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22.11.1991

In der Auseinandersetzung um, DOS-Nachfolge liegt Unix vorn

Um den Bildschirm-Arbeitsplatz entbrennt derzeit eine heftige Auseinandersetzung innerhalb der DV-Industrie. Der PC als Singleuser- und Singletask-Maschine hat ausgedient. Gefragt sind heute Multitasking- und besser noch Multiuser-Fähigkeiten. In diesem Feld gibt es einen Champion, der wie der Igel in der Fabel immer schon vor den anderen da war. Unix:

Hinter dem Streit der Meinungen und dem PR-Geplänkel verbergen sich klare Fakten: Der alte PC-Champion MS-DOS stößt an technische Grenzen und wird sich langfristig auf eine untergeordnete Rolle zurückstutzen lassen müssen. Die Kurzcharakteristik für eine typische DOS-Umgebung könnte lauten: ein Computer, ein Benutzer, viele Anwendungen. Dieses Profil hat den DOS-PC zum Massenerfolg verholfen, doch jetzt wird er zunehmend in semiprofessionelle Bereiche abgedrängt.

Inzwischen lautet das Profil: ein Computer, viele Benutzer, viele Anwendungen. Doch auch diese Phase - in der MS-Windows boomt - bedeutet nur einen Zwischenschritt, der auf der installierten Basis vorhandener PCs aufbaut.

Die Zukunft aber wird anders aussehen. Das Profil: viele Computer, viele Benutzer, viele Programme. In diesem Markt werden die Karten neu gemischt. Gewinnen kann dabei eigentlich nur der Anwender. Denn es herrschen auch ganz neue Bedingungen.

Die scheinbare Fülle des PC-Angebots bildet eine farbenreiehe Kulisse um eine einzige Architektur: den Intel-Prozessor in all seinen Modellgenerationen und Leistungsstufen. Diese zueinander aufwärtskompatiblen Mikroprozessoren haben den PC populär gemacht und in ein Anwendungsfeld geführt, das der Mittleren Datentechnik (MDT) den Garaus machte.

Konkurrenz der RISC-Techniken

Doch in der Leistungsklasse der Intel-Chips gibt es inzwischen, aus wesentlich teureren Computern und aufwendigeren Anwendungen kommend, harte Konkurrenz anderer Mikroprozessoren: Motorola, Mips, Sparc etc. Diese Architekturen bilden die Grundlage sowohl der Workstations - die längst nicht mehr nur technisch-wissenschaftliche Rechner sind - wie auch der kleinen kommerziellen Mehrplatz-Systeme, die Ergänzung nach "unten" suchen und auf diese Weise dabei sind, sich die Schreibtisch-Arbeitsplätze zu erobern.

Die Expansion in dieses Marktsegment ist für die eingeführten Unix-Anbieter ausgesprochen attraktiv: Der weltweite Markt für Unix-Systeme ist 1990 um 32 Prozent auf 1,36 Milliarden Dollar gewachsen. 55 Prozent davon wurden außerhalb der USA erwirtschaftet, und in Europa führt die Bundesrepublik bei Unix-Systemen deutlich vor England und Frankreich.

Diese europäische Expansion wurde im wesentlichen von kleinen Multiuser-Systemen getragen, mit denen sowohl die Wirtschaft als auch Behörden ausgestattet wurden. "In dieses Segment", so John Morrell vom Marktforschungsunternehmen IDC",brechen neben den eingeführten Herstellern auch zunehmend die PC-Hersteller wie ALR und AST ein".

Die klassischen Hersteller von Unix-Mehrplatz-Systemen wie ICL oder Sun reagieren darauf mit einer Verstärkung ihrer Aktivitäten im Bereich Intel-basierter Systeme und bringen neue, finanziell attraktive Einstiegsmodelle, hier beispielsweise für die Sparc-Prozessoren, heraus. Solche Angebote und die Tatsache, daß insbesondere die größeren Organisationen immer mehr nach übergreifenden Informationsarchitekturen suchen, wie sie in der Architektur "Atlas" von Unix International oder in der DME-Umgebung der OSF beschrieben sind, sollte einen starken Reiz für Unix auch auf dem Desktop ausüben.

Die klassischen Argumente für Unix wie Offenheit, Portabilität und Interoperabilität sind längst bekannt. Alte Vorurteile gegen Unix gelten nicht mehr: In Bedienungsfreundlichkeit und -sicherheit ist ein Stand erreicht, mit dem auch ganz normale Anwender ohne tiefgreifende DV-Kenntnisse umgehen können. Auch das Unix-Software-Angebot ist inzwischen enorm groß.

