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19.04.1985 - 

Die Konzern- Policy von Big Blue vor dem Hintergrund der internationalen wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung:

Im Schatten der Giganten: Die IBM fordert Europa heraus

Die Industriegesellschaften des Westens und Japans sind in den

letzten Jahrzehnten durch Produkte, die das Ergebnis naturwissenschaftlicher oder ingenieurwissenschaftlicher Forschung und Entwicklung waren, oft weitgehender geprägt worden als durch politische Programme von Regierungen und Parteien. Erinnert sei hier an

das Fernsehen, an die elektronische Datenverarbeitung, die Kernenergie, die Nachrichtentechnik oder in Zukunft die Biotechnik.

Die Wirtschaft wird durch solche Technologien, insbesondere durch die Informationstechnologien, zu einer veränderten Einschätzung ihrer Produktivfaktoren veranlaßt. Mehr und mehr schiebt sich zwischen die beiden klassischen Faktoren Kapital und Arbeit die Produktivkraft Wissenschaft und Technik. Technische Intelligenz und Kreativität gewinnen dabei, im ganzen gesehen, mehr und mehr an Bedeutung gegenüber Kapital und Arbeit.

Bei alledem ist die Information zu einer Art neuem "Rohstoff" in den entwickelten Industrieländern geworden, der unbegrenzt vorhanden, verwertbar und vermehrbar ist - ohne die ärgerliche Abhängigkeit von Rohstofflieferanten wie beim Erdöl oder anderen Naturprodukten. Dieser Rohstoff Information kann, soweit wir dies absehen können, am ehesten einen neuen Innovations- und Produktivitätsschub in den Industriegesellschaften auslösen.

Die USA haben Japan und Europa, Japan seinerseits wiederum unseren Kontinent auf dem Gebiet der modernen industriellen Technologien herausgefordert. Das Hauptkampffeld ist die Industrie der Informationstechnologien. So wie für den

Welthandel See- und Landverkehrsverbindungen für die Entwicklung entscheidend waren, so werden die elektronischen Netze den weltweiten Informationsaustausch bestimmen. Jedes Gerät, vom Roboter bis zum Personal Computer, vom Videogerät bis zur Textverarbeitungsmaschine, wird mit dem Netz verbunden sein können als Terminal eines weltumspannenden Nervensystems der menschlichen Gesellschaft. Die Informatikindustrie insgesamt repräsentiert einen Markt von 150 Milliarden Dollar, wächst jährlich mit 20 Prozent und wird um das Jahr 2000 40 Prozent der gesamten industriellen Wertschöpfung ausmachen, wie eine Analyse der französischen Zeitung "Le Monde " ausweist. ¹

Vor allem in den USA ist mit der Wahl Ronald Reagans zum Präsidenten und seiner Wiederwahl das in Gang gekommen, was die Amerikaner Re-Industriealisierung nennen. Sie müssen sich bei dieser Entwicklung, um den Weltmarkt nachhaltig beeinflussen zu können, auf leistungsfähige Großfirmen abstützen können. Um den inneren Markt der Vereinigten Staaten zu beleben, entschlossen sich die Amerikaner 1980 zur Politik der Deregulation: Sie verzichteten auf vermeidbare Vorschriften, die Beziehungen zwischen Anbietern und Abnehmern auf dem Markt, zum Beispiel der Informationstechnologien behindern könnten.

Es mag sein - die Studie von "Le Monde" vermutet dies -, daß die USA bei ihrer Politik der Dereglementierung im Auge hatten, die Monopole nationaler Postverwaltungen in anderen Industrieländern zu sprengen. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz. Die Amerikaner sind trotz großer Konzentrationsbewegungen ökonomischer Art in ihrem Land Anhänger des Wettbewerbs geblieben.

