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10.05.2002 - 

Die großen Anbieter übernehmen wieder das Ruder

In der Softwarebranche droht Langeweile

MÜNCHEN (rs) - Die weltweite Softwarebranche wird allen Unkenrufen zum Trotz weiterhin wachsen. Nutznießer dieser Entwicklung dürften vor allem die großen Konzerne sein. Kleine Anbieter, die noch vor kurzem als technologische Vorreiter und Highflyer galten, haben in besonderem Maße unter der Konjunkturkrise sowie einem Sinneswandel der Anwender zu leiden.

Jetzt überholen die Langsamen die Schnellen. Zeigten noch vor zwei Jahren junge und flexible Softwareunternehmen mit innovativen Lösungen den Branchengrößen eine lange Nase, so hat sich das Blatt mittlerweile gewendet. Klassische Anbieter wie SAP oder Oracle, denen lange Zeit das Image anhaftete, den Bedarf ihrer Kunden an Produkten wie Portallösungen, E-Commerce-Systemen oder CRM-Anwendungen nicht rechtzeitig erkannt zu haben, stellten bekanntlich das vergangene Jahr unter das Motto: Das Imperium schlägt zurück! Damit nicht genug, sitzen sie dank ihrer Finanzkraft und ihres großen Kundenstamms nun offenbar am längeren Hebel.

Trend zur Konsolidierung nimmt zuDieses unter Wettbewerbsgesichtspunkten wenig erbauliche Fazit drängt sich Marktbeobachtern aus einer Fülle von Eindrücken auf und wird mittlerweile von einer Reihe aktueller Studien untermauert. Bereits in den vergangenen drei Jahren wurde laut Gartner rund ein Viertel der Softwarefirmen das Ziel von Zusammenschlüssen beziehungsweise Übernahmen. Dieser Trend zur Konsolidierung dürfte sich - vor allem im ERP-Sektor - in den nächsten Jahren noch fortsetzen. Und das, obwohl dem Markt für Unternehmenssoftware weiterhin ein durchaus beachtliches Wachstum vorhergesagt wird. Laut AMR Research sind zwar die kurzfristigen Aussichten nicht rosig, da viele Investitionen auf 2003 verschoben wurden. Langfristig rechnen die Analysten der US-Marktforschungsgesellschaft jedoch wieder mit einem Anstieg von durchschnittlich 25 Prozent pro Jahr. Ihren Berechnungen zufolge soll sich das Umsatzvolumen der einschlägigen Anbieter und Dienstleister von 108 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 260 Milliarden Dollar im Jahr 2005 erhöhen.

Wachstumstreiber werden aber auch dort vor allem die Teilmärkte für CRM-, SCM- und E-Procurement-Lösungen sein. Allein den Umsatzanstieg von SCM- und CRM-Produkten schätzten die AMR-Auguren auf rund 30 Prozent pro Jahr. Im Klartext bedeutet das, dass die Anbieter in den nächsten Jahren mehr Geld mit diesen Anwendungen einnehmen werden als mit den klassischen ERP-Systemen, denen ein jährliches Wachstum von vergleichsweise bescheidenen 14 Prozent prophezeit wird.

Grund zur Freude über solche Aussichten dürfte vor allem bei den großen, bekannten Herstellern herrschen. Nicht nur, dass sie ihre Produktpalette anscheinend doch noch rechtzeitig in Richtung der besagten "Leading-Edge"-Anwendungen erweitert haben, auch die derzeitige Schwäche ehemaliger Börsenlieblinge wie Commerce One, Intershop oder Broadvision dürfte den Großen entgegenkommen. Vor allem die veränderte Einstellung der Kunden dürfte den Big Playern von gestern und vermutlich auch morgen nützen.

So könnte zumindest der viel gepriesene "First-Mover"-Bonus, der Firmen wie den eben genannten, aber auch vergleichsweise etablierten Spezialisten à la Siebel Systems oder i2 zu (möglicherweise kurzen) Erfolgsgeschichten verhalf, jetzt kein Pfund mehr sein, mit dem sich bei den Kunden wuchern lässt. Der immer klarer zu Tage tretende Konflikt zwischen SAP und Siebel sowie die derzeitige Misere bei i2 sprechen Bände. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Immer mehr Anwender scheinen dem lange Zeit favorisierten "Best-of-Breed"-Ansatz - also für jede spezielle Anwendung den jeweils technologisch führenden Anbieter zu wählen - die kalte Schulter zu zeigen. Gerade in Krisenzeiten orientieren sich IT-Investitionsentscheidungen bekanntlich vor allem an einem höchstmöglichen Nutzen bei geringstmöglichen Kosten. Angesichts dieser Prämisse haben sich zahlreiche Insellösungen und -projekte mit zwangläufig hohen Integrationskosten und kaum messbarem Return on Investment (RoI) beileibe nicht als Königsweg entpuppt.

