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30.08.1991 - 

Manager trainieren Führungsqualifikationen an der Felswand

In Extremsituationen auf der Suche nach dem eigenen Profil

"Zurück zur Natur" - so lautet seit geraumer Zeit das Motto diverser Angebote von Survival-Seminaren, wo im Büroalltag strapazierte Manager runderneuert werden sollen. Allzuoft steht dort jedoch das reine Abenteuer im Vordergrund, während Reflexion und Analyse des Erlebten zu kurz kommen. Einen anderen Weg verfolgt man bei Outward Bound. Susanne Schall* beschreibt im folgenden Beitrag das Konzept der Organisation, die sich methodische Persönlichkeitsbildung durch Natursport auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Dicke Gewitterwolken hängen tief und bleiern über den Lechtaler Alpen. Von weitem hört man bereits das erste Donnergrollen. Ab und zu fallen einzelne Regentropfen auf eine Gruppe von Männern, die auf einer Holzbrücke in schwindelerregender Höhe über dem Lech steht. Klaus Böttger (44) von der IBM-Vertriebsunterstützung will in die Tiefe springen - wie vor ihm schon fünf andere Führungskräfte von Big Blue.

Doch die Manager sind keineswegs von allen guten Geistern verlassen. Der Brückensprung ist nur eine von vielen Übungen eines einwöchigen Trainings bei Outward Bound, wo man Persönlichkeitsausbildung unter Gesichtspunkten der Erlebnispädagogik praktiziert. Der Nervenkitzel, der auf der Brücke kurz vor dem Absprung zu spüren ist, hat jedoch nichts mit den seit einiger Zeit modernen Survival-Trainings für Manager zu tun. Vielmehr geht es darum, Führungsqualifikationen wie Durchsetzungsvermögen, Konfliktfähigkeit sowie Einfühlungsvermögen und Toleranz zu trainieren.

Das ganze Team körperlich und psychisch fordern

Eine erfolgreiche Führungskraft muß außer fachlichen und methodischen Kenntnissen auch soziale Kompetenz und eine ausgereifte Persönlichkeit mitbringen. Zwangsläufig sind daher Seminare, bei denen Manager an ihrer Persönlichkeit arbeiten können, fester Bestandteil diverser Personalentwicklungs- und Weiterbildungsprogramme in den Unternehmen. Während sich jedoch fachliches Spezialwissen mit klassischen Seminaren im Tagungshotel vermitteln läßt, ist ein ähnliches Vorgehen für den Erwerb sozialer Kompetenz und die Vermittlung persönlichkeitsbezogener Lerninhalte weniger geeignet.

Seit zirka einem Jahr bietet die IBM-Führungsakademie außer persönlichkeitsbildenden Seminaren auch erlebnispädagogische Trainings in Zusammenarbeit mit Outward Bound an. Anders als bei klassischen Trainings stehen hier nicht Theorie und Rollenspiele im Vordergrund, sondern das unmittelbare Erleben des Menschen in der Natur. In 40 Trainingszentren weltweit, darunter fünf in Deutschland, führt Outward Bound bereits seit vielen Jahren erlebnispädagogische Trainings für Jugendliche und Erwachsene durch. Bei den meist einwöchigen Seminaren wird jedoch nicht nur der einzelne körperlich und psychisch gefordert - wichtiger ist das ganze Team. Zum Programm gehören Natursportarten wie beispielsweise Bergwandern oder Segeln, Problemlösungsaufgaben sowie die Reflexion des Erlebten.

Klaus Böttger, im Vertrieb bei IBM für zwölf Mitarbeiter verantwortlich, betonte nach einem Kurs in Baad im Kleinwalsertal: "Das Training ist etwas ganz anderes als ein Seminar im Hotel, wo theoretische Rollenspiele durchgeführt werden. Ich habe bei diesem Training deutlich erkannt, daß es Dinge gibt, die ich allein einfach nicht machen kann."

Das Trainingsprogramm wurde vergangenes Jahr nach entsprechenden Vorgaben auf Grundlage einer Konzeption von Outward Bound erarbeitet. Mit Hilfe der praktischen Übungseinheiten sollen die Erkenntnisse theoretischer, stark auf die Kognitive ausgerichteter Seminare zur Persönlichkeitsbildung durch unmittelbares Erleben verstärkt werden.

