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Erstes Berliner Unix-Forum in der DDR

In der DDR fehlen Rechner für moderne Unix-Anwendungen

15.06.1990

Nach der politischen Wende in der DDR ist die dortige Informationstechnik in Bewegung gekommen. Nicht mehr zentrale dirigistische Maßnahmen und Planungsziele, sondern der alleinige Wille der EDV-Anwender bestimmt nunmehr die neuen Entwicklungstrends. Ausdruck hierfür war das erste Berliner Unix-Forum, das am 22. Mai 1990 in der Ost-Berliner Kongreßhalle am Alexanderplatz veranstaltet wurde.

Gegenstand des Unix-Forums war zunächst die Jahrestagung der Entwickler- und Anwendergemeinschaft Unix-kompatibler Systeme (EAG) in der DDR. Das Tagungsprogramm umfaßte Fachvorträge, in denen der aktuelle Stand der Unix-Entwicklung sowohl im Westen, als auch in der DDR umrissen wurde. Beteiligt waren auf westlicher Seite Vertreter von Unix-Organisationen, wie der Open Software Foundation (OSF), X/Open und AT&T Unix Software Operation Europe.

Die Durchführung des Unix-Forums lag in den Händen der erst kürzlich entstandenen Gesellschaft für offene Kommunikations- und Informationssysteme (GKI), mit Sitz in Ost-Berlin. Gegründet wurde das nach geltendem DDR-Recht als GmbH firmierende Gemeinschaftsunternehmen von der West-Berliner Firma Uniware Computer GmbH, einem Unix-Spezialisten sowie dem Leitzentrum für Anwendungsforschung (LfA) aus Ost-Berlin, dem Softwarebetrieb des Kombinates Datenverarbeitung.

Bereits in den Eröffnungsreden der Veranstalter, aber auch in Einzelgesprächen mit Fachbesuchern aus der DDR wurde das Unix-Forum als ein richtungsweisender Beitrag für eine sich frei entfaltende Informationstechnik gewürdigt. Die zentralen staatlichen Reglementierungen würden ebenso abgeschüttelt wie die Behinderungen durch Eingleisigkeit und Rechnerknappheit.

Sowohl von den Veranstaltern als auch von den hierzu angesprochenen Fachbesuchern wurde betont, daß die Lösung der bevorstehenden Aufgaben nur in Kooperation mit kompetenten und starken Partnern aus dem westlichen Ausland und der Bundesrepublik zu erwarten ist.

Mögliche Kooperationen beziehungsweise Partnerschaften deuteten sich insbesondere im Rahmen von Präsentationen auf der Kongreßausstellung an den Informationsständen an. Von Altos Computer Systems und Apple Computer über Bull, DEC und HP bis hin zur NCR, Olivetti, Siemens und Unisys war zweifellos eine Reihe kompetenter westlicher Firmen mit interessanten Anwendungslösungen vertreten. Gefragt waren daher vor allem betriebsspezifische Lösungen, aber auch viele Anregungen. Trotz der Fülle von Informationen konnten nicht alle Wünsche voll erfüllt werden: Einige der Besucher wären für zusätzliche Informationen speziell für "Unix-Einsteiger" dankbar gewesen .

Insgesamt wurde das Unix-Forum jedoch von allen DDR-Besuchern als eine gelungene Veranstaltung "vor Ort" begrüßt. Durchweg bedauert wurde dagegen das Fehlen von IBM. Auch der Veranstalter hatte dazu keine pausible Erklärung.

"Raumprobleme können hierfür kaum verantwortlich gewesen sein", meinte dazu Hennig Wilke von Uniware. Vorstellbar ist jedoch, daß die IBM vor dem Hintergrund ihrer verschiedensten DDR-Aktivitäten auf die Teilnahme verzichtet hat. Unter anderem steht für den 19. und 20. Juni 1990 auch die Ausrichtung des ersten IBM Hochschulkongresses in Ost-Berlin an.

