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18.09.1992

"Im Fernbereich ist ISDN schnell und wirtschaftlich"

Mit Peter Söll, Geschäftsführer der NCP Engineering GmbH in Nürnberg, sprach CW-Redakteur Peter Gruber.

CW: Sie stellen Produkte her, die die PC-Host-Kommunikation über ISDN realisieren. Wie kommt ISDN Ihrer Ansicht nach in Europa voran?

Söll: Es geht in Europa sicher nicht mit der Geschwindigkeit vorwärts, die sich viele vorgestellt und erhofft haben, insbesondere, was die europäische Integration betrifft. Im Augenblick kochen alle noch ihr eigenes Süppchen. Dennoch, glaube ich, ist der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern, an dem in Europa ein integriertes Netz vorhanden sein wird. Bis 1995 könnte es soweit sein, wobei es bis zu diesem Zeitpunkt in den nationalen Bereichen noch eine Menge Betätigungsfelder gibt. In den nationalen Märkten beginnt der ISDN-Zug jedenfalls spürbar zu rollen.

CW: Ist anhand des Produktabsatzes ein ISDN-Aufschwung feststellbar?

Söll: Ja, seit diesem Jahr ist ein Aufschwung zu registrieren. Die Zeit der Test- und Pilotphasen ist vorbei. Die Produkte laufen bei den Anwendern mittlerweile im praktischen Betrieb.

CW: Wo liegt denn für die Clientel, die Sie ansprechen, nämlich für IBM-Host-Anwender, der Nutzen einer ISDN-Steuereinheit?

Söll: Das ist eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung bei der PC-Host-Kommunikation im Remote-Bereich. ISDN ist heute eine Alternative zu allen Kommunikationstechniken herkömmlicher Art, wie Modems, Standleitungen, X.25 etc. Mit ISDN läßt sich definitiv viel Geld einsparen, weil die Datenvolumen in kürzerer Zeit übertragbar sind.

Es handelt sich eben um eine Wählverbindung, die nur für den Zeitraum des Filetransfers aufgebaut wird. Diese Zeitspanne ist kürzer als bei Datex-P, wo die Datenvolumen in längerer Zeit bei höherem Volumen übertragen werden.

CW: Ist ISDN nicht heute schon überholt, wenn für den LAN-Bereich bereits von FDDI und ATM als Standards der Zukunft die Rede ist?

Söll: Man muß zunächst grundsätzlich zwischen den lokalen und entfernten Anwendungen unterscheiden. Für die Anbindung entfernter PCs an den Mainframe, wovon bisher die Rede war, stellt sich ISDN als Alternative zu den herkömmlichen, langsameren Übertragungsmedien dar. In diesem Bereich ist es in der Regel wirtschaftlicher und schneller.

FDDI ist eine Thematik, die im lokalen Bereich eine Rolle spielt. FDDI muß sich da an anderen Maßstäben messen lassen, weil ISDN in diesem Bereich nur ein ergänzendes Kommunikationsmedium ist. Dennoch kann ISDN auch für die lokalen Netze ein attraktives und interessantes Medium sein, weil es zur herkömmlichen Verkabelungstechnologie in Unternehmen eine Alternative bietet. Außerdem gibt es heute in den Betrieben überall den TK-Anlagen- und DV-Bereich, die beide ihre Strippen ziehen.

Natürlich kann man darüber streiten, ob es ausreichend ist, diese Verbindung mit 64 Kbit/s zu betreiben. Das muß jeder selbst beurteilen und überlegen, was brauche ich und was ist wirtschaftlich. Selbverständlich gibt es Anwendungen, wo eine sehr viel höhere Geschwindigkeit als bei ISDN sinnvoll ist, zum Beispiel im Grafikbereich. Deshalb halte ich ISDN eben für eine sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Verkabelungs- und Übertragungstechniken.

CW: Aber in der Remote-Anbindung werden die Anforderungen der Anwender an die Übertragungsleistung auch zunehmen.