Daraus ergibt sich, daß sie einen Unterschied zwischen der Wirtschaftsordnung und der politischen Ordnung des Staates machen, so sehr der Staat auch an der Entwicklung mancher Projekte interessiert und dabei engagiert sein mag. Diese Trennung von Wirtschaft und Staat haben die Amerikaner mit Westeuropa gemein. So sind seit Beginn der Politik der Deregulation in den USA denn auch Aberhunderte von neuen, vor allem kleinen Unternehmen entstanden.

Ganz im Gegensatz dazu haben sich die Japaner seit langem dazu entschlossen, durch streng koordinierte Aktionen von Forschung, Industrie, Beschäftigten und Staat internationale Märkte planmäßig zu erobern. Dieses Konzept eines neuen Wirtschaftsimperialismus kennt die Trennung von Staat und Wirtschaft, wie wir sie in Westeuropa und Amerika haben, und erfordert deshalb auch andere Reaktionen aus europäischer Sicht als die amerikanische Herausforderung.

Diese Herausforderung trifft auf eine europäische Staatenwelt, deren gestaltende Fähigkeit im Vergleich zu den technischen und ökonomischen "Brückenpfeilern", die multinationalen Unternehmen über die Grenzen der Staaten hinweg gebaut haben, weit zurückgeblieben ist. Das Bündnis von Politik und Bürokratie erweist sich als zu schwerfällig für die Steuerung der technischökonomischen Entwicklungsprozesse. Die "Multis" helfen uns heute mehr als die Staaten, die EG oder die UNO, Schritt für Schritt zu einem wirtschaftlichen Weltgebäude vorzudringen. Wir sollten also damit aufhören, die multinationalen Unternehmen zu Prügelknaben unserer staatlichen und politischen Unzulänglichkeiten zu machen. Aus diesem Hintergrund muß auch die IBM gesehen und gewertet werden.

Das Unternehmen IBM hat gegenwärtig einen jährlichen Umsatz von rund 50 Milliarden Dollar, davon wird die Hälfte im Ausland erwirtschaftet. Dennoch ist kein einziger Ausländer im maßgeblichen Führungsgremium der IBM tätig. Im Jahre 2000 dürfte die IBM das größte Forschungs- und Produktionsunternehmen der Welt sein. Die entscheidenden Manager der IBM sind von der Atmosphäre zwischen New York und Los Angeles geprägt und waren mit Ausnahme von Jacques Georges Maisonrouge und Kaspar V. Cassani, den Repräsentanten der IBM Europa, nie verantwortlich im Ausland tätig.

Dies alles ist jedoch kein Grund, die IBM als einen Dämon oder als einen unüberwindlichen Koloß zu empfinden und zu fürchten. Das Geraune von einer gesteuerten IBM Kultur halte ich nach meinen Kontakten mit vielen Mitarbeitern dieses Konzerns für eine Fama. Innerhalb von IBM konkurrieren Gruppen von Forschern, Entwicklern und Verkäufern oft um die gleichen Märkte und verhindern schon auf diese Weise das Modell einer linearen Gefolgschaft. Immer wieder gibt es auch hochqualifizierte Mitarbeiter, die IBM verlassen und eigene Unternehmen gründen. Politische Überzeugungen und persönliche Lebensformen differieren bei den Mitarbeitern der IBM genauso wie anderswo.

Dennoch beginnt sich die IBM insgesamt zu ändern. 1959 betrüg das Durchschnittsalter bei der IBM Deutschland ganze 29 Jahre, heute liegt es bei 44 Jahren. Dies ist der Preis dafür, daß die IBM normalerweise keine Mitarbeiter entläßt und sich allenfalls - wie im letzten Jahr - dadurch Luft für den Nachwuchs zu schaffen versucht, daß sie rund 1000 ihrer leitenden Mitarbeiter den Weg in den vorzeitigen Ruhestand eröffnet hat. Mit dieser Personalpolitik war auch eine sehr zurückhaltende Nachwuchsförderung verbunden. Im ganzen führt das höhere Durchschnittsalter der Mitarbeiter der IBM allerdings zu einer Verschärfung der Finanzsteuerung des Konzerns. 15 bis 20 Prozent Zuwachsraten hält die IBM jährlich für notwendig, schon um die Pensionsfonds finanzieren zu können.

