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Problem 2000/Ohne Budget und so nebenbei die Jahrtausendklippe umschiffen?

In der öffentlichen DV zeichnet sich ein riesiges Desaster ab

31.10.1997

Seit dem 13. August dieses Jahres ist das Problem 2000 auch in Bonner Behörden sozusagen amtsbekannt. An diesem Tag fand eine Tagung der Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik in der Bundesverwaltung (KBST) statt. Das nächste Treffen ist im Januar oder Februar 1998 vorgesehen. Dann erst wird der Jahr-2000-Beauftragte gewählt. Die meisten DV-Referate beginnen somit viel zu spät mit den Vorbereitungen zur Umstellung.

Zudem sieht es so aus, als müßten die Umstellungsmaßnahmen ohne zusätzliches Budget über die Bühne gehen - angesichts nicht zu übersehender Haushaltslöcher kein Wunder. Ein Wunder wäre es jedoch, wenn das den öffentlichen Institutionen wirklich gelingen würde. In der privaten Wirtschaft geht es nämlich mittlerweile darum, wie mittelständische Unternehmen, die keine Millionen für die Umstellung aufbringen können, überhaupt überleben sollen.

Kann Beamten nichts passieren?

Für die IT- und Wirtschaftsexperten aller Länder steht schon jetzt fest, daß ein Unternehmenssterben wegen Ignorierung des Problems und zu hoher Umstellungskosten unvermeidbar sein wird. Allein in Großbritannien rechnet man damit, daß drei Prozent der Unternehmen den Jahrtausendwechsel nicht überleben werden.

Für ein mittelständisches Unternehmen belaufen sich die Umstellungskosten auf mehrere Millionen Mark. Der Versicherungskonzern Allianz investiert etwa zehn Millionen Mark für dieses Projekt. Für Mercedes und BMW schätzt IDC die Ausgaben auf jeweils 100 Millionen. Die Automobilhersteller glauben zwar, mit wesentlich weniger Finanzmitteln auskommen zu können, fest steht jedoch, daß sie hohe achtstellige Beträge ausgeben werden müssen.

Daß anderswo Spezialistenteams zusammengestellt und Umstellungsprojekte auf die überlebenswichtigen Programme beschränkt bleiben, berührt die öffentliche Verwaltung scheinbar nicht. Dort sitzt man windgeschützt und ist sich sicher, daß die vorhandenen Mitarbeiter es schon schaffen werden.

Dieser Meinung ist zumindest Arndt Liesen, Leiter der Abteilung Informationsverarbeitung im Bundesamt für Finanzen: "Unsere Programmierer werden das nebenbei erledigen." Wenn die Analysen abgeschlossen seien, würde er seine Mitarbeiter "erst einmal dies tun lassen", während die laufenden Projekte in die Zukunft verschoben würden.

Erstaunlich ist, daß Liesen der für die Umstellung nötige Personalaufwand nicht etwa unbekannt ist. Ursprünglich wurden nämlich, dem IT-Leiter zufolge, dafür elf Personenjahre berechnet. Doch vermutlich mußten angesichts fehlender Gelder diese Zahlen unter den Tisch gekehrt werden. "Es gibt kein Budget für die Jahrtausendumstellung. Ich muß mich innerhalb des Haushalts mit dem begnügen, was man mir gibt."

Eine Lösung ganz anderer Art fiel Ministerialrat Dieter von Ammon, Referatsleiter Informationstechnik im Bundesverkehrsministerium, ein: "Wenn ich berücksichtige, daß wir vieles noch in der Gewährleistung haben und ich davon ausgehe, daß dies auch als Gewährleistungsfall vorgenommen wird, glaube ich nicht, daß wir diesbezüglich insgesamt mehr als 200000 bis 300000 Mark ausgeben müssen."

Der Schwarze Peter wird schon weitergereicht

Die Umstellung sei damit durch das Budget für die normale Programmpflege abgedeckt. Im übrigen verläßt sich von Ammon auf das Versprechen der Hersteller, rechtzeitig neue aktualisierte Programme zu bekommen. Auf die naheliegende Frage, wieviel Lines of Code denn wohl betroffen seien, meinte von Ammon: "Ich würde allgemein sagen: nur wenige."

Ähnlich präzise Vorstellungen hat er hinsichtlich des Problems bei den zahllosen PCs: "Wir werden uns auf den Standpunkt stellen, daß die Verfügbarkeit von vierstelligen Jahreszahlen im BIOS seit Jahren der Stand der Technik ist." Von Ammon will diesen Standpunkt nicht nur im Hard- sondern auch im Softwarebereich "mit allen Mitteln" gegen die Hersteller durchsetzen.

Ob er damit Erfolg hat, steht in den Sternen. Zumindest hielt von Ammon es bisher nicht für nötig, sich durch einen Rechtsanwalt beraten zu lassen. Anscheinend wird jetzt schon der Schwarze Peter gesucht, anstatt sich von kompetenten Fachleuten zuverlässige Methoden und Lösungen präsentieren zu lassen.

