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16.05.2006

Indien - ein Kapitalismusmärchen

Eine Kurzreise nach Indien ist lehrreich. Nur wer die ungeheueren Gegensätze zwischen Arm und Reich hautnah erlebt, weiß, welche Potenziale dieses Land gerade deshalb bietet.

Wer Indien als Offshoring-Chance für sein Unternehmen begreift, dürfte sich an die unvergesslichen Worte des Mafiosi-Paten Vito Corleone erinnert fühlen: Dieses Land macht jedem Manager, der Geschäfte mit indischen ITK-Firmen machen will, ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.

Fortune-1000- Unternehmen

Eine ausschnittartige Auflistung der Fortune-1000-Liste, die in Indien Sourcing-Aufträge vergeben hat, kommt einem Who is Who der internationalen Firmenszene gleich:

Bank of America, ABN Amro, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Deutsche Bank, Axa, Lehman Brothers, JP Morgan, American Express, HSBC, McKinsey, Delloitte Consulting, Accenture,, Bain & Co., Ernst & Young, Reuters, Frost & Sullivan, HP, IBM, EDS, Dell, Samsung, Yahoo!, Colt, Alcatel, General Motors, Hyundai, Ford, DaimlerChrysler, Caterpillar, Bechtel, Eli Lilly, Pfizer, AOL, Tesco, Unilever, General Electric… Quelle: Nasscom

Satyam-Entwicklungszentrum in Berlin? Gibt denn das einen Sinn?

Satyam plant nach den Aussagen seines Gründers und Chairmans Ramalinga Raju, bis Ende 2006 ein Entwicklungszentrum in Europa zu eröffnen. Überlegt wird, ob es in Berlin, Malaga, Polen oder Tschechien aufgebaut werden soll. CW-Redakteur Jan-Bernd Meyer sprach darüber mit dem gerade zum Director of Continental Europe von Satyam Computer Services Ltd. ernannten Peter Heij in Hyderabad.

CW: Stimmt es, dass Satyam ein Entwicklungszentrum in Berlin eröffnen wird?

Heij: Berlin macht doch keinen Sinn, wenn man deutschen Firmen Nearshoring-Angebote machen will.

CW: Stimmt es denn aber, dass Satyam ein Unternehmen übernehmen und daraus das Entwicklungszentrum rekrutieren will?

Heij: Ja, wir suchen nach einem Unternehmen, das wir übernehmen können.

CW: Berlin wird es ja nun nicht nach Ihren Worten. Wo suchen Sie denn dann?

Heij: Wir suchen momentan im Raum Frankfurt, Mannheim und München nach solch einer Firma.

CW: Irgendwelche Bedingungen, die diese Firma als potenzieller Übernahmekandidat erfüllen sollte?

Heij: Es sollte Kompetenz in einem horizontalen Branchensegment vorweisen, in dem Satyam noch nicht so stark ist, beispielsweise Supply-Chain-Management. Interessant wäre für uns aber auch Spezialwissen in einem vertikalen Marktsegment. Hier denke ich etwa an die Finanz- oder Automotive-Branche.

CW: Ist egal, wie groß das zu akquirierende Unternehmen ist?

Heij: Definitiv nicht. Es sollte nicht mehr als 100 bis 200 Mitarbeiter besitzen.

CW: Schön wäre sicherlich, wenn das Unternehmen eine Morgengabe mitbrächte in Form einiger interessanter Kunden?

Heij: Genau. Der potenzielle Übernahmekandidat sollte eine Kundenklientel aufweisen, die Satyam wiederum hilft, in Europa weiter Fuß zu fassen.

CW: Warum sind indische Anbieter von Offshoring-Diensten wie Satyam, Wipro, Tata oder Infosys speziell in Deutschland noch unterrepräsentiert?

Heij: Ich denke, deutsche Firmen haben ein psychologisches Problem mit dem Offshoring an eine indische Firma, die diese Services von Indien aus anbietet. Deshalb haben wir Budapest als Nearshoring-Center etabliert. Dieser Ort kann für deutsche Unternehmen als Sprungbrett fungieren. Wenn die erst einmal Dienstleistungen aus Budapest beziehen, ist der Schritt zu Offshoring nach Indien auch nicht mehr schwer.