Allerdings galt es vor dem ersten Kurs, Widerstand gegen diese bislang unübliche Art des Management-Trainings zu überwinden. Denn in den Führungsetagen wurden diese Veranstaltungen zunächst überwiegend als "Hüttenzauber" betrachtet. Entsprechend vorsichtig tastete man sich an die neue Form heran, wie Gerd Rieper von der IBM-Führungsakademie zu berichten weiß: "Wir haben zunächst einen Testlauf mit zwei Seminaren gemacht, die von einem Psychologen der Universität Tübingen betreut und ausgewertet wurden. Die Ergebnisse waren so durchschlagend, daß dieses Seminar seitdem fester Bestandteil im Programm der Führungsakademie ist." In "Ernstsituationen" in der Natur zu erleben, um wieviel effektiver ein Team durch Offenheit, Vertrauen und Kooperation ein Projekt bewältigen kann, gewährleiste, so der Ausbilder, weitaus größere Lernerfolge als Rollenspiele auf dem flauschigen Teppichboden eines Nobelhotels.

Alle Trainings, egal ob im regulären Programm oder spezifisch für Unternehmen zusammengestellt, zielen auf die Förderung fachübergreifender Fähigkeiten sowie auf das Kooperations- und Problemlösungsverhalten innerhalb der Gruppe ab.

Abseilen von einer Felswand ist gefordert

Über praktisches, erfahrungsorientiertes Lernen wird versucht, den Teilnehmern einen neuen Zugang zu einer immer engmaschigeren sozial, technisch, ökonomisch und ökologisch vernetzten Welt zu eröffnen. Dabei bewältigen die Teilnehmer so unterschiedliche Aufgaben wie das Abseilen von einer 20 Meter hohen Felswand oder die Vorbereitung eines Biwakplatzes, der sie nachts vor Wind und Regen schützen soll. In diesen und vergleichbaren Situationen wird adäquates Risikoverhalten genauso gefordert wie planerische Kontinuität.

Die Programme werden im Kleinwalsertal und in Berchtesgaden durchgeführt. Bernd Heckmair, pädagogischer Leiter des Veranstalters in München, bekräftigt noch einmal das Prinzip: "Bei uns geht es weniger um spektakuläre Aktionen. Mit wenigen Zutaten und einfachsten Hilfsmitteln ein schmackhaftes Essen zuzubereiten oder sich bei einem 'Solo' einige Stunden abseits jeglicher Zivilisation auf sich selbst und einen kleinen Fleck Natur zu besinnen, all das erfordert mehr als nur Mut und Fitneß." Viele Teilnehmer würden nach dem Kurs übereinstimmend feststellen, daß sie Dinge gemacht haben, die sie sich zuvor nie zugetraut hätten.

Klaus Böttger hat beim Training in den Alpen seine persönlichen Grenzen auf sportliche Art und Weise ausgelotet: "Ich hatte großes Vertrauen zu unserem Bergführer und zu den anderen Teilnehmern und wußte, daß mir nichts passieren kann, weil für meine Sicherheit gesorgt war." Bei allen Übungen können die Teilnehmer ihre Grenzen selbst abstecken und frei darüber entscheiden, wie intensiv sie sich engagieren. Gleichzeitig beobachtet der Trainer den einzelnen Teilnehmer sehr intensiv und wägt in allen Situationen ab, inwieweit jedem einzelnen die oft physisch und psychisch anstrengenden Übungen zugemutet werden können. Alle Absolventen eines Trainings sollen an ihre Grenzen herangeführt werden - jedoch ohne unkalkulierbares Risiko für die Gesundheit.

Eyke Bülow beschreibt seine Erfahrung folgendermaßen: "Bei einer Schlauchbootfahrt wurden die unterschiedlichen Fähigkeiten und Verständnisweisen am deutlichsten - allerdings erst bei den Gesprächen hinterher. Denn im Boot wollte zunächst jeder etwas anderes, ohne vorher darüber zu sprechen." Auch wenn bei einer Übung die Kommunikation zwischen den einzelnen Team-Mitgliedern völlig zusammenbricht, so hat dennoch jeder einzelne durch ausführliche Reflexion des Projektes in der Gruppe Gelegenheit, aus dem Erlebten zu lernen und die gewonnenen Erfahrungen umzusetzen.