Doch es geht auch anders. So scheint das Datenzentrum Baden-Württemberg sehr gut auf die Umstellung vorbereitet zu sein: "Wir haben den Anwendern in den Kommunen die Empfehlung gegeben, sich vom Markt entsprechende Tools für PCs zu besorgen", meint Karl Tramer, Vorstandsvorsitzender des Datenzentrums.

Passivität und halbherzige Ansätze haben eine Wirkung: Sie kosten letztendlich mehr Geld als aktives Vorgehen. Eigentlich müßte der Bundesrechnungshof längst hellwach sein. Doch die einzige Antwort auf mehrere umfangreiche Anfragen war eine Stellungnahme aus dem Pressebüro: "Der Bundesrechnungshof beabsichtigt, entsprechende Aktivitäten mit dem Ziel zu prüfen, Risiken einer zu späten Umstellung der in der Bundesverwaltung eingesetzten DV-Programme rechtzeitig zu begegnen." Die Absicht in Ehren...

Auch vor den Institutionen, die einst in bester Absicht in moderne DV investiert haben, macht das Problem 2000 nicht halt. Eckard Dechau, stellvertretender DV-Referatsleiter im Bundesamt für Wirtschaft, hat seit seiner Einstellung 1993 dafür gesorgt, daß von Großrechnern auf PC-Netze umgestellt wurde - nicht zuletzt auch deshalb, um für den Jahrhundertwechsel besser gewappnet zu sein.

Dechau kehrt das Problem nicht unter den Teppich. Mit seiner Einschätzung gehört er aber zur Ausnahme:

"Grundsätzlich handelt es sich dabei in meinen Augen um das bislang größte Vorhaben für die DV, denn hier besteht die Gefahr, daß von heute auf morgen Systeme nicht mehr zur Verfügung stehen."

Die bei einer Umstellung aufkommenden Risiken hält Dechau für enorm. Von einer Konvertierung des Cobol- oder Assembler-Codes der alten Mainframes wollte er von Anfang an nichts wissen. "Es ist gewagt und aufwendig, im Sourcecode nachvollziehen zu wollen, was innerhalb des Programms passiert. Die alten Datei- und Programmstrukturen der Großrechner hätte man nicht eins zu eins umsetzen können, und Seiteneffekte gibt es bei solchen Umstellungen immer."

Mit seiner Client-Server-Lösung glaubt Dechau das Problem jetzt fest im Griff zu haben, und das, ohne den Haushalt zusätzlich zu belasten. 1998 will er noch einige Tests fahren, wofür er maximal drei Monate kalkuliert. Einen weiteren Noteinsatz in Sachen Problem 2000 hält er allerdings für unnötig. Vor Komplikationen mit störrigen Datumsfeldern ist die eingesetzte Oracle-Datenbank und ihre Tools seiner Meinung nach gefeit. Beruhigend findet Dechau vor allem die Tatsache, daß sich Felder in einer Maske sehr einfach erweitern lassen.

Moderne Systeme gaukeln Sicherheit vor

Auch die Oberfinanzdirektion, die Kommission der Europäischen Gemeinschaft und die 150 großen Firmen, mit denen das Bundesamt für Wirtschaft in ständigem elektronischen Datenaustausch steht, verwenden Oracle-Datenbanken, was Dechau ebenfalls beruhigt. Daß die Partner im Datenverkehr Variablen, Felder und Wechselbeziehungen übersehen, hält er für ausgeschlossen.

In einem Punkt aber zeigt sich Dechau überrascht: Daß es mit den PCs Schwierigkeiten geben könnte, ist ihm nicht bekannt. Und alte Rechner hat er reichlich in seinem Verantwortungsbereich: 386er und 486er mit Windows 3.11 neben modernen Pentium-PCs. Die Überprüfung dürfte ihm einigen Aufwand mehr bescheren als die ursprünglich geplanten drei Monate.

Das Bundesamt für Wirtschaft scheint immerhin soweit vorbereitet zu sein, daß es die Jahrtausendklippe einigermaßen unbeschadet umschiffen könnte. In den übrigen Behörden sieht es dagegen nach drohendem Schiffbruch aus. Nicht nur in den Kommunen, auch auf Bundesebene laufen viele entscheidende Systeme noch mit sehr altem Cobol- oder Assembler-Code.

Ist der Versuch, diese "zurechtzubiegen", schon recht aufwendig, so ist es nicht weniger schwierig, geeignete qualifizierte Programmierer zu finden. Die Gehälter freier Fachleute steigen derzeit wie der Kurs einer guten Aktie. Doch das bekümmert die Entscheider in den Verwaltungen unseres Landes nicht sonderlich. Sie verlassen sich darauf, daß ein Großteil der heutigen Cobol- und Assembler-Programmierer ohnehin im Staatsdienst ist, schließlich stehen hier mangels Finanzmittel die entsprechenden meisten überalterten Systeme.

