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17.03.2000 - 

Kulturelle Barrieren sind oft das größere Problem

Indische IT-Experten: Ins Land holen oder virtuell einbinden?

"Inder packen die Koffer" titelten einige Zeitungen, als Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der CeBIT Green Cards für ausländische IT-Spezialisten ankündigte. Einige Firmen haben bereits jetzt indische Programmierer nach Deutschland geholt, während andere wegen kultureller Barrieren die virtuelle Zusammenarbeit mit den indischen Partnern bevorzugen.Von Hilde-Josephine Post*

Die hitzige Debatte um die Green Card kann Mario Raabe, Generalbevollmächtigter der Vast Deutschland AG, nicht nachvollziehen. Bisher hatte der IT-Outsourcing-Spezialist kein Problem, hochqualifizierte indische Experten nach Deutschland zu holen. Die Abwicklung eines Antrags dauerte durchschnittlich acht Wochen. "Wenn eine Green Card das Verfahren beschleunigen würde, wäre das von Vorteil", sagt Raabe. Vast begleitet Projekte, die zwischen indischen und deutschen Firmen abgewickelt werden. Im vergangenen Jahr immigrierten zehn indische Computerspezialisten in den Westen. Sie sind als Koordinatoren für gemeinsame Softwareprojekte zuständig, während die Programmierer im Heimatland verbleiben. Diese Zusammenarbeit sei laut Raabe für beide Seiten akzeptabel: "Für die deutsche Firma ist immer ein Verantwortlicher greifbar."

Auch Karl-Heinz Jauch, Geschäftsführer der Mastek GmbH, einer Tochter des gleichnamigen indischen IT-Konzerns, hatte mit der bisherigen, von der Industrie als rigide kritisierten Regelung keine Probleme: "Wir brauchen keine Green Cards. Die geltenden Gesetze reichen aus, um unsere Leute hier arbeiten zu lassen." Mastek will innerhalb der nächsten zwölf Monate weitere 1000 indische Programmierer einstellen, die im europäischen Raum, insbesondere in einer Zweigstelle in Norddeutschland, tätig sein sollen.

Ganz andere Erfahrungen hat dagegen Torsten Beyer, Bereichsleiter Business-Development bei der Dr. Materna GmbH, Dortmund, gemacht: "Unser Versuch, indische Mitarbeiter bei uns einzustellen, ist letztlich an kulturellen Problemen gescheitert." Bei Vast werden die IT-Profis darum noch in Indien auf deutsche Essensgewohnheiten, Sprache, Kleidung und kulturelle Belange vorbereitet. Dass ein solches Einführungsprogramm aber nicht immer den gewünschten Erfolg bringt, liegt auf der Hand, zumal es in der Regel höchstens zwei Wochen dauert. Eines der größten Probleme für Inder ist es, in Deutschland die gewohnten vegetarischen Nahrungsmittel zu finden. Ihre deutschen Kollegen tun sich nach den Erfahrungen von Vast-Mann Raabe dagegen oft schwer, das stark akzentbehaftete Englisch der Inder zu verstehen.

Auch K.S.R. Gopal, heute President der Sugamsoft Technologies Ltd. in Hyderabad, hat während seines zweijährigen Deutschland-Aufenthalts den gravierenden Unterschied zwischen den beiden Kulturen erfahren: "Wir Inder leben in Großfamilien." In der nach Individualismus strebenden europäischen Gesellschaft fehle ihnen die Nestwärme des Familienclans. So kletterte die monatliche Telefonrechnung seiner eigenen Familie in horrende Höhen, als er in der Bundesrepublik arbeitete.

Raabe rät darum, die indischen Experten am besten in Gruppen nach Deutschland zu holen. Gopal dagegen favorisiert eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und indischen Unternehmen, bei der die indischen Experten in ihrem Heimatland bleiben. Auch Dr. Materna entschied sich nach dem gescheiterten Pilotversuch, die indischen Programmierer nach Deutschland zu holen, für diese Lösung: Die indische Firma Satyam Ltd. entwickelte für das Dortmunder Systemhaus Komponenten einer Server-Software. Diese Arbeitsteilung ist laut Beyer erfolgreich verlaufen: Das Produkt konnte schnell auf den Markt gebracht werden.

