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27.07.1984 - 

Headhunter: Mit dem Zielfernrohr und dickem Portemonnaie durch die Führungsetagen:

Illegale Jagd auf DV-Profis hat Hochsaison

MÜNCHEN (ru) - Sie pirschen in der Zone der Illegalität. Ihr Revier sind die oberen Etagen der Unternehmen. Den Erfolg krönen fette Abschlußprämien. Offizielle Bezeichnung der Wilderer: Headhunter. Für ihre Auftraggeber versuchen sie gezielt. deren Konkurrenten den gesuchten Spezialisten abzujagen. In der DV-Branche haben die "Kopfjäger" derzeit die Bosse der Anwendungsprogrammierung und Systementwicklung, Vertriebsleute sowie Netz- und Datenbankspezialisten im Fadenkreuz. "Und Führungskräfte sind alle ansprechbar" weiß ein Insider.

Etwas perplex ist der Leiter der Organisationsprogrammierung eines mittelständischen Unternehmens zunächst schon. Mit Meyer (Name erfunden) meldet sich der Anrufer und erkundigt sich höflich aber bestimmt, ob sein Gesprächspartner denn gerade frei sprechen könne. Nach einem zögernden "Ja" wird dem DV-Profi "eine nicht uninteressante Position" offeriert. Wie denn die Firma heiße, will unser Mann wissen. "Darüber kann ich am Telefon nichts sagen", entgegnet es vom anderen Ende der Leitung. Doch das Angebot, vor allem die erwähnten Kompetenzen und die Dotierung, machen neugierig. Man vereinbart einen Gesprächstermin.

Eine Situation, die so oder in ähnlicher Form gang und gäbe ist, denn Führungskräfte sind mehr denn je gesuchte Leute. So konstatiert die Hamburger Personalberatung SCS, die Jagd auf Manager und Spezialisten sei wieder in vollem Gange. Besonders bei den DV-Cracks registriere man einen Nachfrageboom. Auch Diebold berichtet in seinem Management Report", der Aufschwung in der Computerbranche wirke sich im Wettlauf um gute Kräfte aus.

Das Suchen nach Spitzenkräften hinter dem Vorhang der Legalität gibt auch die Bundesanstalt für Arbeit zähneknirschend zu. In Nürnberg beruft man sich zwar auf das Vermittlungsmonopol und droht den Schlips-und-Kragen-Jägern mit juristischen Sanktionen. Doch trotz aller Gesetze hat das Geschäft des Headhunters immer Hochkonjunktur, befindet ein Unternehmensberater. Mal sei die eine Branche bevorzugtes Ziel, mal die andere. Die staatlichen Arbeitsvermittler stochern allerdings bei der Suche nach den unliebsamen Geegenspielern mit der Stange im Nebel. Die dunklen Praktiken sind bekannt, die Macher selten. "Das kommt höchstens ans Tageslicht", so Volker Erhard, Pressesprecher der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZVA) in Frankfurt, "wenn sich mal eine Firma gegen die Abwerbung von Mitarbeitern wehrt". Wer allerdings erwischt wird, muß mit einer Geldstrafe bis zu 3000 Mark rechnen. Bei Abwerbungen von und nach dem Ausland drohen Freiheitsstrafen.

In der Bundesrepublik zählte das Büro Führungskräfte der Wirtschaft (BFW) in Frankfurt, sozusagen die Chancenbörse der Nürnberger für arbeitslose Whiteshirts, im August des vergangenen Jahres 12 000 Positionen auf der Ebene des Topmanagements. Etwa 1500 werden pro Jahr neu besetzt. Davon gut 1100 intern. Auf den offenen Markt kommen etwa 230, die zu 50 Prozent durch das BPW wieder einen neuen Sessel erhalten. Ungleich schlechter ist die Erfolgsquote für den Frankfurter Ableger der Bundesanstalt für Arbeit bei den Führungskräften der zweiten Ebene. Von den 170 000 wechseln etwa 34 000 jährlich ihren Arbeitsplatz. Nur 6000 Positionen werden dem BFW bekannt, das davon gerade 30 Prozent vermittelt. Die Zahl der arbeitslosen Entscheidungsträger, die auf die Hilfe der Bundesanstalt bauen, ist danach gering. Personalberater, die zur Mitwirkung bei der Suche und Auswahl von Führungskräften der Wirtschaft in engem Rahmen legitimiert sind, schätzen die Adresse des Arbeitsamtes oft nicht gerade als gute Referenz ein. Konstatiert ein ausgestiegener Headhunter:. "Top-Kräfte vermeiden es tunlichst, die Dienste des Frankfurter Büros in Anspruch zu nehmen. Die Furcht vor dem Kainsmal des Ladenhüters ist stark ausgeprägt."