CW: Warum fällt deutschen Firmen die Auftragsvergabe an Satyam schwer?

Heij: Ich will die Frage mal so beantworten: Ich hielte es für vorteilhaft, wenn Satyam seinen Namen änderte. Das hat die Konkurrenz ganz geschickt gemacht. Die heißen Wipro, Infosys oder TCS (= Tata Consulting Services, Anm.d.Red.). Das wirkt eher amerikanisch. Bei Satyam weiß jeder, dass das eine indische Firma ist. Und das ist aus psychologischen Gründen nicht vorteilhaft.

Keine Steuern, nirgends

Warum das funktioniert, ist leicht erklärt. Man muss nur der für die ITK-Belange im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh zuständigen Ministerin Ratna Prabha zuhören. Eher beiläufig reiht sie die Argumente auf, die für ein Engagement im siebtgrößten von insgesamt 28 Bundesstaaten Indiens sprechen. Unternehmen - auch ausländische - aus der ITK-Branche müssen dort bis 2015 keine Steuern auf Gewinne zahlen. In Andhra Pradesh sind auch keine Einfuhrzölle zu berappen, etwa für aus dem Ausland nach Indien importierte Computerausstattung. Firmen bekommen zu all dem in den ersten drei Jahren auch noch 25 Prozent ihrer Stromrechnungen rückerstattet, wirbt die Ministerin weiter. Böse Zungen könnten jetzt lästern, dass dieses Entgegenkommen bei den ständigen Stromausfällen auch nur gerechtfertigt ist - und in der Tat verging während des Aufenthalts in Hyderabad kein Tag, an dem nicht wenigstens zweimal die Lichter ausgingen.

Doch solcherlei Malaisen sind Peanuts in einem Land, das seit einigen Jahren insbesondere durch die ITK-Branche einen beispiellosen Boom erlebt. Nicht nur, dass sich alle indischen Hightech-Firmen gegen Widrigkeiten der örtlichen Stromversorgung mit fetten Notstromaggregaten absichern.

Supermoderne Stadtteile

In ihren Glaspalästen in Hyderabads supermodernem Stadtteil, sinnigerweise Cyberabad genannt, brauchen hoch technisierte ITK-Firmen wie etwa die Offshoring-Dientleister Satyam, Wipro, Tata Consulting Systems (TCS) und Infosys ihr Licht mit Sicherheit nicht mehr unter den Scheffel zu stellen.

Nicht nur explodieren die Umsätze dieser Serviceanbieter in für deutsche Verhältnisse geradezu exorbitanter Weise. TCS, Infosys und Wipro legen Wachstumsraten zwischen 31 und 69 Prozent hin - da werden ITK-Anbietern hierzulande die Knie weich. Der Nettogewinn macht teils noch größere Sprünge. TCS legte beim Profit gleich um 76 Prozent zu, Infosys und Wipro beschieden sich mit vergleichsweise niedrigeren 19 und 56 Prozent Zuwachs. Satyam, viertgrößter IT-Dienstleister Indiens, überwand im Finanzjahr 2005/ 06 mit einem Umsatzsprung von 38 Prozent erstmals die Eine-Milliarde-Dollar-Latte. Der Nettogewinn steigerte sich um 37 Prozent auf 62,3 Millionen Dollar.

Hoffnungsloses Rennen

Vergleicht man die Durchschnittsgehälter in Indien mit denen in westlichen Industrienationen, wird klar, dass im Dienstleistungsbereich der ITK-Branche ein Rennen begonnen hat, das weder die USA, noch ein europäischer Staat gewinnen können.

