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01.12.1995

In der DV-Schulung zaehlen berufsspezifische Fallbeispiele Zertifikat vom Hersteller ist zu unflexibel und praxisfern

Herstellerorientierte Zertifizierungen im DV-Schulungsgeschaeft sind oft alles andere als ein Zeichen fuer Qualitaet. Sie sind nach Auffassung von Juergen Burberg* viel zu unflexibel und beruecksichtigen weniger die Interessen der Anwender als vielmehr die der Anbieter.

Wohlklingende Zertifizierungen wie Certified Product Specialist, Certified Systems Engineer oder Certified Solution Developer von Microsoft oder Novells Certified Netware Engineer gehen haeufig an den eigentlichen Anforderungen moderner DV-Ausbildung hierzulande vorbei. Es handelt sich oft um Versuche, die Ausbildungs- und Qualifizierungskonzepte der USA auf deutsche Verhaeltnisse zu uebertragen.

Allerdings verkennen die Hersteller dabei leicht, dass sich die Bildungslandschaft in Deutschland grundsaetzlich qualitativ von der in den USA unterscheidet. Waehrend hier staatliche Pruefungs- und Ausbildungsverfahren eine gewisse Qualitaet in der Berufsbildung sichern, stehen solche Verfahren in den USA nur in erheblich geringerem Masse zur Verfuegung.

In den Staaten ist daher Privatinitiative gefordert, was sich schliesslich in den Qualifizierungskonzepten der amerikanischen Hersteller niederschlaegt. Was fuer die Ausbildung von Systemadministratoren im Netzwerkbereich oder PC-Spezialisten fuer den Benutzerservice noch angehen mag, ist fuer freie DV-Trainer oder DV-Schulungsunternehmen schon eher fragwuerdig.

Die Zertifizierung von Schulungsanbietern durch Hersteller hat eine zirka zehnjaehrige Geschichte. Schon 1984/85 versuchten Softwarefirmen wie Microsoft, Ashton-Tate und Lotus im Rahmen teilweise abenteuerlicher Zertifizierungsangebote durch den Verkauf von schlecht gemachten Trainingsunterlagen (methodisch und didaktisch - nicht optisch!) und die "Verleihung" eines Aufklebers am Geschaeft mit dem Wissen zu partizipieren.

Eine damalige Train-The-Trainer-Veranstaltung bei Microsoft war unter fachlichen und paedagogischen Gesichtspunkten so miserabel, dass einer unserer Trainer die Veranstaltung vorzeitig verlassen musste. Novell verlangte gar einen Einblick in Kursbelegungsplaene und wollte noch 1989 den Umsatz eines kooperationsbereiten Schulungsunternehmens wissen.

Schon damals sind alle derartigen Konzepte gescheitert! Warum? Nun, mir scheint, dass saemtliche Zertifizierungsansaetze zu unflexibel sind. Die Anpassung der vom Hersteller vorgeschlagenen Seminarcurricula und der dazu passenden Schulungsunterlagen an kundenspezifische Probleme ist meist nur schwer moeglich. Ausserdem kommt man natuerlich leicht in den Geruch, ein Marketing-Mensch des entsprechenden Herstellers zu sein. Dies tut der Neutralitaet eines unabhaengigen DV-Trainers sicherlich einen ungeheuren Abbruch.

Das Argument einiger Schulungsanbieter, Seminare als autorisierter Trainingspartner teurer zu offerieren als andere ("weil wir ja bessere Qualitaet bieten"), erscheint bei genauem Hinsehen mehr als fragwuerdig. Aber das regelt ja gluecklicherweise der Markt von selbst. Ein Trainer muss auch kein zertifizierter Systementwickler sein, um Lernsituationen schaffen zu koennen, in denen Anwender den Gebrauch von Winword, Excel & Co. an individuellen Fallbeispielen erlernen koennen.

Eine solide paedagogische Ausbildung oder zumindest der erfolgreiche Besuch einiger spezieller Train-The-Trainer-Seminare fuer DV-Referenten sind da nach meiner Erfahrung viel essentieller. Bereits in der universitaeren Lehrerausbildung wird dies deutlich: Ein Physiklehrer erlernt zwar zu Beginn seines Studiums die wesentlichen Grundkonzepte der Physik, doch im weiteren Verlauf unterscheidet sich das Lehrerstudium wesentlich von der Ausbildung zum Diplomphysiker.

