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27.03.1998 - 

IT in der Baubranche

Immer noch Handarbeit und Medienbrüche

Mitternächtliches Klavierspielen - eine Vergnügung, die nicht die ungeteilte Freude unserer Mitmenschen hervorruft und deshalb unterbleiben muß. Es sei denn, wir frönen unserem Hobby im eigenen Haus bei geschlossenen Fenstern. Doch bevor das Traumhaus steht, müssen Fachleute ans Werk, die möglichst schnell und kostengünstig bauen, und das im wohlverstandenen eigenen Interesse. Hier steckt noch ein großes und bislang nur ungenügend ausgeschöpftes Rationalisierungspotential.

Verkannt wird im allgemeinen die Struktur des Bauhauptgewerbes. Denn nur die ganz Großen dieser Branche machen mit ihren teils spektakulären und innovativen Projekten die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Für sie ist Wirtschaften ohne DV nicht denkbar. Ein ganz anderes Bild zeigt die Statistik: Bei insgesamt über 1,3 Millionen Beschäftigten und einem Gesamtumsatzvolumen von jährlich weit über 220 Milliarden Mark haben 93 Prozent aller Betriebe des Bauhauptgewerbes (Handwerk und Industrie) 1996 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts nur bis zu 50 Mitarbeiter auf ihrer Gehaltsliste. Weitere sechs Prozent sind in einer Manpower-Größenordnung mit bis zu 200 Mitarbeitern angesiedelt. Zu den ganz Großen, die mehr als 500 Mitarbeiter haben und teils Weltgeltung besitzen, zählen nur 0,1 Prozent der deutschen Unternehmen.

Allerdings gewinnt die Informationstechnologie auch in kleinen und mittleren Betrieben an Boden. Rainer Liebenow vom Norddeutschen Baugewerbeverband e.V., Hamburg, geht mittlerweile von einer partiellen Durchdringung 70 Prozent aus: "Wir bieten zu unserem speziellen DV-Support und den Auskünften auch Einführungsberatung an, die jedoch wegen des wachsenden Kenntnisstands immer weniger nachgefragt wird."

Gleichzeitig moniert allerdings Professor Rasso Steinmann von der Fachhochschule München in einem Beitrag der ZDB-Publikation zur Leipziger Messe Baufach ´97, daß neue Technologien eher punktuell und als Ersatz für manuelle Verfahren eingesetzt werden, seltener jedoch prozeßbegleitend und organisationsunterstützend.

Eine Problematik liege unter anderem in den Interpretationsmöglichkeiten bautechnischer Daten: Eine Wand ist für den Tragwerksplaner etwas anderes als für den Architekten oder die Baufirma. Um Medienbrüche und Fehlinterpretationen übermittelter Daten zwischen allen Beteiligten vom Bauherrn über den Architekten bis hin zu Bauunternehmen und Gebäudetechniker sowie Tragwerksplaner zu vermeiden und eine durchgängige Informationskette aufzubauen, bilden sich nach Steinmanns Ausführungen auch global tätige Initiativen. So die Industrielle Allianz für Interoperabilität e.V.(IAI), München (siehe Seite 61: Marktreife Produkte noch in diesem Jahr). Ziel ihrer weltweit aktiven Mitglieder ist es, ein allgemeingültiges Datenformat für das Bauwesen zu definieren.

Potentiale zwischen Baustelle und Betriebsstätte

Verschiedene Unternehmen wie beispielsweise die Nemetschek Programmsystem GmbH aus München projektieren zudem Verfahren zum Aufbau einer gutgreifenden DV-Infrastruktur. Nemetscheks "Objectoriented Productdata Engineering Network" (O.P.E.N.) bietet entsprechende offene Schnittstellen, über die auch Intra- und Internet-Zugriffe laufen können.

In der Verbesserung der Kommunikation zwischen Baustelle und Betriebsstätte liegen Potentiale, die es zu nutzen gilt. So rechnet Beat Schlegel von der Unternehmensberatung Netcom Bau mit fünfstelligen Einsparungsmöglichkeiten pro Jahr schon bei wöchentlich stattfindenden Besprechungen eines Baubetriebs mit Baustellen im Umkreis von 50 Kilometer um den Standort.

Bis jeder Polier mit tragbarem Terminal und DFÜ-Equipment ausgestattet ist, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Doch die Branche ist aufgewacht: "Auch kleine und mittlere Unternehmen interessieren sich jetzt verstärkt für die Möglichkeiten der DV und der Kommunikationstechniken", meint Stephan Sehlhoff, Unternehmensberater bei der BuB Berater Cooperation aus Leopoldshöhe.

Diese Aussage deckt sich mit den Erfahrungen des ZDB, der im vergangenen Jahr einige Dutzend Vorträge und Veranstaltungen zum Thema "Internet und Baugewerbe" veranstaltete. Interessante Feststellung des ZDB: Die Mehrzahl der Teilnehmer war nicht älter als 45 Jahre.

Trotzdem scheint die Situation vertrackt: Vor allem die mittelgroßen Unternehmen, die frühzeitig auf den DV-Zug aufgesprungen sind, leiden heute angesichts der DV-technologischen Entwicklung unter den Investitionen, die sie vor Jahren einmal zu Trendsettern der Computerisierung im Bauhauptgewerbe gemacht haben. Nicht selten befinden sich nahezu antiquarische Hard- und Soft-Stücke der mittleren Datentechnik wie Nixdorf Comet noch im Einsatz, und die IBM AS/400 ist sowieso nicht totzukriegen. "Das Konglomerat aus unterschiedlichen Architekturen, das sich bei einigen Unternehmen im DV-Park findet, erschwert die aktuellen Bestrebungen zu Vernetzung und Kommunikationsfluß ohne Medienbrüche", stellt Berater Sehlhoff fest.

