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24.01.2006

Industrialisierung hat Konsequenzen

Dirk Taubner 
Die Softwareentwicklung erfolgt zunehmend nach industriellen Maßstäben. Das betrifft die eingesetzte Technik, die wirtschaftliche Dimension und das Management von Projekten.
Der Grad der Standardisierung entwickelt sich auf der Zeitachse von links nach rechts weiter.
Der Grad der Standardisierung entwickelt sich auf der Zeitachse von links nach rechts weiter.

Die Parallele zwischen klassischen industriellen Prozessen und denen der Softwareentwicklung treten immer deutlicher zutage. Das gilt für Embedded Systems wie für betriebliche Informationssysteme und Business-Applikationen. Der Begriff Qualitätssicherung etwa entstammt der klassischen Industriefertigung, wurde jedoch direkt auf die Softwareentwickung übertragen. Andere Ideen unterscheiden sich nur im Namen, wieder andere in kleinen inhaltlichen Nuancen.

Fazit

Viele Aspekte der Software-Industrialisierung sind schon seit Jahren zu beobachten. Die fortschreitende Standardisierung, aber auch Outsourcing und Offshoring haben den Trend noch einmal verstärkt. Phänomene der Massenproduktion haben in der Softwarebranche Einzug gehalten, gleichzeitig sind Individualisierung und Innovation nicht verschwunden. Bei aller Veränderung dürfen unveränderte Wahrheiten nicht vergessen werden: Eine exzellente Informatikausbildung in Theorie und Praxis bleibt wichtig. Ebenso sind das Verständnis und die Fähigkeit des Programmierens weiter elementar. Sie werden benötigt für Architekturberatung und -entscheidung, das Design und die Produktauswahl.

Die Effekte der Industrialisierung

• Commodity-Effekt;

• Entscheidung zwischen Massenproduktion und Innovation;

• um Dienstleistungen erweiterte Produkte;

• Ingenieure ersetzen Kunsthandwerker;

• Komponieren und Managen statt Entwickeln im stillen Kämmerlein;

• Marktkonzentration.

Hier lesen Sie …

• welche Plattformstrategie Lufthansa, BMW und TUI gemeinsam haben;

• inwiefern sich die Softwarebranche derzeit in einer Umbruchphase befindet;

• warum Erfolgsautor Nicholas Carr diese Entwicklung falsch bewertet;

• welche Entscheidungen die Anwenderunternehmen zu treffen haben.

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Trotz enormer Fortschritte noch Optimierungsbedarf

Ein Phänomen der Industrialisierung ist die Massenproduktion. Auch die Softwareerstellung folgt heute ihren Gesetzmäßigkeiten. Anders als bei dinglichen Industrieprodukten sind zwar die Fertigungskosten des einzelnen Produkts, also des Datenträgers, zu vernachlässigen. Der Vorteil, dass sich die teilweise enormen Entwicklungskosten durch den Verkauf hoher Stückzahlen reduzieren lassen, ist hingegen übertragbar.

Das Fließband von Henry Ford ist Sinnbild der arbeitsteiligen Produktion. In vergleichbarer Weise hat auch das Software-Engineering enorme Fortschritte gemacht, gemessen an der klassischen Industrie lässt sich hier aber noch einiges optimieren. Immerhin ist die bewusst gesteuerte, kontinuierliche Verbesserung mittlerweile in die Softwarebranche vorgedrungen (nicht zuletzt in Form der Capability Maturity Model Integration, CMMI Level 5).

Der Wunsch nach Automatisierung war in der Softwareentwicklung von Anfang an gegenwärtig. Das gilt für Assembler und höhere Programmiersprachen mit mächtigen Werkzeugen und Bibliotheken für grafische Bedienoberflächen ebenso wie für Generatoren und modellgesteuerte Architekturen. Anders als in der klassischen Industrie dient die erzielte Rationalisierung jedoch weniger dazu, menschliche Arbeit zu reduzieren, als vielmehr zum Erstellen von laufend mehr und komplexeren Systemen. Hier ist vorerst kein Ende in Sicht.

Zunehmendes Interesse an Plattformstrategien

Auch die aus anderen Industrien bekannte Tendenz zu standardisierten Produkten ist in der Softwareentwicklung vorhanden. Schon immer haben (Programmier-)Sprachen geholfen zu normieren. Das standardisierte Internet Protocol war der Katalysator einer explosionsartigen Nutzung von Netzwerkdiensten für Unternehmen und Privatpersonen. Auch proprietäre Standards wie etwa das Windows-Betriebssystem und die Office-Anwendungen von Microsoft haben - ähnlich wie beim Auto die einheitliche Nutzungsschnittstelle mit Lenkrad, Gas- und Bremspedal - einen Massenmarkt für PCs und zugehörige Software sowie deren industrielle Erstellung möglich gemacht.