Viele der populären Anwendungsprogramme der PC-Umgebung gibt es inzwischen auch unter Unix, und die marktgängigen Softwarekataloge weisen zwischen 1700 und 3500 Einträge von Unix-Programmpaketen auf. In der Logik der Beschaffung und der Unterhaltung unternehmensweiter Lösungen ist das Betreiben einheitlicher Programmpakete sowohl auf Mehrplatz-Abteilungsrechnern wie auch auf Einplatz-Desktops zweifellos attraktiv. Kein Wunder also, daß die wesentlichen Anbieter USL, Sunsoft und SCO auf dieses Marktsegment große Hoffnungen setzen. Doch die bisherigen Desktop-Champions leisten großen Widerstand.

Bis zum Ende des Jahres 1991 war die Sache klar. Der Desktop-Rechner, sofern nicht sowieso von Macintosh, arbeitete entweder mit dem MS-DOS-Betriebssysteme, vielfach schon mit der Erweiterung Windows 3.1 oder allenfalls noch mit OS/2. Unix-PCs dagegen spielten eine Außenseiter-Rolle.

Zwar liefen die zahlreichen Workstations auf den Schreibtischen unter Unix, waren aber vielfach den konstruktiven und technischen Bereichen vorbehalten. Für die Entwicklung unternehmensweiter Systemkonzepte spielten sie nur eine untergeordnete Rolle.

Nächstes Jahr wird sich diese Situation grundlegend ändern. Dann dürften die ersten ACE-Softwareprodukte, die auf einem Unix von SCO oder einer Implementation von System V.4 basieren auf den Markt kommen. Außerdem hockt Sunsoft mit seinem PC-Betriebssystem Solaris 2.0 in den Startlöchern. Ab Ende '92 stehen mit New Technology (NT) und der objektorientierten IBM/Apple-Entwicklung Pink noch zwei weitere Kandidaten in den Kulissen, deren Potential mangels detaillierter technischer und preislicher Information noch nicht abzuschätzen ist.

Argumente für das Unix-Betriebssystem

Für Unix spricht die hohe Akzeptanz als Betriebssystem in unternehmensweiten Lösungen, in denen mehrere Anwender gleichzeitig auf das System zugreifen können müssen. So wird Unix als einziges Multiuser-Betriebssystem zu 22 Prozent in Ausbildung und öffentlichen Verwaltungen eingesetzt. Im Einzelhandelsbereich sind mit 46 Prozent fast die Hälfte aller eingesetzten Betriebssysteme Unix-Derivate.

Wichtiger ist jedoch die Zufriedenheit der Anwender: In Untersuchungen bekunden fast 100 Prozent aller Befragten ihr Interesse an weiteren Unix-Investitionen in den nächsten zwei Jahren.

Gegen den Einsatz von Unix an den Schreibtisch-Arbeitsplätzen spricht das verständliche Beharrungsvermögen der Benutzer, die sich von mehr oder weniger mühsam erlernten Lösungen nur ungern trennen. Ihnen reichen darüber hinaus die Leistungsdaten einer üblichen DOS-PC-Ausstattung. Die Verfügbarkeit von populären Anwendungslösungen wie der Textverarbeitungs-Software Wordperfect oder 1-2-3-kompatibler Spreadsheets unter Unix erleichtern allerdings den Umstieg und schwächen den Widerstand gegen einen Wechsel des Betriebssystems ab.

Keine Lust auf einen Preiskampf

Die genannten Entwicklungen führen zu klaren wirtschaftlichen Konsequenzen: Technisch überlegene Neueinführungen stehen gegen eingeführte, massenhaft verbreitete Produkte. Durch gesteigerte wirtschaftliche Attraktivität - auf gut deutsch: geringeren Preis - kann das Altprodukt den Siegeszug der Neuankömmlinge zunächst einmal bremsen oder können sich leistungsschwächere Produkte in den Vordergrund spielen.

Diese allgemein gültige Logik führte folgerichtig dazu, daß auf der Münchner Computermesse Systems offen über Preiskriege zwischen den Anbietern gesprochen wurde. Doch ebenso offen war sichtbar, daß keiner der Anbieter große Lust hat, diesen Preiskrieg zu entfesseln.

Die Unix-Anbieter befürchten, daß Kampfpreise im Desktop-Markt auf den noch durchaus lukrativen Multiuser-Markt übergreifen und damit auch dieses Segment der Branche schwächen könnten. Doch auch für die anderen Mitspieler ist der Schritt zum Preiskrieg nicht zwingend logisch. Der Kostenanteil des Betriebssystems an der Gesamtlösung ist zu gering, als daß der Effekt auch der radikalsten Preisänderung für den Anwender bei der Kaufentscheidung für ein System durchschlagen würde.

Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß der Zwang, das Marktgeschehen über die Verfügbarkeit von Anwendungsprogrammen zu beeinflussen, zu Anderungen in der Lizenzpolitik gegenüber den Softwarehäusern führen wird. Das merkt zwar der Anwender nicht, etwas anderes wird er voraussichtlich schon zur CeBIT '92, auf jeden Fall aber ein Jahr später sehen: Auf dem Schreibtisch ist Unix eine klare Alternative geworden, die im Konzert der Desktop-Betriebssysteme einen mächtigen Part übernimmt.