Reflexion ist ein wichtiger Bestandteil aller Trainings. In moderierten Feedback-Gesprächen wird ausführlich darüber diskutiert, wie das Erlebte auf den betrieblichen Alltag übertragen werden kann. Ziel der Übungseinheiten ist unter anderem, daß die Teilnehmer die Bedeutung von Kommunikation und Kooperation in Arbeitsgruppen für den Erfolg eines Teams erkennen. Zudem wird die Bedeutung von Toleranz und Eigeninitiative deutlich gemacht. Bülows Fazit nach dem Training: "Wenn Konflikte entstehen, dann spricht meist keiner darüber. Dabei ist es so wichtig, daß jeder sagt, was er kann und was er mag. Wenn dadurch ein gemeinsames Problem bewältigt wird, kann man sehr gut Vertrauen aufbauen und geht ganz anders mit dem Partner um."

"Situationen, die man durchaus selbst verschuldet"

Prozesse dieser Art, die zur Konfliktbewältigung beitragen, kannte Bülow, der seit 20 Jahren als Führungskraft bei Big Blue Verantwortung trägt, natürlich auch schon zuvor. Trotzdem hat der Manager, wie er feststellen konnte, diese Zusammenhänge vorher noch nie so intensiv beobachtet: "Ich habe deutlich erlebt, daß es Situationen gibt, die man durchaus selbst verschuldet. Jetzt spüre ich, wie man in solche Konflikte hineinrutscht, und weiß, wie sie bewältigt werden können."

Wichtiges Ziel der Kurse ist auch, daß die Teilnehmer lernen, andere Personen als "ganze Menschen" zu akzeptieren - eine Betrachtungsweise, die gerade in der Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter von Bedeutung ist. Von Belang ist in diesem Zusammenhang auch, daß die Wirkung emotionaler Spannungen auf den Gruppenerfolg erkannt wird. Zudem soll das Vertrauen zu sich selbst und zu anderen gefördert werden. Gerade dabei ist entscheidend, daß Lernergebnisse nicht nur über den Verstand aufgenommen, sondern auch emotional durchlebt werden, um auf diese Weise das Gelernte auch umzusetzen. Dazu Trainer Gustav Harder in Baad: "Im Vergleich zu einem Seminar im Hotel kann durch das unmittelbare Erleben eine deutlich stärkere und nachhaltigere Wirkung erzielt werden."

Klaus Böttger faßt die Bedeutung seiner Erfahrungen nach dem Training im Kleinwalsertal so zusammen: "Ich muß im beruflichen Alltag zwar nicht eine 20 Meter hohe Felswand hinaufklettern, habe aber, symbolisch gesehen, vielleicht eine 15 Meter hohe Wand zu überwinden. Ich setze mich also während der Trainings mit etwas auseinander, was auf die Praxis zurückspiegelt und Anregungen gibt. Sei es, daß ich meine persönlichen Grenzen und meinen Mut auslote, oder erlebe, wie ich von der Gruppe unterstützt werde."

Nahezu alle Teilnehmer können ihre Erfahrungen gleich nach dem Training in den beruflichen und auch familiären Alltag umsetzen. Gerd Rieper zur Erfolgsbilanz: "Nach den Trainings stellen wir oft gravierende, positive Veränderungen fest. Dies bestätigen die Teilnehmer selbst, aber auch Kollegen und Vorgesetzte." Häufig gelingt es einem eher zurückhaltenden Mitarbeiter nachher besser, die Initiative zu ergreifen und ein Team innerhalb kurzer Zeit zu Entscheidungen zu bringen. Und wer bislang meinte, immer perfekt sein zu müssen und keine Schwäche zeigend die Mitarbeiter dominieren zu müssen, räumt jetzt den Mitarbeitern mehr Entscheidungs- und Handlungsspielraum ein und bekennt sich auch zu eigenen Fehlern.

*Susanne Schall arbeitet als freie Journalistin in München.