Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

17.03.2000 - 

IT im Anlagen- und Maschinenbau/E-Commerce und -Services noch nicht in Angriff genommen

Im Anlagen- und Maschinenbau ist das Internet vorerst nur Imagefaktor

Noch scheinen die traditionellen Strukturen des Anlagen- und Maschinenbaus vom E-Business weitgehend unberührt. Offenbar ist aus den aktuellen Konjunkturdaten dieser Branche bisher kein dringender Handlungsbedarf in Sachen Internet abzuleiten. Professionelle Marktauftritte sind selten und elektronisches "Trittbrettfahren" kein Gütesiegel der häufig mittelständischen Unternehmen, deren Anspruch auf Qualität im Weltmaßstab indes ungebrochen ist. Winfried Gertz* blickt hinter die Kulissen.

Im Internet scheint sich "die schnelle Mark" machen zu lassen. Das zeigt die Vielzahl der Startups, die mit scheinbar erstklassigen Ideen und Geschäftsmodellen ins Rampenlicht treten. Als Türöffner für den Handel mit Waren und Dienstleistungen fungieren Ebay, QXL oder Ricardo. Neuere Anbieter sind beispielsweise Netbid und Surplex.com. Nicht nur Billigware ist hier im Angebot. In diesen Börsen treffen Handelspartner aufeinander, die sich real wahrscheinlich niemals begegnen würden.

Bei ihren Prognosen überschlagen sich die Auguren geradezu. Angelockt vom Ruf des Geldes stecken immer mehr Unternehmen ihre Claims ab. Schließlich kann niemand mehr behaupten, er habe vom elektronischen Handel noch nichts gehört. Zunächst aber ist nur die Homepage Pflicht, und digital abgebildete Kataloge signalisieren: "Auch wir sind drin." Internet als Imagefaktor: Die URL auf dem Geschäftspapier ist ein internationales Gütezeichen. Doch ginge es eigentlich vorrangig darum, das Web nicht nur zum Schein, sondern wirklich umfassend zu instrumentralisieren.

In Branchen, wo die Konkurrenz so groß ist wie im Maschinenbau, müsste die Kunde vom elektronischen Handel eigentlich alle Akteure interessieren. Doch weit gefehlt. Schaut man beim Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) vorbei, entdeckt man auf deren Portal - zumindest auf den ersten Blick - hauptsächlich eitel Sonnenschein. "Die Innovationsbranche stellt sich vor", ist da zu lesen. Zur Sache kommt der Verband allerdings nur in seinen wirtschaftspolitischen Positionen. In einem "Papier" über den elektronischen Handel und die Informationsgesellschaft begrüßt der VDMA die hervorragende Netzinfrastruktur sowie die hohe Verfügbarkeit von ISDN und Breitbandkabel in Deutschland. Immerhin bekennt man sich auch zu den Schattenseiten hier zu Lande: Neben einer verhältnismäßig schwachen Ausstattung der Haushalte mit PCs und Internet-Zugang fielen immer noch wesentlich höhere Internet-Zugangskosten als in den USA an. Für den Maschinenbau sind die schwache deutsche Position im europäischen E-Commerce sowie der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, der mit 75000 unbesetzbaren Stellen beziffert wird, laut VDMA, "von außerordentlicher Tragweite".

Dabei müsste der deutsche Anlagen- und Maschinenbau, der weltweit für solide Ingenieurskunst steht, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen und könnte konkret Abhilfe schaffen. In dem mit 936000 Mitarbeitern größten Industriezweig des Landes bringen es die Unternehmen, die pro Jahr rund 5000 neue Produkte für die Fertigung industrieller Güter ausliefern, auf eine Kapazitätsauslastung von nahezu 90 Prozent. Mit einem Ausfuhranteil von 20,4 Prozent lässt der Exportweltmeister die USA (17,6 Prozent) und Japan (13,4 Prozent) weit hinter sich. Unter ferner liefen rangiert der Wettbewerb in vielen Marktsegmenten. Deutsche Ölhydraulik und Pneumatik bringen es auf einen Welthandelsanteil von 31 Prozent, dicht gefolgt von Druck- und Papiertechnik, Textilmaschinen und der Holzverarbeitung mit immerhin noch 27, 5 Prozent.