Allerdings ist zwischen den beiden Polen Arbeitsvermittlung und Headhunting die Stellensuche über Inserate in der überregionalen Tagespresse wie in Fachzeitschriften ein nicht unerheblicher Markt. Verhältnismäßig leicht ist es derzeit, einen DV-Leiter aus dem Angebot zu fischen. Auf eine einzige Anzeige gehen, so SCS, rund 60 Bewerbungen ein. Bei Leitern der Anwendungs- Organisations- und Systemprogrammierung, besonders bei Vertriebsleuten, werde es aber schwer, geben befragte Personalberater an. Gesucht werden insbesondere Spezialisten, die neben ihrem fachlichen Wissen auch eine Portion Führungsqualitäten wie unternehmerische Denke mitbringen.

Hier setzt die Arbeit des Headhunters ein und hört die Insertion auf.

"Wir wollen nicht mit der Schrotflinte auf den Markt gehen, sondern mit dem Zielfernrohr", kennzeichnet ein Kenner der Szene die Situation. In detektivischer Arbeit spüren die Schreibtischjäger die Aspiranten auf. Über Kontaktleute in Unternehmen beispielsweise werden die Gesuchten ausfindig gemacht. Die Pirsch kann sich dabei auch über die deutschen Grenzen bis nach Übersee ausdehnen. Ihre Namen sowie persönliche Daten werden auf Karteikarten festgehalten. Von jedem ist die Telefonnummer bekannt, keiner ist mehr vor einem Anruf sicher. Ein Münchner Rechtsanwalt: "Es ist im Grunde der einzig erfolgreiche Weg, um Leute zu bekommen, gerade in der DV." Doch die Grenzen der Kopfjagd sind fließend. Sie fängt schon dann an, wenn ein Abgeworbener nach seinem Firmenwechsel vertraute Mitarbeiter nachzieht.

Da das Headhunten in der Bundesrepublik untersagt ist, weichen die Profis modernen Managerhandels nicht selten auf das in dieser Hinsicht "liberalere" Ausland aus. Dazu gehören Frankreich, England aber auch die Schweiz und Österreich. Von hier aus treiben sie die Spielchen der Kopfjagd weitgehend unbehelligt weiter. Verdienst: 40 und mehr Prozent eines Jahresgehalts ihres "Opfers". Um dem Treiben noch den Schein des Rechtmäßigen zu geben, schalten die Auftraggeber, sprich: Unternehmen, oft noch eine Anzeige - nur der Form wegen, der Kandidat steht bereits fest. Bewerber erhalten dann eine Absage mit dem lapidaren Hinweis, man habe sich bereits anderweitig entschieden.

Ein Branchenkenner: "Keiner, der angerufenen wird, sagt, ich fühle mich hier wohl, ich will nichts von euch wissen. Ich wundere mich immer, daß jeder zu einem Gespräch bereit ist." Für die ständig latente Bereitschaft zum Wechsel gibt es viele Gründe. Da geht es um ein höheres Maß an Selbstverwirklichung, jemand strebt mehr Verantwortung in der Größenordnung oder in der Hierarchiestufe an. Weniger ist es das Geld, denn bei einem Höchststeuersatz von 56 Prozent, mit dem sich Spezialisten und Fachkräfte konfrontiert sehen, wird der Mehrverdienst für einen Stellenwechsel unattraktiv. Ob allerdings der Headhunter auch immer den richtigen Mann ausfindig gemacht hat, stellt sich zumeist erst nach dessen Einstellung heraus. Arbeitsproben gibt es in dieser Jobkategorie nicht.