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21.02.1992 - 

Mehr Software für betrieblichen und kommunalen Umweltschutz

In den meisten Unternehmen gibt es kein Umweltkonzept

Die seit Jahren unbefriedigende Unterstützung des betrieblichen und kommunalen Umweltschutzes durch geeignete Software verbessert sich. Industrieunternehmen werden in der Lage sein, den Umweltschutz in ihre Produktionsabläufe und ihr Controlling zu integrieren. Das bedeutet vor allem vorausschauende Einbeziehung von Umweltaspekten in die Planung von Anlagen und Verfahren und damit Reduktion von Umweltbelastungen.

Kommunale Umweltbehörden werden ihre Vollzugsaufgaben wirksamer wahrnehmen können. Damit geht es vor allem dem Mittelstand an den Kragen; und das ist gut so. Die wirklich gefährlichen Umweltsünder sind nämlich dort und nicht in der Großindustrie zu suchen. Bei mittelständischen Unternehmen verschwinden immer noch große Mengen wassergefährdender Stoffe im Boden, dort wird immer noch auf krummen Wegen entsorgt, und dort ist immer noch nicht verstanden worden, daß jeder Bürger Verantwortung für den Erhalt unserer -natürlichen Lebensgrundlagen hat.

In allen Kommunen gibt es Vollzugsprobleme

Das Vollzugsdefizit ist immer noch gravierend. Schon 1978 hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen diesen Mißstand betont, doch bis heute hat sich die Situation nicht wesentlich geändert. In einer deutschen Großstadt wurde kürzlich festgestellt, daß über 50 Prozent der Unternehmen von den Vollzugsbehörden nicht kontrolliert werden. Das mag ein besonders schlimmes Beispiel sein, aber Vollzugsprobleme gibt es in allen Kommunen. Was aber hat das alles mit DV zu tun?

Die Antwort ist nicht neu: Auch im Umweltschutz ist die Datenverarbeitung geeignet, komplexe Zusammenhänge transparent zu machen Vorgänge zu steuern und zu überwachen sowie Entscheidungen vorzubereiten.

Für Unternehmen waren DV-Lösungen im Bereich Umwelt bisher unbefriedigend, weil sie nicht in die DV-Landschaft des Unternehmens eingebunden werden konnten. Es macht keinen Sinn, beispielsweise eine Stoffdatenbank, deren Daten viele Abteilungen verarbeiten und pflegen müssen, als Insellösung auf einem PC zu betreiben. Umweltschutz-Software muß in die Materialwirtschaft, in die Produktionsplanung und -steuerung, in die Kostenrechung etc. integriert sein.

Solche Lösungen sind in Sicht. SAP zum Beispiel wird voraussichtlich in Kürze mit der Entwicklung von Umweltschutz-Software beginnen. Man darf wohl davon ausgehen, daß in absehbarer Zeit die wesentlichen Umweltschutz-Aufgaben wie Planung und Überwachung, Konzessionswesen, Produktsicherheit, Stoff- und Materialflußkontrolle etc. von SAP unterstützt werden. Damit könnte theoretisch schon in über tausend Unternehmen der Umweltschutz verbessert werden.

Werner Goll, Leiter des Ressorts Umwelt- und Arbeitsschutz bei SKW-Trostberg, stellt hohe Anforderungen an ein betriebliches Umwelt-Informationssystem: "Die Aufgabenvielfalt der in mein Ressort fallenden Fachbereiche Umweltschutz, Konzessionierung, Arbeits- und Anlagensicherheit, Produktsicherheit/Toxikologie und Qualitätswesen kann effizient und kostengünstig nur über ein modernes und praktikables Umwelt-Informationssystem bewältigt werden. Die Überwachung der Einhaltung behördlicher Auflagen, die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren (intern und extern) und nicht zuletzt der Nachweis des bestimmungsgemäßen Betriebes von Produktionsanlagen stellen hohe Anforderungen an den betrieblichen Umweltschutz. Besonders das Prinzip der Beweislastumkehr im neuen Umwelthaftungsgesetz erfordert ein ausgeklügeltes Überwachungs und Dokumentationssystem. Unter anderem aus diesen Gründen baut die SKW-Trostberg AG ein betriebliches Umwelt-Informationssystem auf."

