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26.09.1986

Im Fokus der Bildung steht das Langfristkonzept

Dr.Werner Freiesleben, Vorsitzender der Geschäftsführung, Wacker Chemitronic GmbH, Burghausen

Es gibt keinen Ausstieg aus der Industriegesellschaft. Bildungssystem und das Bildungswesen können sich nicht von der Industriegesellschaft abkoppeln. Bildungssystem und Bildungswesen in ihren vielfältigen Formen in der Bundesrepublik und Beschaftigungssystem dürfen nicht weiter auseinanderdriften, wie sie das in den letzten 20 Jahren in weiten Bereichen getan haben. Denn Bildung ist eine Bedingung für die berufliche Kompetenz und Leistungsfähigkeit. Es ist zu klären, ob Schulen und Hochschulen den Bildungsanforderungen der modernen Wirtschaft entsprechen und wie mögliche Defizite zu überwinden sind.

Schulen und Hochschulen haben sich zu lange mit allen tradierten Bildungsinhalten beschäftigt; der Blick des Bildungswesens ist nicht in die Zukunft gerichtet. Das ist wahrscheinlich das größte Defizit. Auch die Wirtschaft hat nicht eindeutig dem Bildungswesen vorgegeben, welche Anforderungen die Zukunft setzt.

Bisher war die Akzeptanz der Wirtschaft und ihrer Probleme im Bildungswesen nicht ausreichend.

Die Wirtschaft muß auf Schulen und Hochschulen zugehen. Unternehmen könnten in der Lehrerfortbildung tätig sein, sie können Lehrern und Schülern Betriebspraktika anbieten. Professoren aus Universitäten und Fachhochschulen sollten in den Betrieben ihr Wissen aktualisieren. Studenten können durch Diplom- und Forschungsarbeiten in mittelständischen und kleinen Firmen einerseits die Praxis kennenlernen, andererseits Lösungen für die Firmen erarbeiten.

Wirtschaft und Politik stehen aber auch vor der Frage, wie das Akzeptanzproblem in der Bevölkerung bewältigt werden kann. Die Computertechnologie greift in verschiedene Lebensbereiche ein: in die betrieblich-berufliche Funktion, in die Qualifizierung, aber auch in den Freizeit- und Kulturbereich. Computertechnologie im weiteren Sinne ist eine neue Art von Kulturtechnik, auf die das Bildungswesen vorbereiten soll. Die Frage an die Weiterbildung lautet, ob genügend qualifizierte Dozenten zur Verfügung stehen, auch ob kleinere Institutionen die technischen Geräte finanzieren können.

Die Defizite in der Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen Technologien beginnen bereits in der Grundschule und ziehen sich über alle Stufen des Bildungswesens einschließlich der Berufsschulen hin. Selbst die naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer in der gymnasialen Oberstufe bereiten nicht ausreichend auf die Anforderungen des Beschäftigungssystems vor. Dies ist eine Folge dessen, daß die Lehrer das Beschäftigungssystem nicht ausreichend genug kennen.

In vielen Schulen, Berufsschulen, Technikerschulen und auch Hochschulen wird zum Teil aktuelles Fachwissen unterrichtet, das jedoch rasch veraltet. So liegt schon heute die Halbwertzeit des Ingenieurwesens unter fünf Jahren. Ein umfangreiches Basiswissen und vor allem die Anweisungen und Methodik zur ständigen Weiterbildung würden dem einzelnen mehr helfen.

Dies verlangt auch Mut zu Lücken in der Wissensvermittlung. Das traditionelle, immer umfangreicher werdende Volumen der von den Kultusministerien erstellten Lehrpläne für die allgemeinbildenden Schulen muß dringend überarbeitet und gekürzt werden.

Es gibt viel Ballast in den Lehrplänen, den man abwerfen könnte zugunsten neuerer Erkenntnisse. Wo die Grenzen zu ziehen sind, ist äußerst schwer zu bestimmen, zudem sind sie fließend. Wir haben in den letzten dreißig Jahren etwa genau das an "Wissen" dazugewonnen, was die Menschheit sich bis dahin überhaupt erarbeitet hatte. Und aus diesem dazugewonnenen Wissen jetzt das auszusortieren, was wir alle als übereinstimmend als Grundwissen empfinden würden, ist ungeheuer schwer und wird auch aus politischen Gründen kaum zu verwirklichen sein.

Die Wirtschaft aber verlangt von den Schulen einen Wissenskatalog, der zu umfangreich ist: Sie sollen einerseits das Humboldtsche Bildungsideal vetwirklichen; sie sollen selbstverständlich auch praxisbezogen ausbilden; sie sollen neue Technologien vermitteln, in die Wirtschaftskunde einführen und möglichst viele Fremdsprachen lehren; sie sollen immer genau so viel und genau mit jener Qualifikation Absolventen liefern, wie es die Wirtschaft fordert, sie sollen gleichzeitig mit dem Schiller- und Studentenberg oder jetzt mit dem Schüler- und Studentental fertig werden, ohne daß die Budgets angeglichen werden.

Die Wirtschaft muß ihre Anforderungen deshalb an Schulen und Hochschulen eindeutig und bundesweit formulieren. Es ist notwendig, ein Denken in Systemen anzust????ben. Vor der Vermittlung der Allgemeinbildung auch als Vorbereitung für eine berufliche Tätigkeit muß die Informationen über die sozioökonomischen Systeme stehen. Wenn man das erreicht hat, kann man sich Gedanken über das berufliche Heute, bezogen auf den Bereich der Technik, machen. Wir leben in einem Spannungsfeld, worin der Faktor Technik mit Wirkungsgradproblemen, der Faktor der Ökonomie mit der ökonomischen Rentabilität, der Faktor Ökologie mit der Verkäglichkeit der ökologischen Umweltverträglichkeiten und der Faktor Mensch immer auch mit der gesamten Sozialverkäglichkeit enthalten ist.

Schulen und Hochschulen beklagen, daß sie von der Wirtschaft keine oder nur kurzfristige Vorgaben erhalten, die schon innerhalb eines vier- oder achtjährigen Ausbildungsplanes wieder erneuert werden. Bildungsplanung und Bildungsinhalte müßten eine langfristige Komponente haben. Die von der Wirtschaft geforderte Sozialverantwortung könnte sicher zu dieser Komponente gehören.

Defizite an vielen Stellensind sichtbar geworden. Die überragende Stellung und Bedeutung für den Abbau von Defiziten - oder ihr Nicht-Entstehen in der Zukunft - von Lehrenden, ob in der Hauptschule, im Gymnasium, an der Hochschule oder bei den Medien, die öfter mehr auch lehrende und ich Be-Lehrende sein sollten, wurde häufig angesprochen. Es ist sichtbar geworden, das in allen Bereichen - bei Lernenden wie bei Lehrenden - in einer so offenen und pluralistischen Gesellschaft, in der die Anforderungen aus der Wirtschaft und aus der Technik in einem ständigen Änderungsprozeß sind, die Weiterbildung und die Bereitschaft zur Weiterbildung einen sehr hohen Stellenwert hat.