrelevant

Parallel zur Vertrauenskrise der IT-Anwender hat sich in den vergangenen Tagen auch der letzte Rest Zuversicht der Investoren in Luft aufgelöst. Angesichts einer drohenden militärischen Auseinandersetzung wurden Aktien in bisher kaum geahntem Umfang abgestoßen. Hatte vor einigen Jahren noch eine euphorische Phantasie die Kurse in den Himmel getrieben, folgt nun die ebenso übersteigerte Gegenreaktion. Unwahrscheinlich ist auch, dass sich Privatanleger beim nächsten Aufschwung wieder vorbehaltlos engagieren.

"Der Aktienkurs als Indikator für die wirtschaftliche Stabilität eines Unternehmens ist gegenwärtig irrelevant", beurteilt auch Intershop-Chef Schambach die Situation. Trotzdem steht fest, dass der Absturz an den Börsen den finanziellen Spielraum vieler bereits angeschlagener Unternehmen zusätzlich einschränkt. Frisches Geld für nötige Umstrukturierungen steht über die Finanzmärkte kaum noch zur Verfügung, ferner werden die Firmen anfällig für eventuelle Übernahmen.

Hinzu kommt für die IT-Anbieter, dass der traditionell umsatzstarke September in diesem Jahr die großen Hoffnungen nicht erfüllen wird. Da sich gegenwärtig nicht einmal die kurzfristige Entwicklung der internationalen Politik abschätzen lässt, werden Aufträge einfach in das Winterquartal verschoben - oder gleich ins Jahr 2002. Das Fazit: Nur der Abwärtstrend ist momentan intakt.

Angesichts der Umwälzungen in der Branche verwundert es nicht, dass eine gewisse Unsicherheit langsam auch auf die Anwender abfärbt. So zeigte sich der IT-Leiter einer niederländischen Großbank, der nicht namentlich genannt werden wollte, "ziemlich nervös" über den geplanten Merger von HP und Compaq. Der CIO verfügt über Tandem-Systeme im Backend und hat eigenen Angaben zufolge nach der Übernahme des Anbieters durch Compaq im Jahr 1997 keine guten Erfahrungen mit dem Support gemacht.

Alternativen sieht er kaum, denn der Umstieg auf IBM-Mainframes würde ihn insgesamt "fünf bis sieben Jahre" kosten - was keine realistische Option sei. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als das Beste für sich und seine Systeme zu hoffen: "Ändern können wir ja sowieso nichts." Damit befand er sich völlig im Einklang mit der Stimmung in der IT-Branche, nämlich schlicht auf den nächsten Aufschwung zu warten. Der sei schließlich stets wiedergekommen. Ob als V, U oder W, ist im Nachhinein sowieso nebensächlich - Hauptsache, er kommt. Als neue Ankunftszeit gilt ab sofort inoffiziell der Sommer 2002.