Ministerin Prabha sagt, dem Durchschnittshaushalt stünden 3000 Rupien im Monat zur Verfügung. Das sind etwa 60 Euro. Wer nach zehn Jahren Schulausbildung, zwei Jahren College und einem vierjährigen Ingenieursstudium mit 22 Jahren als Berufsanfänger seine Karriere bei Satyam beginnt, bekommt nach Angaben von Personalchef Hari T im Jahr zwischen 6000 und 6500 Dollar. Das ist mithin mehr als das Sechsfache des indischen Durchschnittseinkommens - die privilegierte soziale Stellung wird dem Arbeitsvertrag also gleich beigelegt.

Offshoring? Kein Thema

Unser Fahrer erzählt, er und seine Frau lebten von 2000 Rupien im Monat - 40 Euro. Die Hälfte davon geht für die Miete drauf, "der Rest für Reis", wie er sagt. Voller Stolz erzählt er trotzdem, er könne es sich leisten, dass seine Frau nicht zu arbeiten braucht. Vielmehr habe sie das Privileg, ihrer Hausfrauentätigkeit nachzukommen.

Bei solchen Lohnstrukturen und den Lockangeboten des Staates sollte sollte man erwarten, dass sich deutsche Unternehmen den Versprechungen des Offshoring-Wunderlands öffnen würden. Zahlen des indischen Verbandes Nasscom (= National Association of Software and Service Companies) zeigen aber ein anderes Bild: 66,5 Prozent aller IT-Services, die das asiatische Land im Jahr 2004/05 exportierte, gingen in die USA. Europa nutzte die Dienste nur zu 23,1 Prozent. 60,6 Prozent von diesem europäischen Anteil vereinnahmte allein Großbritannien für sich (weltweit betrug der Anteil des Vereinigten Königreiches 14 Prozent).

Lediglich 2,3 Prozent der von indischen Unternehmen geleisteten IT-Services weltweit gingen hingegen nach Deutschland. Die Zurückhaltung hierzulande, sich der Offshoring-Dienste der Satyams, Wipros, Infosys’ oder TCS’ zu versichern, führt Satyams Direktor Kontinentaleuropa, Peter Heij, auf ein psychologisches Problem zurück (siehe Interview).

Sprungbrett Budapest

Deutsche Unternehmen, insbesondere mittelständische, könnten sich mit einem Kooperationspartner im fernen Indien nicht so recht anfreunden. Unter anderem deshalb habe Satyam eine Nearshoring-Niederlassung in Budapest eröffnet: "Wer erst einmal dahin IT-Tätigkeiten ausgelagert hat, dem fällt der Sprung nach Indien später leichter", so der gebürtige Holländer Heij.

Weltweit agierende Großkonzerne haben da weniger Berührungsängste. Die meisten Fortune-1000-Firmen beziehen schon jetzt Outsourcing-Dienste aus Indien, wo sie beispielsweise ihre Oracle-, SAP- oder Siebel-Anwendungen betreiben lassen. Ganze Geschäftsprozesse, etwa im Finanz- und Rechnungswesen, der Personalverwaltung oder dem Dokumenten- und Archivmanagement, wurden ausgelagert.

Zu den wenigen Problemen, die Firmen wie Satyam oder ihre Call-Center-Tochter Nipuna Services Ltd. haben, gehört die hohe Fluktuationsrate der Mitarbeiter. Die beträgt in den beiden Firmen zwischen 15,5 und 24 Prozent. Hinzu kommen satte jährliche Gehaltserhöhungen. Satyam-Personalchef Hari T sagt, sein Unternehmen müsse im laufenden Geschäftsjahr die Personalkosten um 18 bis 19 Prozent anheben. Wegen solch großzügiger Vergütungen gebe es auch keinen Bedarf an Gewerkschaften. Der soziale Friede sei stabil, so der Manager weiter.

Eine Aussage, die ein wenig geschönt sein dürfte. Man erinnert sich noch an den Ministerpräsidenten des Staates Westbengalen. Dieser verkündete im vergangenen Dezember rundweg, dass Streiks und Gewerkschaftsaktivitäten in der IT-Branche nicht opportun seien, schließlich wolle man die Hoffnungsbranche Indiens nicht gefährden.