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21.06.1996 - 

Forrester Research sieht die Trendwende erst 1998

Im Mainframe-Markt gilt: Totgesagte leben länger

Es sind die Aussagen von IT-Managern aus 50 der 2000 weltweit größten Unternehmen, die den Marktforschern Gewißheit geben: Bis 1998 werden Client-Server- und Internet-Computing den Bedarf an Mainframe-Power weiter erhöhen. Ihren letzten Großrechner werden multinationale Konzerne wohl erst im Jahr 2005 herunterfahren dann sollen verteilte Umgebungen ausgereift genug sein, um den hohen Ansprüchen einer unternehmensweiten IT vollständig gerecht zu werden.

Forrester bezieht sich bei seiner Marktuntersuchung auf IBM- und PCM-Systeme mit den Betriebssystemen MVS, VSE, VM oder OS/390 Open Edition. Diese Rechner beherbergen auch heute noch in nahezu allen Fällen sogenannte Mission-critical-Applikationen. Immerhin 80 Prozent der Befragten lassen mehr als die Hälfte ihrer Basisanwendungen - dazu zählen etwa Finanzapplikationen, Transaktionsverarbeitungs-Systeme oder Programme für das Personal- Management - auf dem Mainframe laufen.

Die Analysten hörten sogar Statements wie das folgende vom IT- Manager eines großen Lebensmittelkonzerns: "Alle unsere Mission- critical-Anwendungen liegen auf dem Mainframe, und wir haben keine Pläne, daran etwas zu ändern. Wir werden diese Programme keiner anderen Umgebung anvertrauen." Der Vertreter einer großen Versicherungsgesellschaft ließ die Marktforscher wissen: "Anwendungen auf dem Mainframe zu halten ist billig und unkompliziert. Ich will hier nicht den Großrechner vergöttern, aber wenn jemand von mir verlangen sollte, etwas von ihm herunterzunehmen, muß er schon sehr gute Argumente vorbringen."

Ein sehr gutes Argument ist zweifellos das Geld: Zwei Drittel der Befragten geben mehr als 50 Prozent ihres IT-Budgets für Hardware, Software, Betrieb und Personal im Mainframe-Umfeld aus - zuviel, wie die meisten meinen. In vielen Unternehmen werden daher die Investitionen in diesem Bereich gedrosselt, neue Software läuft auf alternativen, preiswerteren Plattformen.

Trotz dieser Entwicklung wächst die Zahl der installierten Mainframe-MIPS weiter. Immerhin 62 Prozent der IT-Manager erklären, mehr Großrechner-Verarbeitungskapazität vorzuhalten als vor drei Jahren. Oft sind diese Anwender selbst erstaunt darüber. Rückblickend sagen sie unisono, noch vor drei Jahren hätten sie eine signifikante Reduktion des Mainframe-Workloads erwartet.

Warum hat sich der Großrechner allen Unkenrufen zum Trotz behauptet? Anfang der 90er Jahre ging die Erwartung der schönen neuen Client-Server-Welt mit der Prognose des aussterbenden Mainframes einher. Man glaubte, Host-Applikationen würden mittelfristig in eine vernetzte Client-Server-Umgebung migriert. Diese Entwicklung blieb jedoch aus. Statt dessen wurden die neuen Client-Server-Anwendungen im Verbund mit den Mainframe-Daten und Transaktionsmaschinen eingesetzt.

Solche Programme waren beispielsweise entscheidungsunterstützende Systeme oder Anwendungen für den Kundenservice, die Verkaufsunterstützung oder die teamorientierte Produktentwicklung.

Bis einschließlich 1998, so die Analysten, wird der Mainframe den Sockel der betrieblichen Datenverarbeitung bilden. Sein Vorteil sei, daß er lauffähige Anwendungen für Standardaufgaben biete und im Gegensatz zu allen anderen Systemen die nötige Performance und Zuverlässigkeit gewährleiste. Das Verarbeitungsvolumen auf den "Dinosauriern" wird nach Ansicht der Marktauguren sogar noch zunehmen - doch in Relation zu den IT-Gesamtausgaben verliert die Plattform an Gewicht. Auch büßt der Großrechner als System für die Ausführung wichtiger, wettbewerbskritischer Aufgaben an Bedeutung ein.

