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05.09.2003 - 

IT in der Automobilindustrie/Autobau beruht auf hochkomplexer IT

In Massen fertigen für den Einzelnen

Wie kaum eine andere Industrie ist die Automobilbranche von großer Dynamik, hoher Produktvielfalt, schmalen Margen und Globalisierung geprägt. Dementsprechend vielschichtig sind die Anforderungen an die IT: Permanente Veränderungen, neue Techniken und fortschreitende Prozessautomatisierung verlangen extreme Flexibilität.Von Kerstin Geiger*

Auch in der Automobilindustrie geht der Trend in Richtung Standardsoftware. Allerdings müssen die Lösungen branchenspezifische Geschäftsprozesse integriert und transparent unterstützen, um schnell einen messbaren Nutzen zu liefern. Und sie müssen die Bedürfnisse der Hersteller und Zulieferer, der Importeure sowie der Händler und Kunden gleichermaßen treffen.

Vorbei die Boomjahre: Die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland sind in den letzten vier Jahren um 16 Prozent gesunken. Den Umsatzanstieg auf 204 Milliarden Euro verdankt die deutsche Automobilbranche primär dem Auslandsgeschäft. Der Exportanteil stieg in den vergangenen zehn Jahren von 50 auf 70 Prozent, die Auslandsproduktion sogar um über 150 Prozent. Auf der Überholspur fährt China: Allein im ersten Halbjahr expandierte dieser Automarkt um 82 Prozent, und nahezu jede zweite Neuzulassung trägt einen deutschen Markennamen. Exportstark zeigen sich auch die Zulieferer: Ihre Ausfuhren wuchsen in der ersten Jahreshälfte sogar stärker als die der Autobauer. Heute beschäftigt die deutsche Automobilbranche weltweit über 1,5 Millionen Menschen, davon mehr als die Hälfte in Deutschland. Vom Auto und seiner Nutzung hängt fast jeder siebte deutsche Arbeitsplatz direkt oder indirekt ab.

Die Automobilbranche gilt als führend in Prozessorganisation und Technisierungsgrad. Aber gerade sie steht auch vor besonderen Anforderungen und birgt noch Potenziale für mehr Effizienz. Mit ausgetüftelten Marketing-Aktionen wird um die Gunst der Kunden und Marktanteile gekämpft. Gleichzeitig versuchen Hersteller, in Nischen neue Käuferschichten zu erschließen, die bereit sind zu investieren, um einen neuen Trend anzuführen. Innovation ist in dieser Branche eine permanente Herausforderung - bei den Produkten wie in der Fertigung. Vor allem Kundenorientierung und Flexibilität sind gefragt: Die Hersteller müssen künftig noch schneller auf Marktveränderungen reagieren und eine große Modellvielfalt aus einem möglichst kleinen Baukasten an Basiselementen herstellen. Die Industrie bewegt sich immer mehr in Richtung Mikro-Marketing. Diese individuelle Käuferansprache stützt sich selbstverständlich auf Variantenvielfalt - daher muss beides eng miteinander verzahnt sein.

Flexibel für Änderungswünsche

Variantenvielfalt ist ein zentrales Thema in der Automobilbranche - quasi Fluch und Segen zugleich. Der Kunde hat die Wahl und kann sich sein Auto immer individueller zusammenstellen. Dabei kann ein Fahrzeug aus bis zu 60000 möglichen Teilen konfiguriert sein. Multipliziert mit einer Tagesproduktion von 2000 bis 3000 Pkws ergibt dies je nach Hersteller ein Teilevolumen im Millionenbereich - eine extreme und zeitkritische Management-Aufgabe. Dabei ist hohe Flexibilität gefragt: So lässt zum Beispiel BMW Änderungswünsche seiner Kunden bis zehn Tage vor Produktionsstart des Fahrzeugs zu. Denn zu 90 Prozent handelt es sich um Änderungswünsche wie zum Beispiel eine Anhängerkupplung oder ein Schiebedach.

