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17.05.1991

In der Großforschung sollte nicht gespart werden

Mitarbeiter der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in St. Augustin

Ein syrisches Sprichwort besagt: Wenn die Ziege Einfällt, zücken alle ihre Messer. Dieser Bauernspruch kam mir in den Sinn, als ich wieder eine Kritik über die GMD las. Dabei trifft der weise Spruch im vorliegenden Fall nicht ganz zu. Denn der zur Diskussion stehende - Personalabbau ist nicht, wie einige Kritiker dem Leser glaubhaft machen wollen, etwa auf Fehlleistung der GMD zurückzuführen, sondern auf den politisch bedingten finanziellen Engpaß im Forschungsetat des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT).

Die GMD-Arbeit steht heute objektiv gesehen keinesfalls schlechter da als etwa vor acht Jahren, als die politischen Pläne Wachstum vorsahen. Hunderte junge Wissenschaftler konnten seinerzeit neu eingestellt werden, und die unter Mitwirkung dieser jungen Forscher gestarteten Großprojekte, so zum Beispiel auf den Gebieten der VLSI und der künstlichen Intelligenz, haben inzwischen in der Fachwelt weltweites Ansehen errungen.

Bei der Durchführung europäischer Projekte ist die GMD einer der wichtigsten Partner. Sie beteiligt sich - zum Teil federführend - bereits an 32 Projekten im Rahmen der europäischen FuE-Programme Esprit, Race, Eureka etc. Nur wenige ihrer Mitbewerber aus Industrie und Forschung in ganz Europa können hier mithalten.

Von den Hunderten von Projekten, die in den letzten 25 Jahren in der GMD durchgeführt wurden, blieben nur wenige hinter den Erwartungen zurück. Aber sind solche Fehlschläge wirklich außergewöhnlich? Kommen sie nicht in jedem Unternehmen vor? Bedauerlicherweise werden immer wieder diese Vorhaben von den Kritikern als Beispiel angeführt.

Bei näherem Hinsehen läßt sich leicht feststellen, daß es sich bei den fehlgeschlagenen Projekten um die Realisation marktreifer Produkte handelte - ein Betätigungsfeld, das von außen herangetragen wurde und für das Großforschungseinrichtungen nur bedingt geeignet sind. Die unmittelbare Marktorientierung wirkt sich auf eine Großforschungseinrichtung in zweifacher Weise negativ aus- Zum einen werden Forschungspezialisten für die Produktion von Software eingesetzt, zum anderen wird der Erfolg der betreffenden Einrichtung am Marktbedarf gemessen. Forschungsziele, die sich nicht in Mark messen lassen, können dabei schnell in den Hintergrund geraten.

Die oktroyierte Marktorientierung soll nicht etwa die GMD daran hindern, Grundlagenforschung zu betreiben; sie soll vielmehr Geld einspielen und damit den BMFT-Etat entlasten.

Diese Haltung ist mir unverständlich! Denn entweder besteht beim Bund noch Bedarf an IT-Forschung, dann soll er sich dazu bekennen und die gewünschte Forschungsarbeit selbst finanzieren, oder es besteht kein solcher Bedarf mehr, dann sollten eindeutige Konsequenzen aus der neuen Situation gezogen werden.

Wer auf eine Großforschungseinrichtung zielt, trifft also automatisch die Großforschung insgesamt, und im Falle der GMD stellt man die Notwendigkeit der Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Informatik in Frage. Besteht denn in der Bundesrepublik beziehungsweise in Europa überhaupt ein Bedarf an Informatik-Forschung. Lohnt es sich, auf diesem Gebiet zu forschen und zu entwickeln, oder sollen wir diese anspruchsvolle Aufgabe den Kollegen in Japan und den USA überlassen?