Warum wohl? Ist es nicht der Trainer mit paedagogischem Geschick, Gespuer fuer die "hidden message" des Teilnehmers, einer langjaehrigen Erfahrung in der Erwachsenenbildung und soliden DV- Fachkenntnissen (aber keinem System-Engineering-Wissen!), der Einsteigern wie fortgeschrittenen Anwendern den Gebrauch der Programme im User-Arbeitsumfeld an berufsspezifischen Fallbeispielen und nicht anhand poppig aufgemachter Standardunterlagen vermittelt?

DV-Training wird zukuenftig immer weniger produkt-, sondern vielmehr problemorientiert sein. Was im uebrigen konzeptionell in der Paedagogik seit mehr als 30 Jahren zum festen Repertoire gehoert. Unsere Kunden werden demnach wohl immer weniger den Certified Product Specialist, sondern immer haeufiger den User Problem Solution Provider oder Problem Oriented Solution Integrator (mein Vorschlag: Posi) benoetigen, der ihre Sprache spricht.

Wie sich dies in den Zertifizierungskonzepten der Hersteller niederschlaegt, ist noch nicht klar. Vermutlich gar nicht, denn welcher Hersteller wuerde produktuebergreifende Lernkonzepte anbieten oder gar zertifizieren wollen, in denen auf Werkzeuge von Microsoft, IBM, Lotus und Novell zurueckgegriffen wird? Zukuenftig wird es hauptsaechlich darum gehen, wie beispielsweise ein Spreadsheet aus MS-Excel ueber einen Lotus-Notes-Server an einen User geschickt werden kann, der eine E-Mail-Adresse im Internet hat. Womoeglich sind darin noch eingebettete Objekte aus Isis/Draw enthalten. Und dann frage man mal den Microsoft Certified Product Engineer, wie er das loest.

Hier scheitern die oft vor Fachwissen strotzenden Certified Specialists und Systementwickler klaeglich, denn sie koennen haeufig ihr umfangreiches Know-how nicht an den Mann bringen. Was im uebrigen auch gar nicht ihre Aufgabe ist. Gerade auf laengere Sicht sind Herstellerzertifizierungen und -autorisierungen keine bessere, sondern definitiv die schlechtere Alternative, weil zu stark an einen Hersteller gebunden, zu unflexibel und zuwenig paedagogisch begleitet. Wenn man schon ein Qualitaetssiegel fuer DV- Ausbildung schaffen moechte, dann sollte sich ein neutraler Interessenverband darum kuemmern und unter Beruecksichtigung der Vielfalt des DV-Trainingsgeschaefts ein ganzheitliches Zertifizierungskonzept erarbeiten.

Noch immer ist es Unternehmen im scheinbar lukrativen DV- Trainingsgeschaeft moeglich, ohne den Nachweis einer paedagogischen Qualifizierung Erwachsenenbildung zu betreiben. Das muss sich aendern! Nur das bringt Sicherheit fuer den Kunden. Aber darueber redet man schon seit mehr als zehn Jahren.

Qualitaet in der DV-Schulung

Anwender und Hersteller haben offensichtlich unterschiedliche Vorstellungen von Qualitaetskriterien zu DV-Training. Der Berater und Trainer Juergen Burberg wirft den Herstellern, die Produktzertifizierungen verlangen, vor, dass diese nur den Verkauf ihrer Produkte ankurbeln wollen und paedagogisch-didaktische Geisichtspunkte - die letztlich entscheidend sind - ueberhaupt nicht beruecksichtigen. Joerg Rensmann (siehe Seite 73) ergaenzt diese Kritik mit Anmerkungen zur ISO-9000-Zertifizierung. Auch hier finden qualitative Bewertungen zu Bildungsinhalten nicht statt. Rensmann befuerwortet im Interesse der Anwender eine unabhaengige Qualitaetskontrolle, die inhaltliche Gesichtspunkte beruecksichtigt.

*Juergen Burberg ist Geschaeftsfuehrer des gleichnamigen Schulungs- und Beratungshauses im Wiesbaden.