Allerdings ist dieser "Zwang" zum Erfolg im wesentlichen an der Produktivitätssteigerung orientiert, was nicht unbedingt mit quantitativem Wachstum im selben Maße einhergehen muß, denn die Strategie der IBM zielt darauf ab, selber den Kopf oben zu behalten, den anderen aber die Beinarbeit zu überlassen. Mit anderen Worten: Der aufwendige Vertrieb der Produkte wird mehr und mehr an Verkäufer außerhalb der IBM delegiert, weil die anteiligen Kosten für die IBM zu hoch werden - eine Folge auch der ökonomischen Gleichbehandlung aller vergleichbaren Mitarbeiter. Früher wurde die IBM-Hardware überwiegend vermietet, heute wird sie zu 85 bis 90 Prozent verkauft, um die notwendigen Kapitalien für die Expansion des Unternehmens zu beschaffen. Außerdem hat IBM auf dem Geldmarkt in letzter Zeit zwei Milliarden Mark aufgenommen, Kenner des Unternehmens schätzen, daß die IBM im Jahre 2000 mit 100 000 Mitarbeitern weniger auskommen wird als heute und daß sie um die Jahrtausendwende 70 Prozent ihres Umsatzes mit Software und nur noch 30 Prozent mit Hardware machen wird - genau umgekehrt wie heute.

Einen weiteren Schub der Entwicklung des Konzerns löste die Einstellung des Antitrustverfahrens in den USA gegen die IBM im Jahre 19824 aus. Um die Informationstechnologien in ihrer ganzen Breite zu erfassen, begann IBM, namhafte Groß- und Kleinfirmen in ihre Einflußsphäre einzubeziehen. Die Firma Rolm wurde gekauft, eine Beteiligung bei Intel erreicht, andere Firmen in eine lose Bindung zum Unternehmen eingefügt. Für IBM zahlt sich diese Strategie in doppelter Weise aus. Auf der einen Seite braucht das Unternehmen sich nicht mit der Entwicklung aller kleinen Produkte zu befassen, und auf der anderen Seite erlaubt ihm die Dynamik und Flexibilität kleiner Firmen, sehr viel schneller auf dem Markt zu agieren, als es ihm mit seiner großen, schwerfälligen Struktur allein möglich wäre. So beginnt sich die IBM seit kurzem des gesamten Sektors der Informationstechnologien zu bemächtigen: Informatik, Mikroprozessoren, Software, Bürotechnik, telefonische Nebenstellenanlagen, Bauteile, Telekommunikationsnetze und Robotik.

Die spektakulärste Aktion führte IBM auf dem Gebiet der Mikrocomputer durch, wo das Unternehmen in zwei Jahren mit seinem Personal Computer ein Viertel des Marktes eroberte und 50 vom Hundert anstrebt,

Die europäischen Konkurrenten der IBM wissen immer noch nicht so recht, wie sie die neue Doppelstrategie der IBM einschätzen sollen. Jahrzehntelang hatten sie sich daran gewöhnt, daß auch sie selber unter dem Preisschirm der IBM relativ hohe Preise von ihren Kunden verlangen konnten, weil die IBM mit Rücksicht auf ihr Antitrustverfähren in den USA ihrerseits daran interessiert war, sich nennenswerte Konkurrenten auf de Markt zu erhalten. Nunmehr fürchten die europäischen Unternehmen, daß sie auch dann zu einer Kompatibilität mit IBM-Produkten veranlaßt werden könnten, wenn diese nach ihrer Auffassung keine optimalen Lösungen anbieten. Noch mehr sind die Europäer über eine mögliche Entwicklung besorgt, in der IBM-Systeme überhaupt nicht mehr kompatibel wären.