"Buis" bereitet Informationen auf

Auch die Digital Equipment Corp., im Umweltschutz bisher eher mit Lösungen für Länder und Kommunen erfolgreich, verstärkt ihre Aktivitäten im betrieblichen Umweltschutz. Digital hat ein betriebliches Umwelt-Informationssystem "Buis" entwickelt, das die Vielzahl der im Unternehmen anfallenden Informationen für das Umwelt-Management aufbereitet. Buis soll auch in der Lage sein, vorhandene Anwendungen, beispielsweise Stoffdatenbanken, zu integrieren. Dirk Findeisen, Marketing-Manager bei Digital, erwartet gute Umsätze: "Besonders bei den großen Industrie und Versorgungsunternehmen besteht Bedarf an ganzheitlichen Lösungen."

Allein auf der diesjährigen GI-Tagung für Umwelt-Informatik in München wurden über 50 Produkte und Lösungsansätze vorgestellt. Etwas frustrierend für den Praktiker war die Erkenntnis, daß bis auf zwei oder drei Ausnahmen Institute und Hochschulen für den betrieblichen Umweltschutz nichts anzubieten haben.

Im kommunalen Bereich gibt es ermutigende Entwicklungen. So hat zum Beispiel das Umweltamt Frankfurt die Autinform GmbH Wiesbaden beauftragt, ein Daten- und Funktionsmodell für die Aufgaben des kommunalen Umweltschutzes der Stadt zu entwickeln. Ziel dieser Entwicklung ist die DV-technische Unterstützung aller Vorgänge in den Bereichen Vorsorge, Überwachung und Beratung.

"Den Sprung in die neue Welt wagen"

Jörg Hennerkes, der Leiter dieser Behörde, hat zum Thema DV im Umweltschutz eine klare Meinung: "Mit dem Aufbau einer effizienten kommunalen Umweltverwaltung sind nicht nur neue Organisationsformen zu schaffen. Es sind auch zeitgemäße Arbeitsmittel zur Bewältigung komplexen Probleme und der in Massen anfallenden Daten bereitzustellen. Das bedeutet für die öffentliche Verwaltung, die vor kurzem erst das Stehpult abgeschafft hat, den Sprung in eine neue Welt zu wagen. Wir müssen die Probleme von morgen zumindest mit den Techniken von heute angehen, sonst haben wir keine Chance. Zur DV-Lösung gibt es einfach keine Alternative."

Friedrich Göschl, Geschäftsführer der Autinform GmbH, schildert, worauf es ihm bei der Entwicklung des Systems ankommt: "Wichtigstes Ziel unseres Projektes ist es, die Vorgangsbearbeitung plan- und steuerbar zu machen und sie gleichzeitig als aktives Instrument zur Datengewinnung nutzen zu können. Mit zunehmender Nutzung wird der Systemkern - die von allen Vorgangsarten genutze Datenbasis - ihre Wirkung entfalten und sowohl die Vorgangsbearbeitung verkürzen als auch die Qualität der Arbeitsergebnisse verbessern. In dem von uns entwickelten Datenmodell werden Informationsobjekte wie Schutzobjekte (Teile von Natur und Landschaft), und Überwachungsobjekte (etwa Industrie-Anlagen) beschrieben und Beziehungen zum Raum hergestellt. Damit wird es mögliche sowohl objektbezogene Betrachtungen als auch übergreifende Bewertungen vorzunehmen."

Das Land Nordrhein-Westfalen arbeitet derzeit an der Neukonzeption eines DV-Systems, das alle Aufgaben der Gewerbeaufsichtsbehörden unterstützen wird. Auch hier steht die Effizienz des Vollzugs im Vordergrund. Anton Diening, DV-Koordinator im Umweltministerium, beschreibt die vor ihm liegenden Aufgaben so: "Die komplexen Umweltbeziehungen machen es erforderlich von Einzellösungen auf fachbereichsübergreifende Systeme hinzuarbeiten."

Lutz Wicke, Staatssekretär beim Senator für Landesentwicklung und Umweltschutz In Berlin, hält sein DV-System für unverzichtbar: "Das in meiner Verwaltung vorhandene fachübergreifende Informationssystem für die Medien Wasser, Boden, Luft, Lärm und Stadtökologie ist ein unverzichtbarer Bestandteil für die Erledigung der Aufgaben Stadtplanung und Umweltschutz."

