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30.05.2003 - 

Auslagerungsalternativen gibt es in China, Russland und Polen

Indien erwächst Offshore-Konkurrenz

MÜNCHEN (CW) - Der Sparzwang in den IT-Abteilungen der Anwenderunternehmen sorgt für eine erhöhte Nachfrage nach Offshore-Diensten. Typischerweise werden Softwareentwicklung und Wartungsarbeiten nach Indien ausgelagert. Allerdings bekommen die Anbieter Konkurrenz aus anderen Ländern, in denen Spezialisten noch günstiger arbeiten.

Die Aktien der indischen Softwarehäuser sind unter Druck geraten. Der Grund: Die Anbieter mussten einräumen, dass ihre Margen schrumpfen und enttäuschten damit die verwöhnten Finanzanalysten. Von früheren Gewinnspannnen zwischen 40 und 45 Prozent sind die indischen Häuser derzeit weit entfernt. Die Marge von Wipro Technologies brach beispielsweise von 33 auf 24,2 Prozent ein, Infosys meldete einen Rückgang von 32,2 auf 27,5 Prozent, wogegen Satyam mit einer Verringerung von 34,2 auf 31,5 Prozent davonkam. "Westliche Anbieter wie EDS oder Cap Gemini würden ihre Großmutter für solche Zahlen verkaufen", mokierte sich der Brancheninformationsdienst "Computerwire" über die Luxussorgen der Inder.

Denn nach wie vor sind die Wachstumsprognosen blendend. Der indische Branchenverband National Association of Software and Service Companies (Nasscom) erwartet für das laufende Jahr ein Wachstum von 28 Prozent, im nächsten Jahr sollen es 30 Prozent sein. Die einzelnen Unternehmen sind nicht minder optimistisch, Infosys etwa rechnet mit einem Wachstum von 25 bis 28 Prozent. Insgesamt, so die Nasscom, belief sich der Wert des Exports von IT-Software und -Diensten zwischen Anfang April 2002 und Ende Dezember 2002 auf 6,9 Milliarden Dollar. Den indischen Anteil am weltweiten IT-Software- und Servicemarkt beziffert der Branchenverband auf zwei Prozent. Bis zum Jahr 2008 erwartet Nasscom eine Zunahme auf zehn Prozent.

Tagessätze sinken

Der Sparzwang lässt die europäischen und US-amerikanischen Anwender nach günstigen Angeboten in Offshore-Ländern suchen, allein für Europa rechnet Gartner beispielsweise mit einem Zuwachs um 40 Prozent. Alexander Röder, Konzern-CIO von mmO2, dem in Deutschland, Großbritannien, Irland und den Niederlanden aktiven Betreiber des Mobilfunknetzes O2, bestätigt den ungebrochenen Trend der Anwender zu Offshore-Diensten: "Im Bereich Softwareentwicklung haben wir im letzten Jahr noch eine Vielzahl von Dienstleistern beschäftigt. Im Zuge der Konsolidierung werden wir künftig nur noch die Dienste von zwei Firmen nutzen. Das indische Softwarehaus Tata Consultancy Services arbeitet bereits seit Ende letzten Jahres für uns. Mit einem zweiten Unternehmen, das die Leistungen zum Teil auch in Offshore-Ländern erbringen wird, verhandeln wir derzeit."

Andererseits sacken die Tagessätze indischer Häuser, weil die Kunden unter Hinweis auf noch günstigere Konkurrenz aus aufstrebenden Offshore-Ländern wie Vietnam, Russland und vor allem China von ihren indischen Providern Nachlass fordern. Nasscom räumte ein, dass in der Zeit zwischen März 2002 und 2003 die Tagessätze um zehn Prozent gefallen sind.

Internationale Konkurrenz

Der Verband erwartet für den Rest des Jahres keine Trendwende, konkrete Zahlen nannte er jedoch nicht. Zeitungsberichten zufolge sind die Preise von 40 auf 35 Dollar pro Stunde gefallen. Das entspricht in etwa der Erkenntnis der Giga Information Group (mittlerweile von Forrester Research übernommen), die Ende letzten Jahres die Stundensätze auf 22 bis 35 Dollar bezifferte. Zum Vergleich: Laut Meta Group verlangen die hiesigen Anbieter einen Listenpreis von 70 bis 110 Euro pro Stunde für einen Programmierer.