Im Zentrum der Diskussionen stand jedoch die mangelhafte Hardware-Ausrüstung. Diesem Thema widmete sich der von Ulrich Oefler, dem Mitarbeiter der Elektro-Apparate-Werke, gehaltene Vortrag "P8000 und wie weiter? "

Der Hardware-Mangel rührt diesem Vortrag zufolge von der über Jahre hindurch geübten Zuteilungspraxis her. Darüber hinaus führte die Unterstützung des Monopolisten Robotron zu einer relativ einseitigen EDV-Entwicklung und -Produktion ,die nicht ohne Folgen für bestimmte Anwendungen bleiben konnte. Robotron selbst hatte die immer drückender werdende Knappheitssituation nur zu einem geringen Teil zu vertreten, denn rund 60 bis 70 Prozent seiner Jahresproduktion waren für den Export, insbesondere in die Sowjetunion, bestimmt.

In dieser Situation habe das Kombinat Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow Eigeninitiative entwickelt und 1987 auf der Leipziger Frühjahrsmesse den Unix-Rechner P8000 vorgestellt. Trotzdem konnte die Rechnerknappheit mit Hilfe der neuen Mikros nicht abgebaut werden. Die Anwender blieben auf ihre älteren Systeme aus den siebziger Jahren angewiesen.

Doch auch die neueren Systeme halten westlichen Ansprüchen kaum stand. Die P8000-Rechner sind mit 8- beziehungsweise 16-Bit-Zentraleinheiten ausgestattet und verfügen über Eproms von 4 - 16 KB je CPU sowie über RAM-Bausteine von 256 KB bis 1 MB. Zweifellos ist die Leistungsfähigkeit des Rechners durch den fehlenden Arithmetikprozessor bei umfangreichen Gleitkommaoperationen (Beispiel numerische Berechnungen) stark eingeschränkt.

Zur Software-Grundausstattung des P8000 zählt das Unix-System-III-kompatible Betriebssystem WEGA mit einer relativ umfassenden Palette von Standard-Tools. Daneben werden für die Anwender unterschiedliche Softwarepakete, angefangen von Compilern bis hin zu einem Datenbanksystem, angeboten.

Nach den Hinweisen von Oefler sind im Zeitverlauf Anwenderlösungen "unterschiedlichster Größenordnungen auf allen Programmierebenen für vorhandene Branchen entstanden". Von einem reichhaltigen Angebot kann dabei allerdings kaum die Rede sein. Hinzu kommt die zu erwartende Konkurrenz aus dem Westen. Trotzdem gibt Oefler dem Unix-Rechner noch eine - wenn auch begrenzte - Daseinsberechtigung. Wie den weiteren Ausführungen Oeflers, aber auch den Hinweisen von Uniware-Geschäftsführer Hennig Wilke und Albrecht-Christoph Schenk von der GKI im Rahmen eines Gespräches zu entnehmen war, zwingt der jetzt in Aussicht stehende Zugriff auf international renommierte Hard- und Softwaresysteme zu raschen Entscheidungen.

Diese betreffen:

- die Weiterproduktion des P8000,

- die lizenzierte Nutzung internationaler Standardsoftware,

- die Inanspruchnahme von Komplettlösungen aus einer Hand sowie

- die Stärkung des Dienstleistungscharakters von Softwarelösungen .

Speziell die Besitzer von P8000-Systemen fürchten um die Gewährleistung weiterer Service-Leistungen durch den Hersteller. Oefler versichert jedoch, daß diese Rechner für eine gewisse Übergangszeit durchaus noch eine Berechtigung in der Unix-Landschaft der DDR hätten. Für diese Periode sei die Realisierung einer Reihe neuer beziehungsweise erweiterter Anwendungen geplant. Hierzu zählen der Einsatz des P8000 für

- die Aus- und Weiterbildung,

- die weitere Software-Entwicklung mit zusätzlichen Werkzeugen (unter anderem Modula 2 und FORTH),

- weitere kommerzielle Anwendungen auf Basis von Standardsoftware und

- einen Einsatz als Basis von Netzknoten .