Indiz für eine voranschreitende Standardisierung ist das zunehmende Interesse an Plattformstrategien. Paradebeispiel ist die Automobilindustrie: Allein auf der Golf-Plattform fertigt Volkswagen sieben Modelle - vom New Beetle bis zum Audi TT. Die Kunst besteht darin, weit gefächerte individuelle Bedürfnisse mit wenigen Basisvarianten zu befriedigen. Eine Reihe von Softwareanwendern verfolgen ebenfalls eine solche Plattformstrategie, darunter Lufthansa Passage, BMW und TUI. Dieser Trend wird sich weiter verstärken.

Parallele zur Industrie: geringere Fertigungstiefe

Industrialisierung bedeutet auch, die Fertigungstiefe im eigenen Unternehmen zu verringern. Auf die Herstellung bestimmter Komponenten wird verzichtet, stattdessen kaufen Unternehmen von spezialisierten Zulieferern zu. Sie erzielen dabei bessere Preise, eine höhere Qualität und - zumindest in manchen Fällen - einen Innovationsvorteil. Zunehmend werden Lieferanten in Niedriglohnregionen gesucht. Beide Phänomene greifen derzeit mit Macht in der Softwarebranche um sich. Wir stehen hier erst am Anfang.

In der klassischen produzierenden Industrie hat dies zu erheblichen Veränderungen geführt. Ein Automobilhersteller zeichnet sich heute nicht mehr primär durch Kompetenz in der Fertigung aus. Selbst Ingenieurskönnen tritt teilweise in den Hintergrund. Erfolgsentscheidend sind das Beherrschen des Gesamtsystems, die Prozessführerschaft und die (emotionalisierende) Markenerscheinung. Auch der Einkauf gewinnt damit an Bedeutung.

Die Parallelen zwischen der klassischen Industrie und der Softwarebranche sind eindeutig. Auch wenn nicht alle Aspekte neu sind, hilft die Erkenntnis, dass sich die Softwarebranche in einer intensiven Phase der Industrialisierung befindet: Entwicklungen lassen sich so besser verstehen und antizipieren. Prioritäten können anders gesetzt werden, aus der systematischen Betrachtung der Ähnlichkeiten und auch der Unterschiede lässt sich lernen.

Massenproduktion und Innovation - kein Widerspruch

Was wird nun konkret anders? Eine Konsequenz der industrialisierten Softwareproduktion ist der Commodity-Effekt: In Masse produzierte Güter werden zu einer gewöhnlichen Ware (engl. commodity). Sie können von vielen produziert werden, Herstellungs- und Verkaufspreise nähern sich immer weiter an. Die Herstellungskosten sinken durch laufende Rationalisierung obendrein rapide, und es entsteht eine Preisspirale nach unten. Der Commodity-Effekt ist die direkte Folge der Standardisierung.

Erfolgsautor Nicholas Carr, bekannt geworden durch den IT-Bestseller "Does IT matter?", glaubt sogar, dass Software im Zuge dieser Entwicklung unbedeutend wird, weil sie selbstverständlich, einfach und allgegenwärtig verfügbar ist wird wie Elektrizität oder Eisenbahn.

Carr geht dabei davon aus, dass Commodity-Effekt und Standardisierung schon bald alle Ebenen der Software erreichen. Damit wäre Innovation ausgeschlossen. Doch in der Softwarebranche gibt es noch jede Menge Raum für Neues. Dies gilt sowohl für die Lösungen, die mit Software erzielt werden (Anwendungen, Embedded Systems), als auch für die Softwareerstellung selbst. Bei Letzterer ist durch höhere Abstraktionsebenen (exemplarisch: XML, BPEL, SOA) Innovation möglich und notwendig. Deshalb ist ein intensiver Wettlauf von Standardisierung und Innovation für und mit Software zu erwarten.

Standardisierung schafft Raum für neue Anwendungsgebiete

Immer mehr Software wird zum Standard, und doch hat Carr Unrecht. Auf absehbare Zeit wird stets ein bedeutender Teil des rasant wachsenden Softwareangebots mehr sein als Commodity. Gerade durch die Fortschritte der Standardisierung entsteht Raum für neue Anwendungsgebiete. Durch die Integration von vorhandenen Komponenten ist zudem die Lösung komplexerer Aufgaben möglich - sogar zu vertretbaren Kosten und abgestimmt auf die Anwenderbedürfnisse.

Eine weitere Konsequenz der Industrialisierung ist, dass Produkte zunehmend im Verbund mit Dienstleistungen verkauft werden. Selbst beim Auto wird heute versucht, nicht nur den Gegenstand, sondern die Leistung Mobilität zu verkaufen - Mobilitätsgarantie eingeschlossen. Für Software reicht dies von traditioneller Wartung bis hin zur vollständigen Wandlung des Preis- und Betriebskonzepts zu einer puren Nutzungsbetrachtung (Utility Computing).