Intershop am ScheidewegDass sich die Vorzeichen bereits im vergangenen Jahr veränderten, haben einige Firmen längst hautnah erfahren müssen. Beispiel Intershop: Der Highflyer des Jahres 1999 befindet sich einem Urteil des Hamburger Marktforschungsunternehmens SES Research GmbH "mitten im Abschwung". Ob und wann der Anbieter für E-Commerce-Software die Profitabilität erreicht, ist nach wie vor ungewiss. Der Jahresumsatz von 11,7 Millionen Euro mit einem Nettoergebnis von minus 24,7 Millionen Euro sei geradezu "beängstigend" und schrecke die potenziellen Kunden ab. Auch bei einigen bestehenden Kunden der ostdeutschen Softwerker stehe die Fortführung einer Geschäftsbeziehung in Frage. Gerüchten zufolge will etwa der Otto-Versand, einer der größten Intershop-Kunden, seine geplante Internet-Anbindung an große Supermarktketten nicht mit Intershop-Produkten realisieren. Obwohl weltweit mittlerweile rund 5000 Berater auf Intershop-Lösungen geschult sind, dürfte sich dieses Potenzial gegen die Zehntausende von SAP- oder Oracle-Partnern nicht durchsetzen können, heißt es bei SES. Hinzu komme, dass bei den derzeit eingefrorenen Investitionsvorhaben die Unternehmen E-Commerce-Projekte oft an erster Stelle nennen. Fazit der Hamburger Marktforscher: Die einst mit Weltmarktambitionen gestarteten Ostdeutschen werden sich im günstigsten Fall irgendwann "als Nischenanbieter wiederfinden".

Auch Broadvision kämpft derzeit um das nackte Überleben. Für SES-Analyst Felix Ellmann ist das Geschäft des US-Anbieters bereits "jenseits von Gut und Böse". Die im vergangenen Jahr präsentierten Ergebnisse seien schlichtweg katastrophal: Dem Umsatz von 248 Millionen Dollar stand ein Nettoverlust von 833 Millionen Dollar gegenüber.

SAP SI rühmliche Ausnahme?Zwar verfügt das Unternehmen laut SES noch über rund 160 Millionen Dollar an liquiden Mitteln, doch angesichts der derzeit unsicheren Lage ist schwer abzusehen, ob Broadvsion mit dieser Cash-Reserve den Weg zur Profitabilität bewältigen wird. Der wesentliche Vorwurf, den Ellmann Broadvision macht, ist das bis dato zu breit gefächerte Produktportfolio. Neben Content-Management-Anwendungen sowie für den Handel zugeschnittenen B-to-C-Lösungen bietet der Hersteller auch Systeme für B-to-B-Commerce, Electronic Billing sowie Portale an. Konsequenz dieser "Bauchladen"-Strategie: Das Unternehmen kämpft mit horrenden Kosten.

Ungeachtet dessen werden nach Ansicht von SES gerade in Deutschland eine Reihe kleinerer Softwareanbieter und -dienstleister mit spezifischen (Nischen-)Angeboten am Marktwachstum der nächsten Jahre partizipieren können. Grund zur Weltuntergangsstimmung nach publicityträchtigen Pleiten wie etwa der von Brokat gebe es nicht. Gute Perspektiven bescheinigt SES beispielsweise der SAP-Tochter SAP SI, die sich auf die Integration der Lösungen ihres Mutterkonzerns spezialisiert hat und sich damit nolens, volens in einem der aussichtsreichsten Märkte der kommenden Jahre bewegt. Außerdem verfüge das Unternehmen mit seinen Branchenlösungen für den Medienbereich sowie das Gesundheitswesen auch über adäquate Alleinstellungsmerkmale.

Ixos: Sicher in der SAP-NischeÄhnliches gilt laut SES für Nischenanbieter wie die Ixos Software AG. Die Münchner Softwareschmiede hat sich mit ihren Dokumenten-Management-Systemen (DMS) ebenfalls im Umfeld von SAP etabliert und dürfte von diesem Umstand, der lange Zeit als strategische Schwäche kritisiert wurde, jetzt aufgrund der aktuellen Krise zweier bis dato namhafter Wettbewerber (SER Systems und Ceyoniq) in besonderem Maße profitieren. Nicht zuletzt können die Münchner auch von ihrer Kundenbasis mit über 1700 Installationen weltweit zehren. Allein die damit verbundenen Wartungsverträge stellen eine sichere Einnahmequelle für die nächsten Jahre dar, heißt es bei SES weiter. "Ungemütlich" für Ixos könnte es lediglich werden, wenn SAP selbst in das Geschäft mit DMS-Lösungen drängen würde.

Nicht ganz so stark hängt die IDS Scheer AG - ein weiterer laut SES "überlebensfähiger Kandidat" - vom Wohlwollen der Walldorfer ab. Zwar vermutet Analyst Ellmann, dass SAP auch Interesse an einem der Kernthemen des Unternehmens, der Prozessoptimierung, zeigen könnte, doch mit dem Tool "Aris" besitze das in Saarbrücken ansässige Software- und Beratungshaus "genug eigenes Potenzial".

Trotz dieser Hoffnungsschimmer birgt diese SES-Analyse genügend Zündstoff in sich. Denn bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass sich - sieht man einmal von der Software AG und einigen mittelständischen ERP-Anbietern ab - die "Restbestände"einer deutschen Softwareindustrie nur im Dunstkreis der SAP werden halten können. Schlimmer noch: Was für den deutschen Softwaremarkt gelten könnte, trifft im weltweiten Szenario in ähnlicher Weise zu. Sollten sich die Ergebnisse von Anbietern wie Peoplesoft, Broadvision und i2 in den kommenden Quartalen nicht erholen, könnte es, wie einige Auguren inzwischen befürchten, bald heißen: "SAP und Microsoft gegen den Rest der Welt". Die angekündigte Übernahme des ERP-Anbieters Navision durch die Gates-Company wäre dann möglicherweise nur der Anfang eines größeren Shakeouts.

Abb.: Softwarefirmen auf der "Waage"

Marktbedeutung und Unternehmensgröße waren in den vergangenen Jahren nicht unbedingt deckungsgleich - das könnte sich wieder ändern. (Quelle: SES Research)