Söll: Keine Frage, Ó la longue dürften sich auch in diesem Bereich die Geschwindigkeiten erhöhen und die Telekom auch nicht umhinkommen, leistungsfähigere Netze mit höheren Übertragungsraten anzubieten. Nur müssen wir uns vor Augen halten, wie die Realität heute aussieht. ISDN sollte zum Beispiel bis 1993 flächendeckend verfügbar sein. Das wird die Telekom schon wegen der Probleme in den neuen Bundesländern nicht schaffen. Das Nahziel muß jetzt also erst einmal heißen, flächendeckend ISDN zu verbreiten.

Mit dieser Technologie werden wir sicher die nächsten Jahre - vermutlich bis Ende dieses Jahrtausends - gut fahren und noch jede Menge an Reserven ausschöpfen können, die heute noch nicht genutzt werden. Was dem Anwender darüber hinaus praxisorientiert zur Verfügung steht, kann man sich ausmalen. Die Telekom schläft nicht und betreibt allerhand Feldversuche mit hohen Übertragungsraten.

Die Frage ist nur, wann kommt diese Technik und wann steht sie in der Breite für die Nutzung bereit.

CW: Sie erwähnten vorher die Integration von DV- und TK- Welt. Ist es möglich, beide unter einen Hut zu bekommen?

Söll: Eine der großen Herausforderungen wird sein, bis zur Jahrtausendwende die Integration von TK- und DV-Anlagen zu bewerkstelligen. Wir haben jetzt eine erste Möglichkeit geschaffen, diese beiden Welten zusammenzuführen, indem wir ein Bindeglied zwischen IBM-Host und der TK-Anlage Hicom 300 von Siemens herstellen. Durch die Adaption unserer Emulationssoftware auf die Upo-Karte von Siemens wird der Anwender in die Lage versetzt, an jeder Telefondose einen PC anzuschließen und damit sofort eine Host-Verbindung zu realisieren.

Das Ganze steckt natürlich noch in den Kinderschuhen. Ich denke, da gilt es vielerorts noch, große Akzeptanzprobleme zu überwinden. Die sind nicht zuletzt darin begründet, daß in den Unternehmen die beiden Welten - TK und DV - völlig unabhängig voneinander, teilweise sogar in Konkurrenz betrieben werden. Mit der Steuereinheit liefern wir jetzt eine Gateway-Funktion von der DV in die TK-Anlage und damit die Chance endlich von zweierlei Verkabelungssystemen wegzukommen.

CW: Ihre Produkte zielen speziell auf die PC-Mainframe-Kommunikation. Wie zeitgemäß ist Ihrer Meinung nach der Mainframe heute noch?

Söll: Man muß das ganze Thema pragmatisch betrachten. Es stellt sich die Frage, ob die gegenwärtige Hysterie nicht von bestimmten Kreisen kontra Mainframe gesteuert ist. Ich sehe für die großen IBM-Anwender heute Oberhaupt keine Chance, von ihrer Mainframe-Welt abzurücken. Alle Beispiele, die zur Zeit durch die Presse geistern, zum Beispiel Outsourcing, handeln für meinen Geschmack von Anwendern, die bei näherem Hinsehen mit ihren hausgemachten Problemen nicht fertig werden. Die können mit eigenen Schwächen in ihrer DV-Organisation nicht umgehen und suchen jetzt Hilfe von außen - sei es durch vernetzte Systeme, sei es, daß sie ihr Heil in der Unix-Welt suchen. Ich glaube, da wird vieles nicht aufgedeckt, was dahintersteckt.

Dennoch ist ein Trend nicht zu verkennen, der von der Konzentration auf eine zentrale DV weggeht. Diese Entwicklung macht dann Sinn, wenn der Anwender Kosten einsparen und sich organisatorisch verbessern kann. Man kann aber nicht pauschal sagen Mainframe weg, dezentralisierte Systeme her, damit ist die Welt in Ordnung.

CW: Ist die Client-Server-Diskussion Ihrer Meinung nach eine Modeerscheinung?

Söll: Nein, sicherlich nicht. Client-Server-Systeme haben durchaus ihre Berechtigung. Ich wehre mich aber gegen den Trend, sie als die einzig richtige Alternative zur Groß-DV zu verkaufen. Das ist der falsche Weg. Es wird immer sinnvolle Ergänzungen zwischen der zentralen DV und Client-Server-Lösungen geben. Sicher kann es durchaus vernünftig sein, besimmte Anwendungen, die neu geschrieben werden, von Anfang an auf Basis einer Client-Server-Lösung zu realisieren. Inwieweit eine solche Lösung dann mit einem vorhandenen Mainframe-System gekoppelt werden muß, steht auf einem anderen Blatt. Die totale Alternative ist es jedenfalls nicht.