Indiens Software- und IT-Serviceindustrie ist allerdings alles andere als in einer Krise, der Markt tritt lediglich in eine Reifephase. Dazu gehört auch, dass sich die einheimischen Anbieter mit ausländischen Konkurrenten messen müssen. Alle bedeutenden IT-Services-Provider wie etwa Accenture, EDS, IBM Global Services und Siemens Business Services (SBS) unterhalten mittlerweile ihre eigenen Entwicklungszentren in Indien. Sie profitieren damit von den günstigen Stundensätzen und den qualifizierten Arbeitskräften und können diese Offshore-Ressourcen mit den Diensten ihrer Mitarbeiter in den Industrieländern kombinieren. Umgekehrt werben indische Häuser Berater in Deutschland, Westeuropa und den USA ab, um lokale Repäsentanzen mit IT-Experten aufzubauen, so dass auch sie eine Vor-Ort-Beratung, -Betreuung und Koordination von Projekten im Rahmen von Onsite-Offshore-Konzepten betreiben können.

Anwenderunternehmen in Indien

Zu diesen beiden Anbietergruppen gesellen sich Großanwender wie die Citybank, die Deutsche Bank und Siemens, die die Dienste der Service-Provider komplett umgehen und eigene Entwicklungskapazitäten in Indien aufgebaut haben. General Electric beschäftigt beispielsweise rund 8000 indische Mitarbeiter getreu der vom langjährigen CEO und Manager-Guru Jack Welch formulierten 70-70-70-Regel: 70 Prozent auslagern, 70 Prozent davon ins Ausland, davon wiederum 70 Prozent nach Indien. Diese Quoten erfüllt General Electric zwar nicht, aber immerhin arbeitet die Hälfte der für den Betrieb der internen IT erforderlichen Kräfte in Indien.

Häufig benutzen Anwenderunternehmen die indischen Kräfte als verlängerte Werkbank, etwa für einfache Wartungs- und Programmierarbeiten. "Wo sonst auf der Welt finden Sie IT-Experten, die froh sind, Cobol-Zeilen zu schreiben?" fragte etwa Simon Evans vom Beratungshaus PA Consulting. Der Ausbildung und der hochwertigen Arbeit der indischen Akademiker wird das nicht gerecht. Das Ministerium für Informationstechnik und Telekommunikation bemüht sich daher auch, Indien als Entwicklungs- und Forschungsstandort für die weltweite IT-Industrie zu vermarkten. Die ersten Firmen haben das hochwertige Potenzial erkannt. Der Siemens-Bereich Information and Communication Mobile (Siemens Mobile) etwa stockt sein 400 Mitarbeiter umfassendes Expertenteam in Bangalore um weitere 100 Ingenieure auf. Ihnen haben die Münchner die weltweite Verantwortung für die Entwicklung der GMS- und UMTS-Netzsoftware übertragen.

Call-Center-Betrieb

Der Branchenverband Nasscom und einige indische Anbieter setzen zudem große Hoffnung in die Vermarktung höherwertiger Dienste, insbesondere in das Business Process Outsourcing (BPO). Gut gelungen ist den Indern der Einstieg in den Markt für Call-Center-Services. Hier bieten Anbieter wie Spectramind (wurde kürzlich von Wipro übernommen), Daksh.com, Msource, Air Infotech und First Ring entsprechende Kapazitäten an. Große Investitionen plant zudem der weltweit größte Call-Center-Betreiber Convergys. Der US-amerikanische Dienstleister beschäftigt zurzeit bereits 2600 Angestellte in Indien und betreibt das mit 200000 Quadratmetern Fläche größte nationale Call-Center in Gurgaon, in der Nähe von New Delhi. Fünf weitere Niederlassungen in ähnlicher Größe sollen demnächst entstehen.

Abnehmer der Dienstleistungen sind überwiegend US-amerikanische und britische Unternehmen, denn Englisch ist in Indien Amtssprache. Während sich für Entwicklungs- oder Wartungsarbeiten die Zeitverschiebung häufig geschickt nutzen lässt, führt sie im Call-Center-Betrieb zu Problemen. Bei einer Zeitdifferenz zu den USA von 9,5 beziehungsweise 12,5 Stunden bedeutet der Call-Center-Job für indische Agenten regelmäßige Nachtarbeit. Dementsprechend hoch ist die Fluktuationsrate. Sie liegt zwischen 20 und 40 Prozent pro Jahr. (jha)

Alternativen zu Indien

Unter den Offshore-Ländern hat Indien eine Ausnahmestellung und ist unangefochtener Marktführer: 90 Prozent aller weltweiten Offshore-Umsätze gehen laut Gartner dorthin. Führende einheimische Unternehmen wie Tata Consultancy Services, Infosys, Wipro, HCLT und Satyam konnten bereits einen reichen Erfahrungsschatz mit Betriebsdiensten und Softwareentwicklungsprojekten sammeln. Sie haben ausgefeilte interne Prozesse installiert, um Kundenprojekte abzuwickeln, und können zudem auf lokale Präsenz in den Ländern ihrer potenziellen Klientel verweisen. Zudem gibt es reichlich Akademiker-Nachwuchs, der sicherstellt, dass gute Arbeit geleistet wird. Unzureichend ist dagegen immer noch die TK-Infrastruktur.