Am meisten aber beunruhigt die europäische Konkurrenz die denkbare Preispolitik der IBM. Wie man hört, kalkuliert IBM heute mit einer Gewinnmarge von 24 Prozent. Dahinter folgt dann eine Gruppe ihrer Konkurrenten mit einer Gewinnmarge von 15 bis 16 Prozent, gefolgt von einer weiteren Gruppe mit einer Marge von im Durchschnitt sieben Prozent. Man kann sich leicht vorstellen, was passieren würde, wenn die IBM ihre Gewinnmarge auf 20 bis 15 Prozent senken würde: Den übrigen ginge dann die Luft aus.

Ich halte es allerdings für sehr fraglich, daß die IBM sich zu einer solchen rigorosen Preispolitik entschließen könnte. In ihrer bisherigen Strategie ist sie zwar immer auf ihren technischen und ökonomischen Vorsprung bedacht gewesen, hat aber nie eine Vernichtungsstrategie gegenüber ihren Mitbewerbern betrieben. Und da die Europäer mit den Amerikanern ohnehin ihre Probleme mit einer partnerschaftlichen Kooperation haben, wird es sich ein international angesehenes Unternehmen wie die IBM dreimal überlegen, in den Sog eines Bildes vom "häßlichen Amerikaner" zu geraten.

Drei Antworten der Europäer

Im Jahre 1983 entschloß sich die Kommission der Europäischen Gemeinschaften, auf dein Markt der Informationstechnologien gegenüber den Offensiven der Amerikaner und der Japaner etwas zu unternehmen. Die Kommission in Brüssel nahm dabei den Mund ziemlich voll und meinte, es gehe darum, die internationale Konkurrenz innerhalb von zehn Jahren technologisch einzuholen, wenn nicht sogar zu überflügeln. Das Ergebnis war Esprit, ein Förderprogramm im Bereich der Informationstechnologie.

In das gemeinsame Forschungsprojekt-Programm wurden 1984 rund 800 Millionen Mark investiert. Bis 1988 sind Ausgaben von 3,3 Milliarden Mark verfügbar (je, zur Hälfte von der EG und der Industrie bereitgestellt).

Den Anlauf zu einem zweiten Programm nahm die EG-Kommission 1984 mit, ihrem Projekt zur Förderung der Telekommunikation, abgekürzt Race (Research in Communication Technologies for Europe). Als Anwendungsbeispiel wurde ein integriertes Breitbandkommunikationsnetz auf der Basis des sich weiterentwickelnder. ISDN gewählt.

Flankierend zu den Projekten Esprit und Race hat der Präsident des Philips-Konzerns, Wisse Decker, Ende 1984 ein Programm "Europa 1990" vorgeschlagen. Es sieht vier

Entscheidungsrichtungen vor:

- Handelserleichterungen.

- Ein Programm für die Mehrwertsteuer.

- Ein Programm für die Normung.

- Regierungsaufträge sollen die Öffnung des Marktes für Regierungskäufe ebnen und dafür Anreize schaffen.

Ungeachtet dieser drei Vorstöße im europäischen Rahmen bleiben die Unternehmen im Bereich der Informationstechnik auf unserem Kontinent skeptisch, ob all dies auch greifen wird - vor allem gegenüber der Offensive der IBM. Einstweilen spielt die IBM die Tatsache aus, daß die europäischen Länder sich in der Technologiepolitik nur mühsam verständigen können. Durch die Zusammenarbeit des großen inneramerikanischen Konkurrenten AT&T mit Philips und Olivetti ist der IBM allerdings ein weltweiter Konkurrent erwachsen, auf den zum Beispiel Anhänger eines regulierten Wettbewerbes in Europa, um nicht zu sagen des Protektionismus, setzen. "Le Monde" meint zu diesem Thema, die Wahl von AT&T zum Partner Europas würde dem Prinzip entsprechen, nach dem man am besten mit dem Zweitstärksten unter seinen Feinden zusammenarbeiten und sich mit ihm gegen den stärksten Feind verbünden solle.