CW: Es muß also ein Miteinander geben?

Söll: Für die Mainframe-Anwender gibt es gar keine Alternative, denn die haben Millionenbeträge in ihre Entwicklungen investiert, die heute auf der Basis dieser Lösungen laufen und funktionieren. Es wäre also völlig unwirtschaftliche diese Systeme jetzt ausschließlich auf Client-Server-Lösungen umzustellen. Es kann deshalb nur ein Miteinander geben. Ich denke, das ist auch der Blickwinkel von Big Blue. wenngleich natürlich das Interesse der IBM dahinter steckt, ihre Mainframes am Leben zu halten.

CW: Bleibt de, Mainframe eine übergeordnete Instanz?

Söll: In jeder großen DV-Organisation ist meiner Meinung nach eine übergeordnete Instanz unabdingbar, wo die Fäden zusammenlaufen und die organisatorischen Anforderungen koordiniert werden. Ob man diesen Rechner als Server oder Mainframe bezeichnet, ist gleichgültig. Es wird den Mainframe auch weiterhin geben, wenngleich funktionale Veränderungen eintreten dürften.

CW: Für wie offen schätzen Sie den Kommunikationsmarkt heute ein, wo alle Welt von heterogenen Systemen spricht?

Söll: Schwer zu sagen. Letztendlich ist die Kommunikationswelt von Produkten geprägt, deren Hersteller alle versuchen, ihre Entwicklungen zu schützen. Ich nehme da auch NCP nicht aus. Jeder Hersteller drückt sich heute einfach davor, den absolut offenen Standard zu konzipieren, den jeder Asiate nachbauen und für die Hälfte des Preises auf den Markt bringen kann. Insofern sind alle Absichtserklärungen, offene Systeme zu entwickeln, immer kritisch unter die Lupe zu nehmen. Natürlich gibt es noch andere Gründe, die in nationalen Interessenslagen begründet sind. Wir sprechen heute über die europäische Vereinigung und sind doch meilenweit davon entfernt. Frankreich macht zum Beispiel seinen Kommunikationsmarkt dicht. Als ausländische Gesellschaft in Frankreich ein Modern zuzulassen ist unmöglich. Was die ISDN-Zulassungen anbelangt, gestaltet sich die Situation ähnlich. Damit schützen die Franzosen ihre nationalen Hersteller. Darin liegt auch der Grund, daß einheitliche Standards über die nationalen Grenzen hinaus nur sehr schwer zu schaffen sind.

CW: Wie sieht es denn beim Euro-ISDN aus?

Söll: Meine Befürchtung ist, daß alle Hersteller ja zum Euro-ISDN sagen, aber trotzdem ihre nationalen Schnittstellen bevorzugen. Insofern sehen wir der Entwicklung mit gemischten und kritischen Gefühlen entgegen. Trotzdem werden über kurz oder lang europäische Standards kommen.

CW: Stichwort Europa: Sie sind in der Alten Welt einer der wenigen Anbieter von 3270-SNA-Produkten. Warum?

Söll: Europa ist von amerikanischen 3270-SNA-Produkten überschwemmt worden, mit Preisen, die nicht marktgerecht waren. Auf dem europäischen Markt bestand aber ein Vakuum in bezug auf Produkte, die die speziellen Interessen der europäischen Anwender berücksichtigen. ISDN ist das beste Beispiel dafür.

CW: Die Installation von 3270-Terminals ist aber stark rückläufig.

Söll: 3270 ist mittlerweile sicherlich nur noch eine Teilkomponente des Geschäftes, wird es aber noch lang bleiben. Der Grund: Die Anwender haben nicht nur viel Geld in 3270-Applikationen investiert, sondern sind heute auch froh, daß diese Anwendungen fertig sind und funktionieren. Das AbIösegeschäft eines einfachen, dummen Koax-Terminals gegen einen PC mit Koax-Board wird also weiter boomen.