Ebenso beeinflusst die Industrialisierung das Management, das verstärkt über Kennzahlen steuern und Wirtschaftlichkeitsaspekte in den Vordergrund rücken muss. Eine weitere Folge sind veränderte Infrastrukturen: Auf der ständigen Suche nach Skaleneffekten und Kostenvorteilen werden Rechenzentren konsolidiert, Server-Farmen und Kommunikationswege ausgebaut. Im Markt schließlich hat die Industrialisierung einen anhaltenden Konzentrationsprozess zur Folge - eine Phase, die derzeit unübersehbar ist.

Was ändert sich für die Softwarelieferanten? Der Preisdruck hält an, der Commodity-Effekt zwingt zu Größe oder zur Nische. Es genügt nicht mehr, sich nur auf das Können der einzelnen Mitarbeiter zu stützen. Gefordert ist die Fähigkeit, Prozesse zu zerlegen, um die Softwareentwicklung zuverlässig und kalkulierbar zu steuern, aber auch um für einzelne Teile oder Schritte des Prozesses Vorteile der Industrialisierung zu nutzen. Das kann durch das Verwenden besonderer Werkzeuge, das Hinzuziehen von Spezialisten oder das Einbinden kompetenter (Sub-)Lieferanten geschehen.

Die Fähigkeit, Projekte räumlich verteilt zu realisieren, wird wichtig, um Kostenvorteile durch Offshoring zu nutzen. Für deutsche Lieferanten gewinnen damit Projekt-Management und Koordination an Bedeutung, ebenso das Schnittstellen-Management, die Abnahme von Zulieferungen und die Qualitätssicherung. Überdies erhält die Gestaltung der Architektur mehr Gewicht, ebenso Konzeption und Beratung. Das Verständnis für die fachliche Anwendung wird noch wichtiger als ohnehin schon.

Eher eine billige oder lieber eine schnelle Lösung?

Auch der Auftraggeber muss hinzulernen. Er muss mehr noch als bislang entscheiden, ob er vorzugsweise eine billige oder eine schnelle Lösung anstrebt, ob er auf Standards oder auf Innovation setzt. Die Fähigkeit, Zulieferungen gezielt einzukaufen und zu steuern, muss sich verbessern, gegebenenfalls sogar über mehrere Stufen und räumlich verteilt. Die durchgehende Projektsprache ist Englisch - in Deutschland ist das noch nicht überall selbstverständlich. Doch nur damit ist beispielsweise erfolgreiches Offshoring in Indien möglich.

Das Aufgabenspektrum der Beteiligten verschiebt sich

Der Umgang mit anderen Mentalitäten und Arbeitskulturen kann zu einem wichtigeren Faktor werden als das Beherrschen von Technik. Hierzu gehört auch die psychosoziale Bewältigung einer "Mehrklassengesellschaft", wie sie de facto durch das starke Lohngefälle von On- und Offshore-Mitarbeitern entsteht. Die Anforderungen an die Reisebereitschaft steigen, außerdem wird der globale Wettbewerb dafür sorgen, dass das Gehaltsniveau sinkt. Gleichzeitig dürften die Arbeitszeiten pro Jahr steigen - eine Botschaft übrigens, die für viele IT-Profis gar nicht so schmerzlich ist.

Beim Lieferanten wie beim Auftraggeber verschiebt sich das Aufgabenspektrum der Beteiligten zunehmend in Richtung Management, Koordination und Konzeption. Entwickler werden sich als Industrieingenieure verstehen und nicht - wie heute noch oft - als Kunsthandwerker. Die Professionalisierung und verbesserte Prozessbeherrschung erfordern mehr Disziplin bezüglich Vorgehen und Vorgehensvorschriften. Auch projektintern wird mehr Präzision bei Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehungen erforderlich.

Professionalisierung auf der ganzen Breite

Auch wenn die letzten Überlegungen stark das Thema Nutzung von Lohngefälle und Offshoring durchscheinen lassen, wäre es falsch, die Industrialisierung darauf einzuengen. Die Professionalisierung wird auf der ganzen Breite erfolgen: verbesserte Werkzeuge und Automatisierung, geschickte Nutzung von Komponenten, effizientes Projektvorgehen, Zerlegung und Steuerung und damit zusätzlich auch noch Kostenoptimierung mit Offshoring.

Aber die Kosten sind nicht immer entscheidend. Die zweite große Stoßrichtung ist Innovation. Von Lieferanten unternehmensspezifischer Software wird in diesem Zusammenhang erwartet, bessere Software zu erstellen. Dazu gehört das Beherrschen größerer Komplexität etwa durch die Integration von Komponenten. Auch das Entwickeln wartungsärmerer Software und das Erschließen neuer Anwendungsbereiche sind hier zu nennen. Vor allem aber geht es um die Beherrschung einer adäquaten Software- und IT-Architektur. Dabei bilden sich derzeit gewisse Ökosysteme um die Kernplattformen Microsoft/.NET, IBM/Websphere und SAP/Netweaver heraus, auf denen Produkte und Dienstleistungen zu-nehmend basieren. Und schließlich ist auch die bessere Beherrschung von Qualität eine Innovation. Die Notwendigkeit dafür wird gerade bei sehr komplexen eingebetteten Systemen etwa im Auto deutlich. (hv)