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23.04.1999 - 

Ein Verfahren für Carrier und Multimedia-Firmen

Im lokalen Umfeld hat ATM den Anschluß verpaßt

MÜNCHEN (jha) - Das Übertragungsverfahren Asynchronous Transfer Mode (ATM) hat seine Einsatzfelder gefunden. Besonders der Weitverkehrsbereich entpuppt sich als eine ATM-Domäne, in der auch satte Gewinne zu erwarten sind. Im LAN-Umfeld sieht es dagegen mager aus. Dort ist die Technik lediglich für Großunternehmen und Multimedia-Firmen interessant.

Die vielbeschworene Erfolgsstory in den Anwenderunternehmen läßt auf sich warten. Träumten die Mitglieder des ATM-Forums, des inoffiziellen Standardgremiums für das asynchrone Übertragungsverfahren, vor Jahren noch von einer einheitlichen Infrastruktur auf ATM-Basis im WAN-, Campus- und LAN-Bereich, ist diese Hoffnung heute einer realistischen Betrachtungsweise gewichen. "Der große Vorteil von ATM ist seine Multiservice-Fähigkeit", erklärt Falk Sass, Mitglied des Board of Directors im ATM-Forum. "Diese Anforderung hat der Benutzer am PC in der Regel jedoch nicht."

Es müssen schon sehr spezielle Anwendungen gefahren werden, um ATM-Möglichkeiten auch im LAN-Umfeld ausschöpfen zu können, und die finden sich vornehmlich in der Film-, Multimedia- und Medienbranche. News International in Großbritannien, einer der weltweit größten Medienkonzerne und Teil des Murdoch-Imperiums, schleust beispielsweise die 53 Byte langen Zellen bis in 2500 angeschlossene Desktops. Demnächst soll auch das WAN erschlossen werden. Die Animationsstudios von Walt Disney verknüpften bei der Produktion von Trickspielfilmen wie "Die kleine Meerjungfrau" oder "Die Schöne und das Biest" Designer, Illustratoren und andere kreative Mitarbeiter in drei Standorten via ATM.

Mit seiner Spezialisierung auf den Transport von multimedialen Daten wird ATM damit zum Macintosh des LANs. "Der Eindruck, ATM sei nur für Multimedia-Anwender interessant, ist nicht ganz falsch", bestätigt Sass eine Entwicklung, die dem ATM-Forum nicht unbedingt paßt. Dort laufen derzeit Initiativen, ATM auf breiter Front opulär zu machen - mit mäßigem Erfolg. "In Banken, Versicherungen und der industriellen Fertigung ist der Durchbruch sicher noch nicht geschafft", räumt Sass ein. Dagegen sind Automobilhersteller wie Daimler-Chrysler und VW bereits auf den Zug aufgesprungen. Dort arbeitet ATM als Bandbreitenlieferant in Entwicklungs- und CAD-Abteilungen.

Die Anwenderliste offenbart jedoch die Schwächen von ATM: "Sie werden unter den Anwendern wenig kleine Firmen finden", konzediert Sass. Zur Zeit nutzten allenfalls solche Unternehmen das Verfahren, die über ausreichend Kapazität verfügen, sich ein ATM-Netz selbst zu gestalten, so der ATM-Verfechter. Für die meisten Unternehmen ist ATM ein zu komplexes Verfahren, als daß sie es schnell und problemlos installieren könnten.

Dieser Umstand hat im ATM-Forum viel Staub aufgewirbelt. Intern entbrannte eine Diskussion, ob nicht das ATM-Forum selbst ATM ruiniert habe. Sie gipfelte in dem Vorwurf, die Marketing-Maschine des Gremiums habe das Verfahren mit immer neuen Versprchen und daraus folgenden Anforderungen überladen. Zudem sei es nicht gelungen, den Anwendern den Nutzen der Technik transparent darzulegen. Die Folgen sind bekannt: ATM spielt in den lokalen Netzen kaum eine Rolle.

Dennoch zweifelt niemand ernsthaft an der Zukunft des Übertragungsverfahrens. Das liegt an seinen im Weitverkehrsnetz zunehmend nachgefragten Fähigkeiten. Dort treiben vor allem die Carrier und Internet-Service-Provider (ISPs) die Absatzzahlen in die Höhe. "ATM bietet den ISPs die Möglichkeit, hohe Übertragungsraten mit Bandbreitenverwaltung im WAN zu unterstützen. Damit können sie neben dem hohen Internet-Traffic auch Anwendungen wie Videoconferencing und Sprache garantierte Bandbreitenanfordungen anbieten", meint Peter Wunderling, Themenbereichsleiter für Hochgeschwindigkeitskommunikation im Institut für Medienkommunikation der GMD Forschungszentrum Informationstechnik GmbH in Sankt Augustin. Die Zusammenführung von Daten- und Sprachnetzen spielen für die Carrier eine zentrale Rolle. In diesem Szenario nutzen sie vor allem die in ATM implementierten Dienstqualitäten, die einen verläßlichen Transfer von Sprache im Datennetz erlauben. Eine einheitliche Infrastruktur reduziert zudem den Administrationsaufwand.