Konkurrenz erwächst Indien in anderen asiatischen Ländern. Qualitativ können Programmierer aus China, Vietnam, Thailand und den Philippinen den etablierten Dienstleistern noch nicht das Wasser reichen. Aber sie sind billiger. In China versuchen sich Unternehmen wie Asia Info und Commverge, doch es fehlt ihnen an Sprachkenntnissen, an Wissen um die Kundenbedürfnisse und an etablierten internen Strukturen. Die Firmen von den Philippinen zählen in Fernost zu den besten Indien-Alternativen, weil die Verständigung in Englisch zumeist reibungslos funktioniert und sie auf genug gut ausgebildete Akademiker zurückgreifen können. Bedeutende Anbieter sind Computer Engineering Corp., Headstrong, Soluziona Philippines und das Konsortium Philippine IT Offshore Network (www.piton-global.com).

Für europäische und deutsche Anwenderunternehmen lohnt ein Blick in die Nachbarländer. Polen bietet etwa eine gute TK-Infrastruktur und viele Informatiker. Neben der räumlichen Nähe ist für Anbieter wie Prokom, Computerland und Orgasoft vorteilhaft, dass sie auch deutschsprachige Mitarbeiter in ihren Reihen haben. Ungarn und Tschechien bieten ebenfall gute Informatiker zu - verglichen mit hiesigen Gehältern - günstigen Konditionen. Bedeutende Dienstleister aus Ungarn sind MAV Informatika, Online (www.online.hu) und Synergon, in Tschechien bieten Deltax, ICZ, ISS, Minervy Czech Republic und Progdata Dienste an. Eine wichtige Rolle im europäischen Offshore-Markt spielt zudem Russland, denn dort gibt es besonders viele und gut ausgebildete Mathematiker und Informatiker. Allerdings ist die Verständigung mitunter schwierig. Als nachteilig werten die Analysten von Gartner zudem die mäßige TK-Infrastruktur, fehlendes Verständnis für die Geschäftsprozesse der Kunden sowie die unsichere politische Lage.

IT-Jobs gefährdet

In den nächsten 15 Jahren wird die US-amerikanische Servicebranche 3,3 Millionen Arbeitsplätze (knapp 500000 davon sind IT-Jobs) an Offshore- beziehungsweise Nearshore-Länder wie Indien, Russland, China und die Philippinen verlieren. Das prognostieren die Marktforscher von Forrester Research. Große Softwareanbieter wie Microsoft, Oracle, Peoplesoft und i2 Technologies lassen bereits Teile ihrer Programme in Indien entwickeln, Fluglinien und Banken wickeln die Kundenbetreuung über Fernost ab. Für Deutschland gibt es keine genauen Zahlen über die durch Offshore bedrohten Arbeitsplätze. Das Beratungshaus Deloitte Consulting erwartet jedoch, dass allein die europäischen Finanzdienstleister in den nächsten fünf Jahren mehr als 700000 oder 15 Prozent der IT-Arbeitsplätze nach Indien verlagern werden. Zum Großteil handelt es sich um IT-Jobs.

Das bedeutet keineswegs, dass deutsche IT-Experten ausgedient haben. Probleme werden aber diejenigen Beschäftigten bekommen, die Commodity-Services wie Applikationsbetreuung und Helpdesk-Dienste erbringen. "Es ist nicht zeitgemäß, wenn der reine Rechenzentrumsbetrieb komplett in der Nähe von München stattfindet - das ist zu teuer. Ich möchte von den Dienstleistern Vorschläge hören, welche Aufgaben sich sinnvoll in andere Länder wie beispielsweise Ungarn auslagern lassen. Dann kann ich entscheiden, ob sich das mit der Geschäftsstrategie von O2 vereinbaren lässt", erläutert Alexander Röder, CIO bei mmO2.

Die Umfrage von Forrester Research ergab, dass CIOs großer Anwenderunternehmen IT-Experten suchen, die betriebswirtschaftliches Verständnis mit technischem Scharfsinn kombinieren. Gute Entwickler und Systemintegratoren sind weiterhin gefragt, denn um Offshore-Dienste nutzen zu können, gilt es, Projekte in einzelne Arbeitsschritte zu zerlegen, die Entwicklung auszulagern und die Ergebnisse wieder zusammenzuführen.