Zeichen für eine Aufbruchsstimmung

Über die Klärung solcher und weiterer Fragen hinaus, streben die Elektro-Apparate-Werke als Hersteller von Automatisierungskonzepten in der DDR künftig wieder eine Zuwendung zu effektiven Automatisierungslösungen und Echtzeitanwendungen an. Als Einsatzgebiete wurden unter anderem die Fertigungssteuerung und Prüfstandautomatisierung, die Betriebsdatenerfassung und kommerzielle Multiterminal-Anwendungen sowie der Bereich der Software-Technologie genannt.

Zweifellos wurde mit dem Berliner Unix-Forum ein Beitrag für eine Neuorientierung der Informations- und Kommunikationstechnik in der DDR geleistet. Zahlreiche Aktivitäten in den Betrieben deuten parallel hierzu auf eine Aufbruchstimmung hin: Man will sich möglichst schnell von den alten und unrentablen EDV-Anlagen und Geräten trennen und darüber hinaus, sofern es die neugefaßten Cocom-Bestimmungen erlauben, mit leistungsfähiger Rechentechnik aus dem Westen ausrüsten .

Wollte man die DDR noch in diesem Jahr an das in der Bundesrepublik Anfang 1990 realisierte Niveau der Informationstechnik heranführen, dann müßten dort neben dem bereits vorhandenen Rechnerbestand unter Berücksichtigung neuer Einsatzmöglichkeiten

- rund 830 000 Mikrocomputersysteme

- rund 79 000 Kleinrechnersysteme

- rund 34 000 mittlere Systeme sowie

- rund 5000 größere Systeme umfassen (Größenklassen gemäß Diebold-Statistik über die in der Bundesrepublik installierten elektronischen Informationssysteme).

Unbeantwortet bleibt hierbei die Frage, wann und in welchem Umfang die gegenwärtig in den Betrieben noch genutzten weniger leistungsfähigen beziehungsweise reparaturanfälligen Rechner zu ersetzen sind. In der DDR wird von Fachleuten angesichts der Fülle der zu lösenden Aufgaben während der Phase der Transformation der zentralen Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft und der hierbei notwendigen Finanzierungsmittel eine schnelle EDV-Aufrüstung nicht für sinnvoll gehalten.

Vielmehr herrscht hier die Meinung vor, daß neue Rechner auch im Verbund mit neuer Produktionstechnik und dem Übergang zu paßfähigen und effektiven betrieblichen Organisationslösungen schrittweise installiert werden sollten. Mögliche Hilfestellungen bei den Einsatzplanungen und der Installation von Informations- und Kommunikationstechnik in Produktion und Verwaltung erhofft man sich unter anderem auch von westlichen Unternehmen.

Chancen für Unix

In der DDR ist das große Buhlen um solvente West-Partner in vollem Gange. Kein Anlaß für moralische Entrüstung, denn wer sonst soll den unerfahrenen VEB-Unternehmern durch die Fährnisse einer gar nicht so sozialen Markwirtschaft helfen. Der Personalstand ist nach kapitalistischen Maßstäben viel zu hoch, die Finanzdecke zu kurz und die DV-technische Ausrüstung hoffnungslos veraltet.

In dieser mißlichen Lage stehen die Chancen für das Unix-Betriebssystem nicht schlecht. Wer sparen muß, kauft günstige Rechner, sprich: Unix-Systeme. Das Know-how dafür ist vorhanden. Es fehlt allerdings an Maschinen, die in der Lage sind, Applikationen nach westlichem Zuschnitt zu fahren. Hier erhoffen sich die DDR-Unternehmen Unterstützung vor allem von bundesdeutschen Partnern.

Doch solche Allianzen sind zweischneidig, denn: Wer das Geld hat, hat das Sagen. Außerdem können die DDR-Betriebe bei der Suche nach einem Partner nicht allzu wählerisch sein. Und wenn sich kein Unix-Freund findet, dann läßt sich so mancher auch von einem Hersteller mit proprietären Systemen in die schützenden Arme nehmen - Hauptsache, das Überleben des Unternehmen ist gesichert. gfh