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15.09.1995

"In einem Milliardenspiel sind Hasardeure fehl am Platz" Stimmen aus dem deutschen Telecom-Markt (II): Thyssen Telecom

15.09.1995

Zum magischen Datum 1. Januar 1998 wird viel gesagt und geschrieben - und dennoch scheint man ueber die alten und neuen Player im kuenftig liberalisierten deutschen Telecom-Markt noch nicht allzuviel zu wissen. Die COMPUTERWOCHE will bis Ende des Jahres, wenn auch der Gesetzentwurf fuer das neue Telekommunikationsgesetz fertiggestellt sein soll, in loser Reihenfolge alle Unternehmen mit Ambitionen in diesem Markt zu Wort kommen lassen. Mit Hans-Peter Kohlhammer, Mitglied des Vorstands der Thyssen Telecom AG, sprach zu diesem Zweck CW- Redakteur Gerhard Holzwart.

CW: Bundespostminister Wolfgang Boetsch scheint - trotz urspruenglicher Skepsis - seine angekuendigten Liberalisierungsplaene ohne Wenn und Aber zu verwirklichen. Dennoch wird sein Kurs noch immer von vielen kritisiert. Ihrer Meinung nach zu Recht?

Kohlhammer: Ich weiss nicht, ob man dies so pauschal bewerten kann. Wir jedenfalls sind mit dem vorgestellten Eckpunktepapier und dem Entwurf eines moeglichen Telekommunikationsgesetzes nicht nur zufrieden, sondern finden uns darin auch mit ganz wesentlichen eigenen Vorstellungen wieder - etwa der kuenftigen Trennung zwischen Netz- und Dienstelizenz. So wird es aller Voraussicht nach keine vertikalen Lizenzen geben, auch wenn sich natuerlich Unternehmen fuer beide Arten von Betriebsgenehmigung bewerben koennen.

CW: Unzufrieden ist man aber doch in Ihrem Hause und bei so gut wie allen Ihren Wettbewerbern mit dem Tempo der Liberalisierung - erst recht, was die vieldiskutierte Genehmigung alternativer Netze vor 1998 angeht.

Kohlhammer: Diese Diskussion hat ein Fuer und Wider. Einerseits ist davon auszugehen, dass es mit der von der EU-Kommission geforderten Freigabe alternativer Infrastrukturen 1996 nach langer, langer Zeit moeglich waere, in der Preisgestaltung Fortschritte zu erzielen. Das heisst, zumindest in der Datenkommunikation wuerde in vielen Faellen vieles billiger werden. Andererseits muss man schlichtweg feststellen, dass die alternativen Netzbetreiber und Diensteanbieter - jedenfalls was den Telefondienst angeht - noch Zeit benoetigen, auch wenn man sich mit solchen Aeusserungen keine Freunde schafft.

Es ist doch mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass nicht nur wir, sondern auch unsere Wettbewerber nachgerechnet haben - mit dem Ergebnis, dass man heute weiss, dass durch das alleinige Vorhalten von Infrastruktur kaum Geld zu verdienen sein wird. Der Kunde interessiert sich nicht fuer Leitungen und Vermittlungstechnik, sondern fuer eine ihm zu einem vernuenftigen Preis einen gewissen Mehrwert bietende Dienstleistung. So gesehen ist fuer uns der 1. Januar 1998 als Starttermin im Telefondienst kein Nachteil. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Wir benoetigen diese Vorbereitungszeit, um unsere Dienste zu entwickeln und uns im Wettbewerb zu positionieren.

CW: Dies ist, wie manche Experten sueffisant kommentieren werden, eine zu erwartende Antwort aus dem Hause Thyssen, wo man im Vergleich zu RWE und Veba kaum ueber nennenswerte eigene Glasfaserstrecken verfuegt.

Kohlhammer: Alle, die heute im Geschaeft sind, muessen bei der Telekom Leitungskapazitaet einkaufen. Darueber hinaus habe ich schon angedeutet, dass, wenn das Netzmonopol faellt, die Telekom mit anderen Preisen im Markt auftreten wird. Gleiches gilt natuerlich auch fuer die von Ihnen genannten Unternehmen, die dann ebenfalls dafuer Sorge tragen muessen, dass sich die Netze rechnen und ausgelastet sind.