Viele kleine und mittlere Betriebe haben sich vor einigen Jahren zum Kauf eines PCs und der dazugehörigen Software entschieden. So findet man durchaus noch Systeme, die auf DOS laufen. "Die kleineren Unternehmer möchten ungern umsteigen, da sich die Investition noch nicht amortisiert hat und man mittlerweile mit dem Programm vertraut ist", so der Bau-Beratungsprofi und DV-Experte. Eine Faustregel besagt, daß in Betrieben der Klein- und Mittelklasse im Durchschnitt sieben bis zehn Mitarbeiter im Innendienst tätig sind - da wird die tägliche Arbeit leicht zur liebgewonnenen Routine, und Schulungen beeinträchtigen den operativen Ablauf. Dazu kommt, daß viele Chefs sich mehr als Techniker verstehen und es viel interessanter finden, was auf der Baustelle geschieht. Für sie läuft die DV in der betrieblichen Verwaltung eigentlich nur am Rande mit.

Die Bereiche kaufmännische und technische Software seien auch im qualitativen Sinn von den nur knapp 30 spezialisierten Herstellern gut abgedeckt, meint Sehlhoff. "Aber es hapert in den Unternehmen noch in vielen Bereichen, so zum Beispiel in puncto Arbeitsvorbereitung", meint der Berater. Erfahrungsgebundenes Tun stehe hier vor DV-Unterstützung. Das liege mit daran, daß die Auftraggeber häufig einen sehr schnellen Start der Arbei- ten fordern, weshalb die lang- und mittelfristige Planung zu kurz käme.

Stiefmütterliche Lösungsanbieter

Hier fordert Sehlhoff auch die Softwarehersteller zu größeren Anstrengungen im Hinblick auf kleine und mittlere Abnehmer auf. Dieser Bereich werde von den meisten Lösungsanbietern noch recht stiefmütterlich behandelt. So ergibt eine statistische Bewertung des Leistungsangebots der Aussteller der Leipziger Bau-Fachmesse ´97, daß von den 29 Ausstellern im Computerbereich nur neun Firmen ein einigermaßen übergreifendes Leistungsangebot im Programm führen. Sie deckten vier und mehr Sektoren der Bereiche Unternehmens-/ Betriebsrechnung, Lohn und Gehalt, Geräteabrechnung, Projektabwicklung, AVA (Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung), Entwurf/Konstruktion, Statik/ technische Berechnung, Vermessungswesen, Haustechnik, Projekt-Management und neue Medien ab.

Diese Segmentierung schafft natürlich Probleme, zum Beispiel auch im Datenrückfluß. "Sind Soll-Daten beispielsweise aus der Arbeitsvorbereitung und -planung nicht richtig vorgegeben, fließen logischerweise auch die Ist-Daten nicht korrekt zurück", erklärt Sehlhoff. So ist es in kleineren und mittleren Betrieben üblich, daß Stundenzettel durchaus mit einiger Verzögerung in der Verwaltung eintrudeln.

LAN-Vernetzungen sind das Gebot der Stunde

Probleme der Integration, der Vernetzung und dann auch der übergreifenden Kommunikation zwischen Baustelle und Betrieb einerseits und den innerbetrieblichen Abläufen mit ihren Schnittstellen nach außen andererseits sieht auch der Hamburger Rainer Liebenow als Themen an, mit denen sich viele Verantwortliche des Bauhauptgewerbes derzeit befassen.

Überschaubare PC-Architekturen und LAN-Vernetzungen sind also das Gebot der Stunde ebenso wie Verbesserungen der übergreifenden Kommunikation. Das Internet scheint hier die Rolle eines Motors einzunehmen, wenngleich auch die Recherche im Gegensatz zu anderen Branchen noch recht magere Ergebnisse zu Tage förderte. Dennoch kommen jetzt Bauunternehmen gezielt über www.bauwi.de - einen Dienst der Bauwirtschaftlichen Verlags- und Service GmbH - oder europaweit durch die Europäische Union auch über die Adresse www2.echo.lu/ an Bauausschreibungen. Das Bundesausschreibungsblatt ist über www.bundesausschreibungsblatt.de online abrufbar. So etwas weckt Interesse an den neuen Möglichkeiten und führt zum Überdenken auch der bisherigen DV-Installation.

EDI-Projekte haben sich nicht durchgesetzt

Beratungsprofi Sehlhoff sieht so auch über die Attraktivität des Internet gute Chancen eines durchgängigeren Einsatzes der DV. "Es gab einige Projekte im Bereich des Electronic Data Interchange (EDI), die sich aber bei kleinen und mittleren Unternehmen nicht durchgesetzt haben - vielleicht auch aus Gründen mangelnder Kenntnis", so mutmaßt der Berater. Was im Business-to-Business über das Internet erst langsam zu wachsen beginnt, trägt im Bereich der Darstellung der Unternehmen auf Web-Seiten schon erste Früchte. Die Suche nach dem Erbauer eines Traumhauses wird dem Surfer immer leichter gemacht - und durch kostengünstigeres Bauen bleibt dann auch noch etwas Geld für das Piano übrig.

*Horst-Joachim Hoffmann ist freier Journalist in Hamburg.