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07.12.1990 - 

Größtes Problem: die Ausbildung

In der ehemaligen DDR faßt die Software-Industrie Fuß

*Professor Dr. Volker Kempe, Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse im ehemaligen Ost-Berlin.

Eine große Anzahl von Unternehmensgründungen im Bereich Software und Services verzeichnet Volker Kempe* auf dem ehemaligem DDR-Gebiet. Dennoch gibt es Probleme - vor allem im Ausbildungsbereich. Zuwenig Informatiker werden ausgebildet, und zuviele Spezialisten lassen sich von Aktiven Angeboten in den Westen locken.

Wirtschaft, Dienstleistungen sowie kommunale und regionale Infrastrukturen werden in Ostdeutschland zur Zeit um- und neugestaltet. Damit verbunden ist eine tiefgreifende technische Erneuerung. Eine besondere Rolle spielt hier die Informationstechnik, eine der rentabelsten und effektivsten Investitionen einer modernen Wirtschaft überhaupt.

In Anbetracht des enormen Nachholbedarfs erlangt sie in Ostdeutschland eine zusätzliche Bedeutung. IDC erwartet von 1991 bis 1994 Ausgaben von etwa elf Milliarden Mark für Informationstechnologie, davon 30 Prozent für Software und über zehn Prozent im Dienstleistungsbereich.

Kurzfristig hohe Wachstumsraten

Der Einsatz von Informationstechnik ist nur dann wirkungsvoll, wenn eine problemgerechte, auf die Bedürfnisse des Anwenders orientierte Hard- und Softwaregestaltung erreicht wird. Standardlösungen decken ein wichtiges Applikationssegment von Rechen- und Kommunikationstechnik ab.

Zwar werden sie kurzfristig sehr hohe Wachstumsraten verzeichnen, doch über einen längeren Zeitraum dürfte eine weit in die Zukunft reichende Systemgestaltung, in der die spezifischen Bedingungen eines Betriebes oder einer Wirtschaftseinheit berücksichtigt werden, entscheidend für die Effektivität der jeweiligen Investitionen sein. Des weiteren ist schon heute die Notwendigkeit individueller Lösungen in manchen Bereichen unübersehbar.

Daraus ergibt sich, daß Beratung und Auftragsentwicklung, vor allem im Softwarebereich, Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung der Informationstechnologie in Ostdeutschland sind. Eine eigenständige leistungsfähige Software-Industrie, die kundengerecht und vor Ort die notwendigen Synergie-Effekte zwischen Unternehmen und Informationstechnik unterstützen kann, ist wünschenswert. Gerade auf dem Gebiet von Software und Service einschließlich Vertrieb von Standard-Hardware - war in den letzten Monaten eine große Anzahl von Unternehmensgründungen zu beobachten.

DV-Anwender und die Software-Industrie selbst werden durch Forschung und Lehre stark beeinflußt. Softwarehäuser mit eigenen Entwicklungsleistungen im Standard- oder Branchen-Softwarebereich entstehen in aller Regel durch die Initiative von Persönlichkeiten aus Forschung und Entwicklung, die mit entsprechenden Ideen und Produktansätzen eigene Unternehmen gegründet haben. Aus der Wechselbeziehung von Forschung und Software-Industrie ergeben sich vielfältige Impulse. Gleiches gilt für die Beziehung zwischen Forschung und Anwendern.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist es trotz einiger Ansätze nicht zur Herausbildung einer Software-Industrie gekommen.

Wesentlicher Träger der Software-Entwicklung war das Kombinat Robotron, das für die Bereitstellung von Basissoftware wie Betriebssysteme und Sprachen verantwortlich war.

Ebenfalls eine zentrale Stellung nahm das für CAD/CAM-Software zuständige Kombinat Datenverarbeitung ein. Allerdings wurden hier in erster Linie nur Geometriepakete bereitgestellt. Hinzu kam eine Vielzahl von Kombinaten und Betrieben mit eigenen Software-Entwicklungskapazitäten.

In der ehemaligen DDR wurde die Softwarebranche wesentlich durch die Weigerung der Staatsorgane beeinflußt, die Softwareproduktion marktorientiert zu organisieren, um zum Beispiel spezialisierte Softwarehäuser entstehen zu lassen oder zu unterstützen. Der Charakter von Software als Ware beziehungsweise vermarktbares Produkt wurde unterschätzt.