Produktionsplanung im Stundentakt

Es gibt Produktionsplanungssoftware, die innerhalb einer Stunde den Teilebedarf für bis zu 450000 Fahrzeuge berechnet. Dabei werden die Fahrzeugbestellungen in einer Matrix gesammelt, die alle Ausstattungskomponenten wie Schiebedach oder Klimaanlage enthält, pro Auftrag markiert und umgehend auswertet. Die Disposition kann jederzeit ermitteln, zu welchem Zeitpunkt welche Komponente an welchem Ort in der Produktion benötigt wird. Das erhöht die Flexibilität und lässt quasi bis zur letzten Minute Veränderungen in der Ausstattung oder Fertigungsreihenfolge zu. Dabei wird automatisch auch der Bedarf an Zulieferprodukten ermittelt: Die Lieferanten können so just-in-time oder sogar just-in-sequence direkt in die Fertigung liefern. Nicht selten sind Zulieferer verpflichtet, in zwei bis vier Stunden auf Abruf zu reagieren. Firmen können mit einer derart synchronisierten Supply Chain gleichzeitig ihre Sicherheitsbestände im Lager und Materialdurchlaufzeiten senken, sparen Kosten und reduzieren die Kapitalbindung.

Diese knappe und zeitkritische Terminierung in der Lieferkette ist nur realisierbar, wenn die IT-Systeme einen unterbrechungsfreien Informationsfluss zwischen Hersteller und Zulieferer sicherstellen.

Ein komplexes "Ökosystem"

Bei der Modellentwicklung müssen Hersteller extrem schnell auf Kundenwünsche und Marktänderungen reagieren. Das betrifft die eigenen Prozesse, involviert nicht selten mehrere Standorte, reicht aber auch weit in das gesamte Ökosystem von Zulieferfirmen hinein, das rund um den Globus und rund um die Uhr funktionieren muss. Neue Modelle entstehen heute in 30 bis 36 Monaten - vor fünf Jahren brauchten die Hersteller noch doppelt so lang. Aber einige streben "sportliche" 18 bis 24 Monate an, unterstützt durch ein integriertes und übergreifendes Product- Lifecycle-Management (PLM).

Beispielsweise hilft der integrierte Aufbau und die Nutzung von Produkt- und Prozessdaten - IPPE (Integrated Product & Process Engineering) -, Fehler zu vermeiden und den Prozess bis zur Marktreife eines Modells zu beschleunigen. So war etwa Volkswagen in der Lage, eine neue Variantenstruktur-Stückliste einzuführen, die erstmals eine vollständige, fehlerfreie und schnelle Abbildung von Stücklisten erlaubt, um zum Beispiel Redundanzen oder Fehlteile schneller zu erkennen. Im Rahmen des Projektes konsolidierte VW 13 Altsysteme und erwartet hohe Einsparungen. Dabei reicht es nicht, Zulieferfirmen erst einzubinden, wenn der Job am Reißbrett erledigt ist. Lieferanten nehmen heute bereits frühzeitig und aktiv an der Planungs- und Designphase teil. Dementsprechend müssen die IT-Strukturen die Kommunikation bei Konstruktion und PLM weit über Unternehmensgrenzen hinaus reibungslos unterstützen.

Plattform für integrierte Prozesse

Ideal ist es, wenn eine Firma ihre IT-Umgebung ohne "Altlasten" etablieren kann, so wie Hyundai: Der koreanische Hersteller baut in Montgomery, in den USA - quasi "auf der grünen Wiese" - ein komplett neues Werk. Hier sorgt Branchensoftware für die notwendige Flexibilität, nicht nur in der Produktion. Doch dieser Fall hat Seltenheitswert. Die Automobilindustrie hat ein Jahrzehnt von Fusionen und Übernahmen hinter sich. Das Resultat sind extrem heterogene IT-Landschaften mit zahlreichen Eigenentwicklungen, gerade in der Fertigung. Immer mehr dieser Systeme stoßen an ihre Grenzen: Es mangelt an Skalierbarkeit, collaborativen Funktionen und Raum für weitere Verbesserungen.

Beileibe kein Einzelfall, stehen beispielsweise bei Audi mit 450 IT-Systemen, verbunden über zahlreiche bidirektoriale Schnittstellen, die Zeichen eindeutig auf Konsolidierung und Integration.

Die extrem zeitkritische und globale Verflechtung von Kunden-, Partner- und Lieferantenbeziehungen im Automobilbau erfordert leistungsfähige IT-Strukturen. Sie müssen Informationen aus ganz unterschiedlichen Quellen zusammenführen und auf Knopfdruck bereitstellen. Dabei zählen Sicherheit und Offenheit für transparente Geschäftsprozesse über Unternehmensgrenzen hinweg. Außerdem ist schnelle Anpassungsfähigkeit gefragt: an veränderte Geschäftsprozesse, Kapazitätsschwankungen und neue Techniken. Offene Anwendungsplattformen sorgen auch für die Integration vorhandener Legacy- oder Einzelanwendungen. Kein Unternehmen hat die Manpower und das Kapital, seine gesamte IT auf einmal umzukrempeln - sie müssen sukzessive umbauen. Diesen Weg hat Audi beschritten: Das erste Integrationsprojekt in den Bereichen Finanzen, Controlling und Logistik ist an zwei Standorten umgesetzt, der dritte folgt bis Januar 2004.