CW: Thyssen Telecom hat in einem Kommentar zum Eckpunktepapier die Absicht des Bundespostministers, die Anzahl der zu vergebenden Lizenzen grundsaetzlich nicht zu beschraenken, begruesst. Gleichzeitig fordert Ihr Unternehmen aber spezifische und wirksame Zulassungsvoraussetzungen. Ist dies nicht ein Widerspruch?

Kohlhammer: Nein. Wir mahnen etwas aus unserer Sicht Selbstverstaendliches an - naemlich Interoperabilitaet und ONP (Open Network Provision; Anm. d. Red.). Es waere verhaengnisvoll, wenn wir aufgrund fehlender Interoperabilitaet wieder in eine Art neuer europaeischer Kleinstaaterei zurueckfallen wuerden. Gerade das Beispiel des GSM-Standards hat gezeigt, was eine europaweite respektive weltweite Standardisierung fuer einen Erfolg nach sich ziehen kann. Man muss also versuchen, sich ueber spezifische Mehrwertdienste im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals zu profilieren, nicht ueber eine abgeschottete Uebertragungstechnik. Was dabei rauskommt, konnte man in der Computerindustrie wahrlich lange genug mitverfolgen. Unabhaengig davon geht es aber auch noch um Dinge wie ein langfristiges Engagement samt entsprechender Finanzkraft und Know-how. Dies sind Parameter, die niemanden von vornherein ausschliessen - sofern er sich damit einverstanden erklaert. Jedes Unternehmen, das im Telecom-Markt Ambitionen hat, muss aber wissen, dass es sich hier um ein Milliardenspiel handelt, in dem Hasardeure und Spekulanten fehl am Platz sind. Insofern plaedieren wir fuer strenge Auflagen, die aber fuer eine gewisse Ernsthaftigkeit des Engagements sorgen.

CW: Das ist aber eine deutliche Kampfansage an die immer zahlreicheren Carrier wie MFS oder Isis, die in Frankfurt beziehungsweise vor Ihrer Haustuere auf Kundenfang gehen wollen.

Kohlhammer: Ueberhaupt nicht. Auch fuer diese Unternehmen gilt - bezogen auf ihr regionales Betaetigungsfeld - das von mir genannte Anforderungsprofil. Wird dies erfuellt, habe ich damit nicht die geringsten Schwierigkeiten. Zudem kann man sich nicht nur bei uns im Haus vorstellen, dass es durchaus eine Reihe von Moeglichkeiten gibt, um kuenftig mit diesen sogenannten Kleinen zu kooperieren.

CW: Stichwort Universaldienst: Auch hier hat Thyssen Telecom eine fuer die Branche ungewoehnliche Vorstellung entwickelt.

Kohlhammer: Ich weiss nicht, ob man dies so formulieren kann. Fest steht, dass wir ein vom Gesetzgeber auferlegtes flaechendeckendes Mindestangebot als Basisdienst nach Moeglichkeit sehr niedrig ansetzen wuerden, meinetwegen in Form des herkoemmlichen Telefondienstes. Was irgendwann einmal hinzukommt, sollte man von der technischen Entwicklung und vom Markt abhaengig machen, anstatt gleich wieder eine neue Multimedia-Debatte anzuzetteln. Wir betonen in diesem Zusammenhang aber auch, dass wir vom Universaldienst im wahrsten Sinne des Wortes sprechen. Entsprechendes zu fordern heisst fuer uns also, einen deutschlandweiten Dienst und kein Universalnetz zur Auflage zu machen; schliesslich ist die Bundesrepublik kein Entwicklungsland. Auf welcher technischen Basis der einzelne Anschluss realisiert wird, muss Sache des jeweiligen Netzbetreibers bleiben.

CW: Ein Dienst, der Thyssen Telecom zufolge als Universaldienst in absehbarer Zeit ueberhaupt nicht in Frage kommt, ist ISDN. Warum?