Kompetente Gruppen haben sich gebildet

Die international üblichen rechtlichen Grundlagen für den Softwareschutz waren in der DDR nicht gültig, Trotz dieser und weiterer Probleme sind gerade im Softwarebereich viele beachtliche Lösungen entstanden, und es haben sich sehr kompetente Gruppen gebildet. Eine große Rolle spielten dabei die Lehr- und Forschungseinrichtungen. Vor allem bei der Erschließung neuer Anwendungen der Rechnertechnik, bei der die wissenschaftliche Durchdringung des Problems eine entscheidende Rolle spielte, sind beachtenswerte Lösungen entstanden (Siehe Kasten).

Folgende gravierende Probleme haben in der Vergangenheit die Entwicklung der Softwarebranche in der DDR blockiert:

- Basis-Software lag zumeist nur in veralteten Versionen vor und war oft noch nicht einmal offiziell lizenziert.

- Die Benutzerschnittstellen entsprachen nicht den Anforderungen.

- Es fehlte an modernen Software-technologischen Werkzeugen.

Unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen sind diese Probleme, einfach und schnell zu Überwinden. Die akkumulierte Kompetenz und der wachsende Bedarf stellen eine gute Chance für einen schnellen Aufschwung der Software-Industrie im Wirtschaftsbereich Ostdeutschlands dar.

Der Verbreitungsgrad der Rechnertechnik in der ehemaligen DDR lag - bezogen auf die installierte Rechenleistung etwa zwei Größenordnungen hinter dem der Bundesrepublik Deutschland zurück. Die Ausstattung der Arbeitsplätze war im Vergleich zur BRD um etwa eine Größenordnung schlechter. Diese Defizite lassen sich relativ einfach beseitigen. Belege dafür, daß hier bereits Veränderungen stattfinden, sind die enormen Verkaufszahlen der letzten Monate - vor allem von PCs. Allerdings ist die Situation bisher noch nicht grundlegend verbessert. Als gravierend stellt sich das Ausbildungsdefizit der Informatiker in Ostdeutschland dar 1989 waren etwa 34 000 DV-Spezialisten als Informatiker beschäftigt, das entspricht ungefähr 0,4 Prozent der Gesamtbeschäftigten. Davon waren jedoch nur 4500 als Informatiker ausgebildet. In der Bundesrepublik Deutschland waren zum gleichen Zeitpunkt etwa 180 000 Informatiker tätig, das sind rund 0,8 Prozent der Beschäftigten.

Die aktuellen Ausbildungsdefizite werden durch Immatrikulationszahlen von gegenwärtig 500 bis 800 an den Universitäten Ostdeutschlands belegt, während sich auf dem Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik derzeit ungefähr 5000 Studenten (zusammen mit den Fachhochschulen 8000) zu Informatikern ausbilden lassen. Trotz der vergleichsweise hohen Quote in der Bundesrepublik gibt es einige Zehntausend freie Arbeitsplätze, die zu einem weiteren Abwandern von Informatikern aus den ostdeutschen Gebieten führen.

Eine für die Zukunft existentielle Aufgabe ist deshalb, eine attraktive Ausbildung auf den Gebieten Informatik und Informationstechnik sicherzustellen und die Immatrikulationszahlen deutlich zu erhöhen.

Anwendungspakete

Lehr- und Forschungseinrichtungen aus der ehemaligen DDR haben eine Reihe von wissenschaftlich-technischen Anwendungspaketen entwickelt:

- DES - ein komplexes Entwurfspaket für VLSI-Schaltkreise, entwickelt in mehrjähriger umfassender Projektarbeit von Mikroelektronik-Industrie und Forschungseinrichtungen;

- Grafis - ein CAD-Paket für die Schuhindustrie vom Forschungsinstitut für Schuhindustrie;

- Autent - ein Softwarepaket zur Berechnung von Tragwerken und Karosserien vom Institut für Leichtbau Dresden sowie später vom WTZ Automobilbau und dem LfA;

- Roscha/Nischa - ein Paket zur Schalenberechnung von der Technischen Universität Dresden;

- Cosar - ein FEM-Paket für Eser-Technik von der Technischen Hochschule Magdeburg;

- Numath - ein mathematisches Grundpaket von der AdW/Institut für Mathematik für Eser und 32-Bit-Technik;

- Blech CAD eine integrierte CAD/CAM-Software zum Entwurf und zur Fertigung von Blechteilen vom Kombinat "7. Oktober" und ZKI der AdW.