Es läuft auf einen Treppenwitz hinaus: Die Behördenleiter gehen davon aus, daß ihre DV-Leute das machen, was Staatsangestellte und Beamte ja nicht tun: Däumchen drehen. Dabei dürfte die Wirklichkeit in den DV-Abteilungen zumindest in einem Punkt wohl nicht anders ausschauen als in Unternehmen: Die Programmierer sind in fast allen Fällen mit der Pflege laufender Systeme ausgelastet, und sie können nicht so nebenbei die Umstellung bewerkstelligen.

Leere Kassen verleiten zur Problemverdrängung

Das allgemeinen Stimmungsbild in den Behörden macht eins deutlich: Die Komplexität der Jahreszahlenumstellung wird unterschätzt oder einfach verdrängt. Nicht einmal der Rat externer Berater ist gefragt. Offiziell wird die Tiefe des Problems geleug- net, oder aber man ist sich sicher, es bereits gelöst zu haben. Meistens bleibt unausgesprochen, daß einfach die Finanzmittel fehlen, um sich angemessen mit der Lösung des Problems zu beschäftigen.

Davon wissen auch die Jahr-2000-Experten der Unternehmensberatung Compartner Düsseldorf GmbH ein Lied zu singen. "Erfahrungen aus Umstellungsprojekten zeigen, daß das Jahr-2000-Problem in öffentlichen Verwaltungen und Behörden das gleiche Ausmaß wie in der Privatwirtschaft haben kann", berichtet Geschäftsführer Peter Rasenberger. "Aber leere Kassen verzögern den oftmals überfälligen Projektstart. Mithin stellen fehlende Budgets ein zusätzliches Bedrohungspotential dar."

Rasenberger bringt die Stimmung in den Behörden auf den Punkt: "Das Jahr-2000-Thema spiegelt eindrucksvoll ein typisch deutsches Phänomen wider: Probleme werden nicht wahrgenommen, sondern häufig verdrängt. Wer aber nicht den Mut hat, auf Risiken und unangenehme Themen hinzuweisen, ist sich seiner Sache unsicher."

Daß es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus den USA. Der Gouverneur von New York, George Pataki, hat eine Liste aller Maßnahmen im öffentlichen Bereich gegen die Gefahren der "millennium-bomb" vorgelegt. Keine einzige staatliche Einrichtung fehlt hier. Auch die Bereiche öffentliche Sicherheit, soziale Dienste und Gesundheit wurden nicht vergessen.

In den USA gibt es Pläne für den Notfall

Es gibt einen Maßnahmenkatalog für den Fall, daß es trotz massiver Umstellungsmaßnahmen zu schwerwiegenden DV-Fehlern kommt - womit eigentlich jeder rechnet. So könnten vom 1. bis zum 10. Januar 2000 die Stromwerke auf halber Leistung arbeiten, die Krankenhäuser sollen im ersten Monat nur noch die dringendsten Notfälle aufnehmen. Selbst die Möglichkeit, die New Yorker Börse und die Banken in der ersten Woche geschlossen zu halten und den öffentlichen Transport für einen Monat zu unterbrechen, wird erwogen.

Von ähnlichen Notfallplänen ist hierzulande natürlich nichts bekannt. Schon daran zu denken wäre wohl Panikmache. Aber die Gegenmaßnahmen sollen die DV-Spezialisten so nebenbei treffen? Innerhalb der jetzt schon knappen Budgets.

Tote Hose auf EU-Ebene

Die Datumsumstellung wird nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Behörden anderer Mitgliedsstaaten der EU unterschätzt und weitgehend verschlafen. Dreimal hat der Regierungsbeauftragte für das Jahr-2000-Problem, Robin Guernier, bereits versucht, bei der EU-Kommission das Thema 2000 europaweit zur politischen Chefsache zu erklären. Wichtig wäre, so Guernier, die Aufmerksamkeit der Regierungen der Mitgliedsstaaten auf das Problem zu lenken. Doch Brüssel ist nicht zu unrecht dafür bekannt, besonders langwierige bürokratische Prozeduren zu pflegen.

Angeklickt

Es ist allseits bekannt: Die öffentlichen Kassen sind leer. Nichtsdestotrotz warten tausende Rechner und Softwaresysteme bei Bundes-, Länder- und kommunalen Behörden auf die Umstellung von zwei- auf vierstellige Jahreszahlen. Die Verantwortlichen in verschiedenen Institutionen erkennen nur teilweise die Schwachpunkte ihrer Computersysteme und ignorieren die drohenden Auswirkungen. Die Mehrzahl geht gelassen dem Jahrhundertwechsel entgegen. Eine DV-Katastrophe größeren Ausmaßes bahnt sich an. Selbst der sonst pingelige Bundesrechnungshof "beabsichtigt" bisher nur, Umstellungsaktivitäten bei den Behörden auf ihren rechtzeitigen Beginn zu prüfen.

*Michael Funk ist freier Journalist in Partenheim.