Kohlhammer: Warum sollten wir etwas flaechendeckend zur Verfuegung stellen, das selbst der derzeitige Monopolist in vielen Faellen - trotz aller Werbung - nicht hinreichend schnell und qualitativ gut genug auf die Beine bringen kann. Als Privatkunde der Telekom habe ich da jedenfalls so meine Erfahrungen.

CW: Nachdem wir thematisch schon so gut wie im Ortsnetzbereich gelandet sind, draengt sich natuerlich gleich die Frage nach DECT auf. Wie ist denn die Position Ihres Unternehmens im Zusammenhang mit der sogenannten Local-Loop-Problematik?

Kohlhammer: Wir haben uns, wie die meisten Experten, fuer eine asymmetrische Regulierung ausgesprochen. Man kann nicht so blauaeugig sein und von der Vorstellung ausgehen, dass in den Ortsnetzen ab dem 1. Januar 1998 alles voellig anders ist. Die Telekom wird dort bis auf weiteres ein De-facto-Monopolist bleiben und deshalb die technischen Voraussetzungen sowie die Preise fuer die Anbindung im Ortsnetzbereich weiterhin vorgeben. Wenn sich nun mit Hilfe des DECT-Standards eine einsetzbare technische Alternative abzeichnet, sollte diese aufgrund der bekannt knappen Frequenzressourcen den neuen Anbietern vorbehalten bleiben.

CW: Ist die Schnurlos-Telefonie im Zusammenhang mit der Ueberbrueckung der letzten Meile zum Kunden das fuer Sie einzig denkbare Verfahren?

Kohlhammer: Nein, wir haben uns noch nicht endgueltig entschieden und testen derzeit auch andere Technologien - etwa das in den USA verbreitete CDMA oder moeglicherweise andere Systeme. Wir sehen hier im uebrigen auch keinen allzu schnellen Handlungsbedarf, sondern wollen herausarbeiten, was sich fuer unsere Zwecke als am geeignetsten erweist.

CW: Kommen wir noch einmal zurueck auf das Thema alternative Netze. Die schon vor Wochen verabschiedete sogenannte Verleihungsverordnung sah urspruenglich die Moeglichkeit fuer die deutschen Mobilfunk-Netzbetreiber vor, kuenftig eigene Uebertragungswege zur Verbindung ihrer Vermittlungsstationen zu errichten. Allerdings wurde der Bundespostminister hier vom Regulierungsrat in letzter Minute zurueckgepfiffen. Wie kommentiert dies der E-Plus-Mitgesellschafter Thyssen Telecom?

Kohlhammer: Wir haben dies mit einiger Enttaeuschung zur Kenntnis genommen, sind aber der Ueberzeugung, dass es sich hier um ein politisch motiviertes Veto handelt. Ich gehe allerdings davon aus, dass sich diese Angelegenheit in Kuerze zum Positiven wenden wird. Man hat ja in Bonn schon aufgrund geltender EU-Beschluesse gar keine andere Wahl.

CW: Ihr Unternehmen hat sich, wie fast alle kuenftigen Wettbewerber, einen auslaendischen Partner gesucht. War die US- Telefongesellschaft Bellsouth angesichts der zum Teil prominenteren Namen, die gehandelt wurden und werden, ueberhaupt erste Wahl?

Kohlhammer: Ich wuesste nicht, warum wir im Zusammenhang mit Bellsouth von einer zweiten Wahl sprechen sollten. Wir haben uns fuer ein Unternehmen entschieden, das unser bereits vorhandenes Know-how bei der Sprachuebertragung in Corporate Networks optimal ergaenzt und mit dem wir eine in der Bundesrepublik flaechendeckend agierende Telefongesellschaft aufbauen wollen.

CW: Was heisst fuer Sie Know-how in Sachen Corporate Networks?