Für Indien bleibt eine Erleichterung der Arbeitserlaubnis im Ausland nicht ohne Folgen. Die dortige Softwareindustrie hat bereits seit längerem mit der Abwanderung der besten Experten zu kämpfen. "Schon vor drei Jahren sind 35 Prozent unserer Angestellten in die USA ausgewandert", klagt Rama Rao, Senior-Managerin bei Intergraph. Das war erst der Anfang der Fluktuation, denn höhere Löhne reizen immer mehr gut ausgebildete Kräfte, nach Übersee zu gehen.

USA: Fast jedes zweite Visum geht an einen InderIn den USA können hochqualifizierte ausländische Spezialisten ein auf bis zu sechs Jahre begrenztes Arbeitsvisum (H-1B) beantragen. Auf dieser Basis kamen seit Anfang der 90er Jahre jährlich 65000 Einwanderer in die USA. Allein 44 Prozent davon stammen aus Indien. Da das Kontingent der Visa bis zur Jahresmitte schon aufgebraucht war, erhöhte der amerikanische Senat 1998 die Quote auf 115000. Unter Druck der Hightech-Firmen wird nach Angaben des amerikanischen Generalkonsulats für dieses Jahr über weitere 80000 Visa beraten.

In den USA werden warnende Stimmen laut, die Abhängigkeit des IT-Arbeitsmarktes von einem Dritte-Welt-Land befürchten. "Wir müssen wieder unsere eigenen Arbeitskräfte heranziehen", mahnte Bob Cohen, Vice President der Information Technology Association of America, bereits vor gut einem Jahr. Zudem bezweifeln einige Experten den hohen Personalbedarf an Programmierern in den USA. Schließlich gebe es trotz Personalnot eine Menge arbeitslose Hightech-Spezialisten, die über 50 Jahre alt sind. Kritische Blicke auf das Einstellungsverhalten der Firmen seien deshalb angebracht. Letztlich könnte das Lohnniveau in den USA durch die billigen Arbeitskräfte aus dem Subkontinent zerstört werden. Eine Diskussion, die auch in Deutschland seit dem Schröder-Vorstoß in vollem Gang ist.

Schon vor zehn Jahren entschied sich Ramalinga Raju, Chairman von Satyam, für eine virtuelle Zusammenarbeit zwischen seiner und amerikanischen Firmen: "Anfangs schickten wir Mitarbeiter in die USA zu unseren Kunden. Dann aber kamen wir auf die Idee, über eine Satellitenverbindung zu kommunizieren. Wir machten den US-Firmen klar, dass sie dadurch erheblich sparen, weil wir dann pro Arbeitsstunde nur 25 statt 60 Dollar berechnen konnten. So waren wir die erste indische Firma, die ein 64-kbit-Satelliten-Link zum Kunden in die USA aufgebaut hatte." Inzwischen beschäftigt der Pionier über 3000 Mitarbeiter, die ein breites Dienstleistungsspektrum abdecken: von der Systemintegration über Client-Server-Systeme bis zu Internet-Diensten. Zwei Drittel macht das Geschäft mit Softwareservices aus, wobei 75 Prozent davon in die USA fließen. Das soll sich aber ändern: "Wir wollen nicht nur am amerikanischen Markt hängen", offenbart G.V.M Krishna, Leiter der internationalen Marketing-Gruppe. Künftig sollten 40 Prozent des Umsatzes aus Europa kommen. Krishna vergleicht: Wenn indische Dienstleister herangezogen würden, könne eine deutsche Firma - je nach Projekt - zwischen 40 und 75 Prozent sparen.

* Hilde-Josephine Post ist freie Journalistin in München.