Dadurch entstehen neue Möglichkeiten, die die TK-Netzbetreiber keineswegs ausschließlich für den internen Betrieb ihrer Infrastruktur ausschöpfen. Vor allem die Flexibilität des Verfahrens hat einige Anwender überzeugt, bei der Standortvernetzung die vermeintlich teure Lösung zu wählen. Dazu zählt auch die Grundkreditbank Köpenicker Bank e.G. (GKB), Berlin. "Der Berliner Banken-Sektor ist in einem starken Strukturwandel begriffen", nennt Ralf Siegert, Org.-DV-Leiter der Bank, seine Beweggründe, Niederlassungen via ATM-Netz zu verbinden.

Dabei leitete der Banker eine konsequente Konsolidierung ein, die in der Zentralisierung aller Server-Kapazitäten und der Telefonanlagen mündete. Die Arbeitsplätze der Anwender in den 40 Niederlassungen sind über Token Ring vernetzt, ins Weitverkehrsnetz geht es via ATM. Alle Applikationen werden von einem Server-Pool in der Zentrale gestartet, und auch die Sprachvermittlung läuft über eine TK-Anlage in der IT-Zentrale.

Den operativen Vorteil der ATM-Installation erklärt Siegert folgendermaßen: "Veränderungsprozesse lassen sich sehr gut begleiten. Wir können problemlos neue Filialen anbinden, fusionieren oder Standorte auflösen." Im Berliner Bankenmarkt erhofft sich die GKB somit einen Wettbewerbsvorsprung, weil man auf Neuerungen sehr schnell reagieren und Produkte auf den Markt bringen könne.

ATM wird für Anwender auch deswegen attraktiver, weil sich der Konkurrenzkampf im TK-Markt positiv auf die Preise auswirkt. "Wir haben uns im letzten Jahr ein Kommunikationskonzept erarbeiten lassen und ursprünglich S2M-Standleitungen favorisiert. Mitte des Jahres gab es im ATM-Bereich jedoch eine Kostenänderung, so daß sich die vermeintlich teurere Lösung als die billigere erwies", erklärt beispielsweise Ralf Selzer. Als stellvertretender Referatsleiter bei der Behörde Bundeseisenbahnvermögen (BEV, siehe Kasten) ist er für die Strategie und Planung in der Informations- und Kommunikationstechnik verantwortlich.

Doch die entscheidenden Argumente, die bundesweit verteilten 19 Standorte via ATM zu verbinden, waren die Flexibilität und Zuverlässigkeit des Verfahrens. Alle Niederlassungen ziehen derzeit in neue Gebäude um, in der Folge ändern sich die bislang genutzten Übertragungswege. "Legen wir etwa mehrere Dienststellen zusammen, können wir das veränderte Kommunikationsverhalten abdecken, ohne physisch in die Infrastruktur eingreifen zu müssen oder den Vertrag mit unserem Lieferanten zu ändern", freut sich Selzer, "und das bei einer Zuverlässigkeit von 99,5 Prozent." Demnächst sollen auch die Sprach- und Datenübertragung integriert werden.

Die Grenzen sind jedoch klar umrissen: Die Deutsche Telekom liefert die Kapazitäten und verwaltet das Netz. "Wir wollen damit nichts zu tun haben, denn wir müssen uns um unsere Standorte kümmern", erklärt Selzer. Von ATM im LAN läßt er die Finger. Bis zum Arbeitsplatz nutzt das BEV geswitchte Fast-Ethernet-Strecken, im Server-Bereich tut Gigabit Ethernet seinen Dienst.

So kehrt ATM zu seinen Wurzeln zurück, denn in seinen Anfängen wurde das Verfahren vor allem von Carriern als Übertragungstechnik für den Weitverkehr gefördert. Das ATM-Forum verfolgt zwar weiterhin die Standardisierung, die die asynchrone Übertragung auch im LAN-Umfeld etablieren soll. Im Vergleich zu alternativen Techniken wie Gigabit Ethernet zieht ATM allerdings zumeist den kürzeren, weil die Komplexität zu abschreckend und die Vorteile zu unklar sind. Die zwischenzeitlich aufflammende Hoffnung auf eine "globale ATM-fähige Informationsgesellschaft", versucht das ATM-Forum weiterhin zu schüren, de facto läuft die Kommunikationswelt im LAN wie im WAN jedoch auf ein Nebeneinander verschiedener Technologien hinaus.

Das BEV

Als Dienstherr der Beamten, die bei der Deutschen Bahn AG beschäftigt sind, ist das Bundeseisenbahnvermögen (BEV) für Personalverwaltung, Besoldung, Betreuung und Zahlung der Bezüge verantwortlich. Jeden Monat übernimmt sie die Abwicklung von Gehaltszahlungen an 90000 Beschäftigte und der Versorgungsleistungen an rund 240000 Pensionäre. Dazu greift die BEV einmal im Monat auf das Rechenzentrum der Deutschen Bahn AG zu und ruft dort über eine Frame-Relay-Strecke in einer Nacht eine Datenmenge von zehn bis zwölf GB ab. Diese Informationen werden dann über die ATM-Verbindungen an die jeweiligen Niederlassungen verteilt.

Abb: Der ATM-Markt wächst, das Gros der Orders stammt dabei von den Carriern. Quelle: IDC