Kohlhammer: Ganz einfach die Tatsache, dass uns hier in Deutschland, bezogen auf die Sprachkommunikation, niemand etwas vormachen kann - auch wenn in manchen Imageanzeigen unserer Wettbewerber etwas anderes zu lesen ist. Nicht umsonst liegt unsere Tochter T-Net in diesem Jahr 25 Prozent ueber dem geplanten Umsatz. Hier waeren wir also schon auf der sicheren Seite, wenngleich dies natuerlich bei weitem noch nicht ausreicht, um der Telekom ab 1998 hinreichend Konkurrenz zu machen. Aus diesem Grund war und ist ein Partner wie Bellsouth, der Know-how im flaechendeckenden Geschaeft mitbringt, ebenso notwendig wie eine zusaetzliche Allianz, mit der wir sowohl fuer unsere Privat- als auch Geschaeftskunden die Verbindung in alle Laender der Erde realisieren koennen.

CW: Thyssen Telecom ist also weiter auf internationaler Partnersuche?

Kohlhammer: So gesehen, ja, auch wenn uns hier die Zeit nicht draengt. Wir fuehren derzeit mit vielen Anbietern Gespraeche - in dem Bewusstsein, heute schon entsprechende Uebergabepunkte bekommen zu koennen.

CW: Manche Kenner der hiesigen Szene wollen allmaehlich schon ein Ende der Goldgraeberstimmung ausgemacht haben. Ihr, wenn man so will, direkter Vorgesetzter, Thyssen-Handelsunion-Chef (THU) Dieter Vogel, hat sich jedoch, was das Telecom-Geschaeft angeht, mit uebertrieben optimistischen Prognosen weit aus dem Fenster gelehnt. Bleibt es in Ihrem Haus bei der offiziellen Erwartungshaltung von rund zehn Milliarden Mark Umsatz im Jahr 2000?

Kohlhammer: Erstens sind die Prognosen der THU in den vergangenen zehn Jahren erstaunlich gut aufgegangen. Zweitens haben wir von einer Summe zwischen acht und zehn Milliarden Mark gesprochen, wenn man die Unternehmen der Thyssen-Beteiligungen im TK-Geschaeft addiert. Dazu stehen wir auch heute noch. Insofern ist dies zugegebenermassen plakativ und laedt zu Zahlenspielereien ein. Unsere feste Absicht ist es - und zu dieser Aussage stehen wir nach wie vor -, im Jahr 2000 in Deutschland einen Marktanteil von zehn Prozent zu realisieren. Aufbauend auf unseren bestehenden Aktivitaeten im TK-Bereich werden wir gemeinsam mit Partnern dieses ehrgeizige Ziel erreichen.

Vision 2000

Thyssen Telecom will ihre Dienstleistungspalette ausbauen. Neben den bereits erwaehnten Aktivitaeten (siehe Lexikothek, Anm. d. Red.) wird die Gesellschaft in Zukunft weitere Mehrwertdienste wie etwa die Gebuehrenerfassung auf Autobahnen anbieten. Zudem strebt das Unternehmen eine massgebliche Rolle im Multimedia-Geschaeft an. Hierzu ist eine Gesellschaft in Vorbereitung, die entsprechende Loesungen auf PC-Basis, zum Beispiel Teleshopping oder Telebanking, im Markt positionieren soll. Gedacht ist dabei an eine Art Schaltstelle zwischen Anbietern und Konsumenten von Multimedia- Diensten. ... Grundsaetzlich moechte Thyssen Telecom im stark wachsenden Telecom-Markt eine zumindest in Deutschland fuehrende Position einnehmen. Um dies zu erreichen, konzentriert man sich auf Dienstleistungen, die etwa 77 Prozent der gesamten Telecom- Umsaetze in Deutschland ausmachen. Durch eine entsprechend breite Diversifikation kann das Unternehmen dabei auch kombinierte Dienste anbieten, bestehend aus terrestrischen und satellitengestuetzten Anwendungen. Bei einem erwarteten konsolidierten Umsatz von zehn Milliarden Mark wird Thyssen Telecom im Jahr 2000 einen Marktanteil in Deutschland von etwa zehn Prozent erreichen koennen.

Quelle: Branchen-Analyse Bayerische Vereinsbank Research