Das starke Interesse an Client-Server- und Internet-Computing kommt der Renaissance des Großrechners zugute. Entsprechende Anwendungen müssen auf Mainframe-Datenbanken und -Programme zugreifen und die Transaktionsverarbeitungs-Dienste des Hosts in Anspruch nehmen. Auch brächten das weltweite Wirtschaftswachstum und die Globalisierung der Märkte ein expandierendes Volumen an Transaktionen und Daten mit sich.

Überforderte IT-Abteilungen

Ein weiteres Argument für eine fortgesetzte Mainframe-Blüte ist die Überforderung der IT-Abteilungen, die in größter Hektik neue, wettbewerbskritische Anwendungen für Mitarbeiter und Kunden erstellen müssen. Sie haben kaum Kapazitäten frei, um die vorhandene Altumgebung hinreichend zu pflegen. Ein Re-Engineering der Anwendungen, das gleichzeitig eine Entlastung des Hosts bedeuten würde, ist schlicht undenkbar.

Trotz dieser Bestandsaufnahme empfiehlt Forrester IT-Managern, die Mainframe-Investitionen soweit wie möglich zu beschneiden, indem sie die interne Nachfrage abbauen. Dazu sei es zweckmäßig, die Anwendungsentwicklung für den Host soweit wie möglich einzuschränken. Benötigten Anwendungen signifikante Modifikationen, etwa im Hinblick auf den Datumswechsel mit dem Jahr 2000, seien sie direkt auf Client-Server-Verarbeitung umzustellen. Die besten Cobol-Programmierer sollten ebenfalls für die Lösung von Client-Server-Problemen geschult werden.

Alles, was sich irgendwie vom Mainframe herunterladen läßt, ist laut Forrester zu entfernen. Software zur Unterstützung von Bürotätigkeiten hat auf dem Host ebensowenig zu suchen wie Groupware-Produkte. Sind diese Maßnahmen erfolgt, stehen dem Host neue Kapazitäten zur Verfügung, um sichere und zuverlässige Transaktionsanwendungen zu fahren. Erst wenn klar ist, welche Aufgaben der Großrechner mittelfristig in welchem Ausmaß zu erledigen hat, sollte das bestehende Hardware- und Softwareportfolio dahingehend untersucht werden, ob es die Anforderungen der nächsten Jahre erfüllt.

Wird tatsächlich - laut Forrester ein letztes Mal - beschlossen, in Großrechnertechnik zu investieren, sollte im Falle einer Neuanschaffung ein CMOS-System mit dem Betriebssystem OS/390 gewählt werden. VM und VSE haben in einer Welt der verteilten Datenver- arbeitung nichts mehr verloren. Bezüglich der Leasingbedingungen lasse sich derzeit besser verhandeln denn je.

Den Mainframe in eine verteilte Architektur zu integrieren erfordert Schritte, die manchem erfahrenen Anwender schwer fallen dürften. So ist es wichtig, zu gewährleisten, daß verteilte Systeme Zugriff auf Mainframe-Daten erhalten. Abgesehen von wenigen, besonders sensiblen Daten sollten die IT-Verantwortlichen alle Sicherheitsvorkehrungen vom Client-Server-Front-end aus vornehmen und auf "Gefängniswärter wie RACF" verzichten.

CICS-Anwendungen sind auf einen Versionsstand zu bringen, der neben dem IBM-Protokoll SNA auch TCP/IP unterstützt. Alle Versuche, das Inkompatibilitätsproblem mit Übersetzungsprotokollen in Front-end-Prozessoren zu umgehen, wirken sich negativ auf die Performance aus und bringen einen Verwaltungs-Overhead.