Ich halte dies für einen Fehlschluß. Das Bündnis mit dem Zweitstärksten reicht nicht aus, wenn man selber schwach bleibt. Nur die eigene Stärke ist ein hinreichender Grund für einen technischen und ökonomischen Optimismus. So wird es denn im Verhältnis der europäischen Unternehmen zu IBM vor allem um die Entwicklung von Spielregeln gehen,

nach denen der Wettbewerb sich richten kann:

- Die Netzebene muß transparent sein, Schnittstellen sollten öffentlich bekanntgegeben werden.

Einen "Waffenstillstand" in dieser Frage hat die EG-Kommission mit der IBM 1984 geschlossen, und man sollte abwarten, was dabei für alle Beteiligten herauskommt. Jedenfalls ist dies ein Anfang für ein geregeltes Nebeneinander der Wettbewerber.

- Die Beteiligung unterschiedlicher Hersteller an Projekten muß realisierbar bleiben, auch mit und neben der IBM.

Die europäischen Unternehmen fürchten zuweilen, daß ihre Kunden sich lieber in die schätzenden Arme der IBM flüchten und sich jedenfalls allein nicht trauen, Alternativen der Kooperation zu erproben. Aber auch die IBM müßte in wohlverstandenem eigenen Interesse an der technischen und ökonomischen Mehrgleisigkeit mit ihren Wettbewerbern interessiert sein und bleiben.

- Ein Weg dazu ist der Zusammenschluß mehrerer oder vieler Kunden bei Einkäufen von Hardware oder Software.

Die Aktivierung der Kunden ist für einen demokratischen Markt ein unverzichtbarer Faktor. Es hat keinen Sinn, von Bedienungsfreundlichkeit oder Benutzersouveränität zu sprechen, wenn die Kunden ihrerseits davon keinen Gebrauch machen. Letzten Endes hat man in einer Demokratie nur die Freiheit, die man sich selber nimmt.

Demgegenüber scheint mir die von manchen für eine Trumpfkarte gehaltene politische Intervention gegen IBM eine zweischneidige Waffe zu sein. Ich bin für den Einsatz dieser Waffe gegenüber den Japanern, weil sie sich permanent weigern, gleiche, weltwirtschaftlich offene Wettbewerbsbedingungen bei sich wie in der EG zu schaffen.

Bei den Amerikanern verhält sich die Situation anders, auch bei IBM. Die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft vor allem in die USA würde uns bald zeigen, daß wir mit einer politischen Restriktion gegenüber amerikanischen Unternehmen in Europa ein Eigentor geschossen hätten. All das, was die EG sich vorgenommen hat - Förderung, Stimulation des Verkaufs, Einsatz der Postmonopole für die Regelung der technischen Normen - ist gut hilfreich und legitim. Es könnte sicher auch nützlich sein, wenn die europäischen Postverwaltungen sich einiger wären, als sie es vielfach heute noch sind. Alle europäischen Industrieländer brauchen die Gewinne der Postverwaltungen, um die enormen Investitionen im Infrastrukturbereich der Informationstechnik finanzieren zu können. Auch das ist ein Grund, hier an einem Strang zu ziehen. Aber wenn wir die Amerikaner in sie belastenden Marktsegmenten bedrängen und dennoch den freien Wettbewerb in den USA zu unseren Gunsten fordern, dann können wir uns umgekehrt nicht anders verhalten.