Doch die Erfolgsstory ist nicht ins Unendliche fortzuschreiben. So vermeldet der VDMA zum Ablauf des vergangenen Jahres rückläufige Inlandsorders von vier Prozent, bei Aufträgen aus dem Ausland seien es sogar schon acht Prozent. Beispiel Deutz AG: Der Kölner Industriegigant baut Motoren, Kompressoren und Industrieanlagen. Nach Überwindung des historischen Tiefstands von 1996, als das Unternehmen nur knapp dem Konkurs ausweichen konnte, gab es zuletzt immer wieder Rückschläge. Nach dem geplatzten Verkauf einer Verlust bringenden Tochtergesellschaft gab der Aktienkurs stark nach und lag Ende 1999 etwa 60 Prozent unter dem Höchststand von 1998. Außerordentliche Aufwendungen für eine Werksschließung und weitere Restrukturierungsmaßnahmen belasten das Ergebnis.

Und so ist denn auch die Website von Deutz typisch für die Branche. Zwar werden die aktuell ungünstigen Perspektiven in aller Deutlichkeit kommuniziert. Doch vor dem Hintergrund eines kunterbunten Allerleis aus historischen Daten, Infos zur Betriebskrankenkasse und Links zu firmeneigenem Chor und Akkordeonorchester bleibt der Internet-Auftritt seltsam provinziell. Von einem Portal oder einem elektronischen Marktplatz wird hier wohl kaum jemand sprechen wollen.

Doch nicht die Großen prägen das Bild des deutschen Maschinenbaus. In ihrer Substanz lebt die Branche von einer außerordentlichen Vielzahl kleiner und mittlerer Betriebe, die nur Insider kennen, die aber gleichwohl ihre Wettbewerber Mores lehren. So zum Beispiel die Blickle GmbH aus Offenburg: mit rund 300 Mitarbeitern ein Hersteller von Schneidewerkzeugen für die Papier- und Zellstoffindustrie.

Nach der Eingabe des Firmennamens kommt die erste Überraschung: Die Website ist von einer gleichnamigen Company besetzt, einem Hersteller von Rollen und Rädern für den industriellen Gebrauch. Um den Umweg über eine Suchmaschine zu vermeiden, wird nun nach dem bewährten Trial-and-Eror-Prinzip gehandelt. "Blickle-GmbH" eingegeben, und schon hebt sich der Datenschatz. So jedenfalls hatte man gehofft. Doch es wird nichts daraus: "Hier eröffnet Blickle demnächst seine Homepage", liest man. "Wer mit uns Kontakt aufnehmen möchte, kann uns eine E-Mail senden."

Noch ein Versuch. Diesmal ist es die Toxpressotechnik GmbH in Weingarten. Der Automobilzulieferer wurde für seine Metallverbindungstechnik mit dem Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Pressen, Prägen, Stanzen, Biegen - das leisten die Kraftpakete, die Hydraulik und Pneumatik vereinen und bei Automobilherstellern und Zulieferern zu einer Größe geworden sind. Auf der Website des Herstellers dreht sich schließlich, wie in der Branche üblich, ebenfalls alles nur um die simple Zurschaustellung des Angebots, das den potenziellen Kunden in den Bann ziehen soll.