Was in Deutschland und anderen europäischen Ländern in den letzten Jahrzehnten in den Bereichen Forschung und Entwicklung versäumt wurde, haben wir heute in Marktzahlen auf dem Tisch. In einer Analyse des EG-Kommissars für Wissenschaft und Forschung wird der europäische Markt für Elektronik und Informatik auf 175 Milliarden ECU geschätzt. Diese Summe entspricht gut fünf Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts der Mitgliedsstaaten. Bis zum Jahr 2000 könnte der Anteil, so die Analyse, auf zehn Prozent steigen. Über 60 Prozent aller Beschäftigten in der EG sind heute schon direkt oder indirekt von diesen Technologien betroffen. Das Außenhandelsdefizit der EG in den genannten Technologien beträgt 31 Milliarden ECU, wobei das Defizit allein bei DV-Anlagen 15,3 Milliarden ECU ausmacht.

Entsprechende Zahlen für die Bundesrepublik verhalten sich ähnlich: Der Inlandsmarkt für Informationstechnik betrug im vergangenen Jahr. 24,8 Milliarden Mark, die Ausfuhr erreichte 13,3 und die Einfuhr 21,7 Milliarden Mark. Damit stieg das Außenhandelsdefizit auf, 8,4 Milliarden Mark an. Im Handel mit den EG-Staaten weist die Bundesrepublik allerdings einen Überschuß von mehreren Hundert Millionen Mark aus. Das heißt, der bundesdeutschen Hardware-Industrie könnte eine führende Rolle im vereinigten Europa zufallen.

Auf dem Softwaresektor hat sich Europa als Ganzes im internationalen Wettbewerb gut behauptet. Im europäischen Vergleich schneidet die Bundesrepublik jedoch verhältnismäßig schlecht ab. So halten die deutschen Unternehmen lediglich acht Prozent des EG-Marktes für Software, die britischen Unternehmen bringen es bereits auf elf Prozent und die französischen sogar auf 18 Prozent. Damit sind die Überlebenschancen für die meist kleinen, lokal oder regional, operierenden Softwarehäuser in Deutschland im vereinigten Europa sehr gering. Schon heute kontrollieren französische Firmen Über 70 zum Teil große deutsche Softwarehäuser.

Die bisher halbherzige Förderungspolitik in den Bereichen Elektronik und Informationstechnik läßt sich damit erklären, daß die eingetretene stürmische Entwicklung dieser Technologien vor zwei Dekaden nicht ohne weiteres vorauszusehen war. Ihre weitere Entwicklung dürfte jedoch kaum noch jemanden überraschen. Es wird also Zeit, die richtigen Prioritäten in der Forschungslandschaft in Deutschland und Europa zu setzen.

Rundumabstriche nach dem Motto "Alle müssen sparen" tragen den Stempel von Buchhaltern, nicht den von Forschungsplanern. Sie sind ein denkbar Angeeignetes Instrument zur Überbrückung von Engpässen. Es könnte vielmehr das Ende jeglicher Kreativität bedeuten, wenn solche Prinzipien auf dieser Ebene der Forschungspolitik regieren würden. Gerade in Zeiten der Ressourcenknappheit ist politische, zukunftsweisende Akzentsetzung gefragt.

Im Falle der Informationstechnologie gilt es, Schwachstellen in der Mikroinformatik, Softwaretechnologie und -produktion zu beseitigen sowie traditionelle Stärken Deutschlands und Europas zu festigen und auszubauen. Bezeichnenderweise wurden viele wesentliche Grundkonzepte der modernen Programmiersprachen in Europa entwickelt. Erwähnt seien an dieser Stelle Algol, Prolog und Pascal. Hervorzuheben ist aber auch, daß die objektorientierten Sprachen auf Simula basieren - ebenfalls ein europäisches Produkt.

Die besonderen Stärken der Bundesrepublik liegen seit jeher in der systematischen Grundlagenforschung. Hier hat die GMD entscheidende Beiträge geliefert. So fand die von Carl Adam Petri begründete Netztheorie über die Grenzen Europas hinaus weltweite Akzeptanz und Anerkennung, sie ist heute in vielen Bereichen der Systemmodellierung nicht mehr wegzudenken. Informatik-Forschung und -Entwicklung spielen eine entscheidende Rolle für den Erfolg der IT-Branche insgesamt. Ziel ist es, mittelfristig die heutige Marktposition der deutschen Industrie zu festigen und langfristig auszubauen. Ob dies ohne eine starke Großforschungseinrichtung wie die GMD erreicht werden kann, ist mehr als zweifelhaft.