In Bayern dürfte ein Durchbruch gelungen sein. Das Ministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen hat in Zusammenarbeit mit der AKDB und der Inplus GmbH ein kommunales Umwelt-Informationssystem entwickelt, das auf der letztjährigen Systems in München vorgestellt wurde. Franz Jungwirth, Leiter des DV-Referats im Ministerium, formuliert die Ziele des Systems: "Zur Gewinnung von Informationen über die Umweltsituation, aber auch zur Abwicklung von Verwaltungsvorgängen brauchen wir ein arbeitsteiliges Informationssystem, das zwei wesentliche Aufgaben erfüllen muß: Erstens muß es die Rationalisierung unterstützen und zweitens muß es die Kommunikation zwischen den Behörden sicherstellen. Durch den Ausbau der Grafikkomponenten wollen wir versuchen die Umweltsituation und -entwicklung durch flächenbezogene Daten sichtbar zu machen. Wir brauchen so etwas wie ein Fenster zur Natur. Wir benötigen dieses System aber auch, um von den normalerweise isolierten Betrachtungen der Umwelt zu einer Gesamtschau und Zusammenschau zu kommen. Darüber hinaus müssen wir grafische Darstellungen als allgemeinverständliches, Kommunikationsmedium für die Information der Öffentlichkeit nutzen."

In Köln beschäftigt man sich schon seit geraumer Zeit mit der Planung eines kommunalen Umwelt-Informationssystems. Hardwarelieferanten sind Siemens-Nixdorf und die Digital Equipment Corp. Die Entwicklung der Software soll Anfang 1992 beginnen. Anton Pfeil, Leiter des Umweltamtes, formuliert für sein System folgende Ziele:

- Entlastung der Umwelt-Ordnungsbehörden von Routinetätigkeiten,

- Verbesserung der Intensität und Qualität der Umweltüberwachung,

- Prognostizieren der Auswirkungen geplanter Maßnahmen,

- Bereitstellung aktueller und aussagekräftiger Informationen für Entscheidungsträger,

- Unterstützung der Umweltplanung durch ein leistungsfähiges geographisches Informationssystem.

Auch hier steht - wie in Frankfurt - die Vorgangsbearbeitung im Vordergrund. Es ist eben nicht die oberste Zielsetzung eines kommunalen Umwelt-Informationssystems, Fachlösungen für die untere Wasserbehörde oder den Immissionsschutz bereitzustellen, sondern die Sachbearbeiter bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen und die dafür nötigen Daten im Zugriff zu halten.

Die Datenzentrale Baden-Württemberg unterstützt die Aktivitäten der Kommunen durch die Entwicklung eines Datenmodells für ein landeseinheitliches raumbezogenes Informationssystem.

Peter Anton Fild von der Datenzentrale Baden-Württemberg beschreibt seine Aufgabe: "Unser Datenmodell mit Raumbezugskriterien und einer Objektstrukturierung wird Grundlage für sämtliche Umweltanwendungen sein. Sein Vorteil liegt darin, daß Umweltproblembereiche konzeptionell und ganzheitlich betrachtet werden können. Die daraus abzuleitenden Einzelanwendungen können dann - je nach Dringlichkeit - modular entwickelt werden."

Neben den erwähnten Beispielen werden kommunale Umwelt-Informationssysteme in allen Bundesländern und mehreren Großstädten geplant oder schon entwickelt. Man kann nur hoffen, daß dabei die richtigen Schwerpunkte gesetzt werden.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung bleibt viel zu verbessern, wozu die Datenverarbeitung beitragen kann. Warum gibt es beispielsweise keine Verordnung, die von Unternehmen mit erheblichen Umweltbelastungen einen jährlichen DV-gestützten Umwelt-Audit fordert? Warum schreibt der Gesetzgeber zur Unterstützung des Vollzuges nicht den Einsatz bestimmter Planungs- und Überwachungssoftware in der Industrie vor, deren Ergebnisse die Überwachungsbehörden online abfragen können? Technisch ist das seit Jahren kein Problem mehr.

Warum geschieht nichts zur Reduzierung von Luftbelastungen durch den Straßenverkehr? Die Erfolge der Luftreinhalte-Politik im Industriebereich werden durch Verkehrsemissionen vollständig kompensiert. Hat der Staat die Industrie jahrelang zur Kasse gebeten und Wettbewerbsverzerrungen riskiert, um dieses Ergebnis zu erzielen?

Der Bericht des Club of Rome 1991 sagt zur politischen Misere: "Regierungen bevorzugen Lösungen, die kurzfristigen politischen Nutzen bringen, und vernachlässigen systematisch die langfristigen Perspektiven." Vielleicht sind für uns Menschen die Umweltprobleme zu komplex und die Entscheidungsfindungen zu schwierig geworden? Vielleicht brauchen wir mehr und bessere Denkwerkzeuge?