Das Netz der Vertriebspartner schützenTraditionelle Strukturen einer mittelständischen Branche, die viel Wert auf solide und langfristige Beziehungen legt, geben auch im Internet den Ton an. Das Netz der Vertriebspartner in aller Welt würde offenbar arg in Mitleidenschaft gezogen, käme man plötzlich auf die Idee, die Beziehung zu Interessenten und Lieferanten wesentlich per Internet zu unterstützen. Zwar nutzen viele deutsche Unternehmen das Web für den Dialog mit ihren Kunden, wie das Marktforschungsinstitut Infas ermittelte, doch vernachlässigen sie dabei Aktualität und Service. Auch scheinen die Gewinnung neuer Kunden und gar der Vertrieb neuer Produkte unwichtig zu sein. Aktionäre und Investoren per Internet zu informieren und interne Geschäftsprozesse zu verbessern - das hat offenbar eine untergeordnete Priorität.

Dass es im Maschinenbau um den elektronischen Geschäftsverkehr, vulgo E-Business, nicht sonderlich bestellt ist, braucht niemanden zu verwundern. Zahlreiche Unternehmen steckten zuletzt viel Geld in Jahr-2000-Projekte und haben sich oft noch aufwändige PPS-Projekte ans Bein gebunden. Viel investiert wird auch in die Sicherheit, ein zentrales DV-Thema, zumal sich Software immer mehr der Maschinenwelt bemächtigt. Trotz der viel zitierten Vorteile des Internet, zum Beispiel Waren großflächig anzubieten, als Spezialist in einem virtuellen Konsortium aufzutreten, den Kontakt zu Kunden zu intensivieren oder neue Kundenkreise zu erschließen, halten sich kleine und mittlere Firmen nach wie vor mit ihrem Engagement zurück. Nach Angaben der Europäischen Union sind erst fünf Prozent von ihnen am Netz.

Gebrauchte Maschinen auf der AuktionsplattformPer Internet Kosten senken, neue Potenziale erschließen - diese Argumente sind bekannt. Neue Wertschöpfungsketten entstehen zum Beispiel durch die Vernetzung von Partnern, die selbst nur eine geringe Wertschöpfung erzielen. Diese virtuellen Marktplätze stellen eine Plattform zur Verfügung, auf der sich Lieferanten und Einkäufer über Produkte und Dienstleistungen verständigen und Geschäfte vereinbaren können. Diese Marktplätze ermöglichen laut Forrester Research einen Wettbwerb von höchster Transparenz: Ohne sonderlichen zeitlichen und räumlichen Aufwand können Unternehmen Angebote einholen, vergleichen, modifizieren und Transaktionen vorbereiten und durchführen.

Dass jedes Jahr gebrauchte Maschinen im Wert von 25 Milliarden Mark über Fachzeitschriften angeboten werden, hat zum Beispiel die Hamburger Firma Netbid AG auf den Plan gerufen. Viele Positionen, von der Werkbank für 350 Mark bis zum Plattbohrwerk für 360000 Mark, warten auf der Auktionsplattform netbid.de aktuell darauf, dass der Hammer fällt. Ähnlich der Ansatzpunkt der Surplus.com AG, eines Düsseldorfer Anbieters von Business-to-Business-Marktplätzen. Hier geht es um den Handel überschüssiger Waren, die mangels Nachfrage oft verschrottet werden. Marktbeobachter sehen in Europa ein Potenzial von 150 Milliarden Mark, allein in Deutschland satte 50 Millionen.

Für die Maschinenbauer eine heikle Entwicklung, denn der Waren- und Leistungsvergleich per Mausklick könnte schon bald Druck auf die Anbieter ausüben. Auf der anderen Seite wissen sie: Wenn es der Konkurrenz gelingt, über das Internet schneller an Kunden heranzukommen, heißt das noch lange nicht, dass diese dann auch dort andocken. Die Fähigkeit, ein bestelltes Produkt auch schnell zu liefern und vor allem einen langfristigen und reibungslosen Service zu garantieren, das ist die Kehrseite der E-Commerce-Medaille. Keine noch so professionelle Internet-Strategie, das wissen die Mittelständler, würde den Image- und Umsatzverlust bei der Kundschaft wieder wettmachen können.

* Winfried Gertz ist freier Journalist in München.