Wichtig ist es laut Forrester ferner, den Mainframe direkt an das LAN- beziehungsweise WAN-Backbone anzuschließen. Netzwerkverbindungen seien zu vereinfachen, antiquierte Front-end- Prozessoren auszumustern. Generell sollte der Großrechner als eine von vielen verteilten Verarbeitungsressourcen im Netz angesehen werden und nicht als technologische Insel.

Erst für 1999 sagt Forrester den Beginn der endgültigen Verdrängung des Mainframes vorher. Dann seien verteilte Technologien voll ausgereift, Unix und Windows NT böten echte Skalierbarkeit. Große Datenbank- und Transaktionssysteme laufen auf Clustern, die aus 64-Bit-Unix-Rechnern zusammengesetzt werden. Auch NT-Maschinen können große Lasten fahren, wenngleich sie in puncto Belastbarkeit nicht mit Unix-Anlagen mithalten können.

Wichtig ist nach Ansicht der Analysten auch die dann vorhandene verteilte Objekt-Infrastruktur. Transaktions-Broker, Object Request Broker und Anwendungskuriere sind verfügbar, um zuverlässige und sichere Transaktionen in verteilten Umgebungen zu gewährleisten. Außerdem werde es funktionierende Client-Server- Management-Tools geben, mit denen Aufgaben wie Job Scheduling oder Back-up ähnlich gut liefen wie heute auf dem Mainframe.

Da laut Forrester im Jahr 2000 nur noch 35 Prozent der Mission- critical-Anwendungen auf dem Mainframe laufen, wird die wichtigste Herausforderung darin bestehen, die verbliebenen Mainframe- Programme in die Client-Server-Welt zu migrieren. Vor allem die IBM-Modelle der 43xx- und der 308x-Reihe sollten noch im ausgehenden Jahrhundert abgelöst werden. Anwendungen, die auf 3090-Systemen laufen, sind in das CMOS-Rechenzentrum zu übertragen, sofern sie nicht bereits zur Ausmusterung ausgewählt wurden.

Individuelle Mainframe-Programme, die für den Geschäftserfolg maßgeblich sind, so die Marktauguren weiter, sollten neu geschrieben werden. Es handele sich ohnehin um Programme, die außergewöhnliche Flexibilität benötigten, um mit dem schnellen Geschäftswandel und den sich ändernden Kundenbedürfnissen Schritt halten zu können. Mindestens 30 Prozent der Entwicklungsbudgets zwischen 1999 und dem Jahr 2002 sind laut Forrester dafür anzusetzen, die wertvollsten Host-Applikationen für eine Client- Server-Umgebung neu zu entwickeln.

Die Marktforscher empfehlen ferner, bis zum Jahr 2000 die übriggebliebenen Mainframe-Softwarepakete für Rechnungswesen, Peronalwirtschaft etc. durch die Client-Server-Pendants diverser Anbieter abzulösen. Dieser Schritt müsse erfolgen, bevor sich die Wartung der Altprodukte als Faß ohne Boden erweise. Dem MVS- Personal solle man frühzeitig klarmachen, daß Mainframe-Know-how schon bald nicht mehr gefragt sei. Mit attraktiven Abfindungs- beziehungsweise Vorruhestandsangeboten oder der Offerte, für ein anderes Arbeitsfeld ausgebildet zu werden, könne man diese Mitarbeiter bei Laune halten.

Kunden sollten die preiswerten System-Bundlings wahrnehmen, die IBM in Zukunft vermehrt auf den Markt bringen wird. Entwickler erhalten voraussichtlich Programmier-Schnittstellen (APIs), mit deren Hilfe sie Applikatio- nen für die CMOS-Architektur gleichzeitig für das Betriebssystem OS/390 wie für die IBM-eigene Unix-Variante AIX schreiben können. Der Wert der jeweils eingesetzten Anwendungen kann erhöht werden, wenn die entsprechenden Softwarepakete in beiden Systemumgebungen lauffähig sind.