Bei dem Tempo der wissenschaftlichen und technischen Entwicklung gerade im Bereich der Informationstechnologien wird es ohnehin zu vielfachen, europaübergreifenden Kooperationen kommen müssen. Es kann nicht mehr der Ehrgeiz eines großen Unternehmens sein, alle seine Produkte selber zu erforschen, zu entwickeln, marktreif zu machen und dann zu verkaufen. Wichtiger ist bei vielen Produkten, die dafür erforderlichen, jeweils besten und neuen Komponenten zu finden und zusammenzufügen. Daraus ergibt sich dann ein Marktvorsprung auf Zeit, der von anderen Mitbewerbern wieder eingeholt werden kann. Nur so kann der Wettbewerb die Industriegesellschaften lebendig halten.

Auch die Amerikaner sollten allerdings ihre Unkenrufe über uns unterdrücken lernen. Es stimmt schon, daß die Industrieländer heute in der sogenannten High-Technology den Wegweiser in ihre ökonomische Zukunft sehen müssen. Aber andererseits muß man sich davor hüten, anzunehmen, daß die Menschen in Amerika und in Europa nur noch High-Produkte brauchten und auf die gewohnten Gegenstände ihres Alltags verzichten könnten. Der High-Tech-Trip kann genauso zu einer Einbahnstraße der Verblendung werden wie die Auswanderung mancher Europäer in neue Formen der diesseitigen Mystik ökonomischer Enthaltsamkeit.

Immerhin hat die Bundesrepublik gegenüber anderen Industrieländern einen erkennbaren Vorsprung in drei wichtigen Sektoren der informationstechnischen Entwicklung erreicht und bis heute behauptet: bei der Ergonomik als einem Kernbereich der Humanisierung des Arbeitslebens, beim Bildschirmtext und bei der ISDN-Technologie.

Darüber hinaus kann gerade die deutsche Wirtschaft sechs Pluspunkte verbuchen, die ihr bislang von niemandem streitig gemacht werden konnten:

Die oft bessere Kenntnis der besonderen Bedingungen organisatorischer, mentaler oder regionaler Art bei den Softwarebedürfnissen deutscher Kunden,

die Bereitschaft zur Anpassung an jeweils spezielle Wünsche ihrer Kunden,

die nach wie vor überwiegend anerkannte deutsche Qualitätsarbeit,

die strikte Einhaltung von Lieferfristen und Verträgen,

die Offenheit für Kooperationsformen mit Unternehmen in anderen Ländern

und die im ganzen guten Beziehungen zwischen der Staatsführung, der Wirtschaft und den Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland.

Darüber sollten wir wachen wie über unseren Augapfel. Angst ist kein guter Ratgeber, weder für die Politik noch für die Ökonomie. Wir wollen schließlich unser altes gewachsenes Europa in seiner vielfältigen Kultur und Zivilisation auch im Zeitalter der Informationstechnik bewahren und entwickeln. Wer diese Selbstachtung der europäischen Staaten und Völker mißachten sollte, dem sollten wir bei Gelegenheit in sein Gästebuch schreiben, daß Hochmut immer noch vor dem Fall kommt.

Ulrich Lohmar

Dr. sc. pol. und o. Professor, ist ein "Wanderer" zwischen den Welten der Kommunikationslandschaft:

Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften an den Universitäten Köln, München, Hamburg und Münster.

1957 bis 1976 Mitglied des Deutschen Bundestages: von 1965 bis 1976 Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Wissenschaft beziehungsweise für Forschung und Technologie.

1954 bis 1967 Chefredakteur der Zeitschrift "Die Neue Gesellschaft", von 1967 bis 1969 der Tageszeitung "Neue Westfälische" .

1969 bis 1984 Ordinarius für Politische Wissenschaften (Duisburg, Paderborn).

Seit 1976 Vorsitzender der Stiftung für Kommunikationsforschung im Stiftverband für die Deutsche Wissenschaft, Bonn.

Seit 1983 Vorsitzender des Vorstandes der Anstalt für Kabelkommunikation in Ludwigshafen.