Keine Industrie ohne Standards. Das gilt insbesondere im Automobilbau, der hier eine Pionierrolle gespielt hat. Industriestandards, wie sie etwa der Verband der Automobilindustrie (VDA), Odette und das American National Standards Institute (Ansi) definiert haben, sind weit verbreitet und müssen auch in Zukunft unterstützt werden. Das Internet hat für eine weitere Vereinheitlichung im Informationsaustausch gesorgt und damit ein wichtiges Fundament für die Zusammenarbeit in heterogenen Umgebungen geschaffen. Hier eröffnen neue Anwendungsarchitekturen auf Basis von Web-Services die Chance, Prozesse und Veränderungen schnell und firmenübergreifend zu organisieren.

Ansichtssache: Rollenbasierende Portale

Eine integrierte Infrastruktur stellt sicher, dass Anwender - ob Kunde, Partner, Lieferant oder Mitarbeiter - zeitgerecht Zugriff auf die nötigen Informationen haben und sie in verständlicher Form bkommen. Dafür sorgt intelligente Portaltechnologie, hinter der das Dickicht komplexer Systeme und heterogener Daten verborgen bleibt. Rollenbasierende Portale bereiten Informationen konsistent auf und adaptieren sie auf die jeweilige Aufgabe des Anwenders. In der Automobilbranche sind mehrere 10000 Portalbenutzer in einem Unternehmensverbund heute keine Seltenheit, denn die Anwenderfreundlichkeit ist unbestritten. Der Ausbau von Bandbreiten im Mobilbereich eröffnet zukünftig auch von unterwegs den komfortablen Zugriff auf Unternehmensanwendungen. Das verspricht mehr Effizienz in der Kommunikation mit Servicepersonal, Logistikdienstleistern, Händlern und Kunden.

Was der Händler wissen muss

Aber nicht nur in Entwicklung und Fertigung schlummern noch Potenziale: Mehr Wissen über den Kunden schafft Wettbewerbsvorteile. Doch wie erfährt der Hersteller zum Beispiel, dass der Kunde beim Händler ein Auto ausgesucht, sich dann aber aufgrund zu langer Lieferzeit anders entschieden hat? Im Interesse höherer Kundenzufriedenheit und Markenbindung sind für Hersteller alle Informationen über Kunde und Fahrzeug wichtig - auch Mängel, Garantiefälle und unerfüllte Kundenwünsche. Noch ist der Informationsfluss auf diesem Gebiet eher dürftig: Kundendaten werden an vielen Stellen gewonnen, aber nicht konsolidiert, die Auswertung kommt zu kurz. Das Internet hat dazu beigetragen, das Wissen über den Kunden beim Hersteller zu erhöhen. Auf Herstellerseiten können sich Verbraucher direkt informieren, Finanzierungsmöglichkeiten wie Leasing ausloten und ihr Wunschauto aussuchen.

Gezieltes Qualitäts-Management

Auch kundenorientiertes Beschwerde-Management oder gezieltes Qualitäts-Management, wie es die Japaner erfolgreich betreiben, hält Kunden bei der Stange und gewinnt neue. In dem komplexen Beziehungsgeflecht aus Kunden, Händlern und Hersteller sorgt integriertes Kunden-Management für Zufriedenheit bei allen Beteiligten sowie für neue Umsatzpotenziale.

Mit der termingerechten Lieferung des individuellen Traumautos ist es aber lange nicht mehr getan: Das Folgegeschäft mit Zusatzausstattung, Ersatzteilen sowie regelmäßigen Service- und Wartungsangeboten rückt vermehrt ins Blickfeld der gesamten Industrie. Neue Technologien wie die Telematik eröffnen weitere Geschäftsfelder. Hinzu kommt, dass beispielsweise die Produkthaftung sowie die Altfahrzeugverwertung transparente und unternehmensübergreifende Prozesse erfordern. Auch hier bedarf es effizienter und flexibler IT-Strukturen, damit die Automobilindustrie profitabel und wettbewerbsfähig bleibt. (bi)

*Dr.-Ing. Kerstin Geiger ist Director der Industry Business Unit Automotive bei der SAP AG in Walldorf.